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Rede von Walter Listl bei der Trauerfeier für Hans Schneider am 11.06.2010 in Augsburg

Liebe Angehörige, liebe Trauergäste, liebe Genossinnen und Genossen,

Wir sind hier um an Hans Schneider zu denken
Hans Schneider, den Vater und Opa,
Hans Schneider den Kommunisten und Gewerkschaftskollegen, den Freund und politischen Urgestein.

Der Tod von Hans lenkt unseren Blick auch auf die Begrenztheit unseres eigenen Lebens.
Wir – die wir uns nicht auf ein vermeintliches ewiges Leben nach dem Tod vertrösten lassen wollen, sondern um ein besseres Leben vor dem Tod kämpfen und den Himmel - um mit Heinrich Heine zu sprechen - den Engeln und den Spatzen überlassen, wir sollten uns in einer solchen Stunde klar werden, was er uns noch unerledigt hinterlässt, was sein Tod uns aufgibt, für ihn und in seinem Sinne noch zu tun.

Welcher Mensch Hans war, ist nur aus seiner Biografie heraus zu verstehen

Als Hans 1945, achtmal verwundet, dabei einen Arm verloren und als einziger Überlebender seiner Kompanie aus dem Krieg und aus amerikanischer Gefangenschaft heimkehrte, war es für ihn ein logischer Schritt, sich 1949 der KPD anzuschließen, der Partei, die mit ihrer Warnung Recht behielt:
Wer Hitler wählt, wählt Krieg.

Er war damals Betriebsratsvorsitzender bei BMA (Bernhard Müller Augsburg) und wurde entlassen, weil er für die Interessen seiner Kollegen eintrat und Mitorganisator eines Streikes war.

Sein Engagement für Frieden, gegen die Remilitarisierung Westdeutschlands und für die Wiedervereinigung durch gesamtdeutsche Wahlen brachten ihm 15 Monate Gefängnis wegen Landesverrat und Rädelsführerschaft ein. Zur Beerdigung seiner Eltern in dieser Zeit wurde er in Handschellen geführt.

Nach dem Verbot der KPD arbeitete Hans in verschiedenen Funktionen für die illegale KPD wo er in Rheinland Westfalen, in Düsseldorf seine Erfahrung aus der Betriebs- und Gewerkschaftsarbeit einbrachte.

1968 bei der Neukonstituierung der DKP, Hans übersiedelte nach Augsburg und später nach München, war Hans von Anfang an dabei und Bezirksvorsitzender von 1968 bis 1981.

Aus dieser Zeit sind meine Erinnerungen und Erfahrungen an Hans.

Ich war damals Gründungsmitglied der SDAJ 1968 und später Landesvorsitzender in Bayern der SDAJ, somit auch im Bezirksvorstand und später im Bezirkssekretariat der DKP.

Erinnere mich:

Nach Hausbesetzungen in München (Denningerstraße) sollten wir nun gleich ganze Seeufer besetzen.

Und unter der Losung „Seeufer für Millionen, nicht für Millionäre“ gelang es damals unter Überwindung eines Stacheldrahtzaunes ein Seegrundstück des Baron von Fink zu besetzen.

Denn Hans nahm es ernst mit der bayerischen Verfassung, nach der Seeufer für alle Menschen zugänglich sein müssen.

Viele plakative Aktionen haben die Sorgen der Menschen aufgegriffen:

Ein roter DKP-Bus, als mobile Mieterberatung hat die Menschen beraten und mit den Forderungen der DKP vertraut gemacht.
 
Mit einem DKP-Spielmobil wurden Spielaktionen in Stadtteilen durchgeführt, in denen eine Unterversorgung von Kindereinrichtungen herrschte,

Hausaufgabenachmittage der DKP im Hasenbergl, einem sozialen Brennpunkt der Stadt oder Preisstoppverkäufe knüpften an den unmittelbaren Problemen der Menschen an.

Aber es blieb nie bei plakativen Aktionen, sondern diese waren immer Aufhänger dafür, unsere gesellschaftlichen Alternativen bekannt zu machen.

Das alles hat Hans mit großer Energie und mit vielen engagierten Kommunistinnen und Kommunisten angeschoben.

In seiner Funktion als Bezirksvorsitzender der DKP war marxistische Bildungsarbeit immer eines seiner wichtigsten Anliegen.

Die Marxistische Betriebsarbeiterschule, die Marxistische Arbeiterbildung, MAB und die „Marxistische Bildungsgemeinschaft Oskar Maria Graf“ die er wesentlich mitgestaltete waren für ihn ebenso wichtige Anliegen, wie die DKP-Siemens Betriebsgruppen und Betriebszeitungen.

Zusammen mit seiner unvergessenen Frau Lilo hat Hans ganz wesentlich die Politik und das Gesicht der DKP in Südbayern geprägt und ist damit auch ein Stück Zeitgeschichte der kommunistischen Bewegung.

Wie sieht nun die Bilanz dieser Kämpfe am Ende eines solchen Lebens aus, wie steht es um den Erfolg dieser seiner, und auch unser aller Kämpfe?

Ich möchte das mit einem Wort der Theologin und Friedensaktivistin Dorothee Sölle beschreiben, die sagt:
“Es gibt Dinge, die musst du tun um deiner eigenen Würde Willen, damit du dir noch ins Gesicht sehen kannst.
Es gibt Dinge, die musst du tun, damit du überhaupt ein Mensch bleibst.
Und das bringt uns auf einen festen Grund, wo wir nämlich Dinge tun, weil wir sie für richtig und wahr halten.“

Aber diese Kämpfe haben Kraft gekostet – zumal nach den Niederlagen, den geschichtlichen Umbrüchen und den Irrtümern unserer Bewegung.
Was Hans und mit ihm viele von uns nach den Umbrüchen 1989/90 weiter angetrieben hat war die Erkenntnis:
Ja – wir Kommunisten haben uns in mancherlei Hinsicht geirrt
Aber weitaus schrecklicher, hundert mal schrecklicher ist, worin wir uns nicht geirrt, worin wir recht behalten haben:

Dass dieses kapitalistische System die menschliche Gesellschaft und ihre natürlichen Lebensgrundlagen ruiniert,

dass dieses System zwar Krieg und Folter in jeden Winkel der Erde tragen kann, aber nicht sauberes Wasser, ausreichende Bildung und menschenwürdige Lebensverhältnisse.

Diese Schreckensbilanz der heutigen globalen kapitalistischen Verhältnisse war und ist es, was Hans und viele von uns zu der Erkenntnis brachte, dass es eine gesellschaftliche Alternative braucht, eine Gesellschaft jenseits des Kapitalismus, zu einer sozialistischen Gesellschaft, einer Gesellschaft ohne Krieg, Ausbeutung und Barbarei.

Im Kampf darum hätten wir Hans noch lange gebraucht und es ist zu befürchten, dass wir seine Unbedingtheit, sein Engagement und seine Konsequenz noch lange Zeit nötig haben werden.

Der große Literat der russischen Oktoberrevolution Nikolai Ostrowski schreibt in seinem legendären Buch „Wie der Stahl gehärtet wurde:

„Das Wertvollste, was der Mensch besitzt ist das Leben.
Es wird ihm nur ein einziges mal gegeben.
Und nutzen soll er es so, dass er sterbend sagen kann:
Mein ganzes Leben, meine ganze Kraft habe ich dem Kampf um die Befreiung der Menschheit gewidmet“

Heute, zwanzig Jahre nach den bitteren Erfahrungen des Scheiterns der realsozialistischen Länder zeigt sich eine weitere Erfahrung, die nicht weniger bitter und beängstigend ist:

Dass das kapitalistische Produktions- und Konsumtionsmodell die sozialen und ökologischen Verhältnisse auf dem Globus ruiniert.

Die Erfahrung: Wenn der Kapitalismus das letzte Wort der Geschichte ist, gibt es keine Chance für ein friedliches, solidarisches und humanes Zusammenleben und Überleben der Menschheit.

An einem neuen, mehrheitsfähigen sozialistischen Gesellschaftsmodell zu arbeiten und an einer Strategie, wie aus der Sackgasse des Kapitalismus ausgebrochen werden kann, das hat Hans und sein Leben uns aufgegeben.

Und so werden wir - ganz im Sinne von Hans - morgen zur großen Demonstration der Gewerkschaft gegen Sparprogramm und Sozialabbau nach Stuttgart fahren –
Und damit da weiter machen, wo Hans aufhören musste.

Foto: Vorlage war das Wahlkampfplakat der DKP zu den OB-Wahlen in München, 1978

Europäische Bürgerinitiative:
Kein Handel mit den illegalen Siedlungen

"Wir fordern ein EU-Gesetz, das dem Handel mit illegalen Siedlungen ein für alle Mal ein Ende setzt."
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