Knapp am Massaker vorbei in Gewer

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kerem_21_Gewer20.03.2012: Der Bürgermeister und der Vorsitzende der BDP in Colemerg laden uns ein mit ihnen gemeinsam nach Gewer (türkisch: Yüksekova) zu fahren und dort die verbotenen Newroz-Feiern zu beobachten. Das 60km von Colemerg entfernte Gewer ist komplett in der Hand der kurdischen Bewegung, nur die in der Stadt stationierten Polizisten und Soldaten stellen die Repräsentation des türkischen Staates sicher. Als wir an der Hauptstrasse ankommen ist die Situation unübersichtlich. In einer kleinen Bäckerei drängen sich 20-30 Menschen, auch wir werden hinein gebeten. In der Mitte sitzt der Parlamentsabgeordnete Adil Kurt. Sein Anzug ist komplett durchnässt, bei Temperaturen knapp über Null Grad keine angenehme Sache. Er wärmt sich seine Socken an einem Heizstrahler und beginnt zu berichten, dass seit den frühen Morgenstunden die Polizei massiv gegen Menschenansammlungen vorgeht. Er selbst wurde von einem Wasserwerfer getroffen.

kerem_22_GewerIn einer kurzen Ansprache bittet er uns, die Situation hier genau zu beobachten und darüber in Europa zu berichten. Dies sei das türkische Verständnis von Demokratie. Als wir aus der Bäckerei herausschauen wird uns die Lage erst richtig bewusst. Wir befinden uns mitten in einem Kampfgebiet. Auf der uns näher liegenden Seite stehen mehrere Panzer, Wasserwerfer und auf Dächern positionierte Scharfschützen, auf der anderen Seite mehrere hundert Menschen, die sich mit Steinen gegen die anrückenden Einheiten zu wehren versuchen. Über der ganzen Stadt liegt Tränengasnebel, alle Läden sind geschlossen und mit Gittern versehen.

kerem_10_GewerDas Abschießen von Knall- und Tränengasgranaten lässt die ganze Situation noch mehr an Krieg erinnern. Über Schleichwege wird ein Teil unserer Delegation durch die Stadt geführt. Überall sind Barikaden aufgebaut und es brennen kleine Feuer, an denen vermummte Menschen stehen. Der  Schnee ist rot getränkt von der mit Reizgas vermischten Flüssigkeit der Wasserwerfer. (FOTO 10)Was wir hier erleben, ist ein Aufstand gegen die türkische Staatsmacht.

Nach einer halben Stunde gelangen wir wieder auf die Hauptstraße, diesmal auf der Seite der Bevölkerung. Die Polizei schießt durchgehend mit Tränengasgranaten auf die Leute, die sich mit Steinen und Molotow-Cocktails wehren, die aber gegen die gepanzerten Fahrzeuge nichts bewirken. Da die Situation zu unsicher wird, versuchen wir über Umwege in die Bäckerei zurückzukommen. An uns fährt ein Panzer vorbei, als sich auf einmal eine seiner Schießscharten öffnet und eine Mündung einer Waffe im Abstand von 2 Metern auf unsere Köpfe zeigt. Wir ducken uns und bleiben dann wie erstarrt stehen. Zum Glück fährt er weiter. Mit etwas zittrigen Beinen laufen wir weiter und auf einmal stehen wir zehn Meter neben den auf der Hauptstraße postierten Spezialeinheiten an einer Straßenecke.

Neben uns befinden sich zwei Journalisten der örtlichen Nachrichtenagentur Yüksekova Haber. Diese berichten uns, dass sich ansonsten keine Journalisten in der Stadt befänden. Trotzdem werden die türkischen Nachrichten in den darauf folgenden Tagen unter dem Tenor »Polizisten bekämpfen Terroristen« ständig über die Auseinandersetzungen in Gewer berichten. Auf einmal öffnen sich die Türen der Panzer und eine handvoll gepanzerter Polizisten springt heraus. Ohne Warnung beginnen sie in die Luft zu schießen, teilweise aber auch auf die Demonstranten. Auch in die über uns positionierten Scharfschützen kommt Bewegung, was sie genau tun, können wir aber nicht sehen. Wir versuchen nicht in Panik zu geraten und laufen geduckt in die naheliegende Bäckerei zurück.

Zeit zum Verschnaufen bleibt nicht, kaum sind wir fünf Minuten da, werden wir vom Polizeichef mit auf uns gerichteter Kalashnikov rausgeworfen. Zusammen mit dem Parlamentsabgeordneten, der von der Polizei nicht direkt angegriffen werden kann, machen wir uns auf den Weg zu den protestierenden Menschen. Während dieser Zeit ist es gelungen, die Polizei etwas von der Hauptstraße zu vertreiben, wir hören das dabei auch Waffen eingesetzt wurden. Insgesamt sollen an diesem Tag sieben Personen schwer verletzt und ein Polizist getötet worden sein. Überprüfen können wir die Angaben nicht.

Die ganze Stadt befindet sich jetzt auf der Straße, überall wird gejubelt, dass die Polizisten teilweise vertrieben werden konnten. Den Menschen ist bewusst, dass sie an diesem Tag ein Stück Geschichte mitgeschrieben haben. Noch ganz benebelt von den Erlebnissen steigen wir am Nachmittag in den Bus und fahren zurück nach Colemerg.

Diesen Tag nachträglich zu beschreiben ist sehr schwer. Die Angst die man empfunden hat, aber auch den Mut der Menschen, die sich dort schon seit Jahrzehnten gegen die Unterdrückung wehren, darzustellen ist fast nicht möglich. Selbstkritisch muss man jedoch hinterfragen, was unsere Funktion dort als Beobachtungsdelegation konkret war. Natürlich war den Polizisten bewusst, dass sich Ausländer in der Stadt befanden und unsere gezeigte Solidarität hat den Menschen dort geholfen. Aber trotzdem: Wir haben unsere kurdischen Begleiter, zum Beispiel unseren Fahrer, einem hohen Risiko ausgesetzt. Diese müssen nach unserer Abreise weiterhin dort leben, die Polizei weiß ihre Namen und es kann gut sein, dass sie Repression erleiden. Ein Hauptziel bleibt für uns jedoch: Wir müssen und werden über die dortigen Zustände berichten.

Kerem Schamberger

Fotos: ?ivan

sieha auch:  Mit Gasgranaten und Scharfschützen gegen die Newroz-Feier in Yüksekova (Gewer) 
 

 

Pro-Asyl Familiennachzug

" .. Wir fordern alle Abgeordneten des Deutschen Bundestags dazu auf, die erzwungene Trennung von Flüchtlingsfamilien zu beenden. .."

Zur Petition »Familien gehören zusammen!«


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Monsanto-Glifosato

Die EU hat für weitere fünf Jahre die Zulassung von Glyphosat verlängert. Der deutsche Agrarminister Christian Schmidt (CSU) gab mit seiner Zustimmung den Ausschlag.(siehe Der Monsanto-Mann)

Seit 20 Jahren werden in Argentinien riesige Flächen mit gentechnisch veränderter Soja bepflanzt. In Monokultur. Anfangs war das für die Landwirte, die Saatgutverkäufer und die Chemie-Konzerne ein Freudenfest. Allen voran: Monsanto. Heute ist das Modell Monsanto gescheitert. Nicht für die Investmentfonds, aber für die Landwirte vor Ort und für die Verbraucher in den Städten.

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Ein Film von Gaby Weber

siehe auch


 

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