Farkha-Festival 2013 –Tag 7: Gartenbau in Kalkilia

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Farkha Festival2013 7 kerem 3085 30018.08.2013: Langsam neigt sich das Festival seinem Ende zu. Heute haben wir den letzten Freiwilligenarbeits-Tag und dieser findet nicht im Farkha-Dorf statt, sondern zwischen zwei kleinen Dörfern in der Nähe von Kalkilia. Zwischen Azon Atme und Bait Amean liegt eine Schule für 360 Kinder aus der Umgebung. Diese wurde 1962 eröffnet und 20 Jahre später, 1982, wurde direkt oberhalb des Schulgeländes eine israelische Siedlung – Shar Tekfa – aufgebaut, die im Laufe der Jahre immer weiter gewachsen ist und nach und nach Teile des Schulareals „eingenommen“ hat. Als wir einen Checkpoint direkt vor der Schule passiert haben, sehen wir, dass sich der Zaun der Siedlung inklusive einer hohen Mauer direkt durch den Schulhof zieht. Um dagegen zu protestieren hat sich das Festival entschlossen, den Garten der Schule wieder aufzubauen und zu verschönern.

Gemeinsam gelingt uns dies innerhalb von vier Stunden, das Ergebnis ist teilweise auf den Bildern zu sehen. Zum Abschied erzählt uns ein Lehrer der Schule den Alltag der Kinder: Die Hälfte der Kinder muss jeden Tag den Checkpoint durchqueren inklusive Körperabtastung und Kontrollierung der Schulranzen. An vielen Tagen bleibe der Checkpoint einfach geschlossen und die Kinder kommen nicht zum Unterricht. Hinzu kommt, dass die Schule im Tal liegt, während die Siedlung direkt darüber auf der Bergkuppe angelegt ist. Dies hat zur Folge, dass von Zeit zu Zeit der komplette Pausenhof mit den Fäkalien der Siedlung überschwemmt ist, da diese ihre Abwässer direkt in die Natur ableitet, die dann zur Schule hinunterfließen. Auf dem Schulhof war deshalb auch eine große Abwasserrinne angelegt, die das Abfließen beschleunigen sollte, trotzdem sei der Gestank unerträglich, so der Lehrer.

Ein Jugendlicher aus dem, von der seit 20 Jahren wachsenden Siedlung umzingelten Dorf Azon Atme, berichtet vom Alltag zwischen den Checkpoints, die das Dorf kontrollieren. Nachts gibt es eine Ausgangssperre: ab 21 Uhr kommt man weder in das Dorf hinein, noch heraus. Erst ab 5 Uhr morgens ist dies wieder möglich. Vor allem medizinische Notfälle machen diese Situation unerträglich, da auch in solchen Fällen keine Ausnahmen gemacht werden. „Es gibt so viele Beispiele: Menschen die mit einer akuten Blinddarmentzündung ins Krankenhaus mussten oder ein Autounfall mit Schwerverletzen, die alle nicht durch den Checkpoint gelassen wurden, um zum nächsten Krankenhaus fahren zu können. Und das nur, weil es schon nach 21 Uhr war. Nicht wenige sind an diesem Checkpoint ihren Verletzungen erlegen.

Die Siedlung Shar Tekfa hat 13.000 EinwohnerInnen und wächst stetig, die daneben liegenden palästinensischen Dörfer Azon Atme und Bait Amean sind seit dem Bau der Siedlung geschrumpft, da einige BewohnerInnen auf Grund der schwierigen Lebensbedingungen weggezogen sind. Aber dennoch, die meisten der insgesamt 3000 - 4000 EinwohnerInnen sind geblieben. „Uns wurde die israelische Staatsbürgerschaft angeboten, damit wir hier wegziehen und die Siedlung größer werden kann. Doch wir lehnen das ab“, so der Jugendliche. Seit der zweiten Intifada und dem Bau der Mauer verschärft sich die Situation von Jahr zu Jahr. Mittlerweile kontrollieren drei Checkpoints die Dörfer. Die Checkpoints sind so angelegt, dass teilweise alle drei von einigen BewohnerInnen der Dörfer passiert werden müssen, damit die Menschen zu ihren Häusern gelangen können.

Außerdem brauchen sie Genehmigungen, die alle zwei Jahre neu ausgestellt werden, um überhaupt die Checkpoints überqueren zu dürfen. Trotzdem haben fast alle Aufenthaltsgenehmigungen für Israel, vor allem um dort zu arbeiten und einen Anreiz zu bieten, das Dorf zu verlassen. In Israel arbeiten die Dorfbewohner vor allem als SaisonarbeiterInnen auf Obst und Gemüseplantagen oder als Handwerker. Viele sind noch dazu aus ökonomischen Gründen gezwungen, als Bauarbeiter in den Siedlungen zu arbeiten. „Die Mauer die hier quer durch das Gelände der Schule errichtet wurde um Shar Tekfa von Azon Atme zu trennen ist von Palästinensern gebaut worden“ berichtet der Jugendliche. Trotz allem glaubt er an eine Lösung des Konfliktes. „Eigentlich halte ich mich von Politik fern. Nur die kleinste Kleinigkeit kann mich in Schwierigkeiten bringen und ich würde dieses Gefängnis überhaupt nicht mehr verlassen können. Aber ich setze große Hoffnung in die aktuell wieder aufgenommen Verhandlungen. Auch wenn es aussichtslos ist, ist es das einzige was uns bleibt“.

Nach der Arbeit fahren wir am frühen Nachmittag in ein anderes kleines 4000-EinwohnerInnen Dorf namens Derestia, das zu 87% im C-Bereich liegt, also unter ziviler und militärischer Kontrolle Israels steht (A-Bereiche unterliegen der zivilen und militärischen Kontrolle der Palästinensischen Autonomiebehörde, B-Bereiche unterliegen der zivilen Kontrolle der PA und der militärischen Kontrolle Israels). Das fast 2 Jahrtausend alte, ehemalig christliche Dorf lebt heute zum großen Teil von Zitronen-, Orangen und Weizenanbau. Allerdings werden die Felder, so berichtet der Bürgermeister, sehr oft von israelischen SiedlerInnen angegriffen und die Bäume oder Bewässerungsanlagen beschädigt. Vor Hunderten von Jahren diente das Dorf als Raststätte für Reisende und dementsprechend war die Altstadt aufgebaut. Der Bürgermeister, der von der Fatah war, führte uns herum und lud uns zu einem Getränk ein. Eine schöne Abwechslung zum Arbeitsalltag.

Am späten Nachmittag kommen wir zurück nach Farkha und haben etwas Freizeit, die wir auf dem Wasserreservoir auf dem höchsten Punkt des Dorfes verbringen. Von dort kann man meilenweit bis nach Tel Aviv sehen. Um das Dorf herum kann man andere palästinensische Dörfer erkennen, die meistens eine neonweiße Beleuchtung haben. Fast genauso viele israelische Siedlungen, die orangenes Licht benutzen, sind in der Umgebung zu sehen. Diese Aussicht macht mir noch mal deutlich, dass die einzige Lösung des Konfliktes ein gemeinsamer demokratisch-sekulärer Staat ist, denn die 300.000 israelischen SiedlerInnen zu zwingen aus der Westbank wegzuziehen, erscheint äußerst unrealistisch. Viele GenossInnen betonen in Gesprächen dies auch als einzige realistische Möglichkeit, die aber noch in sehr sehr weiter Ferne liegt.

Am Abend findet dann die interne Abschlussrunde für alle ständigen TeilnehmerInnen des Camps statt. Eine lange Zeit diskutieren wir den Ablauf des Camps, äußern Kritik aber auch Lob. Die Offenheit der Kritik überrascht mich positiv. So wurde von einigen Genossen kritisiert, dass wir zu wenig Respekt vor der Religiosität der Menschen gezeigt hätten, indem wir immer wieder „auf Gott geschworen“ oder Witze gemacht hätten. In einer abschließenden Einschätzung für die InternationalistInnen dankte ich Bekir und seiner Familie für die Organisation des Festivals, aber besonders den Frauen, die im Hintergrund gewirkt und gekocht haben. Verbunden war dieser Dank mit der Hoffnung und Aufforderung, im nächsten Jahr die Arbeiten gerechter aufzuteilen, also das auch mal die Männer kochen müssten.

Bekir stellte fest, dass es dieses Jahr keine Auszeichnung für den besten Freiwilligen geben würde, da wirklich alle extrem gut gearbeitet hätten und wir so viel Arbeit geschafft hätten, wie die letzten drei Jahre zusammen. Er betonte, dass dies ihn stolz mache, Kommunist zu sein und wir diejenigen seien, die die rote Fahne weitertragen würden.

Die Abschlussrunde war geprägt von starken Emotionen, als wir an vier gefangene junge Genossen aus Tul Karem erinnerten und die Jugendlichen der Stadt, die trotz der Repression der israelischen Armee zum Festival gekommen waren, auszeichneten. Spätestens dann hatten alle Tränen in den Augen, denn wir kannten die Gefangenen alle von den letzten Festivals aber auch aus der alltäglichen politischen Arbeit des kommunistischen Jugendverbandes.

Beim Abendessen komme ich mit einem Genossen ins Gespräch der mir erzählt, dass er im Alter von 14 Jahren für zwei Wochen ohne Grund von der israelischen Armee eingesperrt wurde. Die ersten 16 Stunden musste er auf Knien mit nach hinten gebundenen Armen in einem Militärjeep verbringen, nachdem er mitten in der Nacht aus dem Haus seiner Familie entführt wurde. Für die Festnahme des damals 14-Jährigen waren 40 Soldaten angerückt und seinem Vater wurde gesagt, dass sie nur kurz 15 Minuten mit ihm reden wollen würden – es wurden zwei Wochen draus. Während der Haft und vor allem bei den Verhören wurde er immer wieder geschlagen.

Mir wird es immer mehr zum Rätsel, wie man Israel nach all diesen Taten noch als „die einzige Demokratie“ im Nahen Osten bezeichnen kann – wenn es das ist, was man unter Demokratie versteht, dann Gute Nacht.

Morgen ist der letzte Tag des Festivals und die meiste Zeit werden wir die Abschlusszeremonie vorbereiten, zu der 1000-2000 Menschen erwartet werden. Ich bin gespannt, denn auch wir als InternationalistInnen sollen eine kurze Rede halten. Bis morgen!

Dieser Artikel wurde von mehreren TeilnehmerInnen der deutschen Delegation geschrieben.


 

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