2. Juni 1967: "Sagt bloß jetzt nicht: Das haben wir nicht gewollt."

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Benno-Ohnesorg-Nuernberg02.06.2017: Als vorgestern (31.5.2017) in Nürnberg die Polizei auf SchülerInnen einknüppelte, die versuchten die Deportation eines Schulkameraden nach Afghanistan friedlich zu verhindern, kam unwillkürlich die Erinnerung an den Juni 1967 in den Sinn. Vor 50 Jahren, am 2. Juni 1967, knüppelte die Westberliner Polizei auf DemonstrantInnen ein, die gegen den Schah protestierten, der Student Benno Ohnesorg wurde von dem Polizisten Karl-Heinz Kurras erschossen.

Im Hof des Hauses Krumme Straße 66/67 wird er gegen 22.30 Uhr aus nächster Nähe durch einen  Kopfschuss getötet; weitere Demonstranten werden durch Knüppeleinsätze schwer verletzt. Auf der Flucht vor uniformierter Polizei, Beamten in Zivil, den sogenannten "Greifern" und den von der persischen Botschaft organisierten und mit Knüppeln und Latten bewaffneten "Jubelpersern" hatte sich ein Teil der vor der Deutschen Staatsoper gegen den Schah Demonstrierenden in diesen Hof geflüchtet. Unter den dort von der Polizei verfolgten war auch der 26jährige Benno Ohnesorg.  Eine Zeugin beobachte wie er versuchte, den Hof zu verlassen, wie er dabei mit den Händen beschwichtigende Gesten machte, wie er von zwei Polizisten mit Schlagstöcken daran gehindert wurde und wie ihn dann ein Polizist mit dem Knüppel auf den Kopf schlug. Ohnesorg drehte sich um. Dann kam ein Knall, den sie für das Krachen eines explodierenden Feuerwerkskörpers hielt. Ohnesorg brach zusammen. Die drei Polizisten schlugen weiter auf ihn ein.(...) Der 39jährige für die Politische Polizei tätige Zivilbeamte Karl-Heinz Kurras hatte mit einem Schuss aus der Dienstwaffe, einer Walther Kal. 7,65. Ohnesorg aus etwa eineinhalb Metern Entfernung über dem rechten Ohr in den Hinterkopf geschossen und die Schädeldecke zerschmettert.

Er liegt am Boden, eine junge Frau kniet neben ihm und hält den Kopf des Sterbenden, ein schmaler, junger Mann, den Blick zur Seite gerichtet. Das Bild wird zur Ikone, es wird Hunderttausende auf die Straße treiben.

Aus Anlass des Jahrestages der Ereignisse Juni 1967 zeigt die MedienGalerie von ver.di Berlin und Brandenburg unter dem Titel "Zeitenwende" vom 23. Mai bis 22. Juni 2017 eine Fotoausstellung von Schwarz-Weiß-Aufnahmen aus Berliner Archiven: Gezeigt werden Aufnahmen des persischen Schahs, empfangen vom Bundespräsidenten, prügelnde Anhänger des Herrschers und des toten Studenten. [1]

Einüben der Notstandsgesetze

Die wirtschaftliche Krise 1966/67 beendete die lange Nachkriegskonjunktur in der Bundesrepublik und markierte damit das Ende des sog. "Wirtschaftswunders". Parallel dazu wuchs das gesellschaftliche Unbehagen gegen den "CDU-Staat" was u.a. die CDU zwang, eine Große Koalition mit der SPD einzugehen, um den kapitalistischen Alltag zu meistern (die Gewerkschaften ruhig zu halten, die Notstandsgesetze durchzubringen). Der Unmut über das Ende jeglicher parlamentarischer Opposition beflügelt außerparlamentarische Aktivitäten. Unter anderem formiert sich an den Universitäten eine Studentenbewegung, die gegen die "Ordinarien-Universitäten", gegen die Notstandsgesetzgebung und gegen den Vietnamkrieg aufbegehrt und in einem bisher nicht gekannten Ausmaß auf die Straße geht.

Dieser außerparlamentarische Protest betritt die politische Bühne in einer innenpolitisch aufgeheizten Situation: Im März 1967 hatte das Bundeskabinett Notstandsregelungen zur Aufnahme in das Grundgesetz verabschiedet – und im Kampf gegen die Studenten konnten die Staatsorgane ihre Durchsetzungskraft schon mal auf die Probe stellen. Und die Massenmedien – allen voran die BILD ("Studenten drohen: Wir schießen zurück!") – trugen ihren Anteil an der Pogrom-Stimmung gegen Protestierende bei.

Gegen Proteste während des Besuchs des US-Vizepräsidenten Hubert Humphrey Anfang April 1967 wurden von der West-Berliner Polizei erstmals zivile "Greiftrupps" eingesetzt, die gezielt "Störer" festnehmen sollten. Studentische Wohngemeinschaften wurden unter dem Vorwand durchsucht, dass "Anschläge gegen das Leben oder die Gesundheit des amerikanischen Vizepräsidenten mittels Bomben" geplant waren, wie die Polizeipressestelle verlauten ließ.

Ab 24. Mai besucht Persiens Schah Rezah Pahlewi die Bundesrepublik und West-Berlin. An allen Orten seines Auftretens kommt es zu Protesten. Die Bundesregierung veranlasst deshalb ungewöhnlich scharfe Sicherheitsmaßnahmen. So werden die Autobahnen um Bonn und selbst der Rhein für jeglichen Verkehr gesperrt. "Die Majestäten durchreisten einen eigens für sie eingerichteten Polizeistaat," schreibt die Süddeutsche Zeitung seinerzeit. Höhepunkt der Schahvisite  ist ein Ausflug in die "Frontstadt" West-Berlin.

Am 2. Juni demonstrieren dann etwa 3.000 vor der Staatsoper gegen den Schah und sehen sich Polizeikräften gegenüber, die offenkundig eine praktische "Notstandsübung" durchexerzieren wollen. Ein Opfer dieser "Übung" ist letztlich Benno Ohnesorg. Am darauffolgenden Tag beschließt der West-Berliner Senat ein grundsätzliches Demonstrationsverbot für die gesamte Stadt und die Bildung von Schnellgerichten, in denen Demonstranten abgeurteilt werden. Der Marburger Professor Wolfgang Abendroth stellt seinerzeit auf einer Podiumsdiskussion fest: "An den Westberlinern ist der Notstand probiert worden. Hier wurde vorweggenommen, was uns allen droht, wenn die Große Koalition in Bonn die Notstandsverfassung in Kraft setzt."

Kurras (der – wie 2009 bekannt wurde – auf der Lohnliste zweier Dienstherren der geteilten Stadt stand) wurde in zwei Prozessen vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung freigesprochen, da eine "Notwehrsituation" aus seiner Sicht angeblich nicht ausgeschlossen werden konnte.

Wer war Benno Ohnesorg?

Wer über die Person Benno Ohnesorg mehr erfahren möchte, sollte zu Uwe Timms autobiographischer Erzählung "Der Freund und der Fremde" greifen (der das eingangs erwähnte Zitat des Augenzeugen Ulrich Enzensberger über den Tod Benno Ohnesorgs entnommen ist).

Uwe Timm und Benno Ohnesorg treffen sich Anfang der sechziger Jahre im Braunschweig-Kolleg, einer Institution der Begabtenförderung für Berufstätige um das Abitur nachzuholen. Heute, schreibt Timm, sind es im Braunschweiger Kolleg die jungen Türkinnen, die studieren wollen - damals waren es die Kinder der "kleinen Leute", für die Bildung in der Bundesrepublik nicht vorgesehen war.

Entstanden ist keine chronologische Erzählung, sondern ein geschickt komponiertes Erinnerungsmosaik von Fragmenten und Anekdoten, die ein lebendiges Bild von der Jugend in den 60er Jahren zeichnen, das den Bildungshunger thematisiert, das Interesse an Kunst, Literatur, Philosophie und die Politisierung größerer Kreise der Jugend. Grundlage der Erzählung sind neben Timms eigenen Erinnerungen u.a. auch die von ihm geführten Gespräche mit dem Bruder von Benno Ohnesorg, seiner damaligen Freundin und seinem Sohn.

Vor jener Demonstration, die die erste und letzte von Benno Ohnesorg sein sollte, hatte er Bahman Nirumands Buch "Persien, Modell eines Entwicklungslandes oder Die Diktatur der Freien Welt" (Rowohlt 1967) gelesen: Ein Grund für ihn, demonstrieren zu gehen.

Text: fausto

 

Franz-Josef Degenhardt: 2. Juni 1967

Da habt ihr es, das Argument der Straße.
Sagt bloß jetzt nicht: Das haben wir nicht gewollt.
Zu oft verhöhnt habt ihr die sogenannte Masse,
die euch trotz allem heut noch Beifall zollt.
Nun wisst ihr es: Uns ist es nicht genug,
in jedem vierten Jahr ein Kreuz zu malen.
Wir rechnen nach und nennen es Betrug,
wenn es gar keine Wahl gibt bei den Wahlen.

Jetzt schreiben wir die Kreuze an die Wände
mit roter Farbe. Warum eure Wut?
Das ist doch Farbe. Aber eure Hände.
Sind seit Berliner Tagen voller Blut.
Zerquetschte Schädel stellt ihr zum Vergleich
geplatzten Eiern und Tomaten.
Das ist nicht neu in diesem Land! Und euch,
euch paar'n, die ihr mal anders wart, was soll man euch noch raten?

Genau das ist die Mischung, die wir kennen:
Gerührt bei kindischer Sorayerei.
Und das schlägt zu, mitten im Flennen.
Aus Rotz und Blut ist dieser Brei.
Warum, verdammt, seid ihr nicht aufgewacht
Bevor die Kugeln trafen.
Jetzt denkt an Deutschland in der Nacht,
und sagt, wer kann noch ruhig schlafen?

 

 

(zu hören auf: Franz-Josef Degenhardt, Wenn der Senator erzählt, 1968)

 Die Ausstellung "Zeitenwende" ist vom 23. Mai bis 22. Juni 2017 in der MedienGalerie Berlin, ver.di Berlin-Brandenburg, Dudenstraße 10, 10965 Berlin (U-Bhf. Platz der Luftbrücke) zu sehen.
Öffnungszeiten: montags und freitags 14 - 16 Uhr, dienstags 17 – 19 Uhr, donnerstags 14 - 19 Uhr  www.mediengalerie.org
Uwe Timm: Der Freund und der Fre

 

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