Im Interview
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Hubert Thiermeyer verdi by20.04.2013: Der HDE (Handelsverband Deutschland) hat zum 30. April 2013 Lohn- und Manteltarifvertrag für den Einzelhandel gekündigt. In einem Interview erklärt Hubert Thiermeyer, Leiter des Fachbereichs Handel bei ver.di in Bayern die Hintergründe dieses strategischen Schritts.

Frage: Der HDE hat neben dem Lohntarif auch den Manteltarifvertrag für die drei Millionen Beschäftigten im Einzelhandel gekündigt. Ihm gehe es um eine "Modernisierung der veralteten Tarifverträge", argumentiert er. Was bezweckt er mit diesem Vorstoß?

Hubert Thiermeyer: Die Kaufkraft der Mehrheit der Menschen im Land ist seit Jahren real rückläufig. Dies führt zu nahezu stagnierenden Umsätzen im Einzelhandel. Die Kapitalstrategie der Konzerne im Handel ist ein gnadenloser Verdrängungswettbewerb über längere und unsozialere Öffnungszeiten, immer mehr Verkaufsflächen, obwohl sich vielfach schon die bestehenden nicht rechnen und Preiskriege. Die Kosten dieses Verdrängungswettbewerbs werden auf die Beschäftigten entlang der gesamten Wertschöpfungskette abgewälzt.

Der aktuelle Vorstoß der Arbeitgeberverbände versucht die existenzsichernden Tarifverträge zu verschlechtern. Dabei geht es zum einen darum die Kerntätigkeit des Verkaufens abzuwerten, deshalb sollen Tarifverträge in denen Kassierinnen höher bewertet sind, im ersten Schritt abgewertet werden. Zum anderen wollen sie bei der Warenverräumung die tariflichen Standards auf das Niveau der ausgegliederten prekären Beschäftigung runter ziehen. Sie wollen den Schutz der Tarifverträge vor der Konkurrenz der Beschäftigten untereinander im ersten Schritt angreifen und im zweiten Schritt aushebeln.

Frage: Die Manteltarifverträge sollen also verschlechtert werden. Kannst Du das an einem Beispiel konkretisieren?

Hubert Thiermeyer: Wir haben schriftlich vorliegen, was Herr Schrödinger, der Geschäftsführer der Metro-Tochter  'real' den Beschäftigten abverlangen will: Danach soll bei den KassiererInnen eine Summe von 7,3 Millionen Euro eingespart werden, durch niedrigere Eingruppierungen und Streichung von Kassierzulagen. Auch die Verräumtätigkeiten sollen niedriger eingruppiert werden und dadurch bei den Betroffenen 8,0 Millionen allein bei der Firma real eingespart werden. Zudem will er die Nachtzuschläge streichen bzw. wesentlich reduzieren, geplante Kosteneinsparung: 4,5 Millionen Euro. In der Summe also 20 Millionen Euro bei real,- auf Kosten der Beschäftigten.

Frage: Ihr sprecht von einem "Generalangriff der Arbeitgeberverbände", von einer der härtesten Tarifauseinandersetzungen, die auf euch zukommt. Wieso diese Dimension?

Hubert Thiermeyer: Es ist ein Angriff auf die Kerntätigkeiten im Einzelhandel, Warenverräumung und Verkauf (Kassierung). Warenverräumung ist bei vielen Konzernen weitgehend ausgelagert – zuerst mit Leiharbeitern, dann Werkverträge. Diese Tätigkeiten sollen jetzt wieder zurückgeholt und mit eigenen Beschäftigten ausgeführt, aber das Niveau soll auf die Bedingungen von prekär Beschäftigten herunter gezogen werden. Es wäre ein Musterbeispiel, wie in Zukunft tariflich geschützte Beschäftigte durch prekäre Beschäftigung attackiert werden. Bei den KassiererInnen geht es darum, sie herunter zu gruppieren, vor allem in den drei Landesverbänden, wo sie bisher in einer höheren Tarifgruppe sind. Das Ganze hängt mit einer Umstrukturierung des Handels zusammen, mit dem Handel der Zukunft.

Frage: Meinst Du die weitere Automatisierung des Warendurchlaufs? Die Kasse ohne Kassiererin?

Hubert Thiermeyer: Genau. Geht es nach den Konzernen kennt der Handel der Zukunft kaum noch eine Kassiertätigkeit. Die Ware wird über Chips gescannt. Jede Ware erhält einen so genannten RFID-Chip (radio-frequency identification), womit sie gescannt werden kann, und zwar automatisch die gesamte Palette beim Wareneingang oder der ganze Warenkorb beim Verkauf. Damit entfällt z.B. die Arbeit in der Wareneingangskontrolle, schon jetzt gibt es Versuche, Läger vollautomatisch zu  steuern. Damit soll die Warensteuerung bis zum Tor des Verkaufsraumes automatisiert werden. Von der Rampe bis in den Verkaufsraum sollen dann nur noch die Warenverräumer tätig sein und deshalb soll deren Tätigkeit dramatisch verbilligt werden

Frage: Aber am Verkaufspunkt oder an der Kasse brauche ich doch noch Personal!?

Hubert Thiermeyer: Nach den Konzernvorstellungen nicht. Hier gibt es zwei Möglichkeiten. Einmal das Sebst-Scanning, das es ja bereits gibt, z.B. bei real, bei IKEA und anderen. Die eigentliche Zukunft aber liegt bei der RFID Technologie: Der Kunde fährt seinen Einkaufswagen durch den Scanner, dieser liest die Ware aus, und an einem Bildschirm leuchtet der gesamte Rechnungsbetrag auf. Der Bezahlvorgang soll dann bargeldlos - mit ec-Karte, mit Kreditkarte und oder mit Kundenkarten - erfolgen. All diese haben in Zukunft ebenfalls einen RFID-Chip integriert. Manche Banken machen das bereits jetzt bei der Neuausgabe der ec-Karten. Der Automat fragt dann nur: "Soll der Betrag von ihrem Konto abgebucht werden?"  Das Problem ist heute nur noch, dass der RFID-Chip etwas zu teuer ist, um ihn auf jeden Joghurt-Becher zu kleben. Aber das ist nur noch eine Frage der Zeit, bis er so billig zu haben ist. Dann versuchen die Konzerne die nächste große Arbeitsplatzvernichtung im Handel.

Frage: Also der Supermarkt ohne Personal und ohne Service?

Hubert Thiermeyer: Nicht ganz. Der Service wird sicherlich runtergefahren, das Verkaufspersonal weitgehend rausgeschmissen. Aber die Sicherheitsdienste und die Sicherungstechnik werden ausgebaut. Deshalb sind in den Träumen mancher Konzernchefs in Zukunft am Verkaufsterminal keine VerkäuferInnen mehr, aber dafür Sicherheitskräfte. Da das Sicherheitspersonal am stärksten unter Lohndruck steht, ist es  allemal billiger als VerkäuferInnen.

Frage: Das wird ja dann ein richtiges Shopping-Vergnügen – einkaufen unter den Augen des Sheriffs. Aber, wenn die Verkäufer ohnehin überflüssig werden, warum sollen sie jetzt unbedingt noch runtergruppiert werden?

Hubert Thiermeyer: Das Ganze betrifft die mittelfristige Entwicklung der nächsten Jahre, das ist der Kern dessen, was die Unternehmer unter "Modernisierung" verstehen. Darauf bereiten sie sich vor und im Hinblick darauf wollen sie die jetzigen Arbeitsbedingungen dequalifizieren, segmentieren, abgruppieren.

Es werden nicht alle Verkäuferinnen überflüssig. Es gibt bei den Kunden die Verweigerer, die sich nicht auf die neue Technik einlassen wollen, obwohl sie so gestaltet wird, dass auch weniger Technik Begeisterte damit zurechtkommen. Es gibt auch bestimmte Betriebsformate, wo sich dieses Konzept nicht umsetzen läßt. Deshalb wird es nach wie vor Barkassen geben müssen. Also z.B. bei real mehrere Kassen mit RFID und eine oder zwei Barkassen. Bei 290.000 Betrieben im Einzelhandel sind das immer noch ca. 700.000 KassiererInnen, die dann gebraucht werden. Und die man zu Niedrigstlöhnen beschäftigen will.

Frage: Zurück zur Tarifrunde. Mit welchen Forderungen geht ver.di in die Auseinandersetzungen.

Hubert Thiermeyer: Die Große Tarifkommission für den bayerischen Einzelhandel hat am 12. März folgende Forderungen beschlossen:

  • Erhöhung der Löhne und Gehälter um 6,5 Prozent mindestens aber um 140 Euro;
  • Erhöhung der Ausbildungsvergütung um 90 Euro;
  • die Laufzeit des Tarifvertrages soll 12 Monate betragen.

Darüber hinaus gilt es, den Generalangriff der Unternehmer mit allen Mitteln abzuwehren. Wir dürfen nicht zulassen, dass der Verdrängungswettbewerb der Handelskonzerne auf dem Rücken der Beschäftigten ausgetragen wird. Dazu brauchen wir auch die Solidarität der Bevölkerung.

Das Interview führte Fred Schmid, isw 

Karikatur: Bernd BückingMTV Grafik001 bb 600

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