Vor 45 Jahren konstituierte sich der MSB Spartakus

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MSB gruendung cover21.05.2016: Genau vor 45 Jahren, am 21. Mai 1971, kamen 235 Delegierte aus 35 Gruppen der Assoziation Marxistischer Studenten (AMS) in der Mensa der Universität Bonn zusammen, um den Marxistischen Studentenbund Spartakus (MSB Spartakus) zu gründen. Sie repräsentierten 36 stimmberechtigte Hoch- und Fachhochschulgruppen, 9 noch nicht stimmberechtigte Gruppen und weiter 8 im Aufbau befindliche Gruppen. Der MSB entwickelte sich in der Folgezeit zum größten Studentenverband in der BRD. Ein Grund zum Feiern. Und deshalb gibt es dieses Jahr eine Einladung an alle MSB-Aktivisten zu einem Treffen auf dem UZ-Pressefest.

Im „Dorf des Widerstands“ der 3 DKP-Bezirke Südbayern Rheinland-Pfalz und Saarland auf dem Pressefest wird vor der „Roten Blätter“- Wand der MSB-Treffpunkt sein, um sich zu treffen, sich zu verabreden, um zu diskutieren und Erinnerungen auszutauschen. Der Auftakt wird am Freitag-Abend (1.7.2016) sein.

Die Verbandsgründung war von den AMS-Gruppen in den Monaten vorher eingehend diskutiert worden. Auf einem Grundlagenseminar im April des Jahres in Frankfurt hatten die Delegierten einen Bundesausschuss gewählt, der als oberstes Organ des Spartakus mit der Vorbereitung des Gründungskongresses beauftragt wurde. Der von ihm vorgelegte Entwurf einer Grundsatzerklärung und weiterer Dokumente wurde auf einer Gruppenvertreterversammlung am 9. Mai in Münster ausführlich beraten. Diese Entwürfe wurden dann weiter in den Mitgliederversammlungen auf Gruppenebene diskutiert. Aus heutiger Sicht ist es nur noch schwer nachvollziehbar, dass es damals selbstverständlich war, dass sich Gruppen wöchentlich, oder sogar öfter, getroffen haben.

MSB strawe maercks buescher 1971Auf der konstituierenden Sitzung des ersten gewählten Bundesvorstandes wurde Christoph Strawe (links) zu Vorsitzenden und Jürgen Büscher (rechts) und Michael Maercks (mitte) zu stellvertretenden Vorsitzenden gewählt. Außerdem wählte der Bundesvorstand ein Sekretariat, dem neben den 3 Vorsitzenden die Genossen Uli Bange, Dieter Fornoni, Klaus Görke und Roland Lang angehörten. Obwohl über 25 % der Delegierten Genossinnen waren, waren sie in der ersten Leitung nicht vertreten. Das änderte sich dann aber schnell auf den nächsten Kongressen.

Die Reaktion in den Medien auf die Gründung des MSB war groß. Für die Frankfurter Rundschau war es ein „Roter Stern am Studentenhimmel“, für die Welt war es „Die fünfte Kolonne“, die Zeit berichtete unter der Überschrift „Revolution auf Samtpfoten“. Für den Rektor der Bonner Universität war es der endgültige Beweis, dass die Uni Bonn eine „Zentralstelle Kommunistischer Aktivitäten“ war. Der RCDS, der Studentenverband der CDU, rief auf zum Kampf gegen die kommunistische Gefahr, und die FDP-Politikerin Hamm-Brücher, damals Staatssekretärin im Wissenschaftsministerium, forderte als eine der ersten ein Verbot des MSB. Ein marxistischer Studentenverband in der BRD, der sich der DKP durch die gemeinsame marxistische Theorie, das sozialistische Ziel und die gemeinsame antimonopolistische Orientierung im Hochschulkampf solidarisch verbunden fühlte, so etwas hatte es noch nicht gegeben.

Dass sich der MSB in der Folgezeit zum größten Studentenverband in der BRD entwickeln konnte, lag in der unmittelbaren Arbeit in den Fachschaften und den verschiedenen Mitbestimmungsgremien auf allen Ebenen, die sich die demokratische Studentenbewegung erkämpft hatte. Diese starke Verankerung machte es dem MSB möglich, auch politische Tagesthemen in den Hochschulbetrieb einzubringen. Der MSB verstand es, den ökonomischen Kampf mit dem politischen Kampf zu verbinden.

Es waren die sozialen und politischen Auseinandersetzungen innerhalb und außerhalb der Hochschulen, die es notwendig machten, den Schritt von der Assoziation zu einer festeren Organisationsform zu machen. In der Hochschulpolitik ging es darum, das Hochschulrahmengesetz zu verhindern und die Mitbestimmung zu verteidigen und auszubauen. Aber es ging auch darum, die Studenten in den Kampf um die Ratifizierung der Verträge einzubeziehen, sie in die Mieter- und Rote-Punkt-Aktionen einzubinden, Solidaritätsaktionen in den Lohnkämpfen zu entwickeln, die internationale Solidarität voranzutreiben.

Die Assoziation Marxistischer Studenten (AMS) hatte sich 1969 gegründet. Dieser Schritt war notwendig geworden, nachdem die Polarisierung im damaligen SDS zwischen marxistischen Kräften und anderen Gruppierungen zugenommen hatte. Mit dem Ausschluss von 5 Kommunisten aus dem SDS im Herbst 1968 war im SDS eine Aktionseinheit kaum mehr möglich. Der Zusammenschluss zur AMS sollte die Arbeit der marxistischen Kräfte im SDS unterstützen. Zur AMS gehörten marxistische Fraktionen in den noch bestehenden SDS-Gruppen, aber auch Gruppen in ihrer Gesamtheit, besonders im Rhein-Ruhr-Gebiet.

1969 hat sich der SDS als Bundesverband aufgelöst, auch wenn der formale Auflösungsbeschluss mangels Beschlussunfähigkeit nicht gefasst werden konnte. Der Versuch der damaligen SDS-Führung, auch den vds, den Dachverband der Studenten, zu zerschlagen, konnte durch das gemeinsame Handeln vom AMS und dem Sozialdemokratischen Hochschulbund SHB verhindert werden. „Wie eine rote Rakete“ sei die Entwicklung des Spartakus vorangegangen, der zusammen mit dem SHB den vom SDS einst heruntergewirtschafteten und zum politischen Konkurs angemeldeten VDS zum marxistischen Dachverband der bundesdeutschen Studenten aufgepäppelt hätten, schrieb damals die „Zeit“.

Der MSB Spartakus hatte Gruppen in allen Hochschulen und Fachhochschulen, er zählte später über 3000 Mitglieder und war damit der mitgliederstärkste Studentenverband der BRD. Bei einer durchschnittlichen Mitgliedschaft von 3 Jahren waren es bis zu seiner Auflösung über 20.000 Studenten und Studentinnen, die den MSB weiterentwickelt und nach außen vertreten haben. Und dies, obwohl die regierenden Parteien mit Berufsverboten und anderen Repressalien versuchten, die Arbeit von Marxisten an den Hochschulen zu verhindern.

In den heutigen Publikationen zur Studentenbewegung von 68 wird die Existenz eines Marxistischen Studentenverbandes schlicht unterschlagen. Nichts soll an die Zeit erinnern, in der es gelungen war, mit der Losung „Marx an die Uni“ marxistische Lehrinhalte in den offiziellen Lehrbetrieb zu bringen, als sich Studenten und Professoren gegen Kriegsforschung an den Hochschulen wehrten, als der erfolgreiche Kampf gegen faschistisches Gedankengut an den Universitäten geführt wurde. Damals begann an den Universitäten der Versuch der Aufarbeitung des Faschismus in Deutschland.

MSB Demo Recklinghausen 1971Auch die DKP tut sich heute schwer mit ihrem Verhältnis zu einem marxistischen Studentenverband. Bei der Veranstaltung zu 40 Jahre DKP hat sie ihre eigenen Erfolge im Kampf um das Bündnis von Arbeiterklasse und Intelligenz unberücksichtigt gelassen. Dabei hätte es bei der Veranstaltung in Recklinghausen einen guten und wichtigen Anlass gegeben. Denn nach dem Gründungskongress hatte es in der Universität Bonn eine große Abschlusskundgebung gegeben. Sie endete mit der Fahrt der rund 1000 Teilnehmer nach Recklinghausen, um dort mit den 4000 jungen Arbeitern, Lehrlingen und Schülern im Rahmen des von der SDAJ organisierten Kongresses „Arbeiterjugend Kontra Monopole“ an der Demonstration durch die Stadt Recklinghausen und an der folgenden Großkundgebung teilzunehmen.

Es gab innerhalb der AMS durchaus unterschiedliche Positionen zum Charakter eines Marxistischen Studentenverbandes, und wie letztendlich die Grundsatzerklärung als politische Plattform aussehen sollte. Die Ansprüche waren hochgestellt, sollte doch das Programm bereits für sich genommen ein Beitrag zur ideologischen Auseinandersetzung an den Hochschulen sein.

Der MSB definierte sich als eine Marxistische Studentenorganisation, die eine sozialistische Gesellschaftsordnung anstrebt. Mitglieder konnten alle sein, die auf der Grundlage eines konsequenten antimonopolistischen Kampfes für eine demokratische Erneuerung von Staat und Gesellschaft eintraten. In der Satzung wurde zugleich aber auch die Pflicht definiert, durch das Studium des wissenschaftlichen Sozialismus seine Kenntnisse zu vervollkommnen. Die marxistische Bildungsarbeit in den Gruppen, unterstützt durch zentral erarbeitete Bildungsmaterialien, nahm dann auch einen wichtigen Stellenwert in der Arbeit des Verbandes ein.

Die Orientierung auf den antimonopolistischen Kampf war zu dieser Zeit auch die notwendige inhaltliche Abgrenzung zu den linkssektiererischen Gruppierungen an den Hochschulen. Im MSB sollte kein Platz für Antikommunismus sein, aber es wurde auch nicht verlangt, die führende Rolle der Sowjetunion in der internationalen und Arbeiterbewegung anzuerkennen. Aber über die positive Rolle der SU und der anderen sozialistischen Länder im antiimperialistischen Kampf sollte Einverständnis bestehen.

Der MSB trat für ein klares Verhältnis der Studenten zur Arbeiterklasse ein. Zuerst ging es vor allem um die Schaffung des Bündnisses von Arbeiterklasse und Intelligenz. Aber unter den Bedingungen der wissenschaftlich-technischen Revolution wurde Wissenschaft zu unmittelbaren Produktivkraft. Damit verändert sich auch der soziale Platz für viele Intellektuelle. Ihre Rolle im unmittelbaren Produktionsprozess wächst ständig, auch sie müssen ihre Arbeitskraft auf dem kapitalistischen Arbeitsmarkt verkaufen. Zusammen mit dem SHB entwickelte der MSB deshalb die Politik der gewerkschaftlichen Orientierung. Diese Politik umfasste einerseits eine quase gewerkschaftliche Interessensvertretung der Studenten an den Hochschulen, den Kampf um die Mitbestimmung, die Orientierung auf die Arbeit in den Fachschaften, in den Allgemeinen Studentenausschüssen, im VDS und in anderen Gremien. Gleichzeitig sollten die StudentInnen schon während des Studiums für eine Organisierung in den Gewerkschaften geworben werden, was nicht unbedingt auf Zustimmung der Gewerkschaften stieß. Die GEW war damals die erste Gewerkschaft, die ihre Satzung so änderte, dass auch StudentInnen Mitglied werden konnten.

Von außen immer wieder problematisiert, aber auch innerhalb des Verbandes immer wieder diskutiert, war das Verhältnis zur DKP. Ungefähr 60% der MSB-Mitglieder waren zugleich Mitglieder der DKP. Zugleich hatte die DKP eigene Hochschulgruppen. Die studentischen Mitglieder der Hochschulgruppen unterstützten aktiv die eigenständige Arbeit des MSB, zugleich orientierte sich der MSB an den politischen Einschätzungen der DKP. In der Grundsatzerklärung des MSB wurde formuliert, dass sich der MSB der DKP durch die gemeinsame Marxistische Theorie, das sozialistische Ziel und die gemeinsame antimonopolistische Orientierung im Hochschulkampf solidarisch verbunden fühlt.

Die Mitgliedschaft im MSB war naturgemäß immer zeitlich begrenzt bis zum Ende des Studiums. Die Mitgliedschaft war sicher nicht fördernd für eine Karriere, sie war auch kein Garant, auf ewig politisch an der Seite der Arbeiterklasse zu stehen. Aber auffallend viele Mitglieder haben in ihrer beruflichen Laufbahn versucht, der gewerkschaftlichen Orientierung zu folgen. Viele sind weiterhin politisch aktiv, und immer mehr können durch das Anwachsen der politischen und sozialen Bewegungen wieder neu aktiviert werden.

Der MSB hat sich 1990 aufgelöst, die Aktivisten der ersten Stunde sind heute schon im Rentenalter, haben unterschiedliche politische Entwicklungswege eingeschlagen. Viele haben heute Kontakt zur marxistischen linken.

Text: Michael Maercks, Gründungsmitglied von AMS und MSB, von 1971 bis 1974 stellv. Vorsitzender des MSB

Fotos: Protokoll des 1. Bundeskongresses des MSB Spartakus

In der Anlage:
Vorwort von Gunnar Matthiessen aus dem Protokoll des 1. Bundeskongresses des MSB
Von der Assoziation zum Marxistischen Studentenbund

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