Selahattin Demirtas: Gebrauchsanweisung fürs Gefängnis

E-Mail Drucken PDF

Selahattin-Demirtas23.06.2017: Der Ko-Vorsitzende der Halklarin Demokratik Partisi HDP (Demokratische Partei der Völker), Selahattin Demirtas, der nun seit mehr als 230 Tagen im Edirne Gefängnis inhaftiert ist, spricht auf eine wundersame Weise über seine Erfahrungen im Gefängnis:

 

Meine Inhaftierung dauert nicht lang genug an, um mich das blühende Leben draußen vergessen zu lassen. Und es ist auch nicht lang genug, dass ich hochtrabend über Gefängnisse reden könnte, in einem Land wo Menschen für mehr als 25 Jahre inhaftiert sind. Aber meine Beobachtungen über die Gefangenschaft festzuhalten ist dennoch meine Pflicht.

Einer der gewünschten Effekte unserer Gefangenschaft ist die Verbreitung von Angst unter der Bevölkerung und die Unterdrückung von Allen durch die Androhung der Inhaftierung. Ich denke, dass wir dieses Ziel untergraben sollten.

Deshalb ist es besser, sich über die Angst lustig zu machen, als vor lauter Angst vor einer möglichen Verhaftung, vor Ungerechtigkeit und Unrecht einzuknicken. So können wir es schaffen, die Atmosphäre der Angst zu brechen und in die Phase der Tapferkeit einzutreten.

Ich schreibe das, damit ihr neueste Informationen in der Hand habt, für den Fall, dass ihr auch inhaftiert werdet. Ich schätze mal, dass es nicht nötig ist über die politischen Differenzen zwischen den Konzepten dessen zu schreiben, was man »innen« und »außen« nennt. Um es genauer zu sagen, es gibt keine Differenzen, die es wert wären über sie zu schreiben. Ich werde hier viel mehr über die alltäglichen Unterschiede schreiben und ihr merkt euch einfach diejenigen, die ihr nützlich findet.

Bei eurem ersten Betreten des Gefängnisses untersuchen sie euch und beschlagnahmen alles, was man nicht mit reinnehmen darf. Sie können aber nicht eure Gedanken beschlagnahmen, die als der Grund für eure Inhaftierung genannt werden. Ihr könnt diese mitnehmen. Das ist eine interessante Praxis.

Dann, als man euch aus dem Zimmer gerissen hat, in dem ihr euch mit eurem Anwalt treffen wolltet, und ihr auf einmal im Flur nachschaut, ob ihr eure Schlüssel im Inneren der Zelle vergessen habt. Verfallt nicht in Panik! Hier sind viele Schlösser, aber hier ist kein Schlüssel!

Diejenigen die euch besuchen kommen, die finden euch jederzeit ohne Schwierigkeiten. Niemand sagt ihnen an der Gefängnistüre "Nun, Der Herr/Die Frau ist nun aufgrund eines Meetings nicht erreichbar". Genauso ist hier auch niemand, der ihnen sagt "Sie/Er ist im Jahresurlaub; wir werden ihr/ihm Ihre Nachricht gerne weiterleiten, wenn sie möchten". Ich meine es gibt keinen Platz wohin ihr reisen könnt.

Selbst wenn ihr von dem Schlag seid, der draußen nicht sonderlich geliebt und respektiert wird, seid nicht traurig. Denn hier rufen sie euren Namen mindestens zweimal am Tag, das ist besser als nichts. Versucht einfach ein bisschen Freude daran zu finden.

Hier gibt es keine Sorgen über leere Akkus; euer Handyakku geht hier niemals leer. Entspannt euch, es gibt keinen Grund sich dafür Druck zu machen.

Und wenn die Dinge sich ein bisschen zuspitzen, können sie euch hier auch nicht das Internet abschalten. Es ist wirklich ein schönes Gefühl und es gibt einem einen kleinen Hauch Freiheit.

Hier werden sogar die berücksichtigt, die sich sonst beschweren niemals im Fernsehen gewesen zu sein. Hier sind Kameras, die euch 24h aufnehmen und hier sind auch Freunde, die euch mit voller Aufmerksamkeit vor dem Bildschirm beobachten. Genießt es einfach!

Freunde, die sich täglich abhetzen um den Bus oder die Fähre nicht zu verpassen: Das hier ist genau der richtige Ort für euch! Denn das Gefährt geht nie los, ohne euch mitgenommen zu haben. Man kümmert sich hier sehr um die Belange der Mitfahrer.

Seid ihr schon mal an den Punkt gekommen, wo ihr nirgendwo mehr ohne ein Navigationssystem hingekommen seid? Keine Sorge: Mindestens vier Wächter bringen euch persönlich überall hin.

Ihr werdet Freunde haben, die sagen "Ich glaube jemand klopft grad an die Türe, kannst du sie kurz aufmachen?" Fallt niemals darauf herein!

Wenn ihr ein Klirren in der Nacht hört, könnt ihr euch sicher sein, dass es kein Räuber ist. Es gibt Räuber in Gefängnissen, aber die verbleiben in anderen Räumen. Und es gibt hier sowieso nur Kleinkriminelle. Die richtig großen, die werden hier nie reingebracht, also darüber müsst ihr euch keine Sorgen machen.

Hier kann euch niemand drohen indem sie sagen "Wir werden dich verhaften, Mann." Das ist ein vollkommen anderes Gefühl!

Die, die sich über Nachrichten aufregen, die ihr seit 10 Minuten nicht beantwortet habt! Hier dauert es mindestens einen Monat, bis euer Brief versendet wurde und ihr eine Antwort erwarten könnt. Das ist eine gute Aggressionstherapie.

Auf die Einkaufsliste für die Kantine dürft ihr nie sowas wie "Pickel, Säge, oder Hammer und Sichel" schreiben. Diese Schurken werden sie nicht rausrücken!

Hier sind Manager, Direktionsassistenten und Lehrer - aber denkt nicht, dass ihr hier ein Zeugnis kriegt und Pause machen dürft! Die vergeben sie auch nicht, das steht fest.

Selbst wenn ihr angebt und sagt "Na und, mein Bruder? Ich bin der Schwiegersohn einer Familie aus Lice", wird das nicht klappen. Macht euren Schwiegervater nicht allzu vorschnell dafür verantwortlich. So ist das System.

Die aus Izmir nennen "cekirdeg" (Sonnenblumenkerne) auch "cigdem" (Krokusse) hier. Ich schätze das ändert nicht viel.

Auch hier gilt: "Das Leben ist Kurz und die Vögel fliegen" und "Selbst wenn du ein Drache bist, hat das keinen Einfluss auf die Nächte."

Und auch hier: "Die wahre Liebe gibt nie auf."

Übersetzung: Dastan Jasim

Originalquelle:
http://www.birgun.net/haber-detay/cezaevi-kullanma-kilavuzu-165215.html

 

marxli-G20

marxistische linke: Jetzt Mitglied werden


G20 Hamburg: Jetzt erst recht! Demonstrationsrecht gegen Polizeiwillkür durchsetzen

G20 Hamburg: Jetzt erst recht! Demonstrationsrecht gegen Polizeiwillkür durchsetzen

07.07.2017: Aus Hamburg kommen Bilder, die wir sonst aus der Türkei kennen. Vermummte Polizei setzt wahllos Knüppel, Wasserwerfer und Pfefferspray gegen Demonstrierende ein, auch gegen Unbeteiligte. Am Boden Liegende werden brutal misshandelt. Bettina Jürgensen zu den Protesten gegen den G20-Gipfel in Hamburg:

Weiterlesen...

Europäische Bürgerinitiative: Glyphosat verbieten

Glyphosat EBI-Logo

Glyphosat ist wahrscheinlich krebserregend. Und 2017 entscheidet die EU: Darf das Ackergift weiter auf unsere Felder gespritzt werden? Monsanto, Bayer und Co. kämpfen mit aller Macht für ihren Bestseller. Wir halten dagegen – mit einer Europäischen Bürgerinitiative (EBI). Bis Ende Juni brauchen wir eine Million Unterschriften!

Gemeinsam haben wir 1.320.517 Unterschriften gesammelt!

Artikel: EU-Kommission und Monsanto stoppen - Glyphosat verbieten!


Logo-Weiloisirgendwiazamhaengd

Das Agrarbündnis BGL/TS will mit diesem Film den Bauern Unterstützung entgegenbringen und aufzeigen, dass die immer intensivere Landwirtschaft, unser Konsumverhalten und falsche politische Weichenstellungen negative Auswirkungen auf die ganze Welt haben.

Filmvorführungen "Weiloisirgendwiazamhängd“
Montag, 5. Juni 2017, 11.00 Uhr,  Breitwand Kino, 82131 Gauting
Montag, 5. Juni 2017, 14.00 Uhr,  Breitwand Kino, 82229 Seefeld
Montag, 25. September 2017, 19.30 Uhr, Pfarrheim St. Severin in Mitterfelden
Dienstag, 17. Oktober 2017, 19.30 Uhr, Kino Herrsching am Ammersee

Trailer zum Film: http://www.weiloisirgendwiazamhaengd.de/


Was nach Hamburg nicht untergehen darf

Was nach Hamburg nicht untergehen darf

ein Kommentar von Max van Beveren   

13.07.2017: Kaum zogen vermummte Gruppen durch Hamburgs Straßen, um Barrikaden zu bauen, Autos anzuzünden und einen Supermarkt zu plündern, war der Aufschrei in den Medien, in der Politik und in den Sozialen Netzwerken riesengroß und ist es nach wie vor. Die inhaltliche Kritik am G20-Gipfel, der weltweite Terror durch Kriegseinsätze, die Ursachen für Flucht und die brennenden Geflüchtetenunterkünften hierzulande verschwinden völlig hinter der Debatte um die gewaltsamen Auseinandersetzungen. Für die Regierenden sind die Gewalttätigkeiten ein willkommener Anlass, um weitere Grundrechtseinschränkungen und undemokratische Gesetze durchzusetzen, die nicht nur die gesamte Linke, sondern auch die restliche Bevölkerung treffen werden.

Weiterlesen...

Mit mut zu etwas Neuem

Mit mut zu etwas Neuem

Interview mit Claudia Stamm und Stephan Lessenich zur Gründung der neuen Partei

Frage: Warum habt Ihr die Initiative zur Gründung einer neuen Partei ergriffen?

Stephan Lessenich: Ich habe wahrgenommen, dass sich der Wind in der Welt und auch hier in Bayern dreht. Dass politische Parteien gerade hier im Freistaat im Angesicht der rechtspopulistischen Entwicklungen nach und nach Positionen geräumt haben, die früher selbstverständlich gewesen wären. Die Fluchtbewegungen der letzten Jahre haben gezeigt, dass wir gesellschaftlich vor großen Herausforderungen stehen.

Weiterlesen...

Dossier "Linke Strategien"

Im Dossier "Linke Strategien" sind Artikel zusammengestellt, die auf kommunisten.de in verschiedenen Rubriken erschienen sind und sich mit Fragen linker Strategie, Neuformierung der Linken, etc. befassen.

Zum Dossier


isw anzeige 150


 

america21 quer 150



Banner

 

Empfohlene Links

Neues Deutschland
Sozialistische Tageszeitung

Zeitschrift LUXEMBURG
Gesellschaftsanalyse und linke Praxis

Zeitschrift Z
Zeitschrift marxistische Erneuerung

Unsere Zeit
Wochenzeitung der DKP

Marxistische Blätter
Die der DKP verbundene Zeitschrift für marxistische Theorie und Politik erscheint alle 2 Monate.