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muenchen_bombenfund_schwabing_aug_2012_1_GAP31.08.2012: Fast siebzig Jahre nach ihrem Abwurf wurde bei Bauarbeiten auf dem Gelände der gegen heftige Widerstände für's Luxuswohnen abgerissenen 'Schwabinger Sieben' eine 250-Kilo-Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg gefunden. Zunächst 800, später 3000 Anwohner mussten evakuiert werden und durften nicht mehr in ihre Wohnungen, denn das Monstrum ließ sich nicht entschärfen. Spezialisten aus Brandenburg mussten ran, und hätten beinahe durch kurzes Anheben eine Explosion ausgelöst, die sie nicht überlebt hätten. Denn der Blindgänger hatte einen perfiden chemischen Zeitverzögerungsmechanismus eingebaut.

Der sollte dafür sorgen, dass nach dem Inferno des Luftangriffs die Bergungsmaßnahmen und Aufräumarbeiten behindert würden, indem der Sprengstoff bis zu 144 Stunden später gezündet würde. Er hat wie bei noch unabsehbar vielen weiteren vermuteten, bisher nicht explodierten, aber immer noch scharfen Bomben nicht funktioniert. Die meisten Relikte des Bombenkrieges lassen sich, wenn sie nach Jahrzehnten entdeckt werden, durch Ausbau des Zünders entschärfen. Dieses nicht. Es musste kontrolliert zur Detonation gebracht werden.

muenchen_bombenfund_schwabing_aug_2012_2_GAPUm 21.54 Uhr am 28. August 2012 war es soweit. Die U-Bahn-Verbindungen seit Stunden streckenabschnittsweise eingestellt, der Verkehr weiträumig umgeleitet, die angrenzenden Straßenzüge hermetisch abgeriegelt, lag das Areal nahe der Münchner Freiheit wie ausgestorben. Ein dumpfer Knall, ein greller Feuerball, eine gelbliche Rauchwolke. Das Metall samt Sand- und Stroh-Ummantelung schossen brennend in die umliegenden Häuser und beschädigten Mauern und zerstörten Fensterscheiben, setzten Dächer in Brand.

Ein Szenario, wie es tausendfach potenziert in den letzten Kriegsjahren die Städte in Schutt und Asche gelegt hat als Antwort auf Goebbels' Ausrufung des "Totalen Krieges", nachdem die Nazis mit Rotterdam, Coventry und dutzenden weiteren Städten außerhalb der Reichsgrenzen damit begonnen hatten, dicht besiedelte Gebiete dem Erdboden gleichzumachen und regelrecht „auszuradieren“, nur ohne langfristige Vorwarnung und Evakuierung, ohne Zeit zu Eindämmungsmaßnahmen, ohne den Aufmarsch eines gut gerüsteten Heeres des Katastrophenschutzes, das sich nur um diesen einen Fall zu kümmern hatte. Im Nachhinein ist es nur noch schwer vorzustellen. Aber dieses Exempel quasi unter Laborbedingungen sollte eine Ahnung davon vermitteln, was Krieg bedeutet. Er ist waffentechnisch immer noch nicht zu Ende, und schon führen deutsche Regierungen wieder neue Kriege, anderswo, mit „verfeinerter“, weiterentwickelter, noch durchschlagenderer Waffentechnik, aber ebenso heimtückisch und mörderisch.

Eine Drohne, die ein Dorf auslöscht, löst nicht einmal einen Luftalarm aus. Der Krieg ist uns näher als wir denken. Erst vor kurzem hat die Bundesrepublik Deutschland die letzte Rate aus den Reparationsforderungen des Versailler Vertrags an Frankreich überwiesen – für den ersten Weltbrand, den Deutschland ausgelöst hatte. Vom zweiten sind kaum die Baulücken geschlossen. Einen dritten würden die meisten von uns nicht überleben. Der Antikriegstag am 1. September sollte uns mahnen: Schluss mit der Zerstörung unserer Zukunft und der von anderen Völkern! Die Waffen nieder! Rüstungsstopp! Exportverbot für Kriegswaffen! Umfassende Abrüstung! Auflösung der Bundeswehr! Damit niemand mehr in den Luftschutzkeller oder in nahe gelegene Schulen flüchten muss, weder im Krieg noch in „Friedenszeiten“. Die Probleme und Konflikte der Welt lassen sich nicht mit Militär lösen, sie werden dadurch oft erst geschaffen, zumindest verschärft und unkontrollierbar eskaliert, in jedem Fall nachhaltig vererbt – auf Generationen.

Text: Wob   Fotos: Götz. A. Primke