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09.03.2010: Pierre Kaldor ist im 98. Lebensjahr verstorben.

Anwalt für die Freiheit der Menschen, Ritter der Ehrenlegion, Teilnehmer der Resistance, Befreier des französischen Justizministeriums von Vichy-Leuten und Nazi-Besatzern 1944, Protagonist der deutsch-französischen Völkerfreundschaft, Strafverteidiger von angeklagten Führern der Befreiungsbewegung aller französischen Kolonien - von Algerien bis Vietnam-, Aktivist der Solidaritätsbewegung mit den afrikanischen Völkern, Star-Verteidiger vor Militärgerichten während des Algerien-Krieges, aktiver Kommunist, juristischer Berater von Gewerkschaften und linksregierter Kommunen in Frankreich, Beistand in vielen Berufsverboteprozessen vor deutschen Verwaltungsgerichten, Sachverständiger im Untersuchungsausschuss der Internationalen Arbeitsorganisation (IAO/ILO) in Genf, und vor dem Europäischen Menschenrechtsgerichtshof in Strassburg in Berufsverboteverfahren, Verfasser zahlreicher Gutachten und Artikel zu Menschenrechtsfragen, Redner auf nationalen und internationalen Meetings, Konferenzen und Kundgebungen gegen die Berufsverbote in  der BRD, Gründer und Organisator  des französische „Komitees für die Meinungsäußerungsfreiheit in der BRD“, bis zu seinem Tode aktiv im Komitee zur Rehabilitierung von Ethel und Julius Rosenberg, deren Prozessakten er vom Englischen ins Französische übersetzte. Lang ist die Liste von Pierre Kaldors Aktivitäten, die er engagiert bis ins hohe Alter betrieb. Er war immer Anwalt für die Freiheit der Menschen, kein Paragraphenreiter und Winkeladvokat.

Bei den Prozessen, in denen er anwaltlich tätig wurde, ging es ihm zuerst immer um den Menschen, der vor Gericht stand, ob als Angeklagter oder Kläger. Das waren ihm nie „Fälle“, das waren ihm Menschen, denen er immer Mut machte zu kämpfen, deren Widerstandsfähigkeit er förderte. So bezog er stets das persönliche Umfeld, die konkreten politischen Umstände und Zusammenhänge ein, um den subjektiven Widerstandsfaktor zu stärken, Betroffene zu ermutigen. Solidarität zu erzeugen, zu organisieren - das war ihm wichtig, durch kleine und große Gesten, durch persönlichen Zuspruch, durch Ferienaufenthalte für die Kinder oder Geschenkpakete zu Weihnachten, durch Beistehen, da sein. Das verwob er mit seinem juristischen Sachverstand, Menschenrechte und das Völkerrecht offensiv nutzend und den politischen Kern des jeweiligen Verfahrens herausarbeitend. So wurde der Spruch J. W. Goethes, den Dimitroff in einem Brief aus dem deutschen Gefängnis am 16. 8. 1933 zitierte und den Pierre Kaldor übersetzt hatte, zu seinem Motto: „Gut verloren- etwas verloren, Ehre verloren- viel verloren, Mut verloren- alles verloren“. Und damit das den Menschen nicht widerfährt- dafür arbeitete Pierre Kaldor. Sein Leben lang.

Typisch feinsinniger, intellektueller Franzose sprach er stets von „Meinungsäußerungsfreiheit“ wenn wir salopp Meinungsfreiheit sagten, Koalitionsrecht nannte er „kollektive Interessenwahrnehmung“, Bürger übersetzte er mit „citoyen“, nicht mit „bourgeois“ und Recht auf Frieden hieß bei ihm „Recht auf eigenständige, emanzipatorische Gesellschaftsentwicklung“, Fortschritt übersetzte er  mit „sozialem Fortschritt“. Denn es ging ihm um Konkretion völkerrechtlicher Normen, nicht um deren scholastische Zitierung. Wer ihn je in einem Plädoyer oder bei einem Vortrag gehört hatte, erinnert sich an seine bildhafte Sprache, die analytische Klarheit, seinen verschmitzten, hintersinnigen Humor und seinen eloquenten Charme. Leicht fahrig die Stichwortzettel ordnend kam er auf den Punkt, der den politischen Gegner oder den Verfahrensgegner aufnötigte, auf seine Argumente einzugehen.

So vermittelte Pierre Kaldor Mut, wissend dass dieser das Ergebnis eines solidarischen Prozesses plus messerscharfer Analyse des Sachverhaltes und der gesellschaftlichen Verhältnisse ist. Dabei bewies er auch persönlichen Mut: So, als er mit einer von seiner Frau Charlotte besorgten Strickleiter über eine 7 m hohe Gefängnismauer ausbrach – noch heute im Resistance- Museum bei Paris ausgestellt – so, als er den arroganten Vertretern der Bundesregierung vor dem Europäischen Menschenrechts- Gerichtshof entgegen trat und sich nicht das Wort abschneiden ließ.

Seinen Partnern, Achselkämpfern und GenossInnen hat er mahnend viel abverlangt: Pierre Kaldor fragt immer konkret nach Name, Adresse und Hausnummer von denen, die Freiheit und Demokratie versagen, einschränken oder aufheben. Aber er hakte auch unerbittlich nach bei denen, die Hilfe und Solidarität vermissen ließen, obwohl sie sie hätten leisten können, im Kleinen wie im Großen. Das zwang jeden dazu, aus der Anonymität der allgemeinen Repression herauszutreten. Denn die Feststellung allein, dass das kapitalistische System eben auf Ausbeutung und Entrechtung der Menschen durch den Menschen beruht, genügte ihm nicht, stimuliert diese nackte Aussage doch weder Mut, noch Widerständigkeit oder Veränderungswillen. Wenn zahlreiche Befreiungskämpfer Afrikas, die Pierre Kaldor verteidigt hatte, später zu großen Staatsmännern ihrer Länder wurden, wenn 80 % der vom Berufsverbot Betroffenen nach jahrelangem, bis zu 22 Jahre währendem, zähem Kampf erfolgreich und engagiert ihren erstrebten Beruf ausüben konnten, wenn Unzählige heute wissen, was Völkerfreundschaft konkret ist, welchen erlebbaren und erlernbaren Wert sie hat, ist das auch ein Verdienst von Pierre Kaldor.

Zu Recht geht Pierre Kaldor in die Geschichte als „Ritter der Ehrenlegion“ ein, in einer Reihe stehend mit J. W. Goethe, Marlene Dietrich, Otto Hahn, Simon Wiesenthal, Daniel Barenboim, Beate Klarsfeld, J. Broz Tito, E. Zola und Eduard Manet, die diesen Ehrentitel ebenfalls tragen.

Zu ständigem Ansporn für die deutsche Linke zu gelebtem Internationalismus und praktizierter Solidarität möge die Erinnerung an Pierre Kaldor, den französischen Anwalt für die Freiheit der Menschen, werden. Die deutsche Linke hat einen Achselkämpfer verloren.

Horst Bethge (langjährig Sprecher der „Initiative Weg mit den Berufsverboten“ und Mitglied des Landesvorstandes DIE LINKE) Foto : UZ

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