Im Interview
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10.02.2011: In einem weiteren Telefongespräch schildert Magdi Gohary aus Kairo seine Eindrücke.

Frage: Vizepräsident Suleiman hat nun mit der Opposition verhandelt. Ist auch die neue Opposition vom Tahrir-Platz in diese Verhandlungen einbezogen?

Magdi: Nein. Mubarak selber hatte ja einen Dialog gefordert und jetzt erfüllt sein Vizepräsident Omar Suleiman diesen Wunsch. Er hat also begonnen, mit der sogenannten etablierten Opposition zu sprechen, und er hat dazu auch 3 Jugendliche hinzugezogen, von denen aber keiner weiß, woher sie kommen und wen sie repräsentieren.

Mit bei den Verhandlungen sind natürlich auch die Vertreter der regierenden Partei. Eine Partei, deren Gebäude nicht nur in Kairo nicht mehr existieren, weil sie ausgebrannt sind. Aber sie haben ja die Führungsschicht dieser Partei ausgewechselt, haben alle alten rausgeschmissen und durch neue 'unbefleckte' Persönlichkeiten ersetzt. Das ist der neue alte Dialog.

Suleiman hat in den Gesprächen viele Forderungen akzeptiert und er hat die Legitimität der Forderungen von der jugendlichen Bewegung auf dem Tahrir-Platz anerkennen müssen. Aber die wichtigste Forderung, die auch von vielen Juristen hier erhoben wird, dass nämlich Mubarak ihm alle Vollmachten übergeben soll und Mubarak damit de facto nicht mehr Präsident ist, diese Forderung will er nicht erfüllen. Jetzt beginnt das politische Spiel. Es gab ein Kommunique, dass eine neue Polizei aufgebaut werden soll, die im Dienste des Volkes steht und nicht zur Unterdrückung des Volkes, dass das Parlament de facto aufgelöst wurde, es gab die Freilassung aller politischen Gefangenen, usw.

Aber nach dem Dialog geht die Auseinandersetzung weiter. Die Muslimbrüder sagen, dass dies alles nicht genug ist. Und vor allem auch die Bewegung auf dem Platz hält an der Forderung fest, dass zuerst Mubarak weg muss. Wir haben eine Situation, in der Mubarak real nicht mehr als Präsident existiert.

Frage: In Tunesien haben die Gewerkschaften eine entscheidende Rolle gespielt. Wie sieht das in Ägypten aus? In dem neuen Kabinett soll ja sogar ein Vertreter einer internationalen Gewerkschaftsorganisation sitzen.

Magdi: Es gibt in Ägypten zwei Arten von Gewerkschaften. Es gibt die offiziellen Gewerkschaften, aber die haben nichts zu sagen im alten System. Und wenn diese Gewerkschafter in internationalen Gremien vertreten sind, dann sagt das überhaupt nichts. Das sind Jobs, das sind Posten. Also diese Art von Gewerkschaften spielt keine Rolle.

Aber es gibt seit den letzten Jahren einige kleine, unabhängige Gewerkschaften, die über die sozialen Protestbewegungen entstanden sind, aber nicht anerkannt wurden. Zum Beispiel haben die Beschäftigten in den Finanzämtern eine eigene Gewerkschaft gegründet, nachdem sie über einen Monat vor dem Parlament protestiert hatten, dort  auf der Strasse gesessen und auch übernachtet hatten.

Es gibt aber auch die Syndikate, das ist etwas, was man in Deutschland so nicht kennt. Das sind Berufsvereinigungen, so z.B. das Syndikat der Ärzte, der Anwälte, usw.. Diese Art von Berufsverbänden hat natürlich in dem politischen Vakuum eine größere Rolle gespielt als nur reine Interessensvertretung für ihre Leute. Die spielen auch jetzt eine Rolle, aber Gewerkschaften im klassischen Sinne der Arbeiterbewegung gibt es nicht. Aber in den Betrieben nimmt der Widerstand zu, kommt es zu Aktionen.

Frage: Wie ist jetzt die Situation? Die Basis sagt Nein zu diesem Dialog, einschließlich der Jugend von der Muslimbrüderschaft. D.h., hier haben wir es auch mit einen Generationenkonflikt zu tun?

Jetzt handelt man die Modalitäten aus, wie Mubarak weg geht. Und wenn man sich die Rede von Barak Obama anhört, die er an das amerikanische Volk gerichtet hat, dann ist das ja nicht uninteressant. Er hat gesagt, die USA hätten mit diesen Leuten wie Mubarak zusammengearbeitet, weil das jahrzehntelang genutzt hat, was die Sicherheit Israels betrifft, was den Kampf gegen den "Terror" betrifft. Dann aber sagt er eine entscheidende Passage, dass nämlich jetzt das ägyptische Volk Mubarak nicht mehr will. Weniger diplomatisch ausgedrückt bedeutet dies, dass die USA Mubarak fallen lassen. Und dann sagt Obama noch etwas, was für westliche Ohren wirklich sensationell klingen muss. Die westlichen Medien und Politiker denken ja immer noch, entweder regiert im arabischen Raum ein Diktator oder die Islamisten. Und jetzt sagt Obama, dass die Muslimbrüderschaft in Ägypten existiert, aber sie hat keine Mehrheit. Das ist die Anerkennung der USA, dass dies eine islamische Richtung im arabischen Raum ist, mit der man sich engagieren kann, die man nicht ausschließen darf. Das ist für mich einer der wichtigsten Sätze.

Frage: Du kommst gerade vom Tahrir-Platz zurück. Wie ist die Stimmung dort?

Magdi: Ich möchte Dir einige interessante Beobachtungen schildern. Wenn ich da auf dem Platz stehe mit meinen weißen Haaren, in meinem Anzug, und im gepflegten arabisch diskutiere, - so etwas macht natürlich auch Eindruck - dann bilden sich um mich herum sehr schnell Diskussionsrunden. Meine Frage geht dann auch immer an die anwesenden Frauen, wie sich für sie die Situation nach dem 25. Januar geändert hat. Du musst wissen, der 25. Januar ist jetzt eine Art Zäsur in der ägyptischen Geschichte. Ihre Antwort fällt meist so aus, dass sich fast alles geändert habe. Früher haben die Frauen für das Brot gekämpft. Jetzt sagen die Ärmsten der Ärmsten, sie kämpften für Brot und Würde. Der Kampf um die Würde, das ist die gemeinsame Basis auch für die Frauen, die aus den Mittelschichten kommen und nicht mehr um das Brot kämpfen müssen. Allen ist klar, man kann nicht allein von Brot leben und nicht allein von Würde. Alle sind sich einig, dass man dies nicht teilen kann, Das ist die Einheit von politischer sozialer Frage. Brot und Würde, Brot und Freiheit, Brot und Demokratie – das ist hier auf dem Platz die vorherrschende Meinung.

Und dann ist da noch die Identitätsfrage. Wenn ich einen Ägypter vor 3 Wochen gefragt hätte, wer er ist, dann hätte er gesagt, ich heiße sowieso und bin Muslim, oder ich bin Kopte. Er hätte sich über seinen Glauben definiert. Heute sagen alle, ich bin Ägypter. Das ist etwas neues, anderes. Wie schnell sich so etwas in wenigen Wochen ändern kann. Es gibt eine patriotische Welle. Es werden überall ägyptische Fahnen usw. verkauft. Natürlich steckt auch Geschäftssinn bei den Verkäufern dahinter. Aber es gibt auch diesen Identitätswandel. Das ist kein Nationalismus. Ich weiß, dass man auf Grund der deutschen Geschichte gegenüber solchen Symbolen sehr skeptisch ist. Aber die ägyptische Flagge war auch nie ein Symbol des Kolonialismus. Heute gilt sie als Symbol der Befreiung.

Noch ein Gedanke zum Schluss. Wir alle wissen hier, dass die Tunesier mit ihrem Kampf das Tor aufgestoßen haben. Dass mit diesem Beispiel die Jugend in den ersten Nächten einen solchen Widerstand gegen die Polizei entwickelt hat, das war dann auch für Ägypten der Durchbruch. Man müsste hier auf dem Tahrir-Platz in Marmor schreiben, dass das Tunesische Volk für Ägypten die Tür aufgestoßen hat. Deshalb auch meine Bitte an alle: Vergesst Tunesien nicht!

Die Fragen stellte Michael Maercks


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