Konjunktur: „Der private Konsum bleibt die Stütze des Aufschwungs"

E-Mail Drucken PDF

05.02.2016: Kurz vor seiner Pensionierung gewann der scheidende Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn noch eine schwerwiegende Erkenntnis: „Der private Konsum bleibt die Stütze des Aufschwungs, da die Einkommensperspektiven der privaten Haushalte wegen der weiter verbesserten Arbeitsmarktlage gut sind. Hinzu kommen die höheren kreditfinanzierten Staatsausgaben für die Flüchtlinge, die einen temporären Nachfrageschub zu Lasten zukünftiger Perioden bedeuten“[1].

 

Mit anderen Worten: Die Binnennachfrage bringt´s: Über die Privathaushalte und die Flüchtlinge. Für den Doyen der Angebotsökonomen ein schmerzliches Eingeständnis. Falsch daran ist nur, dass die Ausgaben für die Flüchtlinge angeblich auf Pump finanziert seien. Sie können locker aus dem Haushaltsüberschuss bezahlt werden.

In der Tat: Auch der Präsident des Statistischen Bundesamtes, Dieter Sarreither, bestätigt auf der Pressekonferenz zum „Bruttoinlandsprodukt 2015“ Anfang Januar die These Sinns: „Der Konsum war im Jahr 2015 wichtigster Wachstumsmotor der deutschen Wirtschaft“ (Statement, 14.1.16, S. 5). Na also, geht doch! Die privaten Konsumausgaben waren preisbereinigt um 1,9% höher, die Konsumausgaben des Staates (zu denen auch staatliche Investitionen zählen), gar um 2,8%. Der Außenbeitrag (Exporte abzüglich Importe) spielte dagegen keine wachstumsdynamische Rolle mehr, obwohl die Exporte einen neuen Höchststand erreichten; denn die Importe waren noch etwas schneller gestiegen. Der Außenbeitrag schlug beim Wachstum nur mit 0,2-Prozentpunkten zu Buche, während die Binnennachfrage 1,5-Prozentüunkte beitrug. Das bewirkte insgesamt ein BIP-Wachstum von 1,7%.

Der private Konsum wurde angetrieben von den höchsten Zuwächsen der Reallöhne seit Jahren. Die realen Nettolöhne und Gehälter je Beschäftigten stiegen im Vorjahr um 2,9% - so stark wie seit Beginn des 21. Jahrhunderts nur noch im Jahr 2010, unmittelbar nach der Krise. Die preisbereinigte Nettolohnsumme nahm aufgrund der höheren Beschäftigung gar um 3,3% zu, der höchste Zuwachs seit dem Jahr 2000.

Zwei Faktoren waren für die Reallohnzuwächse von entscheidender Bedeutung: Die niedrige Preissteigerungsrate, wodurch die Lohnerhöhungen nicht durch die Inflation aufgefressen wurden. Der Verbraucherpreisindex (Lebenshaltungskosten) nahm nur um 0,3% zu – der niedrigste Anstieg seit der Wiedervereinigung. Zum Anderen stärkten die niedrigen Energiepreise (Heizöl, Kraftstoffe) die Kaufkraft der Verbraucher.

„Nichts Wahres lässt sich von der Zukunft wissen“ (Friedrich Schiller)

Bewahrheitet sich die alte Börsenregel, wonach die ersten Börsentage den Trend für das ganze Jahr vorgeben, dann sieht es nicht gut aus für die Weltwirtschaft. Der Dax startete mit einem Minus von zwölf Prozent in die ersten Börsenwochen, der Dow Jones mit minus zehn Prozent und der Shanghai Composite stürzte gar um über 15 Prozent ab. Das ist zunächst nur ein Omen, aber es wächst offenbar die Angst in Wirtschaft und Gesellschaft. Die Angst vor dem Platzen einer der vielen mit Sparfluten und Zentralbankgeldern aufgepumpten Finanz-Blasen: Aktien, Emerging Markets, Unternehmensanleihen,Immobilien, Rohstoffe – alles kann ein größeres Börsenbeben auslösen.  „Die Wirtschaft blickt erschrocken ins neue Jahr“, schrieb das ifo-Institut in seinem Geschäftsklima-Index zu Beginn des neuen Jahres. Die Erwartungen trübten sich merklich ein.

Die schlechte Stimmung in den Chefetagen korrespondiert mit der schwindenden Zuversicht der Bevölkerung. Die Hamburger Stiftung für Zukunftsfragen stellte Ende 2015 einen starken Stimmungsumschwung fest. Danach erklärten 55 Prozent der Befragten, sie blickten „angstvoll in die Zukunft“. Ein Jahr davor waren es nur 31 Prozent.

Es gibt aber auch Konjunktur stimulierende Faktoren für die anstehende Zeit:

  • Bei der anhaltend niedrigen Inflationsrate werden kräftige Lohnabschlüsse – die IG Metall fordert fünf Prozent – sich großteils in höhere Kaufkraft und reale Nachfrage niederschlagen;
  • das billige Öl ist ein gigantisches Konjunkturprogramm für die großen Player der Weltwirtschaft. Das sind die USA, China, Japan, EU und Resteuropa, Indien – allesamt Nettokäufer von Öl. Zu den Verlierern gehören die OPEC-Staaten, Russland, Kanada. Auch für die Konsumenten bedeutet der niedrige Ölpreis einen Kaufkraftschub in beträchtlicher Höhe. Berechnungen der Commerzbank zufolge entlastet der niedrigere Ölpreis die privaten Haushalte in Deutschland im Vergleich zu 2013 um 20 Milliarden Euro (Wiwo, 29.1.16). Pro Haushalt sind das im Durchschnitt 500 Euro Ersparnis.
  • Hinzu kommen die Beschäftigungs- und Konjunktureffekte durch die zusätzlichen Ausgaben der und für die Flüchtlinge, für Lebensunterhalt, Unterkünfte, Schulen, Kitas, Sprachkurse, zusätzliches Personal und Öffentlicher Dienst. Die Bundesbank kommt in einer Untersuchung zu dem Ergebnis, dass die „zusätzlichen staatlichen Ausgaben... wie ein Konjunkturprogramm wirken und das BIP im laufenden Jahr für sich genommen um etwa ein Viertel Prozent erhöhen“ (Bundesbank-Monatsbericht, Dezember 2015, S. 30).

Dennoch: Ein dynamischer Aufschwung ist nicht in Sicht. Eher ein Auf ohne Schwung.

txt: Fred Schmid (isw)
foto: flickr|sandeep-thukral

[1] ifo-pressemitteilung, 9.12.15

 

Sommerakademie 2017

DIE-LINKE Sommeraka2017

Die Sommer-Akademie 2017 findet in Bielefeld vom 14. bis 16 Juli statt.
Hier gehts zum Programm.
Hier kann man sich anmelden


Europäische Bürgerinitiative: Glyphosat verbieten

Glyphosat EBI-Logo

Glyphosat ist wahrscheinlich krebserregend. Und 2017 entscheidet die EU: Darf das Ackergift weiter auf unsere Felder gespritzt werden? Monsanto, Bayer und Co. kämpfen mit aller Macht für ihren Bestseller. Wir halten dagegen – mit einer Europäischen Bürgerinitiative (EBI). Bis Ende Juni brauchen wir eine Million Unterschriften!

unterzeichnen
zum Artikel


Logo-Weiloisirgendwiazamhaengd

Das Agrarbündnis BGL/TS will mit diesem Film den Bauern Unterstützung entgegenbringen und aufzeigen, dass die immer intensivere Landwirtschaft, unser Konsumverhalten und falsche politische Weichenstellungen negative Auswirkungen auf die ganze Welt haben.

Filmvorführungen "Weiloisirgendwiazamhängd“
Montag, 5. Juni 2017, 11.00 Uhr,  Breitwand Kino, 82131 Gauting
Montag, 5. Juni 2017, 14.00 Uhr,  Breitwand Kino, 82229 Seefeld
Montag, 25. September 2017, 19.30 Uhr, Pfarrheim St. Severin in Mitterfelden
Dienstag, 17. Oktober 2017, 19.30 Uhr, Kino Herrsching am Ammersee

Trailer zum Film: http://www.weiloisirgendwiazamhaengd.de/


Klimademo-MUC 2

marxistische linke: Jetzt Mitglied werden


Theodor Bergmann ist tot

Theodor Bergmann ist tot

14.06.2017: Die marxistische linke hat einen Freund verloren. Theo hätte am 25. November bei der Bundesmitgliederversammlung der marxistischen linken zum Thema  '100 Jahre Oktoberrevolution  - Der Sozialismus lebt, dort wo er reformfähig war: in China und Cuba' mit uns diskutiert.  Theo war ein hervorragender China-Kenner, der mit kritisch-solidarischem Blick auf die gesellschaftliche und politische Entwicklung in China nie den ungeheuren industriellen und auch rechtsstaatlichen Fortschritt ignorierte, den China seit dem Ende der Kulturrevolution zu verzeichnen hat. Zuletzt arbeitete er an einer erweiterten zweiten Auflage seine Buches 'Der chinesische Weg'.  Leider werden wir ohne ihn weiterarbeiten müssen. Er wird uns fehlen.

Weiterlesen...

Dossier "Linke Strategien"

Im Dossier "Linke Strategien" sind Artikel zusammengestellt, die auf kommunisten.de in verschiedenen Rubriken erschienen sind und sich mit Fragen linker Strategie, Neuformierung der Linken, etc. befassen.

Zum Dossier


Euklid Tsakalotos: Den Weg für radikalere Lösungen ebnen

Euklid Tsakalotos: Den Weg für radikalere Lösungen ebnen

26.06.2017: Zuerst die schlechte Nachricht. Die letzten Niederlagen der rechtsextremen Populisten in Ländern wie Frankreich und den Niederlanden sollten uns nicht in Sicherheit wiegen. Die soziale Frage, das Gefühl der Ungerechtigkeit in den breiten Bevölkerungsschichten, die weit verbreitete Ansicht, dass normale Menschen die politischen Entscheidungen, die ihren Alltag bestimmen, nicht beeinflussen können - all das wird uns über eine lange Zeit begleiten.

Weiterlesen...

Effie Achtsioglou: "Es ist die Gesellschaft, die Bewegung, die Partei"

Effie Achtsioglou:

09.06.2017: Die griechische Arbeitsministerin Effie Achtsioglou nimmt Stellung zu den Verhandlungen mit den internationalen Gläubigern und den Perpsektiven linker Politik in Griechenland. Zu den laufenden Verhandlungen und mit Blick auf die Tagung der Euro-Gruppe am 15. Juni meint sie, dass jetzt der Punkt erreicht sei, an dem sich die andere Seite bewegen müsse. Effie Achtsioglou ist überzeugt, dass linke Politik immer eine Mischung aus Widersprüchen, Kompromissen und Schritten nach vorn ist. Jetzt gelte es, die Risse zu erweitern, die die aufgezwungenen Anpassungsprogramme hinterlassen. Entscheidend sei dabei "die Gesellschaft, die Bewegung, die Partei."

Weiterlesen...

isw anzeige 150


 

america21 quer 150



Banner

 

Empfohlene Links

Unsere Zeit
Wochenzeitung der DKP

Neues Deutschland
Sozialistische Tageszeitung

Zeitschrift LUXEMBURG
Gesellschaftsanalyse und linke Praxis

Zeitschrift Z
Zeitschrift marxistische Erneuerung

Marxistische Blätter
Die der DKP verbundene Zeitschrift für marxistische Theorie und Politik erscheint alle 2 Monate.