Land, Arbeit, Wohnung – der Schrei der Unterdrückten

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06.11.2014: Papst Franziskus – kommunistisch? „Ich bitte Sie“, korrigierte der Kanzler der Päpstlichen Akademie für Wissenschaften, Bischof Marcelo Sanchez Sorondo, einige Medien, die dies verbreitet haben. „Der Papst hat selbst gesagt, er werde beschuldigt, kommunistisch zu sein, hat aber hinzugefügt, in Wirklichkeit seien es die Kommunisten, die dem Evangelium folgen…“, sagte er. Grund für die Aufregung ist ein Welttreffen der Volksbewegungen zu dem der Papst in den Vatikan eingeladen hatte. „Keine Familie ohne Dach überm Kopf! Kein Bauer ohne Land! Kein Arbeiter ohne Rechte! Kein Mensch ohne die Würde, die das Arbeiten verleiht!“, hatte Franziskus dort in seiner Rede gesagt. Was ihm den Vorwurf einbrachte, Kommunist zu sein.

Ausgerichtet wurde das dreitägige Treffen Ende Oktober vom Päpstlichen Rat für Gerechtigkeit und Frieden sowie von der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften. Die VertreterInnen der Volksbewegungen - 150 Frauen und Männer – kamen aus 80 Ländern, die meisten aus Lateinamerika. Darunter auch der Sprecher der Bewegung der Landlosen Brasiliens (Movimento Sem Terra MST, Via Campesina), Joao Pedro Stedile und Evo Morales, der erste indigene und linksgerichtete Präsident Boliviens.

Papst Franziskus prangerte in seiner Ansprache Armut, die ungerechte Verteilung des Reichtums und ein Wirtschaftssystem an, das „zu seinem Überleben Kriege führt“. Die Herrschaft des Geldes habe dazu geführt, dass die Reichtümer der Erde heute in den Händen weniger konzentriert seien, so der Papst.

Die Arbeit der Volksbewegungen sei „ein Segen für die Menschheit“, sagte Franziskus. Er ermutigte die Basisorganisationen, sich gegen soziale Ungerechtigkeit aufzulehnen und die strukturellen Ursachen der weltweiten Armut nicht einfach hinzunehmen. „Macht weiter mit eurem Kampf, damit tut ihr allen Gutes“, appellierte er an die Bewegungen.

Franziskus warnte aber auch vor ideologischen Irrwegen und rief dazu auf, sich nicht von „heuchlerischen“ Initiativen blenden zu lassen, die den Armen Hilfe nur vorgaukelten, sie aber in Wirklichkeit lediglich ruhigstellen sollten. Oft versteckten sich hinter Maßnahmen gegen die Armut bloß egoistische Interessen. Die Ausgebeuteten und Betrogenen dürften nicht einfach passiv auf Hilfe von außen warten, etwa von Nichtregierungsorganisationen. Sie müssten selbst Gestalter ihres Lebens sein, sich organisieren und solidarisch für die Verbesserung ihrer Lebensumstände kämpfen, weil der Rest der Gesellschaft sie häufig vergesse.

Bei einer Privataudienz sagte der Papst zu Boliviens Präsidenten Evo Morales über die Reaktionen auf seine Rede: „Land, Arbeit, ein eigenes Heim - seltsam, wenn ich darüber spreche, ist der Papst für manche ein Kommunist“.

»Durchleuchten der Realität«
So zeigte das vom Vatikan organisierte Welttreffen der Volksbewegungen eine für manche erstaunlich große Gemeinsamkeit von Positionen zwischen den Bewegungen und dem Papst.

Begonnen hatte das Treffen mit dem »Durchleuchten der Realität«, wie es genannt wurde. Und das nicht mit dem Ziel, sich in eine finale Resignation hinein zu steigern, sondern um gemeinsam Lösungen zu finden.

Joao Pedro Stedile von der Landlosen-Bewegung in Brasilien benannte in einer zwanzig Punkte umfassenden Zusammenfassung die größten Probleme für die Menschheit, die durch eine „beispiellose Offensive des nationalen und internationalen Kapitals“ verursacht werden.

Land, Wohnung und Arbeit
Sie deckten sich inhaltlich weitgehend mit den in der Rede des Papstes aufgezählten Punkten, gingen aber mehr auf den Verursacher von Hunger und Elend in der Welt ein, das kapitalistische Weltsystem.

Aber auch der Papst nannte die Konzerne und ihre verheerende Politik beim Namen. Als die drei Grundbedürfnisse, die allen Menschen gemeinsam sind und die den Armen von Seiten der Weltkonzerne verweigert werden, nannte er: Land, Wohnung und Arbeit.

Land: Die Bauern benötigen den Boden, um Nahrung herzustellen und die Menschen brauchen Nahrung. Aber Bauern, besonders die kleinbäuerlichen und genossenschaftlichen Betriebe, sorgen auch für den Schutz der Erde - durch den Erhalt des Waldes und die Regeneration des Ackerbodens. Dagegen steht die weltweite Agrarindustrie. Industriemäßig werden gewinnträchtige Monokulturen angebaut, nachdem die Bauern von ihrem Grund vertrieben worden sind und die Erde wird vergiftet, die Natur stirbt. Durch gentechnisch verändertes Saatgut und giftige Spritzmittel wird die biologische Vielfalt zerstört.

Nahrung wird zum großen Geschäft einiger weniger Konzerne. Hunger breitet sich aus, besonders in den Ländern des Südens. Wörtlich sagte er: „Wenn die Finanzspekulation den Preis der Nahrungsmittel macht, weil sie wie eine jede andere Ware behandelt werden, dann leiden und sterben Millionen von Menschen an Hunger. Auf der anderen Seite werden Lebensmittel tonnenweise weggeworfen. Das ist ein echter Skandal. Hunger ist eine kriminelle Handlung, Lebensmittel sind ein unveräußerliches Recht.

Der globale Klimawandel, auch angetrieben durch die Zerstörung von großen Waldflächen, lässt der Menschheit nur noch kurze Zeit zum Umschwenken. Aber dieses Umschwenken wird nicht von den Kapitalgesellschaften ausgehen, denn dies steht in scharfem Widerspruch zu ihrem unmittelbaren Ziel, dem Profit.

Wohnung: Eine Familie - ein Dach über dem Kopf. In nur wenigen Ländern ist dies gewährleistet. Höhnisch werden Menschen, die kein Dach über dem Kopf haben als „die ohne festen Wohnsitz“ bezeichnet. Als sei es deren freie Entscheidung, auf der Straße zu leben! Und wie sehen die heutigen Städte aus, besonders im Süden? Armensiedlungen und Slums im Schatten von riesigen Hochhaus-Bauten, in denen Banken oder Weltkonzerne sitzen, die von der Spekulation mit genau den Immobilien leben, die dringend von Menschen als Wohnungen benötigt werden. Gebäude, in denen das große Geschäft gemacht wird. Und am Rand der Städte die Slums, wo die Ärmsten leben. Noch nicht einmal da lässt man sie in Ruhe! Immer öfter werden ihre Siedlungen von Baggern niedergewalzt und die Menschen wohin auch immer gejagt. Weil es die Klasse der Besitzenden stört, dass Armut sichtbar wird - Armut, die sie selber erzeugt haben. Oder aber sie rechnen sich noch größere Gewinne durch die Bebauung dieser Slum-Flächen aus.

Arbeit: Prekäre Arbeitsverhältnisse werden immer mehr zum „Normalfall“, auch in den Ländern des Nordes, während in den Arbeitsverhältnissen im Süden mehrheitlich moderne Sklaverei herrscht. Nicht nur alte Menschen und Kinder werden in dieser Welt wie Abfall behandelt, weil sie nicht mehr oder noch nicht produzieren, sondern auch immer mehr Jugendliche bleiben ohne Ausbildung und Arbeit - ohne Perspektive für ihr Leben. Auch wird es im neoliberalen Kapitalismus immer schwerer, Forderungen von Beschäftigten durchzusetzen. Gewerkschaften werden bekämpft, die Arbeitslosigkeit steigt wie nie.

".. der Ruf nach Frieden: Nie wieder Krieg!"

Aber als schlimmsten Auswuchs der kapitalistischen Fehlentwicklung nannte der Papst den Krieg. Kein Grund, keine Rechtfertigung kann dafür herhalten, so alle Teilnehmer des Treffens, dass die Menschheit sich selber zerstört. Der Papst wörtlich: „Ich habe vorher gesagt, und ich wiederhole es, dass wir bereits teilweise in einem Dritten Weltkrieg leben. Hier gibt es ein Wirtschaftssysteme, das zum Überleben Krieg führen muss. Sie produzieren und verkaufen Waffen und opfern auf diese Weise den Menschen auf dem Götzen des Geldes und der Bilanz ihrer Volkswirtschaft. Sie denken nicht an die hungernden Kinder in den Flüchtlingslagern, sie denken nicht an die Zwangsumsiedlungen, sie denken nicht an die zerstörten Häuser, sie denken nicht an die vielen zerstörten Leben. Wie viel Leid, wie viel Zerstörung, wie viel Schmerzen! Heute, liebe Brüder und Schwestern, ist der Hebel in jedem Teil der Erde, in jedem Menschen, in jedem Herzen und der Volksbewegungen, der Ruf nach Frieden: Nie wieder Krieg!

Einheit, Einheit, Einheit

Die Möglichkeit eines Auswegs sahen die Vertreter der Bewegungen und Papst Franziskus im solidarischen Kampf der Vielen für die Rechte von Bauern, ArbeiterInnen und Armen. Ermutigend sei dabei die bunte Vielfalt der Ideen, wie schrittweise Erfolge durchgesetzt werden können. Und die Teilerfolge, die schon erzielt wurden. Dies aber ohne die Illusion, dass das gemeinsame Ziel schnell zu erreichen sei.

Als Symbol des Kampfes nannte Franziskus den Polyeder: In der gleichberechtigten Vielfalt all seiner Seiten stellt er zusammen ein wunderschönes Gebilde dar. Keine Seite wird dominiert, keine zerstört, alle Seiten sind integrierte Bestandteile des Gesamten.

Es war ein Hinweis, den sich besonders die Linke in der Welt zu Herzen nehmen sollte: Gemeinsam gehen, ohne Arroganz gegenüber „den anderen“. Wenn dies nicht zum Grundsatz für alle wird, muss die Dynamik der vielen und unterschiedlichen Bewegungen erlahmen. Was können sie dann noch erreichen?

„Einheit, Einheit, Einheit!" Dies war auch die Aufforderung des bolivianischen Präsidenten Evo Morales an die Volksbewegungen. „In der aktuellen historischen Phase, mit den zunehmend gewalttätigen Angriffen der globalen Wirtschaftsmächte auf die Umwelt, das Land, die Menschenrechte, die demokratische Beteiligung und ohne einer tief in der Gesellschaft verwurzelte politische Kraft“, so Morales, „ist die einzige Möglichkeit, um wirklich etwas zu verändern, die Einheit von Allen - Gewerkschaften, Organisationen, Bewegungen – sowohl im sozialen Kampf wie auch im Wahlkampf."

Vorwärts im Kampf um eine humane Alternative

Die gemeinsame Schlusserklärung aller Teilnehmer des Treffens bezeichnet das Treffen im Vatikan als „historisch“. In der Erklärung wird festgestellt, „dass die auf Ungleichheit und Profit setzende Natur des kapitalistischen Systems die Wurzel von sozialen und Umweltübeln“ ist. „Die Transnationalen Unternehmen mit ihrer enormen Macht, die alles verschlingen und privatisieren wollen – Waren, Dienstleistungen, Denken – spielen die erste Geige in dieser Symphonie der Zerstörung“.

Das Statement betont, jeder Mensch habe ein „unveräußerliches Recht auf vollen, stabilen, sicheren und umfassenden Zugang zu Land, Arbeit und Unterkunft: ... Keine Familie ohne Heim, kein Bauer ohne Boden, kein Arbeiter ohne Rechte, keine Person ohne die Würde der Arbeit!

Mit Blick auf Umweltschäden werden die Bewegungen aufgefordert, nicht nur „die strukturellen Gründe der Wegwerfkultur“ (letztes ist eine Formulierung des Papstes) zu bekämpfen, „sondern auch selbst einen Wechsel in den Einstellungen und der Handlungsweise unserer Völker von unten herbeizuführen“. Die Volksbewegungen werden aufgerufen, für diese Ziele „ohne Resignation und organisiert“ einzutreten.

„Vorwärts die Armen, die sich organisieren und kämpfen für eine humane Alternative zur ausschließenden Globalisierung!"


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fotos: ADITAL

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