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Refugees Piraeus HRW28.03.2016: Kaum ist der menschenrechtswidrige Deal zwischen der EU und der Türkei besiegelt, jagt eine Skandalmeldung die nächste: Die Türkei schiebt afghanische Flüchtlinge ab und verweigert sich flüchtlingsrechtlichen Minimalforderungen. Auf den griechischen Inseln werden die "Hotspots“ zu Haftzentren, während die von freiwilligen Helfern errichteten Lager geräumt wurden. Jetzt campieren Tausende unter katastrophalen Bedingungen am Hafen von Piräus, unterstützt von freiwilligen Helfern wie z.B. Leo Castro.

Kaum hat die Türkei den Schutz der EU-Außengrenzen übernommen, werden die menschenfeindlichen Auswirkungen schon deutlich: Nato-Schiffe bringen Flüchtlinge in die Türkei zurück, die Türkei schiebt die ersten afghanischen Flüchtlinge in ihr Heimatland ab - und die "Hotspots“ auf den griechischen Inseln werden zu geschlossene Abschiebezentren. Dort werden jetzt jene Menschen festgehalten, die zwangsweise in die Türkei zurückgebracht werden sollen. Aus Protest dagegen zieht sich das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR zurück.

Refugees EU-Tuerkei-Deal System

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Auch die Nothilfeorganisation Oxfam stellt mit sofortiger Wirkung sämtliche Tätigkeiten im Camp Moria auf der griechischen Insel Lesbos ein. Oxfams Griechenland-Beauftragter, Giovanni Riccardi Candiani, kommentiert: "Es ist unbegreiflich, wieso Europa die Rechte derer, die kommen, um Schutz zu erfahren, außer Kraft gesetzt hat. Menschen einzusperren, die keinerlei Verbrechen begangen und die ihr Leben aufs Spiel gesetzt haben, um Sicherheit und eine bessere Zukunft zu suchen, verletzt sämtliche Werte, die Europa in der Vergangenheit so leidenschaftlich verteidigt hatte.“

Für die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen erklärt deren Landeskoordinatorin für Griechenland Marie Elisabeth: "Wir haben die extrem schwierige Entscheidung getroffen, unsere Aktivitäten im Lager Moria zu beenden, weil uns die Fortführung der Arbeit zu Komplizen eines Systems machen würde, das wir als unfair und unmenschlich ansehen. Wir werden nicht zulassen, dass unsere Hilfe für eine Massenabschiebung instrumentalisiert wird. Wir weigern uns, Teil eines Systems zu sein, das keine Rücksicht auf die humanitären Bedürfnisse oder die Schutzbedürfnisse von Asylsuchenden und Migranten nimmt.“

Während auf den Inseln die von freiwilligen Helfern errichteten Lager nun leer stehen, campieren Tausende von Asylsuchenden und Migranten am Hafen von Piräus. Männer, Frauen und viele Kinder hausen unter menschenunwürdigen Bedingungen in den Warteräumen, einer alten Lagerhalle, in Zelten oder auch einfach auch nur unter LKWs. Sie sind am Hafen von Piräus gestrandet, weil sie im Zuge des EU-Türkei-Abkommens die Lager auf den griechischen Inseln verlassen mussten und weil andererseits die EU-Mitgliedsländer die Grenzen geschlossen halten.

Piräus: humanitäre Katastrophe

Human Rights Watch spricht von einer humanitären Krise. Die Flüchtlinge sind auf die Hilfe der zahlreichen Helferinnen und Helfer angewiesen. Einer von ihnen, Leo Castro, war ursprünglich auf Lesbos und ist nach der Schließung des Lagers "Better Days for Moria" jetzt am Hafen von Piräus. Er informiert regelmäßig über facebook:

26.03.2016: (TAG 23 + 24)
Lesbos ist verlassen. Wir sind nun ein Team aus acht ehemaligen Lesbos-Freiwilligen die sich nun in eine Unterkunft in Athen einsortierten, die eigentlich nur für Drei gebucht war. Aber so weit so billig, irgendwie muss man ja die Zusatzkosten refinanzieren.

Wir haben heute schon einige Stunden am Hafen Piräus gearbeitet. "Better Days for Moria" (Auffanglager auf Lesbos, Foto links) war dagegen ein Ponyhof. Es existiert kaum (Infra-)Struktur, wir müssen alles wieder von 0 hochziehen. Zelt an Zelt an Zelt sind Tausende Syrer, Afghanen, Iraker etc. gereiht. Hunderte Kinder, vielleicht sogar mehr als Erwachsene. Ich habe für einige Stunden den Türsteher gemimt, gefühlt war ich aber Betreuer einer Kindertagesstätte. Im Moment versuchen wir eine neue Kleiderverteilung aufzubauen, vielleicht werden wir aber schon die nächsten Tage aus dem umfunktionierten Hafengebäude geworfen. Morgen versuchen wir dennoch zusätzlich ein Duschsystem aufzubauen.

Eine kleine, improvisierte Wand trennt unser Lager von den gefühlt tausend Menschen, die es noch in die Halle geschafft haben. Gestern Nacht wurden trotz Wand 40 Zelte gestohlen. Verübeln kann man es den Menschen nicht. Es ist ein Chaos, es ist Elend, es tut weh. Vor allem zu wissen, dass sich hier noch niemand um diese Menschen schert. Ich bin ein weiteres mal in der Realität angekommen.

27.03 (TAG 25)
Man zog uns einen Strich durch die Rechnung. Das Gebäude, in dem wir versuchten eine strukturierte Kleiderverteilung aufzubauen wurde plötzlich geschlossen. Am Montag bekommen wir ein großes Zelt von der UN in das wir dann umziehen sollen. Uns werden Steine in den Weg gelegt. Die gestrandeten Flüchtlinge leiden an der mangelnden Infrastruktur. Wir haben Duschkabinen in Gang gesetzt. Die Nachfrage war geringer als erwartet, wir werden aber sehen wie es morgen ist wenn die Mundpropaganda ihr Bestes getan hat. Heute war ich mehr mit Crowd-Controlling in den Schlangen, mit Kindern herumtollen und Fußball spielen beschäftigt.

Leo Castro auf facebook: https://www.facebook.com/karl.krakj?fref=ts


Idomeni: "Die Verhältnisse vor Ort sind unmenschlich"

Der Münchner Max van Beveren steht z.Zt. den Flüchtenden im griechischen Grenzort Idomeni zur Seite. In dem völlig überfüllten Camp an der griechisch-mazedonischen Grenze sitzen mehr als zehntausend Flüchtlinge fest, weil Mazedonien die Grenze geschlossen hat.

Max schreibt:
Seit Freitag (18.3.) bin ich in einem kleinen, griechischen Dorf in der Nähe von Idomeni. Dort steht das Haus für die freiwilligen Helfer.

Bisher waren wir jeden Tag im Refugeecamp, um dort Zelte aufzubauen, mit den Kindern zu spielen oder einfach nur, um mit den Menschen zu sprechen, um ihnen Information zu geben. Die Verhältnisse vor Ort sind unmenschlich - aber das ist nichts neues!

Trotz dieser unwürdigen Umstände ist es interessant zu sehen, dass sich diese Leute nicht unterkriegen lassen. Sie beginnen damit, eigene Strukturen aufzubauen. So gibt es bereits kleine Stände, die Kleidung verkaufen. Andere verkaufen Zigaretten, sogar einen Friseur gibt es. Zwar handelt es sich dabei um einen Schwarzmarkt, doch solange Europa weiter Mauern baut und viele Tausend Menschen an den Grenzen ausharren müssen - ohne auch nur ansatzweise zu wissen, wie es weiter geht - müssen dort bestimmte Strukturen errichtet werden, um das Leben der Geflüchteten so erträglich wie möglich zu gestalten. Dabei gilt es sie bedingungslos zu unterstützen! All das Basteln und Spielen in Idomeni hilft den Menschen zwar im Moment, es ändert allerdings an ihrer politischen Lage nichts. Ich bewundere das Durchhaltevermögen der Männer und Frauen und ihre Stärke. Sie geben nicht nach und protestieren jeden Tag auf unterschiedlichste Weise (Sitzblockaden, Hungerstreik, Transparente, Interviews oder anderen Statements) für ihre Rechte. Allein die Tatsache, dass sie nicht aus Idomeni weggehen wollen um in die offiziellen griechischen Lager zu gehen ist eine Form des Widerstandes gegen selektierende Entscheidungen der EU. Einige lehnen das relocation Programm ab und wollen dass die Grenzen aufgemacht werden. Deshalb bleiben sie so nah wie möglich an der mazedonischen Grenze.

Wir Volunteers haben mit der Entstehung dieser Protestaktionen nichts zu tun, allerdings finde ich es wichtig sich auch vor Ort mit den Menschen zu solidarisieren. Zuhause gehen wir regelmäßig auf die Straße um unserem Unmut kund zu tun also müssen wir auch hier sagen was wir über politische Beschlüsse denken. Allerdings möchte ich betonen, dass beispielsweise die FAZ oder die junge Freiheit unsere Arbeit hier kriminalisieren und uns beschuldigen die Menschen für eigene Zwecke zu instrumentalisieren. Das war und wird nicht der Fall sein, allerdings verdienen die Forderungen der Menschen hier unseren Respekt und unsere Beachtung!

Max van Beveren auf facebook: https://www.facebook.com/profile.php?id=100004734435093&fref=ts


Ramelow: Flüchtlinge aus Idomeni aufnehmen

Jetzt hat Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (DIE LINKE) Bewegung in die Debatte gebracht. Thüringen ist zur Aufnahme von Flüchtlingen aus dem griechischen Grenzort Idomeni bereit. "Wir können unseren Teil zu einer europäischen Kontingentlösung beitragen", sagte Ramelow dem Spiegel. Derzeit stünden von zehn Erstaufnahmeunterkünften im Freistaat sieben leer. Ramelow zufolge könnte Thüringen im Rahmen einer koordinierten Aktion mehrerer Bundesländer "1000 bis 2000 Flüchtlinge" aufnehmen, "die im griechischen Idomeni gestrandet sind und verzweifelt auf Hilfe hoffen". Voraussetzung sei, dass die Bundesregierung in Visafragen und bei der Logistik helfe.

txt: lm
foto: HRW


 

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