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der_fall_konrad_cover09.11.2011: „Du kannst doch einfach pro forma aus der DKP austreten.“ Der Volksschullehrer Konrad war wohl nicht der erste von Verfolgung Bedrohte, der solch wohlmeinenden Rat erhielt. Für ihn kam das nicht in Frage. Er hatte sich geschworen, „alles zu tun, um der heranwachsenden Generation die Leiden und Verbrechen des Krieges aufzuzeigen und sie davor zu bewahren, diese Schrecken noch einmal zu erleben“ (Vorwort). Auch deswegen war er Kommunist geworden.

Mehr als vier Jahrzehnte nach dem Nazi- Gesetz „Zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ sind vergangen und zwei Jahre seit Verkündung des „Radikalenerlasses“ der Regierung Willy Brandts. Da nimmt die Bezirksregierung Mittelfranken Friedrich Konrad aufs Korn, den Mann mit dem Namen eines lutheranischen Kirchenlieddichters, der die Gläubigen im 17. Jahrhundert zur „ungefärbten Einigkeit“ gegen den Feind aufrief. Der Lehrer Konrad war zu der Zeit Vorsitzender der DKP in Altdorf.

In seiner Autobiografie, in diesem Sommer von seiner Tochter herausgebracht, füllen die Dokumente seines Berufsverbotefalls mehr als die Hälfte der 129 Seiten. Der Buchumschlag jedoch zeigt nicht sein Konterfei, sondern dichtgedrängt demonstrierende junge Leute, Berufsverbote-Gegner.

Die Hexenjagd der 70er und 80er Jahre zielte in erster Linie auf die kritischen Lehrkräfte, die von den Unis in die Schulen strömten; einschüchtern sollten sie die gesamte Linke.

Friedrich Konrad hatte man feierlich ins Amt berufen, gleich mit vier Urkunden auf einmal! Nun soll der 52-Jährige nach 13 Jahren daraus vertrieben werden. Das war der in dieser Form erste staatliche Gesinnungsangriff gegen einen Lebenszeitbeamten – unerhört nicht nur für die Bewohner des kleinen Ortes bei Nürnberg.

Was den Kommunisten im ganzen Land wider Willen über Nacht berühmt macht, ist der darauf folgende Sturm der Entrüstung. Die Behörde muss bald feststellen, dass sie sich übernommen hat. Denn der erfahrene Volksschullehrer hat allgemein ein sehr hohes Ansehen, unter anderem abzulesen an den offiziellen Auszeichnungen für sein Engagement, nicht zuletzt von seinen Dienstvorgesetzten.

So versanden die Vorermittlungen irgendwann in acht Jahre anhaltendem Schweigen. Man lässt sein Opfer samt Familie schmoren. Insbesondere den Kindern macht die ständige Anspannung zu schaffen.

Die besondere Perfidie des Falls Konrad liegt nun darin, dass der Freistaat unerwartet einen zweiten Vorstoß startet. Und zwar schöpft er „Verdacht auf ein Dienstvergehen“ – acht Monate, nachdem Friedrich Konrad in Pension gegangen ist! „Vielleicht wollte man zunächst mal seine guten Dienste in Anspruch nehmen und erst zuschlagen, wenn er nicht mehr in der Schule eingebunden ist“, mutmaßt sein Rechtsanwalt damals (S. 53).

Allerdings: Wiederum hat die Bezirksregierung Mittelfranken die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Selbst die CSU-Basis wird rebellisch. Das Ganze sei „ein starkes Stück“, so eine nach eigenen Angaben langjährige CSU-Wählerin. Überhaupt wäre es „gar nicht so schlecht“, wenn „solche Männer, wie Herr Konrad, im Altdorfer Stadtrat wären“ (S. 82).

Der Landeswahlleiter gibt sich erstaunt: Schließlich sei doch Konrads „Rechtsstellung als Kandidat ... nicht beeinträchtigt; er kann kandidieren und auch gewählt werden“ (S. 39). Das hat der Genosse Lehrer sich nicht zweimal sagen lassen: Er tritt eins ums andere Mal an, um „roten Pfeffer ins Rathaus“ (Wahlplakat der DKP von 1982) oder in den Landtag zu bringen.

Und noch einmal muss die Behörde klein beigeben, diesmal endgültig.

Nicht zuletzt, weil sich auch das Ausland inzwischen laut vernehmlich Sorgen wegen der Menschenrechtssituation in Deutschland macht. Aus Frankreich und den Niederlanden, auch aus der damaligen CSSR hagelt es Protestnoten.

Apropos CSSR: In Konrads Jugend hieß seine einstige Heimat noch Tschechoslowakische Republik, dann „die Tschechei“, heute ist Tschechien daraus geworden – zu diesem Land also hat Konrad eine besondere Beziehung. Der Sudetendeutsche hatte, noch bevor es ihn nach Bayern verschlug, schon einiges mitgemacht, oft an Schnittstellen historischer Ereignisse. So lernen wir von ihm manches, das so nicht in unseren Geschichtsbüchern steht: Unter anderem über das Auftreten der deutschen Minderheit und der Henlein-Faschisten in Prag nach dem Münchner Abkommen, über die Misshandlungen jüdischer Bürger wie z. B. auch seiner Frau Eleonore und über das Ghetto Theresienstadt, über SS und Wehrmacht und über die Rote Armee.

Der aus der Goldenen Stadt Zwangsausgewiesene kehrt Jahrzehnte später zurück, um zusammen mit seiner Frau und anderen Genossen eine deutsch-tschechische Städte-Partnerschaft auf die Beine zu stellen. Schon als Junge hatte ihm der Internationalismus der tschechischen KP imponiert. Nach enttäuschendem erstem Anlauf bringen westböhmische und nordbayerische Kommunisten dann doch einen munteren Austausch zuwege.

Somit hat der Chronist Konrad hier ganz nebenbei ein Stück „Vertriebenengeschichte“ der anderen Art geschrieben. Und die Berufsverbote – sind sie jetzt endlich auch Geschichte geworden? Nach dem Anschluss der DDR gingen sie eigentlich erst richtig los. Nur: Die Massenentlassungen und Abwicklungen von SED-Mitgliedern und tatsächlichen oder angeblichen „Stasi“-Mitarbeitern hat die Öffentlichkeit – dank medialer und staatlicher Gehirnwäsche – kaum als Berufsverbote wahrgenommen.

„Berufsverbote“ und „Radikalenerlass“ schienen über Jahre kein Thema mehr zu sein.

Als auf einmal 2004 der Antifaschist Michael Csaszkóczy in Baden-Württemberg nicht Lehrer werden durfte, war so mancher brave Demokrat ehrlich schockiert. Damals hoffte nicht nur der damalige GEW-Landesvorsitzende, dass dieser Fall definitiv das „letzte Berufsverbot“ sein würde. Immerhin erstritt der Heidelberger relativ schnell (zwei Jahre später) auch eine finanzielle Wiedergutmachung.

Wiedergutmachung? Friedrich Konrad, der bereits in der Adenauer-Ära unter Schikanen zu leiden hatte, ist nie entschädigt worden. Die ohnehin magere, erst 1948 zuerkannte Entschädigung für ihn als Kriegsversehrten fraß ihm innerhalb von drei Tagen die Währungsreform weg.

Umso reicher war der rührige Altdorfer an Wertschätzung, ja, Zuneigung durch seine Schüler und Schülerinnen und durch die vielen anderen, für die er sich zeit seines Lebens einsetzte. Als das Verfahren gegen den Pensionär offiziell eingestellt wird, meldet der Volkskorrespondent Erich Schreier der UZ: Der Dr. Zier von der Bezirksregierung in Ansbach habe die Presse höchstpersönlich über diesen Beschluss der Behörde informiert, was in Personalfragen sonst absolut unüblich sei. Grund: Man müsse jetzt schließlich die Öffentlichkeit „beruhigen“.

Das war 1983. Mittlerweile haben wir sogar 1984 (!) weit überschritten. Der Ruheständler Konrad wird in Ruhe gelassen, aber „beruhigt“ wird er wohl nicht sein. Seit August gibt es das Internetportal „Bayern gegen Linksextremismus“ und nach wie vor übt Bayern mit routinemäßigen Gesinnungsprüfungen („Regelanfrage“) Druck nicht nur auf Lehrkräfte aus. Der Überwachungsstaat verfügt über noch viel subtilere Mittel, nicht erst seit Erfindung der „Staatstrojaner“.

Doch die junge Generation von Internetnutzern kommt den Herrschenden zunehmend auf die Schliche. Massen „Empörter“ gehen in ganz Europa auf die Straße. Ihnen wie uns allen hat der 90-jährige Kommunist viel zu sagen, gerade auch, weil er seine eigene Entwicklung nicht als bruchlos darstellt. Hut ab vor diesem Volksschullehrer, der sich nicht hat vertreiben und nicht hat kleinkriegen lassen – diesem Lehrer des Volkes!

Text: Eva Petermann (Vorabdruck aus der UZ vom 11. November 2011)

Der Fall F. Konrad – Wie man einem DKP-Mitglied den Beamtenstatus entziehen wollte. Nürnberg 2011, 9, 90 Euro, Verlag Peter Engstler

Zu bestellen beim Neue Impulse-Verlag, Hoffnungstraße 18, 45127 Essen

Am Sonntag, den 13.11.11, wird Fritz Konrad sein Buch auf der 16. Linken Literaturmesse im Nürnberger Künstlerhaus (K 4) vorstellen. (Königstr. 93 - Nähe Hauptbahnhof)

 

Frifofu 24Mai2019 Logo

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