Analysen
Tools
PDF

Generalplan-Ost K.Meyer-194122.06.2011:  Am frühen Morgen des 22. Juni 1941 (heute vor 70 Jahren) begann die Deutsche Wehrmacht den von der deutschen faschistischen Führung in Auftrag gegebenen Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion. Fast vier Millionen deutsche und verbündete Soldaten überfielen unter Bruch der bestehenden Verträge, insbesondere des Friedens- und Freundschaftsvertrages vom 28.9.1939, den ersten sozialistischen Staat der Geschichte und überzogen ihn mit grenzenloser Zerstörungs- und Mordlust, wie sie in der Menschheitsgeschichte ohne Beispiel ist. Viel Gedenken in diesen Tagen beschäftigt sich völlig zu Recht mit diesen Aspekten, kaum jedoch wird der Blick auf die zu diesem Krieg führenden Entwicklungen, auf die Strategien der Beteiligten und der Kräfte, die ihn planten, behandelt und heraus gearbeitet.

Natürlich sprechen die 'Ergebnisse' des anschließenden fast vierjährigen Krieges in Osteuropa schon anhand der nackten Zahlen für sich: 27 Millionen Menschenleben wurden auf Seiten der UdSSR vernichtet, 11 Millionen Soldaten der Roten Armee wurden im Kampf umgebracht, drei Millionen Gefangene kamen in den deutschen Lagern um - viele davon ließen die faschistischen Aggressoren einfach verhungern - mehr als zwei Millionen sowjetische Juden wurden vor allem in den industriell organisierten Vernichtungslagern getötet, weitere sechs bis zehn Millionen Zivilisten fielen den gezielten und absichtlichen Vernichtungsaktionen der Deutschen zum Opfer. Leningrad wurde z.B. bewusst nicht von der Wehrmacht eingenommen, man wollte die Bevölkerung lieber durch Aushungern vertreiben und töten. Man schätzt darüber hinaus, dass im Krieg gegen die Sowjetunion auf ihrem Gebiet etwa 70.000 Dörfer, 1.700 Städte, 32.000 Fabriken und 65.000 km Eisenbahnlinien verwüstet und zerstört wurden.

Diese ungeheuren, kaum richtig vorstellbaren Zerstörungen und Morde wurden geistig vorbereitet, angestachelt und gerechtfertigt durch eine Vielzahl von entsprechenden Erlassen und Richtlinien, Anweisungen, Reden und die Propaganda über die medialen Mittel der deutschen Faschisten. So etwa wies Adolf Hitler am 30. März 1941 250 Generäle darauf hin: "Wir müssen von dem Gedanken des soldatischen Kameradentums abrücken. Der Kommunist ist vorher kein Kamerad und nachher kein Kamerad. Es handelt sich um einen Vernichtungskampf." In einem Erlass des Oberkommandos der Wehrmacht vom 15. Mai 1941 wurde festgelegt, dass für verbrecherische Handlungen deutscher Soldaten gegen feindliche Zivilisten kein Verfolgungszwang bestehe.

In Richtlinien zum Verhalten der deutschen Truppen in der Sowjetunion vom 15. Mai 1941 wurde vorgegeben: Der Kampf gegen den Bolschewismus verlange "rücksichtsloses und energisches Durchgreifen gegen bolschewistische Hetzer, Freischärler, Saboteure, Juden und die restlose Beseitigung jedes aktiven und passiven Widerstandes." Die Richtlinien vom 6. Juni 1941 zur 'Behandlung politischer Kommissare' schrieb vor: "Sie sind aus den Gefangenen sofort, d.h. noch auf dem Gefechtsfeld, abzusondern. ... Die Kommissare werden nicht als Soldaten anerkannt; der für Kriegsgefangene völkerrechtlich geltende Schutz findet auf sie keine Anwendung. Sie sind nach durchgeführter Absonderung zu erledigen." (Das Konzept der 'feindlichen Kombattanten' der neueren Kriegführung hat hierin schon seinen Vorgänger.)

Diesen Vorgaben entsprechend kämpften die deutschen Besatzer ohne erkennbaren und wahrnehmbaren Widerspruch. Die nach 1945 in der BRD verbreitete Legende von der angeblich nicht an Verbrechen beteiligten Wehrmacht - als ob nicht der Angriffskrieg selbst schon ein Verbrechen wäre - wurde inzwischen und insbesondere durch die sogenannte 'Wehrmachstausstellung' des Hamburger Institus für Sozialforschung von 1995 unabweisbar als Propaganda- und Selbstverteidigungslüge entlarvt. Das gilt u.a. für die direkten Morde an Zivilbevölkerung und Gefangenen - der Kommissarsbefehl wurde von niemandem in der Wehrmacht wirksam umgangen oder ignoriert, wer nicht selbst töten wollte, übergab das anderen Besatzungskräften -, das gilt für das Verhungernlassen von 3,3 Millionen Krieggefangenen, das gilt sogar für die Vergewaltigung sowjetischer Frauen in nicht geringem Maße, über die nicht geredet wurde, die jedoch an den erfassten Krankenmeldungen der Wehrmachtslazaretts in den besetzten Gebieten der Sowjetunion (Geschlechtskrankheiten) und späteren mündlichen Berichten Einzelner nachweisbar ist.

Dies alles berücksichtigend und der Notwendigkeit wegen hervorhebend, parteiisches Vergessen und Verdrängen auf deutscher Seite zu verhindern, ist es naheliegend festzustellen: "Das Ziel des Krieges gegen die Sowjetunion war die Zertrümmerung der UdSSR, die Vernichtung der Roten Armee und die Auslöschung der sozialistischen Lehre und Weltanschauung." (jW Nr. 128-2011) Doch greift eine derartige Analyse zu kurz, ist zu oberflächlich, geht nicht auf den Kern und ist nur eine Hälfte der Wahrheit. Die andere Hälfte ist das faschistische Programm und strategische Ziel, auf dem Weg zur Weltherrschaft das Germanische Reich durch Erweiterung des Lebensraums im Osten Europas zum Durchbruch zu verhelfen.

Am 3. Februar 1933, also wenige Tage nach der Machtergreifung, erklärte Adolf Hitler bereits auf seinem Antrittsbesuch bei den Generälen in der Wohnung des Generals Hammerstein-Equord: "Wie soll politische Macht, wenn sie gewonnen ist, gebraucht werden? Jetzt noch nicht zu sagen. Vielleicht Erkämpfung neuer Export-Möglichkeiten, vielleicht – und wohl besser – Eroberung neuen Lebensraums im Osten u. dessen rücksichtslose Germanisierung." Was hier noch die politische Öffentlichkeit scheute, war jedoch existenzieller Teil des von Hitler in 'Mein Kampf' in den Jahren 1923-26 formulierten faschistischen Programmes, welches so lautete:

  • Vernichtung des Judentums als Teil eines notwendigen, gerechten Rassenkampfes
  • Vernichtung des 'Marxismus', d.h. der kommunistischen, sozialistischen Arbeiterbewegung
  • Zerschlagung des Bolschewismus (sprich: Sowjetunion) durch einen Erorberungskrieg
  • Schaffung neuen 'Lebensraums im Osten Europas'

Das letzte Ziel bedeutete nach dem Willen der faschistischen deutschen Führung, dass die Volksgruppe der Slawen den Deutschen zunächst unterworfen und das eroberte Osteuropa von deutschen Siedlern ('Wehrbauern') nutzbar gemacht werden sollte. Nach Vernichtung ihrer Elite sollten die slawischen Völker für immer ein Reservoir an ungebildeten und gehorsamen Land- und Hilfsarbeitern stellen. Die eroberte Sowjetunion sollte in verschiedene Gebiete unter der Leitung von Reichskommissaren aufgeteilt werden. Einzig Weißrussen, Ukrainer und die baltischen Völker würden als lebenswerte Völker eingestuft, die Russen dagegen "durchaus niedergehalten werden" (Alfred Rosenberg).

Immer wieder kam Hitler bei politischen Anweisungen und Orientierungen der Wehrmachtsspitze und seiner faschistischen Führungselite auf das strategische Ziel 'Lebensraum im Osten' zu sprechen: in einer geheimen Denkschrift zum Vierjahresplan im Jahre 1936, am 5. 11.1937 vor Spitzenvertretern der Wehrmacht,  am 23.5.1939 und nochmals nach der Besetzung und Zerschlagung Polens vor den Oberbefehlshabern der Wehrmacht. In den zu erobernden Gebieten in Osteuropa wollte Hitler mindestens 100 Millionen Deutsche sowie sonstige 'germanische' Einwanderer ansiedeln, dazu sollte mit dem Generalplan Ost ein Großteil der nordischen Slawen innerhalb dreier Jahrhunderte assimiliert, der Rest nach Sibirien vertrieben werden oder als Arbeitssklaven eingehen. Die ab Frühjahr 1940 erarbeiteten Entwürfe, Planungen und Ansätze zur Umsetzung des Generalplans Ost zeigen, dass es sich hierbei um gnadenlos ernst gemeinte und verfolgte Ziele handelte, die dann nur am Verlauf des Krieges gegen die UdSSR ab Dezember 1941 scheiterten.

Aus diesem strategischen Ziel der Eroberung von Lebensraum im Osten (und der damit verbundenen Bildung des Germanischen Weltreiches) ergab sich zwangsläufig ein Vorgehen, wie es dann tatsächlich bis zum 22.6.1941 stattfand. Denn es setzte die Zerschlagung der UdSSR voraus. Dieses Ziel wiederum hatte zwingend die Annektion und Zerschlagung Polens zur Voraussetzung. Um Polen zu besetzen, war bei vorheriger Zerschlagung und Besetzung der Tschechoslowakei die militärisch optimalste und sicherste Ausgangslage geschaffen. Und mit einer vorangehenden Besetzung und Eingliederung Österreichs in deutsche Reich konnten insbesondere zusätzliche menschliche Kräfte die Militärmacht der deutschen Faschisten für die kommenden 'Aufgaben' erheblich aufstocken.

Bei diesem Stufenplan war lediglich - aus deutscher Sicht - offen, wie sich dazu Großbitannien und Frankreich verhalten würden. Gegenüber Polen praktizierte die deutsche Führung von 1933 bis zum Oktober 1939 eine Politik des 'Süßholzraspelns', des Betonens eigener friedlicher Absichten, des Redens von Frieden, Achtung und Freundschaft, bis hin zum Nichtangriffsvertrag von 1935. Und man legte Leimruten aus, um Polen für ein Bündnis gegen die UdSSR und sogar zu einer Einbindung in den sogenannten 'Anti-Komintern-Pakt' zu gewinnen. Eine solche Vasallenrolle jedoch war mit dem nationalen Selbstbewusstsein der polnischen Bourgeoisie nicht vereinbar und so konnte sich die deutsche Führung diesbezüglich nur eine Abfuhr holen. Dementsprechend ging Letztere dann nach der Teilannektion der Tschechoslowakei (Münchner Abkommen) umgehend daran, Polen politisch (Danzig, Korridor, nationalistische Provokationen) und zunehmend auch militärisch unter Druck zu setzen (Kündigung des Nichtangriffspaktes, Annektion des Memel-Gebietes von Litauen), bis hin zum Angriffskrieg am 1. September 1939.

Große Bemühungen legten Hitler und die deutsche Führung darauf, Großbritannien zumindest für eine neutrale Haltung gegenüber dem deutschen Drang nach 'Lebensraum im Osten' zu gewinnen. Zu diesem Zweck schickte Hitler einen Botschafter nach London, der sich zuvor schon als Sonderbotschafter bei der Verhandlung des Flottenabkommens und bei dem Zustandekommen des Antikominternpaktes verdient gemacht hatte: Johann von Ribbentrop. Am 2. Januar 1938 verfasste Ribbentrop einen geheimen Bericht an Adolf Hitler, in dem er seine Mission und deren Scheitern so zusammenfasst:

"Ich habe seit Jahren für eine Freundschaft mit England gearbeitet und wäre über nichts froher, als wenn sie herzustellen wäre. Als ich den Führer bat, mich nach London zu schicken, war ich skeptisch, ob es gehen würde, aber im Hinblick auf Eduard VIII. schien ein letzter Versuch geboten. Heute glaube ich nicht mehr an die Verständigung. England will kein übermächtiges Deutschland in seiner Nähe, das eine ständige Bedrohung seiner Inseln wäre. Dafür wird es kämpfen. Dem Nationalsozialismus aber traut man Gewaltiges zu. Schon Baldwin hat dies erkannt, und Eduard VIII. mußte abdanken, weil man nicht sicher war, ob er bei seiner Einstellung eine Deutschland feindliche Politik mitmachen würde. Chamberlain hat nun Vansittart, unseren bedeutsamsten und zähesten Gegner an eine Stelle berufen, an der er in das diplomatische Spiel gegen Deutschland führend eingreifen kann. Jeder Tag, an dem in Zukunft - ganz gleich, welche taktischen Zwischenspiele der Verständigung mit uns versucht werden sollten - unsere politischen Erwägungen nicht grundsätzlich von dem Gedanken an England als unserem gefährlichsten Gegner bestimmt würden, wäre ein Gewinn für unsere Feinde."

Wenig später, im März 1938, wurde Ribbentrop zum deutschen Außenminister ernannt.

Von der Haltung der britischen Bourgeoisie zu den Zielen des 'Lebensraum im Osten' gibt ein von Winston Churchill dokumentiertes Werbegespräch Ribbentrops (Ribbentrop führte in dieser Art als Botschafter viele ähnliche Gespraeche und gab gleichartige Vorträge in England) mit ihm im Jahre 1937 ein klares Bild:

Ribbentrop war recht freundlich und wir tauschten uns über die Lage in Europa aus ... Der Kern seiner Aussagen mir gegenüber war, dass Deutschland die Freundschaft Englands suche ... Deutschland würde das Britische Empire in all seiner Größe und Ausdehnung achten.  Manche würden vielleicht nach der Rückgabe der deutschen Kolonien fragen, aber das sei erkennbar nicht wesentlich. Es sei aber unerlässlich, dass England Deutschland in Osteuropa freie Hand gewähre. Deutschland müsse für seine wachsende Bevölkerung Lebensraum haben. Deshalb müssten Danzig und Polen Deutschland einverleibt werden. Weißrussland und die Ukraine seien für die künftige Existenz Großdeutschlands mit seinen siebzig Millionen Einwohnern unentbehrlich. Mit weniger könne man sich nicht abfinden. Man erwarte von Großbritannien nur, dass es sich nicht einmische. An einer der Wände hing eine große Landkarte, zu welcher der Botschafter mehre Male schritt, um mir seine Vorhaben zu verdeutlichen.

Nachdem ich das alles gehört hatte, sagte ich umgehend, dass ich sicher sein, dass die britische Regierung nicht zustimmen würde, Deutschland freie Hand in Osteuropa zu gewähren. Es war durchaus wahr ... wir hassten den Kommunismus so sehr wie Hitler, aber er könne sicher sein, dass selbst bei einer Sicherheitsgerantie für Frankreich Groß-Britannien sich niemals in einem solchen Ausmaße an den Geschicken des Kontinents desinteressiert zeigen würde, dass dies Deutschland in die Lage versetzen könne, die Vorherrschaft in Ost- und Zentraleuropa zu erringen. Ribbentrop wandte sich schroff von mir ab. Dann sagte er: "In diesem Fall ist der Krieg unvermeidlich. Es gibt keinen Ausweg. Der Führer ist entschlossen. Nichts wird ihn aufhalten und nichts wird uns aufhalten." Ich hielt es für richtig, dem deutschen Botschafter zu sagen: "Falls Sie von Krieg reden ... sollten Sie England nicht unterschätzen. Das ist ein eigenartiges Land, und wenige Ausländer können seine Denkweise verstehen. Urteilen Sie nicht nach der Haltung der gegenwärtigen Regierung. Falls das Volk einer großen Angelegenheit gegenüber steht, könnten viele unerwartete Aktionen ergriffen werden ... Falls Sie uns in einen weiteren großen Krieg hinein schieben, werden wir die ganze Welt gegen Sie zusammenführen - wie beim letzten Mal." Nunmehr geriet der Botschafter in Rage und sagte: "Oh, England mag sehr schlau sein, doch dieses Mal wird es die Welt nicht gegen Deutschland zusammen bringen."

Diese Haltung war die Grundposition sowohl der Kräfte um und unter Chamberlain, als auch derjenigen, die Churchill repräsentierte. Die Unterschiede lagen nur darin, ob man den deutschen Plänen mit gewissen kleineren Zugeständnissen entgegen kommen und sie so 'befrieden' sollte, oder ob man kompromisslos dem 'Drang nach Osten' entgegen treten sollte. Selbst die in den sogenannten 'Dirksen-Papieren' (Band II, Dok. 13, 24) dokumentierten Geheimkontakte zwischen Großbritannien und dem Deutschen Reich im Frühsommer 1939 belegen, dass ein Entgegenkommen Großbritanniens (und Polens) im Konflikt Deutschland-Polen die grundlegende Voraussetzung hatte, dass Deutschland erkennbar und überzeugend auf jegliche Aggressionpolitik verzichten müsse.

Aus dieser Positionierung heraus - Deutschland hatte inzwischen im März 1938 Österreich annektiert und ins Großdeutsche Reich gezwungen, hatte die Abtretung der Sudenten von der Tschechoslowakei an Deutschland erzwungen, die Teilung der Tschechoslowakei und die staatliche Selbstentleibung des Landesrestes Mitte März 1939 unter Androhung der Bombardierung Prags durchgesetzt - war Großbritannien (und Frankreich folgte hier aus gleichen Interessen) mit Polen demonstrative Schutzverpflichtungen eingegangen, hatte am 25. August 1939 einen Bündnis- und Beistandsvertrag mit Polen abgeschlossen und erklärte Deutschland dann am 3. September nach der Eröffnung des Krieges gegen Polen selbst den Krieg. Und Großbritannien hielt an dieser Position, anders als Ribbentrop und Hitler gehofft hatten, auch nach dem schnellen Sieg über Polen und der Aufteilung des Landes gemäß dem Hitler-Stalin-Pakt, fest.

Es ist offensichtlich, wie weit eine Analyse der nachstehenden Art bei dieser Sachlage und den Strategien der Hauptakteure von der Wirklichkeit entfernt ist:

"Der Krieg wird zwischen zwei Gruppen von kapitalistischen Staaten geführt (arme und reiche im Hinblick auf Kolonien, Rohstoffe usw.) um die Neuaufteilung der Welt, um die Weltherrschaft! Wir haben nichts dagegen, wenn sie sich ordentlich schlagen und sich dabei gegenseitig schwächen. Nicht schlecht, wenn Deutschland die Lage der reichsten kapitalistischen Länder (vor allem Englands) ins Wanken brächte." (Instruktion von G. Dimitroff durch Stalin am 8.9.1939)

"Der gegenwärtige Krieg ist ein imperialistischer, ungerechter Krieg, an dem die Bourgeoisie aller kriegsführenden Staaten gleich schuldig ist. In keinem Lande darf die Arbeiterklasse und noch weniger die Kommunistische Partei den Krieg unterstützen. Die Bourgeoisie führt den Krieg nicht gegen den Faschismus, wie es Chamberlain und die Führer der Sozialdemokratie behaupten. Der Krieg wird zwischen zwei Gruppen kapitalistischer Länder um die Weltherrschaft geführt. Die internationale Arbeiterklasse kann in keinem Falle das faschistische Polen verteidigen ..." (Entwurf einer Direktive der KI im September 1939)

Und wie ärmlich schematisch nehmen sich solche 'Analysen' gegen die fast seherische Aussage Lenins aus dem Jahre 1916 (Über die Junius-Broschüre) aus:

"Ein nationaler Krieg kann in einen imperialistischen umschlagen und umgekehrt. ... Dass der gegenwärtige Krieg ... in einen nationalen Krieg umschlägt, ist ... in hohem Grad unwahrscheinlich ... Aber man kann ein solches Umschlagen nicht für unmöglich erklären: wenn das Proletariat Europas auf 20 Jahre hinaus ohnmächtig bliebe; wenn dieser Krieg mit Siegen in der Art Napoleons und mit der Versklavung einer Reihe lebensfähiger Nationalstaaten endete; wenn der außereuropäische Imperialismus ... sich ebenfalls noch 20 Jahre halten könnte ... dann wäre ein großer nationaler Krieg in Europa möglich."

Der insbesondere britische militärische Widerstand gegen das nach Osten vormarschierende und expandierende Deutschland leitete eine Kriegsentwicklung ein, die zunehmend weniger durch die deutsche politische und militärische Führung gesteuert werden konnte, selbst wenn zunächst alles nach 'Erfolg' aussah.

Wegen der Gefahr einer britischen Blockade der Erzversorgung aus Schweden (40% des deutschen Bedarfs) folgte der Zwang, Dänemark zu überfallen und Norwegen zu besetzen (April 1940). Im Mai 1940 eröffnete Deutschland seine Offensive gegen Frankreich, die Besetzung der Niederlande und Belgien führte dabei gleichzeitig zur Blockade der über diese Wege noch laufenden Rohölversorgung der deutschen Wehrmacht. Anfang 1941 war Deutschland zur Vermeidung von Niederlagen seines Kriegpartners Italien zur Ausdehnung des Krieges auf Nordafrika (Libyen), auf Griechenland und auf Jugoslawien gezwungen. Damit war ein riesiges Territorium - vom Nordkap bis nach Kreta und Nordafrika - besetzt und erforderte entsprechende militärische Mittel: Versorgung unproduktiver Soldaten und Kriegsmaterial.

Die faschistische Führung und die der Wehrmacht hatte für den Fall eines Krieges stets zwei große Gefahren und Lehren aus dem 1. Weltkrieg im Auge: einen Zweifrontenkrieg und eine Blockade der Lieferung von Grundnahrungsmitteln und Kriegrohstoffen.

Schon vor dem Krieg gegen Polen gab es in Hinsicht auf die Versorgungslage mit Kriegsrohstoffen bedrohliche Signale. Am 1. April 1939 klagte das Wehrwirtschafts- und Rüstungsamt, dass die Besetzung des tschechischen Reststaates keines der ökonomischen Probleme des Reiches gelöst, aber zusätzlichen Bedarf an Rohmaterialien gebracht habe. Ein anderer Bericht vom 9. April über die Versorgung mit Öl wies für den Fall eines längeren Krieges gegen den Westen und die UdSSR darauf hin, dass dazu unbedingt die Ölversorgung über Rumänien und höchstwahrscheinlich auch die Ölquellen im Kaukasus unter Kontrolle gebracht werden müssten, denn die vorhandenen Ölvorräte würden nur für drei bis vier Monate Krieg ausreichen. Ähnliche Berichte gab es am 20. April in 'Der Vierjahresplan', vom Büro für Wehrwirtschaftliche Planung und am 8. Mai vom Wehrwirtschafts- und Rüstungsamt.

Die von diesen und anderen zuständigen Stellen signalisierten Gefahren für die militärische Umsetzung des Kampfes um 'Lebensraum im Osten' waren die hauptsächliche, treibende Kraft auf deutscher Seite für den Abschluss des Wirtschaftsvertrages mit der UdSSR vom 19.8.1939, der ein integraler Teil des Hitler-Stalin-Paktes war, wie Außenminister und Ministerpräsident Molotow am 31. August 1939 vor dem Obersten Sowjet deutlich machte. Hitler sicherte sich mit diesem und ergänzenden Wirtschaftsverträgen (Februar 1940, Dezember 1941) insbesondere die wichtigsten Basisprodukte für seine Kriegsführung: Öl, Mangan, Roh-Kautschuk und Getreide. Die anhängenden Tabelle zeigen die 1940 und 1941 gelieferten Mengen primär auf Grundlage deutscher Schätzungen auf. Die Zahlen lassen erahnen, welches Probleme die deutsche Kriegführung 1940 - 05/1941 ohne diese Lieferungen aus der UdSSR gehabt hätte.

Bei dem immer weiter sich ausdehnenden Kriegs- und Besatzungsgebiet der deutschen Wehrmacht wuchs der Bedarf an Kriegmaterial in einem dramatischen Ausmaß. Die Führung des Deutschen Reiches versuchte daher im Jahre 1940 und Anfang 1941, in Verhandlungen immer höhere Lieferungen zu erreichen, was der UdSSR aber nicht mehr möglich war, ohne sich selbst direkt zu schaden. Ein Schlüssel zum weiteren Ablauf kommt dabei dem Besuch Molotows bei Hitler und Ribbentrop im November 1940 in Berlin zu. Molotow verlangte u.a. Erklärungen für Aktivitäten des Deutschen Reiches in Rumänien und Finnland, die gegen die vertraglich vereinbarten Konsultationen verstießen und als gegen die UdSSR gerichtet verstanden würden. Das bohrende Insistieren Molotows auf Antworten zu solchen Fragen brachten Hitler aus der Fassung, wie der sowjetische Übersetzer Bereschkow in seinen Erinnerungen eindrucksvoll berichtet. Auch Ribbentrop fand keine Antworten.

Die Eindrücke dieser spannungsgeladenen Begegnung gelten allgemein als der letzte Anstoß für den nur einen Monat später, am 18.12.1940, erteilten Befehl Hitlers zur Ausarbeitung des Angriffs- und Eroberungsplanes gegen die UdSSR - den 'Fall Barbarossa'. Allerdings dürften die Ressourcenbedürfnisse der Kriegsführung ebenfalls Pate gestanden haben. Die Vorgabe, in etwa 4 Monaten die UdSSR zu besiegen passt - abgesehen von der völligen Fehleinschätzung der Zielsetzung an sich - genau zu Hinweisen des Wehrwirtschafts- und Rüstungsamtes, welches im November darauf aufmerksam gemacht hatte, dass die Versorgung mit Kriegsrohstoffen allenfalls bis Ende Sommer 1941 reichen würden, danach müsse mit ernsten Ausfällen gerechnet werden. Die Lage war vor allem bei der Versorgung mit Roh-Kautschuk (Bereifung) äußerst kritisch. (Tatsächlich machten sich diese Engpässe denn auch schon im November und Dezember 1941 auf deutscher Seite bemerkbar und beeinträchtigten danach zunehmend die Offensivkraft der Wehrmacht.) Und Adolf Hitler verstand die Bedeutung der Ressourcenfrage in diesem Zusammenhang durchaus. Später, auf einer Konferenz am 1. Juni 1942 erklärte er: "Wenn ich nicht das Öl von Maikop und Grosny in die Hand bekomme, muss ich diesen Krieg beenden." Und drittens wollte Hitler mit dem Angriff noch in 1941 einem absehbaren weiteren Erstarken der UdSSR im Rahmen seiner Industrialisierungspläne zuvorkommen.

Josef Stalin mochte an ein solches Vorgehen der deutschen faschistischen Führung nicht glauben, selbst in den Morgenstunden des 22. Juni 1941 noch nicht. Es ist seine persönliche Verantwortung, dass alle Warnungen seiner militärischen Kommandeure, von befreundeten Diplomaten, von Richard Sorge in Japan und von Überläufern, die den Angriffsbefehl schon erteilt bekommen hatten, beiseite geschoben wurden und das Land in vielfacher Hinsicht auf den Krieg unvorbereitet war. Beispiele: Die Rote Armee war wie in Friedenszeiten organisiert, die fast 1.800 den deutschen Panzern bis zum Kriegsende überlegenen eigenen T34-Tanks waren weit im Hinterland verteilt, die Flugplätze waren fast ungeschützt und viel zu nahe an der Grenze angelegt; ein Konzept für einen defensiven Verteidigungskampf und eine entsprechende Vorab-Organisation der Militärstreitkräfte fehlte völlig; die Militärkräfte waren gelähmt durch strikte Befehle, nur nach Anweisungen aus Moskau zu handeln. Die Erinnerungen der sowjetischen Marschälle und anderer Militärführer sind voll solcher Beispiele. 

Das ist die eigentliche Tragik des 22. Juni 1941, die auch nicht durch den späteren erfolgreichen und außerordentlich heroischen Abwehrkampf des sowjetischen Volkes und seiner hervorragenden Militärführer, sowie durch die große Führungs- und Organisationskraft Stalins im Verteidigungskrieg in den Hintergrund gedrängt werden darf. Der siegreiche Einzug der Roten Armee in Berlin als Schlusspunkt des Großen Vaterländischen Krieges der UdSSR beweist zwar einmal mehr, dass - strategisch betrachtet - alle Imperialisten 'Kolosse auf tönernen Beinen' sind. Die Anstrengungen und Opfer dabei, diese Kolosse zum Einsturz zu bringen können gleichwohl unvorstellbare und unermessliche Größenordnungen annehmen. Die überragende Bedeutung gemeinsamer Anstrengungen aller Völker und friedliebender Staaten für den Erhalt des Weltfriedens ist demnach offensichtlich.

Text: hth  /  Quellen u.a.: Dimitroff 'Tagebücher', Ericson 'Feeding the German Eagle'

Fotos: Bundesarchiv - Wikipedia

Der Kommentar

Moria. Die Hölle der EU-Asylpolitik

Moria. Die Hölle der EU-Asylpolitik

17.09.2020: Moria ist in der Europäischen Union der Hölle am nächsten, kommentiert Gustavo Buster, Mitglied des Redaktionsausschusses der Zeitschrift Sin Permiso:

weiterlesen

Im Interview

"...das Querungsbauwerk ad acta zu legen. Diese Entscheidung streben wir an"

23.09.2020: Am 22. September begann vor dem Bundesverwaltungsgericht in Leipzig die mündliche Verhandlung über die Klage verschiedener Verbände gegen den Planfeststellungsbeschluss für den deutschen Teil des Fehmarnbelt-...

weiterlesen

marxistische linke - Partnerin der Europäischen Linken

Wir schaffen das!

Wir schaffen das!

16.09.2020: Nach dem Brand des Lagers in Moria und der noch dringender gewordenen Aufnahme der mehr als 12.000 Geflüchteten, kommt einem der Satz von Bundeskanzlerin Angela Merkel vor fünf Jahren in den Sinn. "Wir schaff...

weiterlesen

Videos

Kurze Geschichte von Moria

Kurze Geschichte von Moria

Video von Joko & Klaas 

Am 8. September 2020 ist ein Feuer in Moria ausgebrochen. Seit dem Feuer haben sich für die dort untergebrachten 13.000 Menschen die ohnehin schon schrecklichen, unwürdigen Lebensumstände ...

weiterlesen

Dossier "Linke Strategien"

Im Dossier "Linke Strategien" sind Artikel zusammengestellt, die auf kommunisten.de in verschiedenen Rubriken erschienen sind und sich mit Fragen linker Strategie, Neuformierung der Linken, etc. befassen.

Zum Dossier


EL Star 150

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies). Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.