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idomeni Vadim Ghirda29.03.2016: Manchmal können Berichte von „vor Ort“ mit ihren Details das Bild von Vorgängen plastischer machen, über die man schon in den Tagesmedien informiert worden ist. Das trifft auch auf die nachfolgende Reportage über die Zustände im griechischen Flüchtlingslager Idomeni zu. Sie stammt von dem in Athen ansässigen Journalisten Pavlos Kapantais, der schon seit längerem für verschiedene französischsprachige Zeitungen aus Griechenland berichtet, darunter für das französische Auslandsfernsehen France 24, die belgische Wirtschaftszeitung „L’Echo“ und die französische linksliberale Tageszeitung „Libération“. Er hat sich vor Ort umgesehen, mit Lagerinsassen und Griechen aus dem Umfeld gesprochen. Sein Bericht über die gewonnenen Eindrücke und Erkenntnisse entnehmen wir der kommunistischen Zeitung „Humanité Dimanche“ vom 24.3.2016.

Eine Reportage über das griechische Flüchtlingslager Idomeni

„Wir haben den Krieg überlebt – aber ihr lässt es mich bedauern.“ Das sind harte Worte, auf ein Stück Karton geschrieben. Aber nicht härter als die alltägliche Realität, die von den mehr als 12 000 Flüchtlingen im Lager von Idomeni erlebt wird.

Der, der das Plakat hochhält, ist Hussam, ein junger syrischer Fotograf von 25 Jahren, der Anfang März in Idomeni angekommen ist. Wie bei allen, die hier sind, war es sein Ziel, die Grenze nach Mazedonien zu überqueren und seine Reise nach Nordeuropa fortzusetzen. Aber die Grenze wurde geschlossen, und er wie alle anderen sitzt nun in der Falle. An diesem 18. März, dem Tag des EU Gipfels über die Flüchtlingskrise, erwartet er nicht mehr viel von Europa. „Was die EU-Chefs in Brüssel suchen, ist eine Lösung für sich selbst. Nicht für uns“, sagt er. Die Realität gibt ihm in zynischer Weise Recht.

Für alle diese syrischen, irakischen und afghanischen Flüchtlinge ist Idomeni eine Art modernes Fegefeuer. Mit der Ankunft in Griechenland, also in Europa, hatten sie die Hälfte ihres Traums verwirklicht. Aber da sie hier blockiert sind, verwandelt sich dieser Traum nun allmählich, Tag für Tag mehr, in eine Hölle.

Ein Kilometer lange Schlangen für die Versorgung

idomeni Rober AstorganoDie Lebensbedingungen in dem Lager sind zumindest menschenunwürdig. Ursprünglich war es gebaut worden, um bis zu 2000 Menschen aufzunehmen, und alles funktionierte dort noch vor etwa 40 Tagen wunderbar. Aber der menschenfeindliche Wahnsinn, der die europäischen Hauptstädte befallen hat, hat die von der griechischen Regierung und den NGOs geschaffenen Infrastrukturen Schritt für Schritt unzureichend und unerträglich gemacht. Zelte ohne Betten, Schlamm und mehr als einen Kilometer lange Schlangen, um sich mit Nahrung zu versorgen – so sieht der Alltag seiner Bewohner heute aus.

Nachdem die Grenze schon Ende Herbst letzten Jahres für alle sogenannten „Wirtschaftsflüchtlinge“ endgültig geschlossen worden war, hat Mazedonien Mitte Februar als Reaktion auf die Schließung anderer europäischer Grenzen ihr Passieren für afghanische und irakische Flüchtlinge untersagt. Damit hat sich hat sich die Zahl der Insassen des Lagers Idomeni sehr rasch auf das Dreifache vergrößert. Dann wurden Anfang März selbst die Syrer nur noch tröpfchenweise durchgelassen – nur denen, die aus der Region um Damaskus kamen und die einen Pass hatten, wurde der Durchgang genehmigt. Alle anderen wurden als potenzielle Mitglieder des Daesh („Islamischer Staat“ – IS) betrachtet. Einige Tage später wurde die Grenze definitiv geschlossen und die Bevölkerungszahl im Inneren und in der Umgebung des Lagers und in der ganzen Region explodierte geradezu. Alles in allem beherbergen die Gemeinde Paionia (zu der Idomeni gehört) und die benachbarte Gemeinde Kilkis jetzt fast 20 000 Menschen auf ihrem Territorium.

In Reaktion auf die Schließung der Grenzen zirkulierte am 14. März in Idomeni eine Karte mit detaillierten Instruktionen, wie man trotzdem nach Mazedonien gelangen kann. Tausende haben die Odyssee versucht. Drei Menschen kamen zu Tode, ertrunken, als sie versuchten, die Grenze an einem Ort zu überqueren, wo ein Fluss passiert werden musste. Tausende andere sind auf mindestens unzulässige Weise nach Griechenland zurückgeschickt worden: die mazedonische Polizei hat entschieden, alle Flüchtlinge, die sie einfängt, nach Griechenland zurück abzuschieben, ohne jemals dafür eine Genehmigung zu beantragen, indem sie einfach ein Loch in die Mauer machte, die die mazedonischen Behörden errichtet hatten. 1500 Menschen wurden so mit Gewalt auf griechisches Gebiet zurückgeschickt. Die Mauer wurde sofort wieder geschlossen. Das Europa des 21. Jahrhunderts ist ganz deutlich reichlich zynisch…

Aufnahme bei den Einheimischen

„Man muss die Wahrheit sagen. Selbst mit allem guten Willen der Welt wird man allen diesen Leuten bald nicht mehr helfen können. Es muss sich etwas ändern, und das schnell.“ Lena Anastasiadou, eine Fünfzigjährige, ist Vizebürgermeisterin von Kilkis und damit beauftragt, alles zu koordinieren, was mit der Flüchtlingskrise zusammenhängt. Wenn ihre Rede hart und alarmistisch scheinen kann, zeugen ihre Taten von echtem Humanismus.

In Chersos, einem kleinen Örtchen mit 600 Einwohnern in der Gemeinde Kilkis, hat die Regierung Alexis Tsipras im Zusammenwirken mit der Armee ein Aufnahmezentrum für mehr als 3500 Flüchtlinge und Migranten eingerichtet. Lena Anastasiadou hat das Vorhaben der Regierung nicht nur gegenüber ihren Mitbürgern unterstützt, sondern mit Hilfe von sehr zahlreichen Freiwilligen aus der örtlichen Bevölkerung ein Programm der „Aufnahme bei den Einheimischen“ installiert. Mehr als zwanzig Familien aus Chersos meldeten sich tatsächlich als Freiwillige, um Migrantenfamilien für einige Tage bei sich aufzunehmen, „damit sie ein wenig menschliche Wärme verspüren und hausgemachtes Essen bekommen“. Nach einigen Tagen kehren die Flüchtlingsfamilien in das Lager zurück, damit andere Familien bei den Einheimischen aufgenommen werden können. „In der Region sind mehr als 60 Prozent der Familien direkte Nachkommen der griechischen Flüchtlinge, die Anfang des 20. Jahrhunderts aus der Türkei fliehen mussten. Da weiß man noch, was das heißt, zu fliehen, um sein Leben zu retten.

Doch Frau Anastasiadou beharrt darauf: „Das muss sich ändern. Man kann nicht so weitermachen. Jeden Tag gibt es auf dem zentralen Dorfplatz hunderte und hunderte von Flüchtlingen für kaum ein Dutzend Einheimische. Es ist zu spüren, dass sich allmählich Unbehagen und Angst auszubreiten beginnen.“

„Nicht verrückt werden“

Was müsste getan werden? „Kleinere Unterkunftszentren. Bei einem Dorf wie Chersos, das nur einige hundert Einwohner hat, kann man keine Lager haben, die nach Tausenden zählen.“ Lena Anastasiadou lehnt es ab, auf jegliche Fragen zur nationalen oder internationalen Politik zu antworten, aber sie lässt ein verzerrtes Grinsen erkennen, sowie das Wort „Europa“ ausgesprochen wird.

Auch in Idomeni hat man den Eindruck, dass je mehr Zeit vergeht, die Situation immer schwieriger wird. Überall im Lager blühen kleine Geschäfte. Neben einigen Griechen, die Telefonkarten verkaufen, sind die meisten dieser improvisierten Geschäftsleute Flüchtlinge, die versuchen, nicht alle ihre Ersparnisse zu verlieren, während sie darauf warten, die Grenze passieren zu können. Das meiste von dem, was sie verkaufen, sind Nahrungsmittel, die von den Hilfsorganisationen verteilt werden…

Achmed, der Iraker, hat sich seinerseits beschlossen, seinen Beruf wieder auszuüben. Als gelernter Friseur ist er jetzt innerhalb des Lagers tätig. „Bei der Abreise habe ich meine Ausrüstung mitgenommen. Hier blockiert, habe ich mir gesagt, dass es besser ist, wenn ich mich wieder an die Arbeit mache. Ich gewinne etwas Geld, das mir nützlich sein wird, egal, was auch kommt. Aber vor allem hilft mir das, nicht verrückt zu werden.“ Als er Europa erreicht hatte, glaube er, seinem Ziel nahe zu sein: nach Deutschland zu kommen. Keinen Augenblick wollte er an die Schließung der Grenzen glauben, weil er dachte, dass es sich dabei um unfundierte Gerüchte handle.

Dieser Wille zu glauben, dass sie ihre endgültige Bestimmung doch noch erreichen können, macht ziemlich die Runde bei allen Flüchtlingen und Migranten. Vor dem EU Gipfel, der zu der surrealistischen und unanwendbaren Vereinbarung führte, zirkulierten die Gerüchte von einer bevorstehenden Wiederöffnung der Grenzen fast überall in Griechenland. Das führte dazu, dass hunderte, sogar tausende Flüchtlinge und Migranten nach Idomeni kamen. „Erstmals seit Monaten sah man auch wieder „Wirtschaftsimmigranten“ im Lager ankommen. Und was man ihnen auch immer sagte, sie wollten uns nicht glauben“, berichtet Dimitri Koukopoulos, ein Psychologe, der für die Hilfsorganisation Arsis arbeitet.

Seitdem gibt es auf dem Weg nach Idomeni improvisierte kleine Lager mit einigen dutzend oder einigen hundert Menschen fast neben jeder Tankstelle. Diese finden bei den Flüchtlingen Gefallen, weil sie „WC und fließendes Wasser sowie die Möglichkeit, nicht allzu teuer etwas zu essen zu kaufen“ anbieten, erklärt uns Kutaiba, ein junger Syrer von 23 Jahren, der sich mit Freunden nahe einer Tankstelle sieben Kilometer vor Idomeni eingerichtet hat.

Ethnische Gewalt

Im Lager selbst könnte die Situation sehr schnell in eine Tragödie umschlagen. Die Anzeige eines Vergewaltigungsversuchs bei einem kleinen syrischen Mädchen durch einen 27 jährigen Afghanen hat seit einer Woche die Beziehungen zwischen Afghanen und Syrern verschlechtert. „Jeden Abend gibt es ethnische Gewaltakte und sogar Messerattacken. Wenn sich nichts ändert, geht man direkt auf eine immense Katastrophe zu“, sagt ein freiwilliger Helfer, der anonym bleiben möchte.

In den letzten Tagen hat Alexis Tsipras mehrere Appelle an die Flüchtlinge gerichtet, um ihnen zu erklären, dass die Grenzen geschlossen bleiben werden, und um sie aufzufordern, sich in die zahlreichen Aufnahmezentren zu begeben, die zu Dutzenden im ganzen Land aufgebaut werden. Trotz gefährlicher Gerüchte in diese Richtung ist zu keinem Augenblick an die Anwendung von Staatsgewalt gedacht worden, um die tausende Menschen umzuquartieren, die in Idomeni sind.

Von der Verzweiflung zur Selbstverbrennung

Aber werden diese Ermahnungen genügend, um Idomeni von all diesen Leuten leer zu machen, die sich an die Hoffnung klammern?

Laut Christos Goudenoudis, den Bürgermeister der Gemeinde Paionia, zu der Idomeni gehört, genügt das nicht. Es müssten „Schritt für Schritt die Nahrungsmittelmengen, die im Lager verteilt werden, verringert werden, damit die Leute gezwungen sind, in die bestehenden Aufnahmestrukturen umzuziehen“. (Anm.: Idomeni ist offiziell keine Anlage des griechischen Staates; das Lager wird zum Teil von der Gemeinde und zum Teil von den zahlriechen Hilfsorganisationen verwaltet, die vor Ort sind.) In Idomeni sei nämlich „der Mangel an zentraler Koordinierung wahrscheinlich das größte Problem des Lagers, und das macht es tatsächlich unbewohnbar. Zum Beispiel: Wir warten auf Betten, damit die Leute in den Zelten nicht auf dem Boden schlafen müssen, das heißt im Schlamm. Aber da die Hilfsorganisation, die die Betten schickt, nicht die gleiche ist wie die, die die Zelte geliefert hat, hat man gerade zur Kenntnis genommen, dass die Betten, die man bald bekommen soll, zu groß sind für die Zelte, die man hat…“

Neben solchen tragisch-komischen Details ist die größte Gefahr für alle die Hoffnungslosigkeit. Am Dienstag, den 22. März, berichteten griechische Internetseiten über die Geschichte eines syrischen Flüchtlings, der versucht haben soll, sich selbst zu verbrennen, um gegen die Schließung der Grenzen zu protestieren. Auch wenn die Information bis zur Abfassung dieses Berichts nicht bestätigt wurde, ist offensichtlich, dass Zwischenfälle dieser Art sich früher oder später häufen werden. Bleibt die Frage, ob Europa noch die Fähigkeit hat, sich darüber zu erregen. Wie Hussam sagt: „Schließt nicht die Augen, wie ihr die Grenzen schließt.“

Das Abkommen der Schande

Am 18. März hat die Europäische Union mit der Türkei ein Abkommen geschlossen, das dem Zufluss von Flüchtlingen, die auf den griechischen Inseln ankommen, ein Ende machen soll. Es sieht vor, dass jede Person, Migrant oder Flüchtling, die das Ägäische Meer nach dem 20¨März irregulär überquert hat, in die Türkei zurückgeschickt wird, die sie auf seinem Territorium ab dem 4. April zulassen wird. Und dass für jeden in die Türkei zurückgeschickten Syrer die EU einen anderen aus der Türkei aufnehmen wird – aber nur bis zu 72 000 insgesamt. Einige Schnörkel sind angefügt worden, damit dieser Text durchgeht, der de facto die internationalen Regeln verletzt. So wurde die Türkei zum sicheren Herkunftsland für Flüchtlinge und Migranten erklärt, und – das ist zugesagt! – jeder Fall wird Gegenstand einer individuellen Überprüfung sein vor jeder Rücksendung in die Türkei. Diese, gegen eine Finanzhilfe von 6 Milliarden Euro, und Griechenland, dem seine Partner militärische und polizeiliche Verstärkungen versprechen, werden also gebeten, die Rolle von Polizisten zu spielen. Und ein unbrauchbares Arrangement umzusetzen, das faktisch dem Asylrecht in Europa ein Ende macht.

Quelle: Humanité Dimanche, 24.3.2016     Übersetzung: Georg Polikeit

Fotos: Vadim Ghirda / Rober Astorgano


 

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