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Foto Die Trauernde Gabriele Senft27.07.2022: Gabriele Senft hat in einem Facebook-Kommentar ihre innere Zerrissenheit in ihrer Haltung zum Krieg in der Ukraine zum Ausdruck gebracht, den Schmerz über das Zerbrechen von Freundschaften und darauf verwiesen, dass das "Gesamtbild immer wieder neu auf den Prüfstand" gestellt werden müsse. Von den zahlreichen Kommentaren zu dem Artikel von Gabriele Senft veröffentlicht kommunisten.de den kurzen Kommentar von Peter Schmitt. kommunisten.de bedankt sich für die Genehmigung zur Veröffentlichung.


Gabriele SenftGabriele Senft *)

 Geht es euch auch so: Einem wichtige Menschen, die gemeinsame Erinnerungen aus Jahrzehnten mit einem teilten, in deren Nähe man sich geschätzt fühlte, - die verzweifeln nun an einem, weil man bei den jetzigen politischen Vorgängen durch Nachdenken zu anderen Ergebnissen und Schlussfolgerungen kommt - oder umgekehrt, sie werden einem fremd, scheinen unerreichbar oder man zweifelt an deren Verstand.

Da gab es den Sommer und Herbst 1989 in der DDR und ein Weitergehen mit dem Gefühl des Verlustes, Trennung von bis dahin Seite an Seite beruflich Verbundenen, bewusst gewählte Trennung von einem als Verräter Scheinende, Schmerz durch Enttäuschungen, auch Verwunderung über das mittelalterliche Denken mancher neuer Landsleute… notwendige hilfreiche Erkenntnisse, Lernen …und sich Halten an Gleichgesinnte, die Bewahrenswertes teilen und dadurch ermutigen., …ein holpriges Vorwärts, ein Lebenskompromiss und ein Festhalten an Grundsätzen und Kampf dafür: Menschlichkeit, Ehrlichkeit, Gerechtigkeit, Aufbegehren gegen Reaktion, Nationalismus, Rassismus.

Dann deutete sich für mich schon seit 2014 an, dass die Wege sich auch von einigen dieser bis dahin noch stützenden MitstreiterInnen trennen werden.

Ich versuchte zu verstehen. Es ist schmerzhaft. Doch ich möchte nur zu dem stehen, was ich für mich für durchdacht und als wahrhaftig erkenne und dafür Gleichgesinnte suchen.

Scheinbar um des Friedens willen, gingen einige meiner Bekannten z.B. mit den Montagsmahnwachen Kompromisse ein, die für meinen Verstand Verrat am Antifaschismus waren, waren mit sich zum Faschismus Bekennenden unterwegs. Der berechtigte Protest gegen NATO Kriege täuschte sie darüber, dass die für uns alle für immer geltende große Dankbarkeit für die Völker der Sowjetunion für unser gelebtes Leben und die uns anerzogene Wachsamkeit gegen Aufrüstung des westlichen Teils Deutschland und deren Verbündetem, die USA, unsere klare Sicht darauf verstellte, dass auch im Osten es keine staatliche Ausrichtung gegen Kriege mehr gab.

Für mich tat es seit Langem weh, wenn ich dieses in den 60er Jahren entstandene Lied: "Meinst du, die Russen wollen Krieg?", das ich damals voller Überzeugung mitgesungen habe, und wo jeder verstand, dass dieser Begriff "Russe" von der geschichtlichen Wahrnehmung der ihnen nicht gut Gesonnenen geprägt war wie z.B. auch der abfällig geprägte Ausdruck "Ivan", für alle Menschen der Sowjetunion galt, auch für die der Ukraine. Und dass ich das nun keineswegs mehr mit einem überzeugten NEIN hätte beantworten können. Denn mindestens im Krieg in Syrien, ja, auch seit 2014 in der Ukraine sah es für mich in der Praxis anders aus.

Ich hab die Hilfe mancher Mitmenschen hier für die nach sowjetischen Werten sich sehnenden prorussisch eingestellten Ukrainern verstanden, aber die Einmischung von russischer Seite verurteilt und eskalierend gesehen. Klar zu erkennen war, dass Nationalismus in der Ukraine wie auch in Russland gefährlich wuchs. Sicher: einfache russische Menschen wie auch die in den USA, wie auch hier bei uns und überall, sie alle wollen keinen Krieg!

1999 wurde ich aktiv bei der Aufklärung von Kriegsverbrechen im NATO Angriffskrieg gegen Jugoslawien, weil zum ersten mal auch deutsche Soldaten seit Ende des 2. Weltkrieges aktiv zum Töten geschickt wurden. Ich fühlte mich aufgehoben in einem großen Antikriegsbündnis und empfand sogar ein Glücksgefühl, als ich mit über 100 Menschen, die mit mir von Dresden aus losgefahren waren, dort in Belgrad mitten im Zentrum des Krieges stand. Wir wollten nachdrücklich den Wahnsinn des Krieges stoppen helfen.

Ich war immer politisch interessiert. In der DDR hab ich auch in gesellschaftlichen Funktionen, in der Pionierorganisation, bei der FDJ und in der SED Verantwortung übernommen. Da werden jetzt vielleicht einige schon nicht weiter lesen, werden mir Machtinteresse oder Profilsucht unterstellen, aber ich handelte nur nach dem verinnerlichten Vorsatz, dass ein Mensch um so mehr als Mensch gilt, je mehr er in der Lage ist, Verantwortung auch für das Wohlergehen anderer zu übernehmen.

Die Motivation zu fotografieren nahm und entnehme ich ebenso aus dieser mir nach wie vor gültigen Grundhaltung, um damit Menschen in einem solidarischen internationalen Miteinander zu stärken.

Unsere Bildung in der DDR war umfangreich und wissenschaftlich fundiert, und doch teilweise zu kritisieren, denn es gibt absichtlich weggelassene geschichtliche Lücken, die anderen und mir schadeten, uns schwächten in der objektiven Beurteilung der Geschichte. Und das nehme ich meiner vorangegangenen Generation übel, denen, die mehr wussten und es sich zu einfach machten, Abläufe beschönigten, vereinfachten, glätteten, weil sich Klüfte aufgetan hätten, die im Sinne der Wahrhaftigkeit andere Bewertungen erfordert hätten. Vieles wurde durch die nötigen Tagesaufgaben verdrängt und auf später verschoben. Ein Beispiel: obwohl ich mich in der Tradition der wunderbaren Fotografin Tina Modotti, und auch vieler Arbeiterfotografen sehe und einiges erfuhr über die große Wirkung der A.I.Z., die großartige sowjetische Filmkunst der 20iger Jahre des letzten Jahrhunderts kennenlernte und deutsche Filme aus der Arbeiterbewegung wie den Klassiker "Kuhle Wampe", hab ich in der DDR nie den Namen Willi Münzenberg gehört und seinen großen Verdienst an diesem Aufblühen der historischen Arbeiterfotografie und deren Selbstbewusstsein für den Klassenkampf.

Die Verbrechen Stalins, u.a auch seine Deals mit Hitler, da wussten wir nur, er musste 1939 Zeit gewinnen, aber ich hatte keine Vorstellung von dem Ausmaß der verbrecherischen Handlungen und konnte darum die Vorbehalte zum Beispiel von Polen gegen die UdSSR nie begreifen.

Eine Freundin sagte mir, sie kann verstehen, wenn viele jetzt unbeirrt zu Russland halten, weil sie sonst ihr gesamtes Weltbild ändern und auch die DDR viel kritischer beurteilen müssten.

Das sehe ich für mich anders. Ich werde zu meiner Haltung, wie ich in der DDR deren Aufbau mitgetragen habe, stehen, doch sehr wohl dabei beachten, dass ich mein Gesamtbild immer wieder neu auf den Prüfstand stellen werde. Ich denke , dass wir ehemalige DDR Frauen im Aufbruch zu wirklicher Gleichberechtigung waren und uns gesellschaftlich und im Privatem immer größeres Mitspracherecht in allen Lebenslagen gegen seit Jahrhunderte geprägte Traditionen erkämpft haben. Das werde ich immer verteidigen!

Ich sehe aber andererseits, dass diese, die jetzt langwierig zu begründen versuchen, Russland sei gar nicht imperialistisch und sei als Nachfolger der Sowjetunion zu betrachten, dass die mit dieser Einstellung einen Riesenschaden verursachen. Das hat nichts damit zu tun, dass man sein Weltbild auf den Kopf stellen müsste.

Foto Die Trauernde Gabriele Senft

Ich hatte in der Sowjetunion Freunde. Während meines Berufslebens konnte ich Reisen unternehmen, auch in die Ukraine, die ich als souveränen Sowjetstaat wahrnahm, und in dem wir uns dennoch selbstverständlich gut in russischer Sprache verständigen konnten. Auch nach 1990 war ich in Russland und zweimal in der Ukraine und hab überall herzliche Gastfreundschaft erfahren.

In Deutschland erlebte ich seit Kriegsbeginn im Februar diesen Jahres zwischen ankommenden geflüchteten ukrainischen und russischen Menschen oder eben russisch Sprechenden, die ihnen hier beim Ankommen zur Seite standen, keine Dissonanz. Viele erklärten mir, dass ihre Familien russische und ukrainische Wurzeln hätten. Am Hauptbahnhof konnte ich mehrmals Begebenheiten von großer solidarischer und selbstloser Hilfe erleben für die Ankommenden.

Dagegen erlebe ich Hass und Feindseligkeiten durch fanatisierte Landsleute, die mich als Gegnerin abstempelten, weil ich die angegebenen Gründe für diesen irrsinnigen Krieg, der ja angeblich nicht mal einer sei, so nicht akzeptiere, die mich ständig dazu drängen, mich für die "richtige" Seite zu positionieren. Darunter gibt es sogar solche, wenn auch sehr wenige, die im Februar diesen Angriff Russlands begrüßten, weil der nun Thälmanns Sache zu Ende bringe und nun endlich wirklich der Faschismus endgültig besiegt würde und dafür "Kollateralschaden" in Kauf genommen werden müssten.

Und immer kommt der Vorwurf, ich würde die Vorgeschichte dieses "Konfliktes" nicht sehen. Die 14.000 Toten im Donbass, die Geschehnisse auf dem Maidan, das Massaker in Odessa, … . Doch dieser Vorwurf ist falsch.

Ich habe auch in den Konflikten vor dem Jugoslawienkrieg 1999 die vielen Verbrechen seit der die Eskalation befördernden Anerkennung und Herauslösung Kroatiens gesehen und wie aufgeputschte Menschen sich zu Massakern verleiten ließen und schuldig wurden am Tod von Mitbürgern.

Damals 1999 haben friedliebende Menschen aus Deutschland in Jugoslawien gewagt, sich energisch und ihr Leben einsetzend, von dem Aggressor NATO Einhalt des Krieges zu fordern.

Jetzt wagt es niemand, dem mit der Auslöschung aller Erdbewohner drohenden Aggressor Russland Einhalt zu gebieten. Sondern es werden immer neue Begründungen gesucht, sein Vorgehen zu rechtfertigen. Und das, bis hierhin Lesende, wird dann nun der Auslöser sein, dass sich noch weitere denken, ich sei auf der anderen Seite der Barrikade gelandet. Doch ich steh noch an derselben Stelle, mitmenschlich, internationalistisch und antifaschistisch, solidarisch, und an der Seite derjenigen, die Kriege verdammen.

"Und das liebste mag's uns scheinen. So wie andern Völkern ihrs." [1] Wer das überzeugt singt, sollte der nicht auch das sich Wehren der Ukrainer gegen denjenigen, der ihnen das Recht dazu abspricht, die Aktionen zur Verteidigung des ihnen gehörenden Landes zu verstehen suchen? Mir ist klar, dass beides imperialistisch regierte Systeme sind. Aber ein Halt des Bombens muss für mich zuallererst an den gerichtet werden, der die Grenze des Nachbarlandes überschritten hat.

 

Peter Schmitt Feb2022Peter H. Schmitt *)

Liebe Gabi, auch ich durchlebe diese innere Zerrissenheit in meiner Haltung zu Russland. Und auch ich muss zur Kenntnis nehmen, dass langjährige Freunde heute eine andere Haltung zu diesem Krieg haben als ich.

Mein Vater hat die Repressionen in den 1930er Jahren in Moskau durchlaufen müssen, ist im Gulag gelandet, hat aber im Unterschied zu zahlreichen jungen Kommunisten, die mit ihm in die Sowjetunion flohen, überlebt. Er hat später als junger Kommunist in der Roten Armee gegen den Hitler-Faschismus gekämpft. Das hat mich für immer geprägt.

Aber heute ist es ein anderes Russland. Ein anderer Krieg.

Das Umdenken ist nicht einfach aber wohl notwendig.

Ganz klar , Russland muss Einhalt geboten werden. Dieser Krieg ist mit nichts zu begründen. Dennoch sehe ich inzwischen auch einen Stellvertreterkrieg von Seiten der NATO. Waffenlieferungen verlängern den Krieg, erhöht nur die Zahl der Opfer.

Ich bin aktiv in der direkten Hilfe und Unterstützung der in unseren Ort untergebrachten ukrainischen Familien. Es zerreißt mich, ihre Geschichte zu hören, ihre Angst unmittelbar zu erleben.
Dieser Krieg muss sofort beendet werden!

 

Zu den Personen

Gabriele Senft,
geboren 1949 und in der Niederlausitz aufgewachsen. Nach einem Studium der Journalistik an der Karl Marx-Universität in Leipzig nahm sie ihre berufliche Tätigkeit als Pressereporterin bei der Staatlichen Nachrichtenagentur der DDR, ADN Zentralbild, in Berlin auf. 1990 ging sie als Fotojournalistin zur Tageszeitung "junge Welt" und seit 1993 arbeitet sie freiberuflich für sozial engagierte linke Bewegungen, Zeitungen und Verlage.

Neben Ausstellungen zu ebensolchen Themen erschienen seit 1990 mehrere Bücher im "Verlag Wiljo Heinen", wo sie aus ihrer fotojournalistischen Tätigkeit in der DDR schöpfen konnte, ein Beispiel: "Dialog - Schriftsteller der DDR". Ein Bildband und eine umfangreiche Dokumentation, in der ihr sie die Aufklärung eines Kriegsverbrechens aus dem NATO-Angriffskrieg gegen Jugoslawien 1999 begleitete und Folgen für Opfer über 10 Jahre aufzeigt: "Target- Die Brücke von Varvarin".
Zum 75. Jahrestag der Befreiung der Völker Europas vom Faschismus durch die Sowjetarmee entstand ein Bildband. Sie verfolgte den Weg der Roten Armee seit ihrem Überschreiten der Oder in Kienitz Ende Januar 1945 bis zur Kapitulation der Hitlerfaschisten am 8. Mai in Berlin zurück und fand Spuren bis ins Heute, mit Fotokamera und Texten und sie lässt Zeitzeugen zu Wort kommen: "Leuchtend prangten ringsum Apfelblüten - der lang ersehnte Frühling."

Fotos von Gabriele Senft auf ihrer Facebookseite: https://www.facebook.com/gabriele.senft

 

Peter Schmitt,
1954 in Berlin (Hauptstadt der DDR) geboren, bis 1990 Hauptkommissar bei der Kriminalpolizei Berlin, bis Dezember 1989 Mitglied der SED, anschließend der PDS, jetzt aktiv in der marxistischen linken, engagiert in "Zossen zeigt Gesicht für Demokratie" und seit 2015 in der Unterstützergruppe für Geflüchtete in Zossen

 

Foto oben: "Die Trauernde", geschaffen von Jürgen von Woyski, aus Hoyerswerda, auf dem sowjetischen Ehrenfriedhof in Spremberg
aus : Gabriele Senft, "Leuchtend prangten ringsum Apfelblüten. Der lang ersehnte Frühling". Bildband zum 75. Jahr der Befreiung vom Faschismus,
Verlag Arbeiterlogik, Berlin, 2020. ISBN 978-3-95514-913-0,
195 Seiten, 28,50 €
bestellen: https://www.gutes-lesen.de/laden/apfelblueten/

 

Anmerkungen

[1] Bertolt Brecht, Kinderhymne
https://www.uni-saarland.de/fileadmin/upload/fakultaet-p/gutenberg/Gedicht_des_Monats/Brecht_Kinderhymne.pdf