"Wir werden Tag und Nacht bombardiert"

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Syrien Afrin Opfer715.03.2018: Kerem Schamberger befindet sich zur Zeit in der Demokratischen Föderation Nordsyrien/Rojava. Dort führte er für kommunisten.de ein Interview mit Asya vom Information Center of Afrin Resistance über die Lage in Afrin.

 

Frage: Wie ist die aktuelle Situation in der Stadt?

Asya: Die Stadt und alle Menschen befinden sich in großer Alarmbereitschaft. Aus allen umliegenden Distrikten nähern sich die Soldaten und Panzer der türkischen Armee und ihrer islamistischen Verbündeten. Es besteht die Gefahr, komplett eingekesselt zu werden und einem totalen Gemetzel ausgesetzt zu sein. Es ist sicher, dass die türkischen Invasoren Kriegsverbrechen in schrecklichem Ausmaß begehen werden. Es kann Massaker, ja sogar einen Genozid geben. Vor zwei Tagen erschienen Drohvideos im Internet mit der Ankündigung der islamistischen Söldner der Türkei, alle zu köpfen, die sie in der Stadt vorfinden. (https://twitter.com/twitter/statuses/972962491788492801)

Zum jetzigen Zeitpunkt gibt es nur noch einen Weg aus der Stadt. Das städtische Leben ist zum Erliegen gekommen, die zahlreichen zivilen Organisationen mussten ihre Arbeit einstellen. Auch die Lage im Krankenhaus ist kritisch, da es an Personal und Material mangelt, um Verwundete zu versorgen. Die Stadt sieht sich ständigen Luftangriffen ausgesetzt, es wird eine grausame Drohkulisse aufgebaut. Kommunikation ist problematisch, da vor ca. 1 Woche auch die Haupt-Telefonmasten in der Umgebung bombardiert wurden.

Frage: Wie ist die Lage der Zivilbevölkerung? Wie viele sind noch vor Ort und wie sieht es mit der Versorgung aus?

Asya: Es sind noch hunderttausende Menschen in der Stadt. Viele bleiben in ihren Häusern, nur noch wenige Läden öffnen. Die Versorgung ist kritisch. Vor allem Wasser ist ein großes Problem, da die Wasserversorgung aus dem Wasserreservoir Meydanki und der Aufbereitungsanlage Metina durch die türkische Armee abgeschnitten wurde. Um einer Hungersnot vorzubeugen, wurde mit Beginn des Krieges der Brotpreis gesenkt und die Brot-Produktion innerhalb der Stadt gesteigert.

Aus allen Dörfern im Kanton Afrin mussten Menschen flüchten und 200.000 haben in den letzten Wochen in der Stadt Schutz gesucht – sie leben in Schulen, Kellern oder auf Baustellen, also unfertigen Häusern.

Die Menschen sind ständigen Luft- und Mörser-Angriffen ausgesetzt, größtenteils im nahen Umkreis der Stadt, teilweise jedoch ebenfalls auf das Stadtgebiet selbst. So wurde erst gestern ein 14-jähriger Junge im Zentrum durch einen Luftangriff schwer verletzt. Die Zivilbevölkerung befindet sich in einer traumatischen Situation, da es für sie nicht möglich ist, einfach so die Stadt zu verlassen.

Viele haben über Jahre die demokratische Selbstverwaltung mitaufgebaut und ein kommunales, solidarisches Leben im Kanton realisiert. Als dieses Projekt vom türkischen Staat und seinen islamistischen Verbündeten angegriffen wurde, sind ihre Söhne und Töchter zur Verteidigung übergegangen. Viele sind dabei gefallen. Die Menschen können nicht akzeptieren, dass so viel Blut vergossen wurde und so viele ihrer Lieben ihr Leben verloren haben und sie jetzt deren Gräber zurücklassen sollen.

Einige mussten gar ihre Väter oder Mütter unter den Trümmern ihrer Häuser zurücklassen, als ihr Dorf von der türkischen Armee und den islamistischen Verbündeten zerstört wurde.

Doch auch in der Stadt Afrin steigt die Gefahr täglich, von türkischen Luftangriffen getroffen zu werden. Das führt zu einer sehr verzweifelten Psychologie. Zwar besteht Vertrauen, dass die Verteidigungskräfte trotz allem mit dem übermenschlichen Widerstand die Invasoren noch länger aufhalten können, doch sind die Menschen den Luftangriffen schutzlos ausgeliefert.

Frage: Welche Schwierigkeiten ergeben sich aus der »Überbevölkerung«?

Asya: Falls damit die Geflüchteten aus anderen Teilen Afrins gemeint sind: Die demokratische Selbstverwaltung hat in den letzten Wochen deren Unterbringung und Versorgung organisiert. Es wurden Komitees eingerichtet, die sich um die neu ankommenden Familien gekümmert haben und sie in Schulen untergebracht. Abgesehen davon haben sich die Menschen auch gegenseitig geholfen und ohne Wenn und Aber Decken und Essen geteilt, das sie bei sich zuhause hatten. Es ist eine solidarische Gesellschaft. Eine große Schwierigkeit ist der psychische Schmerz der Menschen, dass sie ihre Häuser unter Bombenangriffen verlassen mussten. Auch für die psychologische Betreuung wurde ein Komitee eingerichtet. Dieses ist im Moment jedoch durch den hohen Druck der Belagerung nicht mehr arbeitsfähig.

Frage: Was sagen die Menschen vor Ort zum Verhalten Russland und der USA?

Asya: Es herrscht große Wut wegen des Schweigens der Staaten, insbesondere der europäischen Staaten und der anderen NATO-Mitglieder. Und Fassungslosigkeit, dass es wirklich international anerkannt wird, dass der türkische Staat den Menschen alles nimmt und die ethnische Säuberung in Afrin vollzieht, was im Klartext bedeutet: Menschen werden gnadenlos bombardiert, ohne Rücksicht auf Verluste, bis sie gezwungen sind, ihr Zuhause zu verlassen. Durch die konstanten Luft- und Artillerie-Angriffe können sie nichts von ihrem Hab und Gut mitnehmen und werden vom türkischen Staat somit enteignet und mittellos gelassen.

Es herrscht ein großes Bewusstsein über die Ungerechtigkeit, dass zuvor viele kurdische und arabische FreundInnen des SDF von der Welt für die Bekämpfung des IS benutzt wurden und in diesem Kampf die grausamsten Dinge durchlebt haben. Viele KäpferInnen haben dabei ihr Leben gegeben, während der Westen nicht mehr als etwas Beifall gespendet hat. Nun ist es sehr unverständlich, dass insbesondere die USA, aber auch die europäischen Staaten keinerlei Maßnahmen ergreifen, um die Türkei zu stoppen.

Von Russland, das den Luftraum über Afrin kontrolliert und dessen Vertreter vor dem Angriff in Afrin anwesend waren, fühlen sich die Menschen verkauft. Sie sehen, dass auf ihrem Rücken ein Tauschhandel betrieben wird und dass mit dem Blut ihrer Kinder ein politisches Kräfteverhältnis zwischen Russland und den USA, damit verbunden dem syrischen Regime und dem türkischen Staat, arrangiert wird. Es ist allgemein bekannt, dass Russland als Staat geschichtlich immer wieder für Verrat steht, jedoch führen die aktuellen Entwicklungen diese allgemeine Erfahrung nochmals vor Augen.

Viel häufiger wird aber von der Bevölkerung darauf hingewiesen, inwiefern die angeblichen demokratischen Vorstellungen im Westen hinfällig sind. Es besteht ein allgemeines Verständnis davon, dass weder Individuen noch Staaten, die sich als Demokratie bezeichnen, eine solch rechtlich illegale und humanitär verheerende Invasion akzeptieren könnten. Insofern wird das von den westlichen Staaten präsentierte demokratische und freiheitliche Gesicht häufig als lügnerische Maske benannt. Sie erlauben die Vernichtung der in Afrin ansässigen Menschen und die brutale Veränderung der Demografie.

Frage: Wie sieht der Widerstand in der Stadt aus?

Asya: Die Stadt ist im Belagerungszustand und trifft entsprechende Vorbereitungen. Der hervorstechendste Widerstand besteht darin, dass viele zivile Menschen, die mit der Revolution stark verbunden sind, weiterhin sagen, dass sie niemals von hier weggehen werden. Viele auch ältere Leute haben das Bedürfnis, sich selbst zu verteidigen und fragen, wo sie sich Waffen abholen können für den Fall, dass morgen Jihadisten in ihre Straße einfallen. Es befinden sich auch weiterhin viele Menschen zur Unterstützung aus den Kantonen Cizire und Kobane in der Stadt. Die kollektive Wut und Kraft reißt nicht ab und auch heute wieder sind hunderte Menschen gekommen, um gemeinsam die Gefallenen zu beerdigen.

Frage: Was für eine Rolle nehmen die Frauen vor Ort im Widerstand ein?

Asya: Der Widerstand wird von Anfang an zu einem großen Anteil von Frauen bestritten, in vielen Fällen von Müttern, die ihre Kinder im Krieg verloren haben. Sie haben das starke, vielleicht sogar das stärkere Bewusstsein dafür, dass die Ungerechtigkeit nicht siegen darf. Weil sie den Schmerz auf eine andere Art und Weise spüren. Frauen beteiligen sich in allen anstehenden Aufgaben, haben sich entsprechen ihren Möglichkeiten in den Verteidigungs- oder Versorgungsaufgaben engagiert. Erst heute wurden 7 Kämpferinnen der YPJ beerdigt. Frauen haben den Eindruck, dass Erdogans Ideologie und Gewalt sich vor Allem gegen sie und ihre in Afrin und Rojava erkämpfte Freiheit richtet. Zum 8. März sind hunderte Frauen solidarisch nach Afrin gereist, um den Widerstand gegen die feindliche patriarchale Invasion zu feiern und ihren Müttern und Schwestern in Afrin ihre Unterstützung zu zeigen.

Frage: Gibt es aus der belagerten Stadt einen Appell an die Weltöffentlichkeit?

Asya: Immer wieder wird darauf hingewiesen, dass sich Afrin der Übermacht eines NATO-Staates mit modernstem, hochtechnologischem Kriegsgerät gegenübersieht. Die Menschen rufen immer wieder aus: “Wenn nur die Flugzeuge nicht wären.” Deshalb ist die grundlegende Forderung, sofort eine Flugverbotszone zu erreichen, um die Menschen zu retten. Außerdem sollen die Proteste intensiviert werden und von allen sich als demokratisch und nur menschlich verstehenden Menschen alles daran gesetzt werden, das internationale Schweigen über die Geschehnisse zu beenden. Die Demokratische Selbstverwaltung hat sich wiederholt üeber Pressekonferenzen dazu geäußert. Es sollte verstanden werden, dass es sich hier um einen Widerstand einer demokratischen pluralistischen Gesellschaft handelt, in der alle Ethnien und Religionen das Recht zum freien Ausdruck haben und dieses auch nutzen. Die internationale Gemeinschaft wird von der demokratischen Selbstverwaltung ebenso dazu aufgerufen, ihre eigenen Grundlagen, z.B. die Souveränität der Staaten, zu verteidigen. Weiterhin wird ausgedrückt, dass im Widerstand in Afrin die Geschichte der Menschlichkeit und Würde, der Verbundenheit der Voelker entwickelt wird.

Abgesehen davon fehlt es an humanitärer Hilfe, da bis auf eine Lieferung vom Roten Kreuz bisher auch von NGOs und Hilfsorganisationen keinerlei Reaktion gab. Wem es möglich ist, die Menschen materiell zu unterstützen, kann sich an das Kurdische Rote Kreuz (heyva sor) wenden, die eine Spendenkampagne organisieren.

Information Center of Afrin Resistance: https://icafrinresist.wordpress.com/

aktuelle Informationen aus Afrin: https://twitter.com/ICafrinresist  

Kerem berichtet auf seinem Blog: https://kerem-schamberger.de/


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