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Der 3. Linke Liedersommer auf der Burg Waldeck zog vom 11. bis 13. Juni über 120 Menschen in den Hunsrück, um auf der legendären „Waldeck“ politische Lieder zu hören, zu singen und darüber zu diskutieren. Die Freidenker Rheinland- Pfalz und die Jenny-Marx-Gesellschaft Trier haben das Treffen organisiert und sind mit dem Erfolg hochzufrieden – und die Besucher haben zwei Tage genossen in Workshops, Konzerten und am Lagerfeuer.

Sonja Gottlieb stellte in zwei Workshops das demokratische Lied und Umweltlieder vor, Gaby Ambach das jiddische Lied, Blandine Bonjour und Bernd Köhler („Schlauch“) französische Chansons. Gemeinsam mit den Teilnehmern sangen sie diese Lieder auch auf dem Konzert am Samstagabend. Kai Degenhardt referierte über die Geschichte der Musikindustrie und stellte mit Frank Zappa fest, sie sei „noch nicht ganz tot, rieche aber schon komisch“. Die anschließende Diskussion gab viele Anregungen, wie politische Künstler auf den Markt gehen können.

 

Dieter Dehm („Lerryn“) trug zum Thema „Linke Kulturarbeit“ vor, mithilfe von Brecht-Songs und eigenen Liedern, begleitet vom Leiter des „Oktober- Klubs“ Berlin am Klavier und als Chor. Ein ausgemacht amüsanter Vortrag, der viele Einblicke gab in die Probleme und Erfolge von Linker Kulturarbeit. Aufgaben hat sie genug: Sie soll Appetit machen auf die Vergesellschaftung des Eigentums, z.B. an der Deutschen Bank. Sie soll feinste Risse in der Struktur der Gesellschaft entdecken und aufzeigen, sie soll den Sozialismus als ein Glücksversprechen begreiflich machen, besonders Jugendlichen gemeinsames Erleben vermitteln und die Lust am Selbermachen.

Über die Heiligendamm-Prozesse, die er in einem neu erschienenen Buch verarbeitet hat, referierte Michael Schnack, und Stefan Jung, Liedermacher aus Anschau, sang dazu Arbeiterlieder. Ein Schwerpunktthema war die Auseinandersetzung mit dem viel zu früh verstorbenen Gerhard Gundermann, Liedermacher und Baggerfahrer aus Hoyerswerda. Am Freitag abend noch wurde ein Dokumentarfilm dazu gezeigt, der den ahnungslosen Wessis diesen Künstler nahe brachte, am Sonntag gab es dann einen Vortrag über sein Leben, und der junge Sänger Christian Völker interpretierte Lieder von Gundermann dazu. Ja, und dann gab es aus gegebenem Anlass eine Podiumsdiskussion. Die Freidenker hatten die Hip-Hop-Band „Bandbreite“ eingeladen zum Konzert, und das missfiel einigen Mitbürgern so sehr, dass sie eine Mail-Kampagne lostraten. Angeblich handele es sich um Antisemiten, die sich des schweren Vergehens schuldig gemacht hätten, Verschwörungstheoretiker zu sein. Nun, Freidenker sind frei genug, um ihre Entscheidungen nicht rückgängig zu machen auf irgendwelche Anschuldigungen hin. Die „Bandbreite“ blieb, und auf einer Podiumsdiskussion bekamen die beiden jungen Musiker die Gelegenheit, aus ihrer Sicht zu den Vorwürfen Stellung zu nehmen. Ihr Lied zum 11. September „Habt ihr das etwa selbst gemacht?“ benennt die Ungereimtheiten und Lügen zum 11. September und stellt die Frage, ob die, denen der Terroranschlag so genutzt hat, um ihre Ziele zu erreichen, die Finger selbst im Spiel gehabt haben. Das darf nicht sein, und also sind sie seit einem Spiegel-online-Artikel Opfer von Veranstalter- Absagen. Die IG Metall, für die sie Kampagnen-Songs geschrieben haben, lädt sie nicht mehr ein, und jeder Veranstalter, der sie haben will, bekommt es mit einer Kampagne zu tun wie die Freidenker.

Wer sich nach dieser Diskussion noch fragte, warum eine HipHop-Band solchen Zorn auf sich zieht, der wusste es nach dem Konzert am Samstag, dass die „Bandbreite“ mit ihrem Programm krönte: Die Jungs sind einfach zu gut!

Ihre Texte, ihre Musik, ihre Performance überzeugen, gehen ins Blut, rütteln auf, bringen zum Lachen und sind trotzdem ernsthaft politisch, emanzipatorisch, revolutionär. Jedes Wort des gut recherchierten, durchdachten Textes ist verständlich, die Musik vielfältig, ohne beliebig zu sein. „Eigentlich“ müssten die Jungs überall zu hören sein, wo Bewegung ist. Wer sich selbst überzeugen will: www.diebandbreite.de anklicken und staunen!

Der erste Teil des Konzerts, in dem sich Laien und Profis das Mikro in die Hand gaben und vom alten bis zum neuesten Lied begeisterten, entpuppte sich so als „Vorprogramm“ zu den Jungs von „Bandbreite“, die auch die vielen Grauhaarigen im Publikum restlos begeisterten.

Ja, es gab viele im politischen Kampf ergraute Besucher – aber sie waren nicht in der Überzahl. Und sie waren fit! Unermüdlich ging es am Lagerfeuer weiter bis zum frühen Morgen, um dann um 10 Uhr am Sonntag wieder mit dem Programm anzufangen. Ein wunderschönes, bewegendes Ende gestalteten Blandine Bonjour und „Schlauch“ mit dem Lied „Le chiffon rouge“ aus der französischen Arbeiterbewegung: Denn die Welt wird so, wie du sie machst: voller Liebe, Gerechtigkeit und Freude!

Dieser linke Liedersommer hat einen Vorgeschmack gegeben auf diese Zeit, und dafür Dank allen Organisatoren, Spendern und Helfern, die ihn möglich gemacht haben. Alle Teilnehmer waren sich einig, dass es nicht der letzte gewesen sein soll. Die Tradition der Liedermacher Ende der 60er Jahre, die „Waldeck“ zu einem Begriff gemacht haben, lebt und wird weiter blühen.

Text: Jane Zahn (Nachdruck aus der UZ vom 18.06.2010)

Jane Zahn ist Kabarettistin und Sängerin. Sie stellt sich und ihre Programme aus den Bereichen Chanson, Kabarett, Schlager und Tango auf www.janezahn.de  vor.