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Bundesarchiv Bild 183-R27576 Herero Aufstand11.01.2017: Am 5. Januar haben die Nama und Herero in New York vor einem Gericht Sammelklage gegen die Bundesregierung eingereicht. In der Klage durch die Chiefs, den traditionellen Autoritäten der indigenen Bevölkerungsgruppen im heutigen Namibia, heißt es: In der Zeit der deutschen Kolonialherrschaft über das damalige Deutsch-Südwestafrika (dem heutigen Namibia) sei zwischen 1885 und 1903 ein Viertel des Landes der Herero und Nama mit Einverständnis der Kolonialbehörden von deutschen Siedlern enteignet worden. Geduldet von den Kolonialbehörden hätten die Siedler Frauen und Mädchen vergewaltigt und der Bevölkerung Zwangsarbeit auferlegt. Bei dem 1904 einsetzenden Aufstand habe der deutsche General von Trotha dann einen Vernichtungsfeldzug gegen die Nama und Herero geführt. (Foto: Das Hauptquartier in Keetmanshoop 1904, stehend ganz links: Oberleutnant von Trotha)

Dokumentiert ist dies in seinem sogenannte Vernichtungsbefehl vom 2. Oktober 1904 in dem er verkündete, dass die Herero das Gebiet der Kolonie zu verlassen hätten. "Innerhalb der deutschen Grenze wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen. Ich nehme keine Weiber und Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volk zurück oder lasse auf sie schießen." Im Ergebnis dieses Genozids wurden bis zu 100.000 Herero und Nama erschossen, starben in Konzentrationslagern oder verdursteten in der wasserlosen Steppe, in die sie getrieben wurden und deren Ausgänge von der Kolonialtruppe abgeriegelt worden waren.

Diesen Völkermord erkannte die Bundesregierung erst 2015 als solchen an. Noch 1998 hatte der damalige Bundespräsident Roman Herzog bei einem Staatsbesuch in Namibia geäußert, dass die Deutschen sich gegenüber den Hereros „nicht korrekt verhalten hätten“. Seit dem Sommer 2016 verhandelt die Bundesregierung nun mit Namibia über eine offizielle Entschuldigung für die Kolonialverbrechen. Eine entsprechende Resolution des Bundestags steht aber immer noch  aus.

Die Herero und Nama, die infolge des Landraubs der Kolonialherren bis heute größtenteils in Armut leben, haben mehrfach erklärt, eine Entschuldigung nur dann akzeptieren zu wollen, wenn dies mit Reparationszahlungen einherginge. Das hatte Herero-Chief Rukoro noch einmal ausdrücklich während seines Aufenthalts in Berlin im Oktober 2016 betont und verwies auf die bis in die Gegenwart fortwirkenden sozialen Folgen: Im Zuge der Kolonialpolitik enteignete die deutsche Kolonialmacht die indigene Bevölkerung, das nachfolgende Apartheidsregime verstärkte die Ungleichverteilung: 1990 lagen 98 Prozent des namibischen Farmlandes in der Hand der dortigen weißen Minderheit, heute sind es immer noch zwischen 75 und 80 Prozent. Dabei sind nur fünf Prozent der Namibier Weiße, davon 1,3 Prozent deutscher Abstammung.

Doch Reparationszahlungen verweigert die Bundesregierung beharrlich. Deshalb nun die Klage vor einem Gericht in New York. Nach einem entsprechenden Gesetz können in den USA  Ansprüche von Ausländern geltend gemacht werden, auch wenn die Ereignisse nicht in den USA stattgefunden haben. Der deutsche Historiker und Afrikawissenschaftler Jürgen Zimmerer hält es für möglich, dass die Sammelklage weitreichende Folgen hat: "Wenn es gelingt, Deutschland zu direkten Verhandlungen mit Vertretern einzelner Bevölkerungsgruppen und zu Reparationen zu zwingen, können viele weitere Fälle aus der Kolonialzeit akut werden."(zeit-online 6.1.17). Ein Erfolg der Klage in New York könnte zu Reparationsforderungen gegen Deutschland auch wegen Massakern während des Maji-Maji-Aufstands im heutigen Tansania führen, ebenso wegen Massakern und Strafaktionen in Togo, in Kamerun und in der Südsee.

Ausstellung zur deutschen Kolonialgeschichte in Berlin

deutsches museum ausstellung kolonialgeschichteFür einen Berlin-Besucher lohnt vor diesem aktuellen Hintergrund unbedingt ein Besuch des Deutschen Historischen Museums (DHM), das zur Zeit eine umfangreiche Ausstellung zur deutschen Kolonialgeschichte zeigt, in der auch der Völkermord an Nama und Herero dokumentiert wird.

Die Ausstellung "Deutscher Kolonialismus. Fragmente seiner Geschichte und Gegenwart" präsentiert mehr als 500 Exponate u.a. aus historischen, ethnologischen und naturkundlichen Sammlungen sowie zahlreiche Gemälde, Grafiken, Alltagsgegenstände, Plakate, Dokumente und Fotografien. Sie geben Einblick in den Verlauf der deutschen Kolonialgeschichte und legen die zugrundeliegende Ideologie des Kolonialismus ebenso offen wie die deutsche Herrschaftspraxis mit der Ausübung alltäglicher Gewalt und der Niederschlagung von Aufständen bis hin zum Genozid.

Schwerpunkt der Ausstellung bildet die 1884 beginnende staatlich organisierte Kolonialpolitik des deutschen Kaiserreichs. Die mit dem Begriff „Schutzgebiete“ bezeichneten Kolonien waren Deutsch-Südwestafrika (heute Namibia) von 1884–1919; Togoland (heute Togo) von 1884–1919; Kamerun von 1884–1919; Deutsch-Ostafrika (heute Tansania und Burundi) von 1885–1919; Nord-Neuguinea, die Salomon-Inseln, Nauru, Mariannen-Inseln, Karolinen, Palau, Samoa 1886–1919; Kiautschou/ Tsingtau (heute Volksrepublik China) von 1897– 1919.

Diese Gebiete galten nicht als Teil des Deutschen Reichs; die Bewohner konnten sich demnach nicht auf dessen Verfassungs- und Rechtsgarantien berufen. Die Ausstellung zeigt dies u.a. am Beispiel Carl Peters, Kolonist im Kilimandscharo-Gebiet, Antisemit und Sadist, ein „grimmiger Arier, der in Ermangelung von Juden drüben in Afrika Neger totschießt wie Spatzen“, wie es 1899 der sozialdemokratische „Vorwärts“ schrieb.

deutsches museum ausstellung kolonialgeschichte 2Die Macher der Ausstellung nähern sich ihrem Gegenstand aus unterschiedlichen Perspektiven. Es geht ebenso um die Auseinandersetzung mit kolonialer Ideologie wie um die Nachwirkungen des Kolonialismus bis in die Gegenwart in Form verschiedener Methoden des Neokolonialismus. Die Ausstellung endet mit den Fragmenten eines Bronzedenkmals, das einst Gouverneur Hermann von Wissmann in Daressalam ehrte. Jetzt liegt er grünspanig am Boden. Es liegt dort, weil es nicht mehr stehen kann, seit es 1968 von Studenten in einer öffentlichen Aktion demontiert wurde. Zuvor hatte es knapp fünfzig Jahre lang auf einem Platz vor der Hamburger Universität gestanden.

Kritikpunkte zur Ausstellung? Die Fülle des präsentierten Materials und die thematische Vielfalt sind bei einem einmaligen Besuch beinahe überfordernd. Und natürlich kann man bemängeln, dass viele polit-ökonomischen Zusammenhänge von Kolonialismus und Kapitalismus nicht hergestellt und dass beim Thema Neokolonialismus die Rolle der weltweit agierenden Konzerne im Rahmen der Globalisierung ausgeblendet werden. Aber mit dieser Ausstellung ist auf jeden Fall für eine breitere Öffentlichkeit aus dem In-und Ausland ein Anfang gemacht worden, dass das lange verdrängte Thema „deutscher Kolonialismus“ thematisiert wird.

Initiativen für Straßenumbenennungen und Denkmal für Opfer des Kolonialismus

Die Ausstellung kann nicht zuletzt auch als Antwort auf kritische Stimmen gewertet werden, die während der vergangenen Jahre immer lauter forderten, sich diesem Thema zu widmen. Moniert wurde von Historikern, aber auch von Initiativen wie dem Verein „Berlin Postkolonial“ die geringe Auseinandersetzung mit der kolonialistischen Vergangenheit durch das offizielle Deutschland. Am Ende der Berliner Ausstellung wird auf eine Initiative hingewiesen, im Zentrum Berlins ein Denkmal für die Opfer des Kolonialismus zu schaffen. Darüber hinaus sorgt insbesondere das „Afrikanische Viertel“ in Berlin-Wedding seit Jahren für Diskussionen. Dort mündet die Petersallee, benannt nach dem Gründer der Kolonie „Deutsch-Ostafrika“ Carl Peters, in einen dem „Reichskommissar für Deutsch-Westafrika“ Gustav Nachtigal gewidmeten Platz. Ein paar Ecken weiter endet die Lüderitzstraße, die mit Adolf Lüderitz eine dritte zentrale Figur des deutschen Kolonialismus in Afrika ehrt.

Die nun eingereichte Klage der Nama und Herero sollte all diesen Initiativen und anti-rassistischen Projekten neuen Rückenwind geben im Kampf gegen Kolonialismus, Neokolonialismus und für eine solidarische Welt.

Text: fausto     Fotos: Bundesarchiv / Fausto


 

Die Ausstellung "Deutscher Kolonialismus. Fragmente seiner Geschichte und Gegenwart" ist noch bis zum 14. Mai 2017 im Deutschen Historischen Museum, Unter den Linden, zu sehen.  
Leseempfehlung zum Aufstand der Herero: Uwe Timm, Morenga, dtv, 448 Seiten, 10,90 €
Wikipedia: Völkermord an den Herero und Nama

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