Literatur und Kunst
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harry belafonte 2011 shankbone04.03.2017: Schwer zu sagen, wer ihn mehr verehrte: Die Schmuddelkinder von Harlem, wo Harry Belafonte aufwuchs, oder die Straßenhändler Jamaicas („dally me banana“) oder die jungen Tanzclub-Frauen, denen sein Charme und sinnlicher Hüftschwung (noch bevor Elvis damit anfing) den Verstand raubte? Oder waren es die Rapper und Breakdancer im sozialistischen Kuba und in der DDR, denen er mit seinem Hip-Hop-Film „Beat Street“ (1985) und seinem guten Draht zur Regierungspartei SED und zu dem von ihm verehrten Fidel Castro zur Anerkennung verhalf? Harry Belafontes weltweite Fangemeinde war und ist unübersehbar.

Er hatte das Zeug zum Vorzeige-Schwarzen des American Dream. Was ihn jedoch unsterblich machen wird, ist sein „rebellisches Herz“, wie er selbst es nannte, sein riesengroßes Herz für alle Unterdrückten. Mit ätzender Schärfe geißelte er den Rassismus in den USA und anderswo, den Vietnam-Krieg, den Putsch in Chile und die Verhaftung des Komponisten Theodorakis durch die griechischen Obristen. George W. Bush nannte er „den größten Terroristen der Welt“ und prangerte Donald Trump wegen seiner Ku-Klux-Klan-Kontakte an. Im Januar unterstützte er, hochbetagt, gemeinsam mit der kommunistischen Aktivistin Angela Davis, den „Marsch der Frauen“ gegen Trump.

Am 1. März ist Belafonte 90 Jahre alt geworden. Er kann auf ein Wahnsinnsleben zurückblicken, mit Fast-Abstürzen und Schwindel erregenden Triumphen.

Harold George Bellanfanti, Sohn einer Haushälterin aus Jamaica und eines Kochs aus Martinique, ihrerseits Abkömmlinge weißer und schwarzer, schottischer und jüdischer Vorfahren, ging in New York zur Schule. Als Marine-Soldat riskierte er im 2. Weltkrieg sein Leben im Kampf gegen die Nazis, um in den 1940ern, nach wie vor Bürger 2. Klasse, mit einem Hausmeister-Hilfsjob „belohnt“ zu werden. Sein bester Freund war ein Tellerwäscher namens Sidney Poitier, später der erste schwarze Oscar-Preisträger, der übrigens kürzlich ebenfalls 90 Jahre geworden ist.

Notorisch knapp bei Kasse, aber süchtig nach dem „American Negro Theater“ von New York, schafften sie irgendwann den Sprung in die Schauspielklassen von Erwin Piscator u.a., zusammen mit späteren Stars wie Marlon Brando. Die Kursgebühren verdiente sich Belafonte als Sänger in einer Bar, wo sich u.a. musikalische Genies wie Miles Davis und Charlie Parker tummelten.

Mit seinen Filmrollen in Otto Premingers Musical „Carmen Jones“ (1954) und „Island in the Sun“ (1957) begann sein kometenhafter Aufstieg. Ironischerweise wurden seine Gesangsparts in dem Musical gedoubelt! Eine Hauptrolle in Gershwins „Porgy und Bess“ schlug er aus: Zu klischeehaft-rassistisch. Überhaupt ging ihm das  Filmrollen-Angebot für schwarze Schauspieler gegen den Strich. So wandte er sich wieder mehr der Musik zu.

Sein Album „Calypso“ (1956) mit karibischen Liedern wie „Island in the Sun“, „Matilda“ und „Banana Boat Song“ brach alle Verkaufsrekorde. Er war in vielen Genres zu Hause – im Blues und Gospel, aber auch im Folk, mit dessen Wurzeln er sich beschäftigte.

Es blieb nicht aus, dass Belafonte in seiner über 60 Jahrzehnte langen Laufbahn geradezu überschüttet wurde von Lob, Preisen und Ehrungen, darunter die Mitgliedschaft in der (Ost-)Berliner Akademie der Künste.

Doch schützte sein Weltruhm ihn keineswegs vor Diskriminierung, Zensur und Drohungen. Wie Pete Seeger und Charlie Chaplin stand er in den 1950ern auf der Schwarzen Liste des Kommunistenjägers McCarthy, darunter auch sein „Mentor“ und Idol Paul Robeson, der legendäre Bassbariton.

Seinerseits förderte Belafonte als erfolgreicher Star nicht nur die bis dahin in den USA unbekannten Sängerinnen Nana Mouskouri aus Griechenland und die vom Rassistenregime in Pretoria gebannte Miriam Makeba. Mit ihr ging er auf Welttournee.

Zumeist jedoch war er nur in den USA unterwegs, da er die Bürgerrechtsbewegung nicht im Stich lassen wollte. Mehr als einmal finanzierte er deren Aktionen wie den „Marsch der Armen“ nach Washington und stand dem ihm eng vertrauten Martin Luther King in vieler Hinsicht zur Seite.

Bei alledem war er keineswegs ein Kind von Traurigkeit und schwelgte in seinem Millionenvermögen. Nicht immer widerstand er  den Verlockungen von Alkohol und Hollywoodschönheiten und vernachlässigte seine Familie. Zeitweilig geriet er in den zwielichtigen, mafiösen Dunstkreis um das „Ratpack“. Und irgendwann wanzte sich ein waschechter FBI-Maulwurf an ihn ran. Dessen bohrendes Interesse an seinem kommunistischen Freund Paul Robeson machte ihn schließlich hellhörig.

All das ist spannend zu lesen in seinen Memoiren „My Song“, die 2011 erschienen, gleichzeitig mit der Film-Doku „Sing your Song“. Anlässlich von deren Premiere auf der Berlinale erzählte Harry Belafonte, Paul Robeson habe ihn einst ermutigt: „Sing dein Lied! Nur dann kann man dich hören.“ Und fügte hinzu: „Als die Menschen massenhaft anfingen, Lieder von mir zu singen, wusste ich, dass ich etwas bewirken kann.“

Aus kleinen Siegen gegen das kapitalistische System hier und da schöpft er seinen Optimismus. „Die Menschen müssen mehr Widerstandsgeist entwickeln,“ sagte er dem TV-Sender „Democracy Now“ im Dezember. „Die Maschine kann gestoppt werden.“

Happy birthday, comrade Harry!

Text: Eva Petermann   Foto: David Shankbone

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