Warum ich Star-Trek-Kommunistin bin

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Star-Trek14.07.2016: "Alternativlos" ist das Wort unserer Zeit. Schluss damit! Wir hatten eine schöne Zeit mit Geld und Privateigentum. Aber jetzt ist es Zeit, sich zu verabschieden. Von Laura Meschede

 


Angeblich lebe ich in der Zeit der tausend Möglichkeiten. Aber ich sehe nur tausend Mal die Wahl zwischen schlimm und schlimmer.

EU – ja oder nein? Ich hätte gerne ein Europa der Solidarität, das nicht Ghanas Markt mit Billighähnchen überschwemmt und dann Zäune baut, wenn die arbeitslos gewordenen Bauern vor dem Hunger gen Norden fliehen. Aber das steht auf keinem Stimmzettel. Müsste ich meiner Generation einen Namen geben, es wäre Generation O. #GenerationOhnmacht.

"Alternativlos" ist das Wort unserer Zeit. Ein hässliches Wort. Ich bin Kommunistin, weil ich an eine Alternative glaube.

Ich lebe in Deutschland, einem der Länder, die noch am meisten vom Kapitalismus profitieren. Die drei Millionen Kinder unter fünf Jahren, die weltweit jedes Jahr an Hunger sterben, sind von mir ganz weit weg. Aber trotzdem kenne ich mehr Menschen in meinem Alter, die an Chemtrails glauben, als daran, dass wir mit 70 noch eine Rente bekommen.

Meine Freunde sagen, ich sei naiv, weil ich daran glaube, dass der Kommunismus möglich ist. Ich finde es naiv, zu glauben, es könne einen fairen Kapitalismus geben.

In meinen VWL-Vorlesungen geht es permanent um Konkurrenz: Staaten senken ihre Spitzensteuersätze, weil sie um multinationale Konzerne konkurrieren. Konzerne feuern Arbeiter, weil sie auf dem Markt konkurrenzfähig bleiben wollen. Und Arbeiter akzeptieren Hungerlöhne, damit sie trotz der Konkurrenz einen Job finden.

Unser Wirtschaftssystem ist eine überdimensionale Version von Germanys next Topmodel (GNTM). Aber GNTM ist Trash. Ich schaue lieber Star Trek.

In der Star-Trekschen Zukunft gibt es keine Konkurrenz mehr und auch kein Geld. Kein Mensch besitzt mehr als der andere und die Weltenregierung fühlt sich für alle gleich zuständig. Alles, was die Menschen brauchen, wird mit Replikatoren, die Energie in Materie umwandeln, aus dem Nichts erzeugt. Deshalb ist genug für alle da und die Menschen können sich ganz der Wissenschaft und Forschung widmen. Ihr Ziel ist nicht, Geld anzuhäufen, sondern Wissen.

Utopisch klingt daran für mich nur der Replikator. Ein Glück, dass wir ihn nicht brauchen. Es ist ja schon genug für alle da.

Aktuell produzieren wir genug Lebensmittel, um zwölf bis 14 Milliarden Menschen zu ernähren. Dabei sind wir nur sieben Milliarden. Tausende Plantagenarbeiter stehen zwölf Stunden lang auf dem Feld, um für 30 Cent die Stunde Tomaten zu ernten – und dann werden die noch nicht einmal gegessen. Welch Lebenszeitverschwendung. Würden wir nur das produzieren, was wir brauchen und die Arbeit dann noch fair verteilen – wie viel Freizeit wir plötzlich alle hätten.

"Das funktioniert doch nicht", sagt meine Freundin Tina. "Das ist gegen die Natur des Menschen!" Unsinn, finde ich. Der Mensch ist schließlich kein Affe.

Aktuell lese ich ein spannendes Buch von dem israelischen Historiker Yuval Noah Harari. Er beschreibt darin, was den Menschen vom Affen unterscheidet: die Fähigkeit, abstrakte Gespräche zu führen. Wir können uns Dinge ausdenken, die unser Zusammenleben regeln: Götter, Staaten, Gesetze. Damit können wir tausende Menschen organisieren, während der Schimpanse nicht über seine 50-Affen-Herde herauskommt. Der evolutionäre Vorteil ist: Wir können diese Konstrukte verändern. Und mit ihnen unsere "Natur". Das macht die Menschen wandlungsfähig. Und deshalb sitzt der Affe jetzt in einem Käfig im Zoo und ich stehe eisessend davor.

Als meine Oma jung war, da lagen Monogamie und Hochzeiten noch in der Natur des Menschen. Heute haben fast all meine Freunde Tinder auf ihren Handys und zum Teil drei Beziehungen gleichzeitig. Vor 300 Jahren waren Sklaverei und Glaube natürlich. Heute kenne ich ähnlich viele regelmäßige Kirchgänger wie Sklaven: gar keine.

Geld und Privateigentum sind auch Konstrukte. Und wir hatten eine schöne Zeit mit ihnen, zumindest manche von uns. Aber jetzt ist es Zeit, sich zu verabschieden. Statt nach göttlicher Belohnung oder Besitz könnten die Menschen im Kommunismus nach Wissen und Anerkennung streben.

Ich bin auch Kommunistin, weil ich glaube, dass Menschen schlauer sind als Affen.

Planwirtschaft klingt irgendwie staubig, das gebe ich zu. Aber ich vermute, die Planwirtschaft der realsozialistischen Staaten war auch eine staubige Angelegenheit. Ich stelle mir Hunderte von gelangweilten Beamten vor, die mit dem Taschenrechner versuchen, das landesweite Bedürfnis nach Trabbis zu berechnen. Wenn sich einer mal vertippt oder über seinem Papierstapel einschläft, dann muss Onkel Norbert drei Jahre länger auf sein Auto warten. Frustrierend.

Aber jetzt leben wir im Zeitalter des Internets. Der Computerwissenschaftler Paul Cockshott, Dozent an der Universität Glasgow, hat schon 1993 ein Buch geschrieben, in dem er darlegt, welche neuen Möglichkeiten die Informatik für die Planwirtschaft bietet. Mit einer sogenannten Input-Output-Tabelle könne man die gesamte Wirtschaft erfassen und berechnen, sagt er. Und man könnte exakt den "Arbeitswert" ausrechnen, also wie viel Arbeitszeit in einem einzelnen Produkt steckt. Wenn ich fünf Stunden gearbeitet habe, dann könnte ich mir in Cockshotts Modell dafür jedes Produkt kaufen, in dessen Herstellung fünf Stunden Arbeit eingegangen sind.

Damit die Menschen nicht alle das Faulenzen anfangen, schlägt Cockshott vor, Arbeiter in drei Gruppen zu unterteilen. Gruppe A: superproduktiv. Gruppe B: durchschnittlich produktiv. Und Gruppe C: nicht so produktiv. Weil der Wert der Arbeit der superproduktiven Schreinerin höher ist, als der des nicht so produktiven Schreiners, könnte sie dafür umgerechnet öfter ins Kino gehen. Natürlich könnte sich das über die Zeit ändern: Wenn ich mich dieses Jahr eher faul fühle, könnte ich während der Arbeit öfter bei Facebook rumhängen und dafür ein mittelmäßiges Smartphone in Kauf nehmen. Und wenn ich mich nächstes Jahr eher aktiv fühle, könnte ich produktiver arbeiten und mir dafür ein schickeres Telefon zulegen.

Deshalb darf man im Kommunismus zwar seinen eigenen Klodeckel besitzen, die Klodeckelfabrik muss aber allen gehören.

Das klingt nicht mehr verstaubt, es klingt spacy. Supercomputer, die die gesamte Wirtschaft simulieren. Arbeitsteilung statt Konkurrenz. Nur noch ein paar Stunden am Tag arbeiten. Star Trek, here we come!

Wie genau der Kommunismus aussieht, wenn er fertig ist, weiß ich nicht. Nicht einmal Karl Marx hat das im Detail beschrieben. Ihm ging es in erster Linie um den Unterschied zum Kapitalismus: Die Produktionsmittel – also Klodeckelfabriken, Bananenplantagen und alle anderen Unternehmen – sollen nicht mehr einem gehören, sondern allen.

Marx argumentiert: Aktuell arbeitet jeder Arbeiter eine Zeit lang für den Profit eines anderen. Wenn ein Zeitungsverleger mit meinem Artikel genauso viel Geld einnehmen würde, wie er mir dafür bezahlt, dann würde es sich für ihn nicht lohnen, mich anzustellen. Also arbeite ich ein paar Stunden für ihn, nicht für mich. Das wollen wir beenden, Marx und ich. Deshalb darf man im Kommunismus zwar seinen eigenen Klodeckel besitzen, die Klodeckelfabrik muss aber allen gehören. Wie das Drumherum aussieht – darüber lässt sich reden. Kreative aller Länder, hört die Signale!

Ich verstehe nicht, warum die Leute mich immer anschauen, als wollte ich eigenhändig die Mauer wieder aufbauen, wenn ich von einem solchen System schwärme.

Warum sollen immer nur die Naturwissenschaften Neuerungen hervorbringen? Überall hat sich die Menschheit weiterentwickelt: Meine Kommilitonen in der Molekularbiologie beschäftigen sich damit, Gene zu manipulieren, in der Physik wurden kürzlich die Gravitationswellen nachgewiesen – und wenn ich möchte, kann ich mir online einen 3D-Drucker bestellen. Einen 3D-Drucker!

Nur mein Studiengebiet, die Politik und die Wirtschaft, hängt noch irgendwo im Mittelalter fest. Geldgegebene Weltordnung statt gottgegebener Weltordnung. Das klingt zwar irgendwie moderner, liegt aber immer noch weit unter unseren Möglichkeiten.

Ich verstehe nicht, warum die Leute mich immer anschauen, als wollte ich eigenhändig die Mauer wieder aufbauen, wenn ich von einem solchen System schwärme. Vermutlich liegt es an dem, was man in der Schule über Kommunismus lernt: Dass er das Gegenstück zur Demokratie sei, untrennbar mit Gulags verknüpft und dazu neigend, alle Andersdenkenden zu erschießen. In meinen Schulbüchern wurde der Kommunismus immer mit Stalin illustriert. Meist mit bösem Blick neben einem Bildchen von Hitler abgedruckt.

Mal abgesehen davon, dass die Sowjetunion sozialistisch war und nicht kommunistisch: Der Zusammenhang ergibt keinen Sinn. Der Sozialismus ist in erster Linie ein Wirtschaftsmodell. Die Demokratie ist eine Herrschaftsform. In jedem Wirtschaftsmodell kann es gute und weniger gute Formen von politischer Herrschaft geben. Die Türkei ist ein kapitalistischer Staat. Aber das Argument, dass es im Kapitalismus keine Meinungsfreiheit geben könne, weil Erdo?an ein Despot ist, habe ich noch nie irgendwo gehört.

Ein sozialistisches System bietet keine Garantie für politische Mitbestimmung des Volkes. Aber das tut der Kapitalismus auch nicht. Und immerhin kann im Sozialismus kein reiches Industriellensöhnchen mehr mittels Lobbyismus demokratische Entscheidungen verwässern.

Ich bin auch Kommunistin, weil ich gerne mehr Einfluss auf politische Entscheidungen hätte.

Die Beteiligung bei der Bundestagswahl sinkt stetig, vor allem unter den Jungen. Aber gegen das Gefühl der Ohnmacht hilft es nicht, sich auszuklinken. Wenn wir eine Alternative wollen, müssen wir anfangen, darüber zu sprechen, wie sie aussehen soll. Der Kommunismus könnte eine Perspektive bieten. Diskutieren wir sie. Bevor es zu spät ist.


Laura Meschede stellte uns den Artikel zur Verfügung, der am 11. Juli 2016 in der ZEIT veröffentlicht worden ist.
Wir danken für die Genehmigung zur Veröffentlichung.


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