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alt05.07.2010: Am 25. Juni jährte sich zum 60ten Mal der Beginn des sogenannten Korea-Krieges. In unseren Medien wenig beachtet und wenn, dann wurden in aller Regel Legenden über den Kriegsbeginn zu Lasten der 'Nordkoreaner' verbreitet und die Gelegenheit genutzt, um in den aktuellen Spannungen zwischen Südkorea, den USA und Nordkorea erneut alle Schuld auf die 'bösartigen' Nordkoreaner zurück zu führen. Dagegen die Fakten über die politischen Triebkräfte und Prozesse in dieser Weltregion nach 1945 zurecht zu rücken, ist weiterhin eine wichtige Aufgabe aller Antiimperialisten. Genauso wertvoll ist es aber auch, über Lehren und Erkenntnisse aus diesen Geschehnissen vor ca. 60 Jahren nachzudenken.

Wenn man über Kriege und deren Triebkräfte Klarheit gewinnen will, gilt immer noch die Clausewitz-Aussage, dass man die dahinter stehende Politik der Kriegsparteien analysieren und enthüllen muss. Im Fall des Koreakrieges geht die Vorgeschichte dieser Politik zurück auf das Ende der japanischen Besatzung des Landes im August 1945 (nach der Kapitulation). UdSSR und USA besetzten den nördlichen bzw. südlichen Teil. Ein patriotische, breite Bewegung für die Bildung eines unabhängigen Korea unter Führung von Yeo Un-Hyeong organisierte Volkskomitees zur Vorbereitung und rief am 9.9.1945 die Volksrepublik Korea in Seoul aus. Auch wenn unter aktiver Beteiligung von Kommunisten, war dies keineswegs eine kommunistische Regierung, aber eine konsequent volksdemokratische Regierung, wie ihr 20-Punkte Programm vom 14.9.1945 (so eine Landreform und Nationalisierung zentraler Wirtschaftsbereiche) beweist. Sie fand im ganzen Land große Zustimmung und Unterstützung.

Diese Entwicklung haben die USA von Anfang an missachtet, hintertrieben und schon im Dezember 1945 die im ganzen Land wirkende Volksrepublik Korea in ihrem Besatzungsgebiet liquidiert. Sie errichteten ihr eigenes Verwaltungs- und Regierungssystem, gaben Kollaborateuren der Japaner Macht und Funktion, inthronisierten ein Marionettensystem unter Rhee Syngman, organisierten und duldeten reaktionären Terror. "Vor allem auf der südlichen Insel Cheju, wo es Anfang April 1948 zu einem Volksaufstand gegen die Regierung gekommen war, wütete die Reaktion. Lange Zeit in den USA unter Verschluß gehaltene Dokumente beziffern die Zahl der bei der brutalen Niederschlagung dieses Aufstands Getöteten zwischen 30.000 und 60.000 Personen. Jüngere südkoreanische Untersuchungen gehen davon aus, daß etwa ein Viertel der damals 300.000 Residenten auf Cheju ums Leben gekommen sind." (jW vom 25.6.2010).

Ähnlich wie in Deutschland waren die USA zunächst auf eine staatliche Teilung des Landes aus, getreu der Devise: das Halbe ganz zu beherrschen ist besser, als das Ganze gar nicht. Im Frühjahr 1948 veranstalteten die USA einseitige und manipulierte Wahlen im Süden Koreas, am 15.8. rief Rhee Syngman sich zum Sieger der Wahlen und die Gründung der Republik Korea aus. Wenig später, am 9.9. antwortete der Norden mit der Ausrufung und Gründung der Demokratischen Volksrepublik Korea (DVRK) unter Führung von Kim Il-Sung.

Diese kurze Skizzierung der Geschehnisse und Prozesse vor dem 25.6.1950 zeigt deutlich, dass die USA sich aggressiv in die inneren Angelegenheiten der koreanischen Nation einmischten, den Willen des koreanischen Volkes vollständig missachteten und versuchten, ihren Besatzungsteil unter vollständige Kontrolle zu bekommen. Deswegen ist die oberflächliche Fragestellung danach, wer im Koreakrieg den ersten Schuss abgab, eine Ablenkung und Verschleierung dessen, worum es politisch ging und wozu das koreanische Volk jedes Recht hatte: es ging um die Beseitigung eines Marionettenregimes im Solde der imperialistische Großmacht. Und dass der Führer dieses Marionettenregimes keine friedliche Selbstbeschränkung kannte, zeigt seine mehrmalige öffentliche Prahlerei, man sei für den Kampf mit dem Norden gut gerüstet und werde "im Marsch gen Norden Pjönjang innerhalb von drei Tagen erobern".

Wie dann die Eröffnung militärischer Aktionen in voller Breite entlang der Grenze der Besatzungszonen am 38. Breitengrad am 25.6.1950 sehr schnell zeigte, war das Regime von Rhee Syngman weder gut gerüstet, noch fand es nennenswerte Unterstützung der Volksmassen in Südkorea. Schon Anfang September hatten die Truppen der DVRK fast ganz Südkorea erobert. Nur ein kleines Gebiet um Pusan (etwa 10% des Landes, wie auf dieser Karte zu sehen) war unter Kontrolle der USA und ihrer Marionetten.

Tragisch, ja man kann sagen verhängnisvoll wirkte sich in dieser Phase das diplomatische Agieren der UdSSR unter Stalin aus. Die Sowjetunion hatte im Januar 1950 beantragt, die VR China in den Sicherheitsrat aufzunehmen und die Republik China auszuschließen. Seit der Ablehnung des Antrags hatte die SU den Sicherheitsrat boykottiert. Die USA aber versuchten ganz bewusst den Sicherheitsrat und die UN für sich und ihre antikommunistischen Feldzüge zu instrumentalisieren.

Auf Initiative der USA wurde schon am 25.6.1950 eine Sitzung des UN-Sicherheitsrates einberufen. Die USA brachten einen Resolutionsentwurf ein, nach dem Nordkorea als „Aggressor“ (act of unprovocated aggression) verurteilt werden sollte. Man entschied sich jedoch für den leichteren Terminus „Friedensbruch“ (breach of peace), Nordkorea wurde aufgefordert, die Kampfhandlungen einzustellen und seine Streitkräfte zurückzuziehen. Die Resolution (SC82) wurde mit 9 : 0 Stimmen angenommen, wobei sich Jugoslawien der Stimme enthielt und die Sowjetunion fehlte.

Bereits am 27.6.1950 brachten die USA eine zweite Resolution im Sicherheitsrat ein (SC83), in der die UN-Mitglieder aufgefordert wurden, der Republik Korea all die Unterstützung zu geben, die notwendig wäre, den "bewaffneten Angriff zurück zu weisen und internationalen Frieden und Sicherheit in der Region wieder herzustellen." Ein Freibrief für die USA, der wieder wegen Abwesenheit der UdSSR-Vertretung durchging. Am 7. Juli 1950 wurde dann eine weitere Resolution (SC84) verabschiedet, die alle an der Mission beteiligten Truppen unter amerikanisches Kommando stellte, allerdings durften/sollten die Truppen die UN-Fahne vorantragen. 15 Staaten der damaligen UN folgten dem amerikanischen Kommando. Auch hier kein Veto der UdSSR im Sicherheitsrat.

Erst im August 1950 gab die UdSSR ihre Verweigerung in der UNO auf und arbeitete wieder im Sicherheitsrat mit. Aber bis dahin waren alle Möglichkeiten leichtfertig vertan, durch ein Veto im diplomatischen Feld der Aggression der USA entgegen zu treten, die diese jetzt unter der Scheinschirmherrschaft der UN organisieren konnten. Denn de facto wurden die 'UN-Truppen' ausschließlich von den USA geführt. Und sie führten ihn mit maßloser Grausamkeit nach der Devise "erst schießen, dann fragen" und verübten beispiellose Zerstörung.

Wie wichtig eine frühere Mitarbeit der UdSSR im Sicherheitsrat der UN gewesen wäre, zeigte sich gleich bei der nächsten Resolution der USA, die sie Ende September planten und die ihnen und ihrer antikommunistischen Heerschar erlauben sollte, "über den 38. Breitengrad vorzustoßen und die Nordkoreanische Volksarmee (Anm.: und damit die DVRK) zu zerschlagen." Unter Bruch bzw. Umgehung der Charta der vereinten Nationen brachten die USA diese Resolution (GA-RS 376) in der von ihnen dominierten Generalversammlung ein, wo sie am 7.10.1950 mit 45:5 bei 7 Enthaltungen angenommen wurden. Im Sicherheitsrat jedoch hatte diese jetzt bei Teilnahme der UdSSR keine Chance mehr, der Ruch des willkürlichen Satzungsbruches wird immer an ihr kleben.

Diese Sachverhalte machen erkennbar, wie wichtig und unverzichtbar es ist, auch in den von Reaktionären beherrschten Organisationen niemals freiwillig das Feld zu räumen, solange noch Kampfmöglichkeiten im Interesse der Völker in ihnen bestehen.

Die Resolution vom 7.10.1950 spiegelt aber auch die entscheidende strategische Wende im Korea-Krieg wider. Denn schon in den Sommermonaten hatte die junge VR China (im Oktober 1949 ausgerufen) deutlich gemacht, dass sie ein Überschreiten des 38. Breitengrades durch die USA/UN-Truppen und die evtl. Eroberung Nordkoreas als Angriff auf sich selbst betrachten würde. Die USA aber und insbesondere ihre militärische Führung unter General MacArthur ignorierten diese Warnungen und rechneten auf den 'Schutz' durch die UN-Resolutionen für ihre Aggression. Mit der geballten Macht ihrer Interventionstruppen hatten sie die koreanische Volksarmee Ende September wieder über den 38. Breitengrad nach Norden zurück getrieben.

Daraufhin bildete die VR China am 8.10.1950 die Volksfreiwilligenarmee für den "Widerstandskrieg gegen Amerika und Hilfe für Korea", nach weiterem Vordringen der USA/UN-Truppen griffen die chinesischen Verbände Ende Oktober erstmals in den Krieg ein und jagten gemeinsam mit den nordkoreanischen Soldaten unter Führung von General Peng De-huai die USA/UN-Truppen im Laufe der nächsten drei Monate bis südlich des 38. Breitengrades zurück, um den herum später die noch heute gültige Demarkationslinie des Waffenstillstandsabkommens festgelegt wurde.

Vor wenigen Tagen veröffentlichte jetzt die VR China erstmals genaue Zahlen über diesen Einsatz. Generalmajor Xu Yan, auch Professor an einer Universität der Volksbefreiungsarmee, machte diese Angaben in einer parteinahen Zeitung: zwischen Oktober 1950 und Juli 1953 kämpften insgesamt 2,97 Mio. Chinesen in Korea; 114.084 Soldaten starben in Kampfaktionen unmittelbar, ca. 70.000 starben an Verwundungen und Krankheiten, 25.621 Soldaten gelten als vermisst. Diese Angaben sind Ergebnis aktueller Forschungsarbeiten vor allem militärischer Forscher in der VR China. In diesem Zusammenhang hat der Militärforscher Luo Yuan auch der 'Politischen Konsultationskonferenz des chinesischen Volkes' eine erneute Gedächtnisveranstaltung zum 60. Jahrestag des Eintrittes der VR China in den Korea-Krieg vorgeschlagen, über die bisher aber wohl noch nicht endgültig entschieden wurde.

Ohne alle Einzelheiten zum Ablauf der Kämpfe zu vertiefen, soll doch an die strategischen Aspekte erinnert werden, aus denen Kommunisten noch heute Gewinn erzielen können. Die Erfolge der chinesischen Freiwilligenarmee stellten den ersten strategischen Sieg über den USA-Imperialismus dar (der zweite war der Sieg über die USA in Vietnam und Indochina Anfang der 1970er Jahre). Die VR China hat im Gegensatz etwa zu den USA die Teilnahme ihrer Truppen nie zur Ausübung von Besatzung oder Hegemonie in Korea ausgenutzt. Die eigenen Truppen wurden nach dem Waffenstillstandsabkommen 1953 zügig zurück geführt. Bis heute pflegt China eine - zweifellos nicht unproblematische - Freundschaft mit der KVDR (wie ein kürzliches Ereignis zeigt).

Die wichtigste Erkenntnis ist aber wohl die, dass wild entschlossener imperialistischer Aggression nicht durch Kompromisse oder Zurückweichen, sondern nur durch breitest möglichen Zusammenschluss dagegen und ggf. ebenso entschlossenen militärischen Widerstand - selbst unter schwierigsten eigenen Voraussetzungen - erfolgreich begegnet werden kann. Derzeit und hoffentlich dauerhaft bleibend ist es wohl vor allem dem Einfluss und dem Spannung mindernden Kurs der VR China zu verdanken, dass es zu keinen solchen Konfrontationen in und um Korea mehr kommt, wie vor 60 Jahren.

Text: hth  /  Foto: Chinesische Infanterie am Dreiecksberg

Anm.: Eine Vielzahl von durchaus wertvollen und ergänzenden Einzelheiten finden sich in der englischen (!) Darstellung der Wikipedia, insbesondere auch zur unvorstellbar schrankenlosen Zerstörungs- und Aggressionsbereitschaft der USA (u.a. Drohung mit Atombombenverwüstung) in diesem Krieg.