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Georgina_Alfonso_Gonzales_mami_304326.10.2011: An der zentralen Beratung der DKP mit AktivistInnen in den verschiedenen Bewegungen in der BRD hat auch Georgina Alfonso Gonzales, Professorin an der Philosophischen Fakultät der Universität Havanna auf Kuba teilgenommen. Sie ist auch Mitarbeiterin der Arbeitsgruppe soziale Bewegungen in Lateinamerika, und hat ihre Erfahrungen in die Diskussion eingebracht. Wir dokumentieren hier ihre Beiträge zur Situation in Kuba. Es waren freie Redebeiträge, die Klaus Lehmann übersetzt hat.

Ich will noch einiges über Kuba berichten, über die Perspektiven von Kuba, natürlich eingebettet in die Bewegungen von Lateinamerika. Kuba erlebt zurzeit einen Prozess tiefgehender, tiefgreifender Veränderungen.

Hauptsächlich wirtschaftlicher Art. Es sind neue Eigentumsformen ermöglicht worden, d.h. private Eigentumsformen im unmittelbaren persönlichen Bereich, z.B. auch, auf eigene Rechnung zu arbeiten. Dabei müssen wir vor allem den Blick auf den ländlichen Bereich richten: Das ist der Bereich, wo die tiefgehendsten Veränderungen stattfinden. Mit dem kooperativen Eigentum ist ein sehr starker Anstoß gegeben worden. Das ist insofern sehr wichtig und interessant, weil wir Kubaner schon nicht mehr daran gewöhnt waren, in dieser Form zu arbeiten. Das war ja eine der ersten Maßnahmen gewesen damals, als die Revolution die Landreform durchgeführt hatte, um ein Element zu schaffen, das die Wirtschaft dynamisiert, und das hat sich mehr oder weniger tief eingeprägt in das Leben der Kubaner. Aber die Leute sind immer noch daran gewöhnt, dass der Staat für ihren Unterhalt sorgt. Aber unser Staat war lange Zeit ein paternalistischer Staat gewesen. Mit dieser neuen Form der Dynamisierung wird auch der Arbeit ein neuer Wert verliehen. D.h. es geht darum, der gesellschaftlichen Produktion eine neue Dimension zu geben.

In Kuba gibt es sehr viele Knappheiten, d.h. die Ressourcenknappheit ist in vielen Fällen ein Hindernis für die ökonomische Dynamisierung. In unserem Wirtschaftsplan, den wir haben, ist das im Moment der größte Widerspruch. Es werden nun neue produktive Formen gefördert, aber die Mittel zur Umsetzung sind knapp. Und die Arbeitsformen bleiben gleichzeitig die traditionellen Formen. Diese Tatsache bremst den wirtschaftlichen Veränderungsprozess.

In Kuba ist ein Prozess im Gange, der den eigenständigen sozialistischen Weg Kubas erneuert. Die Leute, jeder einzelne muss sehen können, dass der Sozialismus dazu da ist, die eigenen Lebensumstände zu verbessern. Und dass der Sozialismus die Leute glücklicher macht. Und wenn man Sozialismus nicht mit Glück und Zufriedenheit in Verbindung bringt, wofür soll der Sozialismus dann gut sein. D.h., man muss den Sozialismus wieder neu aufbereiten mit einer neuen Ethik, mit einer politisch ehrlichen Politik, mit einer ehrlichen Ästhetik.

Zur gleichen Zeit, in der die wirtschaftlichen Veränderungen stattfinden, gibt es auch politische Veränderungen. Die Partei muss mehr und weiter demokratisiert werden, die Partei muss ihren Platz im revolutionären Prozess neu definieren. Das ist das Hauptthema der Parteikonferenz, die unmittelbar in der nächsten Zukunft einberufen werden wird, weil die Partei weiterhin die politische Avantgarde bleiben muss. Sie muss die wirtschaftlichen Veränderungen direkt begleiten.

Wenn wir uns heute Kuba ansehen, dann kann man sagen, dass der Nationalstaat sich in einem Stärkungsprozess befindet. In der Zeit der Sonderperiode, der Zeit der Überlebensphase Anfang der 90er Jahre, haben viele staatliche Institutionen darin versagt, ihre Aufgaben zu erfüllen. D.h. dieser Prozess wird nun begleitet von einer Erneuerung der verschiedenen Organisationen, der Partei und der sozialen Bewegungen in Kuba. In Kuba gibt es sehr viele soziale Organisationen. Aber viele von diesen sozialen Organisationen sind in eine Situation der Stagnation geraten. Und viele Leute haben nicht mehr das Gefühl, dass diese Organisationen sie vertreten. In vielen Fällen existieren diese Organisationen nur noch als Organisation an sich, aber nicht mehr als soziale Bewegung. Und abgesehen davon, sind alle sozialen Organisationen früher auf diese selbe Weise aufgebaut worden. Von daher ist dieser Prozess, der jetzt in Gang gekommen ist, ein Prozess, der sehr wichtig für die weitere Entwicklung der kubanischen Revolution ist. Es gibt einen Prozess, der im Gange ist, den ihr vielleicht nicht kennt. Das ist die Wiedereroberung, die Rückeroberung des kommunalen öffentlichen Raumes, mit einer Autonomie versehen, im eigenen Bereich eigene Entscheidungen zu treffen. Und das ist nicht einfach. Weil natürlich nicht jeder die Dinge gleich sieht. Und nachdem wir 50 Jahre lang die Dinge nur auf eine Weise, aus einem Blickwinkel angegangen sind, und nur nach einer Art und Weise gehandelt haben, ist es nicht einfach, das jetzt aufzubrechen. Und da gibt es auch Widerstand gegen die Veränderung.

Und, was ich meinen Studenten immer sage, das sage ich auch Euch jetzt hier. In Wahrheit ist die Krise auch eine Möglichkeit, eine Gelegenheit, eine Chance. Und in Kuba haben wir die Chance, die Möglichkeit zu Veränderungen. Und das heißt, wie Che schon gesagt hat, es hängt von der Intelligenz und dem Weitblick ab, diese Chance, die man hat, zu sehen und zu nutzen. Und von daher kann man sagen, wir sind mitten in einem Lernprozess und in einem Kampf.

Ein weitere Herausforderung ist die ideologische Arbeit. Es ist sicherlich kein Geheimnis für Euch, dass es in Kuba ein Zusammenspiel kapitalistischer Werte und sozialistischer Werte gibt. Deshalb geht es in erster Linie darum, die Macht bei den sozialistischen Werten zu behalten. Das macht man aber nicht mit einer Erklärung, einer erklärenden Rede seitens der Partei, sondern man muss die Kubaner dazu anhalten, wirklich die sozialistischen Werte und Formen zu leben. Aber für die neuen Generationen sind die Bezüge zum Sozialismus sehr ambivalent. Weil sie eine Zeit erlebt haben, in der der Sozialismus in der Krise steckte.

Aber wie ich schon gesagt habe, wir leben auch in einem kontinentalen lateinamerikanischen Zusammenhang von armen und blockierten Ländern. Und die Kubaner wissen ganz besonders gut, wer und was die Vereinigten Staaten sind. Und so sehr die kubanischen Jugendlichen auch Kritik üben mögen an dem, was heute in Kuba konkret passiert, sie wissen, dass die Revolution ein reales Ereignis gewesen ist, das dazu beigetragen hat, die Kubaner und Kubanerinnen zu emanzipieren. Und die Jugendlichen wollen in irgendeiner Form auch mitwirken und sich einmischen in diesen Prozess der Revolution. Heute geht es deshalb in erster Linie darum, den Jugendlichen und den jungen Leuten mehr Raum einzuräumen, mehr Platz zu lassen, dass sie ihre eigenen Räume selbst gestalten können. Und nach meiner persönlichen Meinung muss man ihnen vor allem mehr Möglichkeiten geben, ihre eigenen Angelegenheiten zu entscheiden und Entscheidungen zu treffen für ihre unmittelbaren Belange. Man kann insgesamt sagen, dass die kubanische Jugend sehr gut vorbereitet ist, eine gute Ausbildung hat, sowohl beruflich als auch auf kultureller Ebene. Und das ist eine Herausforderung für den Sozialismus in Kuba, in dem Sinne, dass man dafür sorgt, das der Sozialismus vorankommt.

Es gibt viele alternative Aktivitäten, die kaum bekannt sind. Interessante Erfahrungen in allen Sparten und Bereichen der kubanischen Gesellschaft. Und man kann im Moment noch nicht vorhersagen, wie genau diese Wege verlaufen werden. Einige glauben, dass die Revolution schon am Ende ist. Es gibt Leute, die frustriert sind, weil sie glauben, dass Kuba nicht den Weg gegangen ist, von dem der einzelne geträumt hatte. Aber es gibt eben auch sehr viele, wie auch ich, die glauben, dass die Zukunft besser sein wird, als das, was wir heute haben. Aber das hängt davon ab, wie wir heute arbeiten. Und mal sehen, wozu wir alles in der Lage sind.

Ich arbeite in einer Einrichtung, die sehr viel Zeit aufwendet, um jungen Leute auszubilden und zu bilden. Das ist ein Sozialforschungsinstitut, wo die Jugendlichen fortgebildet werden und ausgebildet werden dafür, damit sie vorbereitet sind auf die kommenden Umwandlungsprozesse, die gerade stattfinden. Ich glaube, die wichtigsten Akteure heutzutage für die Revolution sind die Frauen und die jungen Leute. Diejenigen, die am meisten befreit worden sind durch die Revolution, sind die Frauen. Auf Grund meiner marxistischen Ausbildung habe ich in letzter Zeit sehr viel über die marxistische feministische Bewegung gelesen. Und die hat ja schließlich historisch im Schoße der kommunistischen Partei in Deutschland begonnen. D.h., ich habe auch eine ganze Menge über Eure Geschichte gelernt. Und jedes Mal, wenn ich bei Euch in Deutschland bin, lerne ich weiter.

Auch die jungen Leute haben durch die Revolution viel gewonnen, weil sie heute frei sind, weil sie die Zügel ihres Lebens selbst in die Hand nehmen können, um die Gesellschaft zu gestalten und sie zu planen. Sie sind in der Lage, sich das auszudenken und vorzunehmen.

Und ich will sagen, dass Kuba immer sehr stark von der Solidarität gelebt hat und auch sehr viel selbst für die Internationale Solidarität getan hat. Wir leben in einer Welt großer Krisen, aber die größte Krise ist die Krise der Hoffnung. Und Kuba bleibt weiterhin eine Hoffnung. Und wenn das nicht so wäre, dann hätte man schon die Blockade gegen Kuba beendet. Diese Blockade ist immer noch da, weil die entsprechenden Kräfte weiterhin Angst vor Kuba haben.

Die Herausforderungen sind sehr groß und sehr schwierig. Es gibt viele Leute, die denken, wir gehen in Richtung Kapitalismus. Und es mag auch sein, dass wir uns in einigen Aspekten täuschen mögen. Aber wer nicht wagt, kann nicht gewinnen. Und man darf keine Angst vor Fehlern haben, weil man Fehler auf dem Weg korrigieren kann. Deswegen muss man sich über sein Denken im Klaren sein, um konsequent handeln zu können. Und dieses Denken, das so wichtig ist, darin haben wir zurzeit in Kuba einige unser größten Defizite. Man muss die Kubaner dazu bringen, mehr an sich selbst und an ihr eigenes Land zu glauben. Die Revolution ist weiterhin nur möglich, wenn jeder Kubaner sich selbst als ein Teil von ihr betrachtet. Und das ist eine ideologische Herausforderung, vielleicht die schwierigste.

 

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