Dario Machado: "Was heißt es heute, links zu sein?"

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27.10.2012: Ich freue mich, dass meine Arbeit ins Deutsche übersetzt und auf Eurer Seite veröffentlicht wird, schreibt Dario Machado an die Redaktion von kommunisten.de. Dr. Darío L. Machado Rodríguez aus Havanna ist Professor der Philosophie und Mitglied der Redaktion der Zeitschrift Cuba Socialista. In dem Artikel (Anlage) befasst er sich mit der Frage, was es heute bedeutet, links zu sein. Er unterscheidet dabei zwischen "links stehen" und "links sein". Er schreibt: "Eine Definition von links, in dem Sinne links zu sein, ... müsste meiner Meinung nach Eigenschaften wie antikapitalistisch, wissenschaftlich, integrierend, ethisch-moralisch, revolutionär, aktiv und kreativ sowie internationalistisch beinhalten. Diese Eigenschaften oder Merkmale verdienen es, erklärt zu werden, was ich auf den folgenden Seiten tun möchte."

Sein Ausgangspunkt ist dabei, "dass die Menschheit heute vor ernsten Problemen steht, die ihre eigene Existenz bedrohen und das dringendste ist, den Lauf in Richtung Abgrund zu bremsen, daher sind »alle Hände trotzdem noch zu wenige«. Aber dies beseitigt nicht die zahlreichen Fragen, die ständig um die dringendsten Probleme herum entstehen: Gibt es Grundunterschiede zwischen der Logik des Neoliberalismus und der allgemeinen Logik des Kapitalismus? Endet mit dem offensichtlichen Scheitern des Neoliberalismus heute der Imperialismus? Wenn der liberale Kapitalismus zum Imperialismus und Neoliberalismus führte - welche positive Entwicklung kann die Menschheit von einem nicht-neoliberalen Kapitalismus erwarten? Wenn das Grundproblem der Kapitalismus ist, welche sind die taktischen Aufgaben, die der Linken obliegen?"

Als eine der großen Herausforderungen benennt er die Überwindung des Sektierertums: "Nicht selten bestand die größte Schwäche der Linken im vergangenen Jahrhundert, und auch heute noch, darin, eine für die anderen völlig unerreichbare und unverständliche Welt anzubieten, und zwar nicht, weil die andern Ignoranten waren, sondern weil die Linke ignorant war, sie konnte weder sich noch den anderen die Wege der menschlichen Gefühle erklären. ...

Einer der größten Fehler, die die Linke im vergangenen Jahrhundert begangen hat, ist der Geist des Sektierertums gewesen, des sich Als-"die"-Avantgarde-Ansehens, in der Annahme, dass man entweder für einen oder gegen einen stünde. Dieser Standpunkt, der innerhalb der Linken im 20. Jahrhundert weltweit sehr verbreitet war, war Anlass zu Spaltung, zu Zeit- und Energieverschwendung in vielen sterilen Diskussionen, zu Intransparenz und stellte auch eine Wissensbremse (Lernbremse) um die realen Probleme dar. Der Ablehnung neuer Argumente, die bei vielen linken Gruppen auftrat, einfach nur weil sie nicht den angenommenen Dogmen entsprachen, verhinderte die Erkenntnis der Motivation derjenigen Gruppierungen, die ebenfalls einen Raum im antikapitalistischen Kampf beanspruchten. Die überhebliche Linke, die sich selbst als das Mekka der revolutionären Veränderungen erklärte, akzeptierte die eigene Veränderung nicht. Diese dogmatische und sektiererische Vision verhinderte es, die anderen zu sehen wie sie wirklich waren, nämlich die neuen Totengräber (des Kapitalismus), die aus demselben Kapitalismus und seinen inneren, unlösbaren Widersprüchen hervorgegangen waren. ..

Das Sektierertum kann die tiefe Kenntnis dieser Realität nicht weitergeben - die Menschen handeln auch ohne ihn. Die Politik zur Stärkung der fortschrittlichen Kräfte muss kollektiv erarbeitet werden, mit der größtmöglichen Beteiligung aller Ansätze und Interessen, mit einem Geist des Aufnehmens (dieser Kräfte), ohne Zwänge, ohne einen Vertikalismus, und indem man anerkennt, dass niemand im Besitz der absoluten Wahrheit ist und dass wir alle von allen lernen können und müssen."

In dem Artikel fordert er die Linke auf, eine wissenschaftliche Sicht der Welt zu erarbeiten: "Einer der Hauptkämpfe der heutigen Konfrontation mit dem Kapitalismus liegt in der Notwendigkeit, eine wissenschaftliche Vision wiederzuerlangen, die dazu beiträgt, die Wechselwirkungen in den heutigen sozialen Prozessen zu erhellen. .. Wenn man keine wissenschaftliche Erklärung für die oben beschriebene Realität findet, wenn man die Prozesse, die zu der heutigen zivilisatorischen Krise geführt haben nicht studiert (welche heute sowohl das Bewusstsein als auch das Verhalten der Menschen beeinflusst), wenn man die gültigen sozioökonomischen und politischen Strukturen nicht versteht, die heute das für den Spätkapitalismus typische Niveau an Herrschaft erreicht haben, wird man auch nicht die Bündelung des Willens von Vielen oder die Schaffung von Bewusstsein in Menschen erreichen können." Dabei ist er der Auffassung, dass der Marxismus der "beste Ausgangspunkt" für die Kritik des Kapitalismus ist. Und er fügt hinzu: ".. aber die Sicht von Marx war eine umfassende Sicht, da können nicht, wie bei einer Karikatur, einige Aspekte - je nach Belieben und Vorteil - herausgenommen werden."

Für Machado bedeutet dies auch, "eine politische Bildung in den Vordergrund zu stellen, die alle Revolutionäre einbezieht. Eine Bildung, die in sich selbst in jeder Hinsicht kreativ sein muss, sowohl in ihren Inhalten als auch in der Form, in der sie durchgeführt wird. Leider erhält man eine politische Bildung nicht selten als Wiederholungen von Allgemeinplätzen, in einer veralteten Sprache, als ob sich nichts auf dieser Welt geändert hätte. Dies bedeutet eine Herausforderung für die Linke, nämlich erneut kreativ zu sein, sie muss sich selber mehr kennenlernen, ihr Selbstbewusstsein muss stärker werden, auf der Grundlage der täglichen Begegnung des revolutionären Kampfgeistes mit dem Alltag der Gesellschaft. Daher bleibt ihnen keine andere Option, als das Labyrinth der eigenen Mythen zu verlassen, seine Fehler und mentalen, festgelegten Raster. Kreativität bedeutet immer einen Bruch mit dem Vorhergehenden, aber auch Kontinuität."

Machado betont, dass "die Einheit von Denken und Handeln ein grundsätzliches Element der Wissenschaft" ist. Deshalb muss das "Denken der antikapitalistischen Linken [muss] begleitet sein von der Aktion. Eine »Linke«, die nur nachdenkt und Argumente und Standpunkte erarbeitet, aber nicht praktisch-politisch arbeitet, die keine Risiken eingeht, betrachtet die Probleme lediglich und ihre  Ansichten sind de facto durch das Fehlen des praktischen Verständnisses belastet, außerdem ist sie für die Gesellschaft wenig oder gar nicht von Nutzen und meistes sogar kontraproduktiv. Es nützt nichts, Seiten zu füllen und Zeit zu verschwenden, indem man Revolutionen auf dem Papier macht, oder in Reden (die man hält). Die Verbindung zwischen dem Denken und dem Tun stellt ein Existenzprinzip der Linken als verändernde Kraft dar."

Für Machado beinhaltet die Einheit von Denken und Handeln auch die Einheit von Handeln und Ethik: "Die Linke muss in ihrem Handeln immer im Einklang mit dem stehen, was sie denkt und sagt. Die Ethik der Überzeugungen beweist sich nur in der politischen Praxis. Daher - wie Fidel Castro sagt - ist der Sozialismus die Wissenschaft des Beispiels. Man muss es also mit den Worten Isabel Raubers sagen, dass »wir uns verändern müssen, um zu verändern«. Das bedeutet, dass der systematische Aufbau einer neuen Welt in uns selbst, in der revolutionären Bewegung  beginnt, im Handeln jedes einzelnen Teilnehmers dieser Bewegung, im Aufbau einer neuen Art von Beziehungen innerhalb der Bewegung selber, die eine neue Praxis umfasst, ein anderes Verhalten, das die neue Ethik transportiert."

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