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moessingen_KPD_Streikaufruf29.01.2013: Vor achtzig Jahren schrieb ein Dorf im Steinlachtal, 15 km südlich von Reutlingen und Tübingen am Rande der Schwäbischen Alb, mit einem Generalstreik gegen Hitler Geschichte. Am 30. Januar 1933 übertrug im Auftrag der Groß– und Rüstungsmonopole, des Finanzkapitals und der Stahlbarone, Reichspräsident Hindenburg die Reichskanzlerschaft an Adolf Hitler. Die Warnung der KPD bei der Reichspräsidentenwahl vom März 1932 „Wer Hindenburg wählt, wählt Hitler“ wurde damit bestätigt. Der zweite Teil der Warnung. „Wer Hitler wählt, wählt den Krieg!“ wurde wenige Jahre später bittere Wirklichkeit. Noch am gleichen Tag rief die KPD-Zentrale dazu auf, die Machtübergabe mit einem Massenstreik zu beantworten. Dieser Aufruf wurde in Mössingen am 31. Januar befolgt. Die Beschäftigten legten die Arbeit nieder und demonstrierten mit 800 Menschen durch den Ort, in dem es mehrere Textilbetriebe gab.

Ihr Ziel war, Hitler zu stürzen und damit die drohende Gefahr von Faschismus und Krieg zu verhindern. Aber „do isch neana nonz gwäa als wia do“, fasste eine Einwohnerin Mössingens auf Schwäbisch zusammen, was damals hier  geschah und andernorts ausblieb: „Da ist nirgends nichts gewesen außer hier.“ Ganz so war es nicht - es fanden anderswo vereinzelte Aktionen statt. Aber eben kein Streik wie in Mössingen. Schon gar keine Massentreiks und Massenaktionen, mit denen die deutsche Geschichte einen anderen Verlauf ohne faschistischen Terror und Krieg hätte nehmen können. Mit dem Faschismus an der Macht war der Weg geebnet in die „offene, terroristische Diktatur der reaktionärsten, chauvinistischen, am meisten imperialistischen Elemente des Finanzkapitals,“ wie Georgi Dimitroff 1935 auf dem VII. Weltkongress der Komintern den Erkenntnisstand der kommunistischen Weltbewegung zusammenfasste.

Warum kam es damals nicht zur Einheit der Arbeiterbewegung und den notwendigen machtvollen Aktionen? Das kann  hier nicht ausführlich diskutiert werden. Tatsache ist, die Hitlergegner haben 1933 eine Niederlage erlitten, weil sie nicht einig und konsequent genug waren. Aber es ist eine infame Geschichtsfälschung, wenn Kommunisten, Sozialdemokraten und die Gewerkschaften für den Untergang der „Weimarer Republik“ verantwortlich gemacht werden. Nicht sie sondern das Großkapital brachten Hitler an die Macht. Der Kapitalismus ist verantwortlich und gleichzeitig Ursache von Faschismus und Krieg.

Moessingen_BuchDas erstmals 1982 veröffentlichte Buch über „Das ‚rote Mössingen’ im Generalstreik gegen Hitler.  Geschichte eines schwäbischen Arbeiterdorfes“  ist vor kurzem in erweiterter Fassung neu herausgekommen Die auf der Titelseite abgebildete Trommel wurde mitgetragen und geschlagen von dem Kommunisten Eugen Ayen. In dem Buch schildern Tübinger Kulturwissenschaftler/innen, die viele Interviews mit Zeitzeugen führten, den Ablauf des Streiks. Sie gehen auch der Frage nach, warum gerade in Mössingen der Generalstreik stattfand, und was hier anders war als anderswo.

Am wichtigsten war wohl, so eine ihrer Schlussfolgerungen, die breite Verankerung der Mitglieder der KPD in Vereinen, insbesondere den Arbeitersport- und Musikvereinen, den Organisationen der Arbeiterbewegung und dem Konsumverein. Sie waren selbstverständlich mit anderen, auch sozialdemokratischen, Arbeiterinnen und Arbeitern am Bau der Turnhalle und dem genossenschaftlichen Wohnungsbau beteiligt. Beim Festhalten des Sozialismus als Ziel setzten sie sich konsequent für Verbesserungen der Arbeits– und Lebensumstände der Menschen vor Ort ein. Sie verwirklichten Dinge, die den hier lebenden Menschen zugute kamen. Es wird herausgearbeitet, dass „die roten und auch die dunkelroten Mössinger im Dorf keine Fremdkörper bilden.“ Auf die Kommunisten war Verlass. Sie waren Vertrauensleute im Betrieb und in der Kommune. Die KPD  hatte großen Einfluss in Mössingen, was sich auch in den Wahlergebnissen (sie waren zeitweilig stärkste Partei) und in Gemeinderatssitzungen  niederschlug.

So war und ist es auch zu erklären, warum der Aufruf der KPD Bezirksleitung, unterzeichnet vom Reichstagsabgeordneten Albert Buchmann, in Mössingen sofort in die Tat umgesetzt wurde. Noch am Abend des 30. Januar 1933 findet in der Mössinger Turnhalle eine von der KPD einberufene öffentliche Versammlung mit 200 Beteiligten statt. Unter ihnen nicht nur KPD-Mitglieder und Sympathisanten sondern auch Sozialdemokraten, Parteilose und Mitglieder der Antifaschistischen Aktion. Am folgenden Morgen wird der Aufruf der KPD zum Massenstreik vor den Betrieben verteilt. Als erste fasst die Belegschaft der Firma Pausa den Streikbeschluss. Deren jüdische Inhaber, die Brüder Löwenstein – wenig später selbst von den Nazis verfolgt – geben den Arbeiterinnen und Arbeitern frei. Kurz nach 12 Uhr beginnt der Demonstrationszug. Voran Fahnenträger und das noch in der Nacht hergestellte, mehrere Meter breite Transparent „Heraus zum Massenstreik.“ In Betrieben und auf der Straße erklingen Rufe: „Maschinen abstellen“ und „Raus zum Massenstreik.“ Immer mehr Frauen und Männer schließen sich an. Der Textilfabrikant Merz ruft die Reutlinger Schutzpolizei an, als die Beschäftigten seine Firma stilllegen. Sie rückt gegen die  800 Demonstrierenden mit Pistolen und Gummiknüppeln bewaffnet vor und sperrt die Strasse. Angesichts dieses massiven  Einsatzes der Staatsmacht und in der Erkenntnis, dass andere Streiks nicht stattfinden, wird die Aktion noch am gleichen Tag beendet.

Es folgten Verhaftungen. Gegen 98 Männer und 4 Frauen wurde wegen Aufruhrs, Rädelsführerschaft, Hochverrats, Haus- und Landfriedensbruch Anklage erhoben. Viele wurden verurteilt. Fritz Wandel, der damalige Unterbezirksvorsitzende der KPD von Reutlingen/Tübingen und Hauptredner auf der Mössinger Kundgebung wurde wegen „Hochverrat“ im Oktober 1933 zu viereinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Nach der „Verbüßung“ der Strafe wurde er ins KZ Dachau gebracht.

Her mit dem politischen Streik!

In einem von der VVN unterstützten Wiedergutmachungsprozess stellte das Tübinger Landgericht im Jahre 1954 fest, das Mittel des Generalstreiks, hätte es sich flächenweit durchgesetzt, „wäre ein geeignetes Mittel gewesen, um eben erst an die Macht gelangte Hitlerregierung zum Rücktritt zu zwingen.“ Auch so gesehen hat der Mössinger Generalstreik vom 31. Januar 1933 weit mehr als nur lokale Bedeutung. Auch für heute. Damals haben die Streikenden nicht gefragt, ist ein politischer Streik legal oder illegal. Sie haben sich das Streikrecht einfach genommen und umgesetzt.

Eine wichtige Lehre und Erfahrung auch für heute - für gewerkschaftliche und betriebliche Diskussionen. Immer mehr politische Entscheidungen greifen unmittelbar in die Arbeits- und Lebenswelt der Arbeiterklasse ein. Deshalb her mit dem politischen Streikrecht. Streik – Massenstreik – Generalstreik schwächen die Gewerkschaften nicht, sondern stärken sie und ihre Kampfkraft. Die Diskussion darüber gilt es in den Gewerkschaften zu befördern.

1983 fand aus Anlass des 50. Jahrestages eine machtvolle politische Demonstration in Mössingen statt. Das Schwäbische Tagblatt, Tübingen, schrieb damals: „Eine unübersehbare Menschenschlange quer durch Mössingen. Männer, Frauen, Alte, Junge, Ausländer, Kommunisten, Sozialdemokraten, Gewerkschafter und Studenten, vorneweg Partei- und Verbandsprominenz Arm in Arm mit französischen Genossen. … Zehn- bis fünfzehntausend Leute bekennen sich auf der Straße zu Frieden und Demokratie, widersetzen sich Faschismus, Aufrüstung und Krieg. Die Manifestation vom Samstag wird in die Annalen eingehen als die bis dahin größte politische Demonstration in der Steinlachgemeinde.“

Der damalige DGB-Vorsitzende von Baden-Württemberg, Siegfried Pommerenke, wandte sich auf der Kundgebung gegen den „Klassenkampf von oben“  der mit dem Klassenkampf von unten beantwortet werden müsse. Und weiter: Derjenige, „der nicht begreift, dass es auch in unserer Geschichte bereits wieder Parallelen gibt macht sich erneut schuldig!“ Diese Worte sind brandaktuell.

Politischer Streik hätte Hitler gestürzt und den Krieg verhindert!
Aufruf zur Demonstration am Samstag, 2. Februar 2013
14:00 Uhr, Mössingen, Jakob-Stotz-Platz

Nicht unbedingt damit vergleichbar, aber hoffentlich dafür ein Zeichen setzend findet auch aus Anlass des 80. Jahrestages des Generalstreiks von Mössingen am Samstag 2. Februar eine Demonstration statt unter dem Motto: Politischer Streik hätte Hitler gestürzt und den Krieg verhindert. Aufrufer und Veranstalter sind die örtlichen Gliederungen von DGB, IG Metall, ver.di und GEW zusammen mit dem Landesverband und der Kreisorganisation der VVN-BdA. Täglich breiter wird der Kreis der Unterstützer/innen (siehe http://moessingergeneralstreik.wordpress.com/), zu denen natürlich auch die DKP zählt.

Veranstaltung in Reutlingen mit Prof. Frank Deppe
Donnerstag, 31. Januar 2013, 20:00 Uhr
Im Franz.K in Reutlingen, Unter den Linden 23

Vor 80 Jahren – Was geschah 1933 und was bedeutet dies für uns heute?
Am 30. Januar 1933 wurde Adolf Hitler von Reichspräsident Paul von Hindenburg als Reichskanzler
vereidigt und mit der Bildung einer Koalitionsregierung des „Nationalen Zusammenschlusses“ beauftragt.
Damit begann die Etablierung des verbrecherischen „Dritten Reiches“! Die Folgen waren:

• Zerstörung der Demokratie
• Rassendiskriminierung und Verfolgung
• Völkermord (Pogromnacht)
• Krieg, Verwüstung und Millionen Tote

Nie wieder darf sich solch eine menschenverachtende Terrorherrschaft wiederholen

Text: Dieter Keller / Lothar Letsche (Vorabdruck aus der UZ)

moessingen_Buchmann_AlbertAlbert Buchmann (1894-1975)

Unterzeichner des Streikaufrufs vom 30.1.1933
1925-1932 Politischer Leiter des KPD-Bezirks Südbayern, 1932/33 des Bezirks Württemberg.
1924-1933 Reichstagsabgeordneter der KPD
1933 – 1945 eingekerkert in Rottenburg, Ludwigsburg und den KZs Sachsenhausen und Flossenbürg. Nach der Befreiung Landesvorsitzender der KPD und Mitglied des Landtags von Württemberg-Baden (US-Zone).
1948-1971 Mitglied des Parteivorstands, später des Zentralkomitees der 1956 verbotenen KPD. Ab 1952 lebte er in der DDR.

Foto (Anfang der 1930er Jahre): Wikipedia

 

moessingen_Fritz_WandelFritz Wandel (1898-1956)

Kundgebungs-Hauptredner des Mössinger Generalstreiks.
Unterbezirksleiter der KPD Württemberg in Reutlingen, dort 1931-33 Gemeinderatsmitglied.
Im Oktober 1931 Unterzeichner eines „Aufrufs Reutlinger Betriebsräte zur Einheitsfront gegen die Notverordnungen“.
1933-1937 in Einzelhaft, 1937-1943 im KZ Dachau, dann in der Strafdivision 999.
Im Dezember 1945 von der französischen Besatzungsmacht als stellvertretender Bürgermeister von Reutlingen eingesetzt (davon stammt das Foto). Erneut KPD-Gemeinderatsmitglied. 1948 aus gesundheitlichen Gründen Rückzug aus seinen politischen Ämtern, zuletzt Angestellter der Friedhofsverwaltung. Verfasser des erschütternden Erinnerungsberichts „Dachau – wie es wirklich war“.

Foto: IG Metall Reutlingen (Hrsg.): Wir lernen im Vorwärtsgehen! Dokumente zur Geschichte der Arbeiterbewegung in Reutlingen 1844-1949. Heilbronn 1990: S. 521.

moessingen_Friedrich_WolfFriedrich Wolf (1888-1953)

Der bekannte Arzt und Schriftsteller hat im Steinlachtal nachhaltige Spuren hinterlassen. Von 1921-1925 lebte und wirkte Wolf in Hechingen, 12 km südlich von Mössingen. Eine Aufführung seines Bauernkriegs-Dramas „Der arme Konrad“ 1924 in Nehren, einem Nachbarort Mössingens, blieb den Einheimischen  jahrzehntelang im Gedächtnis.
Wolf übersiedelte 1927  nach Stuttgart, wo er 1928 in die KPD eintrat und bis 1933 lebte.
Unter anderem schrieb er Agitpropstücke für den im März 1932 gegründeten „Spieltrupp Südwest“. Eine anschauliche Umsetzung der in jener Zeit praktizierten KPD-Gewerkschaftspolitik, die uns heute sektiererisch anmutet, ist „Wie stehn die Fronten?“. Es geht um einen Streik gegen Lohnabbau aufgrund der Brüningschen „Notverordnungen“. Wolf meinte später, er habe an einen den Zuschauern sehr bekannten Streik im Mössinger Pausa-Werk angeknüpft. Aber das könnte eine Verwechslung mit einem Stuttgarter Textilbetrieb sein, wo ein von der RGO geführter Streik gegen Notverordnungs-Lohnabbau dokumentiert ist.

Foto von 1933

mssingen_plakat_antifa_2011Plakat über die Mössinger Generalstreiks-Teilnehmer

Diese Plakate hingen vor zwei Jahren am 31. Januar 2011 kurzzeitig in Mössingen und waren sehr schnell wieder entfernt. Junge Antifaschist/inn/en aus der Region versuchten der „kleinbürgerlichen Grabesstille … mit einer kreativen Erinnerungsaktion etwas entgegen zu setzen“ und erinnerten an einige Aktivisten des Generalstreiks. Heute ist die Erinnerungskultur weiter entwickelt und in der Kleinstadt ein umfangreiches Veranstaltungsprogramm zum 80. Jahrestag angekündigt.

Foto: privat

 

Moessingen_BuchBuch über „Das ‚rote Mössingen’ im Generalstreik gegen Hitler.  Geschichte eines schwäbischen Arbeiterdorfes“  ist in erweiterter Fassung zu beziehen unter:
Hermann Berner, Bernd-Jürgen Warneken (Herausgeber) und weitere Autoren
„Da ist nirgends nichts gewesen außer hier!“: Das "rote Mössingen" im Generalstreik gegen Hitler
Talheimer-Verlag Mössingen 2012, ISBN 978-3-89376-140-1 (360 Seiten)
erweiterte Neuauflage mit Unterstützung des die Erstauflage publizierenden Rotbuch-Verlags,
Großformat mit zahlreichen Abbildungen, 356 Seiten,
32,- Euro
Erhältlich bei Marxistische Blätter/Leserservice, Hoffnungstr. 18, 45127 Essen,
Tel.:0201–2486482, Fax: 0201–2486484
E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

 

 

 

 


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