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Horst Bernard21.01.2020: Knapp zwei Wochen nachdem das Berliner Finanzamt der VVN-BdA die Gemeinnützigkeit entzogen hatte, wurde dem ehemaligen Landesvorsitzenden Saar, Horst Bernard, jetzt 87 Jahre alt, vom Bundespräsidenten in Berlin das Bundesverdienstkreuz verliehen. Dies ist eine späte Würdigung für dessen jahrzehntelanges Engagement für die Interessen der Verfolgten des Naziregimes, gegen alte und neue Nazis im Staatsapparat und der Gesellschaft der BRD, gegen das Vergessen der Menschenverachtung und Gräuel in der Zeit des Faschismus.

 

Vorgeschlagen für diese Würdigung wurde er u.a. vom damaligen Kultusminister des Saarlandes, Ulrich Commerçon (SPD) und von Burkhard Jellonnek, dem Leiter des Landesinstituts für Pädagogik und Medien und dem Adolf-Bender-Zentrum St. Wendel. In der Begründung wird dieses Lebenswerk gewürdigt. Es heißt u.a.: "Mit der Verfolgung durch das NS-Regime aufgewachsen, begann Horst Bernard seine vielfältige erinnerungspolitische Bildungsarbeit zu Zeiten, in denen Erinnerungskultur noch unerwünscht war. Er gehörte zu den ersten, die auf die Geschichte des Gestapo-Lagers Neue Bremm hingewiesen haben und den ehemaligen Insassen durch seine Veröffentlichungen eine Stimme gab. …"

Diese Ehrung steht in völligem politischem Gegensatz zu der Entscheidung des Berliner Finanzgerichts und des bayrischen "Verfassungsschutzes". Auch wenn die Begründung für den Vorschlag Bernard keine Hinweise auf dessen kommunistische Identität enthält, so wissen die Vorschlagenden darum, sie wissen um das über die VVN hinausgehende gesellschaftspolitische Engagement von Horst Bernard.

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1935, als Horst 3 Jahre alt war, musste die Familie nach Frankreich flüchten. Die Eltern waren als Kommunisten in der antifaschistischen Einheitsfront des noch nicht zum faschistischen Reich gehörenden Saargebietes aktiv. Nach dem "Heim ins Reich"-Sieg war ihr Leben durch Nazis bedroht.

Horst war jahrzehntelang Landesvorsitzender der VVN-BdA, war IG-Metall Vertrauensmann und Betriebsratsmitglied bei Siemens Saarbrücken und ebenfalls Jahrzehnte Mitglied des Bezirksvorstandes der DKP Saarland. Die VVN-BdA Saar ernannte ihn nach seinem Ausscheiden aus der Landesleitung zum Ehrenvorsitzenden. Mit seinem unermüdlichen Drängen verbunden ist der Erhalt der Gedenkstätte KZ Neue Bremm, des Stopps des Verfalls und der Wiederherstellung und Aufbau als würdige und informative Stätte des Erinnerns, Gedenkens und Mahnung.

Horst Bernard umfairteilen2012Für sein beständiges Wirken, seine persönliche Integrität erhielt Horst in den letzten Jahren mehrere Auszeichnungen im Saarland, wie die Bürgermedaille der Stadt Saarbrücken und als erster wurde er Preisträger der Alex-Deutsch-Stiftung und des Landkreises Neunkirchen. Er selbst versteht diese Auszeichnungen immer auch als Würdigung des Wirkens "seiner" antifaschistischen Organisation. Außer ihm haben in der Vergangenheit auch weitere Mitglieder öffentliche Auszeichnungen und Würdigungen für ihr Engagement erhalten.

Bei unzähligen Vorträgen und Begegnungen in Schulen, auf der Gedenkstätte Gestapo-Lager Neue Bremm, bei antifaschistischen Stadtrundfahrten in Saarbrücken und andernorts haben Horst und weitere Kameradinnen und Kameraden die "Erinnerungskultur" über den deutschen Faschismus entwickelt und vermittelt. Das im Elsass gelegene KZ Natzweiler-Struthof wäre ohne die von VVN-Mitgliedern organisierten und begleiteten Besuche saarländischer Schulklassen kaum bekannt.

Sie sind aktiv in Bündnissen wie "Bunt statt Braun", in AGs "Stolpersteine gegen das Vergessen". Sie haben mit dazu beigetragen, dass sich im Saarland keine Pegida-Ableger entwickeln konnten und auch die AfD unter Bundesdurchschnitt liegt.

Mitglieder der VVN-BdA setzten sich über Jahrzehnte ein gegen den Abbau demokratischer Rechte, wie in den 60er Jahren gegen die Notstandsgesetze, in den 70er und 80er Jahren gegen die Berufsverbote und beständig für demokratischen Fortschritt gekämpft. Die VVN-BdA als Organisation und ihre Mitglieder waren und sind dabei bei Ostermärschen, bei den vielen großen und kleinen Aktionen der Friedensbewegung.

Die VVN-BdA versteht sich als überparteilichen Zusammenschluss von Antifaschistinnen und Antifaschisten. Sie bekennt sich zum Schwur von Buchenwald: "Die Vernichtung des Faschismus mit seinen Wurzeln, der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel." Dieses Bekenntnis geht über ein bürgerliches Verständnis des Faschismus hinaus. Es schließt allerdings den bürgerlich demokratischen Widerstand gegen Faschismus, gegen Rechts mit ein.

In engagierten Teilen der demokratischen Zivilgesellschaft im Saarland sind die VVN-BdA und ihre Mitglieder respektiert und angesehen als antifaschistische Kraft. Es gibt kein Verständnis für die Einschätzung des bayrischen "Verfassungsschutzes" und die sich darauf beziehende Entscheidung der Berliner Finanzbehörde.

"Wir wünschen, dass die Gemeinnützigkeit der VVN/BdA erhalten bleibt."
evangelische Kirchenrat Frank-Matthias Hofmann

In der Saarbrücker Zeitung sagte der Sprecher der Landesarbeitsgemeinschaft (LAG) Erinnerungsarbeit im Saarland, der evangelische Kirchenrat Frank-Matthias Hofmann: "Wir wünschen, dass die Gemeinnützigkeit der VVN/BdA erhalten bleibt." Die VVN/BdA gehöre zu den Gründungsmitgliedern der LAG. "Das ist ein persönlicher Angriff auf die Naziverfolgten. Wir möchten, dass deren Stimme erhalten bleibt", so Hofmann. Er vermutete, dass die Einstufung der VVN/BdA als "linksextremistisch" noch aus dem Denken des Kalten Krieges stammt.

Auch der Vorsitzende der Synagogengemeinde Saar, Richard Bermann, nannte die Entscheidung des Berliner Finanzamtes "unverständlich". "Ich finde das persönlich unmöglich. Ich kann darin keinen Sinn erkennen", sagte Bermann der Sbr.Ztg. Die VVN/BdA sei nicht linksextremistisch, man müsse sich mit ihr solidarisch erklären.« (Sbr.Ztg. 04.12.)

Und im Kommentar heißt es: "Wer die Gemeinnützigkeit der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/Bund der Antifaschisten (VVN/BdA) bestreitet, muss sich fragen lassen, ob er noch in den Kategorien des Kalten Krieges denkt. Und nicht mitbekommen hat, welche Leistung die Ehrenamtlichen der VVN/BdA seit 1947 für die deutsche Demokratie vollbracht haben."

Der Saarländische Rundfunk (ARD) brachte in der Nachrichtensendung SR Aktuell am 5. Dezember einen Bericht über die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes für Horst Bernard mit einem Kurzporträt und wies hin auf die Widersprüchlichkeit zu der Aberkennung der Gemeinnützigkeit.

Die Vollversammlung des Landesjugendrings Saar, die Arbeitsgemeinschaft von 27 Kinder- und Jugendverbänden, hat sich bei einer Enthaltung für den Erhalt der Gemeinnützigkeit der VVN ausgesprochen. Die DKP Saarland hat auf ihrer Bezirkskonferenz einstimmig eine Solidaritätserklärung beschlossen. (www.dkp-saarland.de)

Breite Solidarität erhält die VVN-BdA aus der Zivilgesellschaft und von demokratischen Organisationen und Gruppen. Dieser Widerstand gegen die Finanzbehörde und die Solidarität mit der VVN-BdA sind Ausdruck eines demokratischen und antifaschistischen Selbstverständnisses. Zum Ausdruck kommen Zweifel und Kritik an Entscheidungen und Einschätzungen von Behörden im demokratischen Widerstand gegen Rechts. Auch wenn diese Kräfte kein marxistisches Verständnis des Wesens des Faschismus haben, hier wird ein wichtiges Potential demokratischer, antirassistischer und antifaschistischer Bewegung erkennbar.

Horst Bernard hat in seiner Tätigkeit dieses breite Bündnis gelebt und hat auch bei der Ehrung durch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier aus seinem Herzen keine Mördergrube gemacht. Im anschließenden Gespräch hat er auf den politischen Widerspruch der Ehrung und der Aberkennung der Gemeinnützigkeit hingewiesen und dem Bundespräsidenten einen Hinweis zum Nachdenken gegeben.

txt: Rainer Dörrenbecher

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