Deutschland
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27.05.2009: Es war einmal – so fangen Märchen an. Und so steht es über der Propagandashow, die zur Zeit unter dem Vorwand „60 Jahre Bundesrepublik“ über die Bühne geht. Eine Show, die von einem „Deutschland“ handelt, das im September 1949 fast unbefleckt vom Himmel fiel und mit dem es dann eigentlich nur aufwärts ging. Und das Schönste in dieser Geschichte ist, wie dieses florierende Staatswesen 1990 seine östliche Nachgeburt verschlang, die in allem sein Gegenteil war: nicht demokratisch, sondern ein Unrechtsstaat, nicht deutsch, sondern eine „Soffjetzone“ (Adenauer) und nur ein „so genannter“ Staat, nicht schön und bunt, sondern trist und grau.

Realität kann dieses Bild stören. Da gab es doch Gründe, dass ein großer Teil der Jugend sich empörte in der Mitte und den ausgehenden Sechzigerjahren – was heute als „Studentenrevolte“ verniedlicht wird? Als alte Nazis noch überall in den Behörden das Sagen hatten, bis hinauf zum Bundeskanzler? Als westdeutsche Politiker mit den Schlächtern Vietnams ebenso unverbrüchliche Freundschaft pflegten wie mit spanischen, portugiesischen, griechischen Faschisten und den südafrikanischen Apartheid-Banditen? Als der letzte SS-Kampfkommandant des nazibesetzten Prag „Arbeitgeber“präsident war und in sozialen Auseinandersetzungen wie ein Reichswirtschaftsführer agierte? Als der eiskalte Krieg immer wieder in den höllenheißen umzuschlagen drohte? Als Lehrer schon mal beim Betreten der Klassenzimmer jovial mit „Guten Morgen, Kameraden von der Ostfront“ grüßten und Sonntagskaffeegespräche der Erwachsenen stockten, wenn junge Menschen den Raum betraten? Als Bildungschancen schon einmal nach strenger sozialer Auslese verteilt wurden und eine verlogene Moral die Luft zu dick zum Atmen machte? Als die NPD in sieben Landtage einzog, der Staat den Notstand vorbereitete und die kommunistische Partei verboten war? Als die Springerblätter zur Jagd auf Linke aufriefen? Die Antwort auf die Unruhe der Jugend war Gewalt. Mord lag in der Luft.

Ein hässlicher großer brauner Fleck in der Geschichte des Besten aller Deutschlands. Aber zu überdecken, und Frau Birthlers Stasi-Unterlagen- Behörde ist immer zu Diensten, wenn es gilt, die Öffentlichkeit abzulenken. Wie bestellt wurde man dort fündig, fand heraus, dass der Westberliner Polizist Kurras, der sich am 2. Juni ‘67 von dem unbewaffneten Studenten Benno Ohnesorg so bedrängt fühlte, dass er ihn in Notwehr von hinten erschoss, angeblich ein IM des DDR-Geheimdienstes war und zudem SED-Mitglied gewesen sein soll.

Das war bisher so weit in Ordnung gewesen, denn das Opfer war einer von denen die „dagegen“ waren. Zwei Mal wurde Kurras von der Anklage des Totschlags freigesprochen, die Westberliner Prügelbullen der Sechziger hielten zu ihrem Kumpanen und sammelten Geld zu seiner Verteidigung. Doch jetzt fordern dieselben, die sich früher schützend vor den Mörder gestellt haben, er müsse noch einmal vor Gericht gestellt werden, seine Pension müsse ihm aberkannt werden – nach dem Prinzip: es ist erlaubt, den politischen Gegner zu erschießen, aber nicht, mit ihm zu kungeln. Von „Bild“ und „FAZ“ bis „Spiegel“ tönt es, die Stasi habe Ohnesorg getötet, und Stasi heißt SED, und SED heißt DDR. Dabei könnte man gerade dort wissen, dass, wer im Spionagekrieg kämpft, zum Umgang mit zwielichtigen Gestalten gezwungen ist. Denn kein Berufsstand ist mehr durchseucht von Agenten als der Journalismus, worüber man in der „Spiegel“-Redaktion sehr genau Bescheid weiß.

Die Geschichte dieser Jahre soll aber neu geschrieben werden, so die einhellige veröffentlichte Meinung. Als die Jugend rebellierte, rebellierte sie nach dieser Lesart nicht gegen die herrschendenVerhältnisse, sondern gegen den Mord an Benno Ohnesorg. Doch warum war der an diesem Tag auf der Straße? Und geschah der Mord nicht aus einer Horde gewaltbereiter Uniformierter heraus? War es nicht so, dass die öffentliche Hetze gegen alle Linken sich danach noch steigerte bis zu den Schüssen auf Rudi Dutschke?War es nicht so, dass die westdeutschen Geheimdienste mit ihren Agents provocateurs auf weitere Tote spekulierten – bis hin zur Lieferung von Bomben und Schusswaffen an Andreas Baader?

Nein, die Geschichte der BRD muss nicht umgeschrieben werden, allenfalls eine Fußnote, die den Mörder betrifft. Die Fragen„Wie starb Benno Ohnesorg“ und „Warum starb Benno Ohnesorg“, sie sind beantwortet.

Text: Manfred Idler (Vorabdruck aus der UZ vom 29. Mai 2009) / Foto: jksimpson 

'68 muss nicht umgeschrieben werden (Blog von Georg Fülberth auf Freitag.de)


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siehe auch: Wirtschaftskrieg gegen Cuba

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