Leben wie Trump in "America"? Aktuelle Bücher hinterfragen die "imperiale Lebensweise"

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Buchtitel kombi Brand-Lessenich16.04.2017:
Ulrich Brand/Markus Wissen: Imperiale Lebensweise. Zur Ausbeutung von Mensch und Natur im globalen Kapitalismus.

Stephan Lessenich: Neben uns die Sintflut – Die Externalisierungsgesellschaft und ihr Preis

 

Der Regierungsantritt Donald Trumps lässt in vielerlei Hinsicht nichts Gutes für die Zukunft erwarten. Scheinbar glaubwürdiger als seine bürgerliche Konkurrenz verspricht er, eine Lebensweise, die durch die von ihr hervorgerufenen und verschärften Krisen zunehmend in Frage gestellt wird, wieder zu stabilisieren. Eine Mauer soll die USA vor "illegaler" Einwanderung schützen, bereits Eingewanderte sollen ausgewiesen werden. Die US-Umweltbehörde will er kaltstellen – beschlossene Klimaziele weitgehend ignorieren. Die nach heftigen Protesten von der Obama-Administration suspendierte Dakota Access Pipeline zum Transport von umweltschädlich gefracktem Erdöl will Trump weiterbauen. Und nicht zuletzt geriert er sich auch wieder als "Weltgendarm", dem Völkerrecht völlig egal ist.

Aber dieser "Trumpismus" ist mehr als Donald Trump. Es ist eine aggressive politische Richtungsentscheidung entlang der Themen Krieg, Einwanderung, Handel und Umweltzerstörung – daherkommend im nationalistischen, demokratiefeindlichen, rassistischen Gewand. Auch in Europa begegnen uns eng verwandte politische Parteien und Bewegungen: Der Front National in Frankreich, der "Ungarische Bürgerbund" oder die AfD in Deutschland – um nur einige zu nennen. Die jetzt von den EU-Institutionen oder von der Bundesregierung geäußerten kritischen Töne gegenüber dem Auftreten von Trump sind natürlich scheinheilig und erschöpfen sich größtenteils in "Stilfragen". Denn auch sie betreiben fleißig das Geschäft des "Neoliberalismus", bei dem wirtschaftspolitisch vor allem drei Forderungen oben auf der Agenda stehen: Profit, Profit, Profit. Um das zu gewährleisten, gilt es, die "marktkonforme Demokratie" (Angela Merkel) entsprechend zu gestalten. Die jüngsten Skandale bei der Abgasmessung von Autos und die Verteidigung dieser Praktiken durch die Politik zugunsten Konzerninteressen sind nur die Spitze des Eisbergs – ganz zu schweigen von dem erpresserischen Umgang mit den vom "Exportweltmeister" gebeutelten südlichen EU-Staaten.

Trotz vielfältiger und offenkundiger Krisenprozesse herrscht "Normalität"

Buch Imperiale-LebensweiseIn dem im März erschienen Buch "Imperiale Lebensweise. Zur Ausbeutung von Mensch und Natur im globalen Kapitalismus" gehen die Autoren Ulrich Brand und Markus Wissen der Frage nach, wie und warum sich in einer Zeit, in der sich Probleme auf den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Feldern häufen und zuspitzen, trotzdem "so etwas wie Normalität" herrscht. Sie machen das an der von ihnen als "imperiale Lebensweise" charakterisierten - immer globaler werdenden - spezifischen Art und Weise des Produzierens und Konsumierens fest. "Sie wirkt in vielen Teilen der Welt verschärfend auf Krisenphänomene wie den Klimawandel, die Vernichtung von Ökosystemen, die soziale Polarisierung oder die geopolitischen Spannungen. Gleichzeitig trägt sie aber dort, wo sich ihr Nutzen konzentriert, zur Stabilisierung der gesellschaftlichen Verhältnisse bei."

Gemeint sind damit Produktions- und Konsummuster, die hohe soziale und ökologische Kosten verursachen und auf Arbeitskraft und Natur andernorts verlagern: Der globale Norden eignet sich die mineralischen, metallischen und agrarischen Ressourcen des globalen Südens an und beutet obendrein die dort lebenden Menschen als billige Arbeitskräfte aus.

Mit welchen Mechanismen dies geschieht legen die Autoren in acht Kapiteln dar:

  • Kapitel 1 An den Grenzen einer Lebensweise
  • Kapitel 2 Multiple Krise und sozial-ökologische Transformation
  • Kapitel 3 Der Begriff der imperialen Lebensweise
  • Kapitel 4 Die historische Entstehung der imperialen Lebensweise
  • Kapitel 5 Die globale Verallgemeinerung und Vertiefung der imperialen Lebensweise
  • Kapitel 6 Imperiale Automobilität
  • Kapitel 7 Falsche Alternativen. Von der grünen Ökonomie zum grünen Kapitalismus?
  • Kapitel 8 Konturen einer solidarischen Lebensweise

Eine erste kritische Bemerkung: Der Einstieg wird dem nichtakademischen Leser auf den ersten 70 Seiten des Buches nicht gerade leicht gemacht. Wabert es dort doch nach meinem Gefühl etwas zu heftig und sich wiederholend gramscinesisch und politsoziologisch – kürzer und prägnanter wäre hier mehr gewesen. Aber ab Kapitel 4 wird der Leser dann für sein Durchhaltevermögen belohnt – so z.B. durch einen sehr informativen Blick auf eine wichtige Etappe der Herausbildung "westlicher Lebensart" in den USA zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Auto, Eigenheim, Elektrogeräte

Seither wurden das Auto, das Eigenheim und Elektrogeräte Ausdruck und Symbole des "sozialen Aufstiegs" und der individuellen "Selbstverwirklichung" - von der herrschendenBMW-SUV Ideologie massenwirksam in Szene gesetzt. Erkauft wurde dies von den Lohnabhängigen durch ein hohes Maß an Disziplin in hochgradig arbeitsteiligen Großunternehmen. Die Autoren zitieren in diesem Zusammenhang Henry Ford, der auch das Privatleben "seiner" Mitarbeiter kontrollierte: Diese "sollten sparsam leben, nicht viel rauchen und trinken, die Ehefrau sollte nicht erwerbsfähig sein und den Haushalt ordentlich führen." Nach den Zweiten Weltkrieg wurde dieses Modell durch die US-Army und die Massenmedien in große Teile der Welt exportiert.

In den 80er Jahren transformierte sich dieses "fordistische Geschäftsmodell" dann zum "globalen Neoliberalismus." Vertiefung der internationalen Arbeitsteilung, Abbau von Handelsbeschränkungen, Privatisierungen öffentlicher Aufgaben, Liberalisierung der Finanzmärkte und drastischer Rückbau sozialpolitischer Errungenschaften sind seither dessen Merkmale. Dieses Produktions- und Konsummodell verschafft dem Kapitalismus eine neue Dynamik, bedeuten einen intensiveren Zugriff auf die billige Arbeitskraft in anderen Ländern und die natürlichen Ressourcen der Welt.

PKW-SchrotthaldeDamit werden aber nicht nur die Profite der Konzerne gesichert, sondern es hat auch für mehr oder weniger große Teile der Bevölkerung in den Zentren des kapitalistischen Nordens - und selbst für die vom Abstieg bedrohten Menschen - einen materiellen Kern: In anderen Ländern unter schlechten sozialen und ökologischen Bedingungen gewonnene Rohstoffe oder hergestellte Produkte sichern einen gewissen Wohlstand. Und es überrascht nicht, dass diese "imperiale Lebensweise" auch vielen Menschen in den wirtschaftlich dynamischen Schwellenländern attraktiv erscheint und von großen Bevölkerungsteilen angestrebt wird. Ausführlich beschrieben wird dies im Buch am Beispiel von China.

"Die Zahl der PKWs stieg von 15 Millionen im Jahr 2003 über knapp 50 Millionen im Jahr 2009 auf 123 Millionen im Jahr 2014. Und auch die obere Klasse mit ihrem Hang zur protzigen Darstellung von Statussymbolen wie Wohnungen, Häusern und Autos wächst stark an. Im Jahr 2014 wurden schätzungsweise 40 Prozent der weltweit verkauften Luxusgüter von Chinesen erworben."

Automobilität in vielen Varianten

Besonders aufs Korn nehmen die Autoren die gesellschaftliche Fixierung auf die Automobilität, "die Monopolisierung von immer mehr Flächen für die Bedürfnisse des Autos, indem geselliges Leben vertrieben und nichtmotorisierte Verkehrsteilnehmer an den Rand gedrängt werden." Sie beginnen ihre Untersuchung mit der Feststellung, dass ausgerechnet zu einer Zeit, in der medial eine wachsende Diskussion um den Klimawandel und was jeder Einzelne dagegen tun könne, die Nachfrage nach besonders ressourcen- und emissionsintensiven SUVs zunimmt.

Und auch die gegenwärtige Diskussion um Elektro-Autos versehen die Autoren mit einem großen Fragezeichen. "Es wird davon ausgegangen, dass Autos mit Elektroantrieb per se umweltfreundlicher sind als solche mit Verbrennungsmotor, weil sie beim Fahren kein CO2 emittieren. Dabei ist selbst dies nicht ausgemacht, setzt es doch voraus, dass alle Elektroautos mit Strom aus erneuerbaren Energien betrieben werden. Und selbst wenn dies gelänge, wäre die für die Ökobilanz von Elektroautos wichtige Frage der Materialien und der Energie, die für ihre Herstellung benötigt werden, noch offen."

Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass in der gegenwärtigen Debatte über eine Mobilitätswende die entscheidenden Fragen nicht gestellt werden: Wie ließen sich Verkehrswege vermeiden bzw. verkürzen und wie könnten die wirklich nötigen Verkehrswege möglichst sozial- und umweltverträglich zurückgelegt werden?

Die Autoren geben zu bedenken, dass die Verankerung der Automobilität als Ausdruck individueller Lebensweise nicht nur der Macht der Autokonzerne geschuldet ist, sondern auch großer Teile der Bevölkerung einschließlich der Interessen der Kolleg*innen und Gewerkschaften. "Man könnte dies als tief verankerten 'automobilen Konsens' bezeichnen," so die Autoren.

Statt für einen "grünen Kapitalismus" für eine solidarische Lebensweise kämpfen

Im abschließenden Kapitel skizzieren die Autoren Akteure und Wege, die zu einer Überwindung der "imperialen Lebensweise" führen könnten.

Im Unterschied zur viel diskutierten These von Paul Mason (2016) sind die Autoren nicht der Meinung, dass der digitalisierte Kapitalismus die materielle Grundlage für einen "Postkapitalismus" schaffen kann. Jene These unterschätze die im Alltagsbewusstsein der Bevölkerung tief verankerten kapitalistischen Prägungen. Diese gelte es zu verändern, hierzu solle ihr Buches einen Anstoß liefern, stellen die Autoren resümierend fest. Aber wie beginnen? Wer hier als Leser zum Schluss auf einen echten "Knalleffekt" oder eine überraschende Pointe gehofft hatte, muss enttäuscht werden – denn er wird auch nach Lesen dieses Buches sich weiter den "Mühen der Ebene" (Brecht) stellen müssen. Dabei bleibt unklar, wer für die Autoren die entscheidenden Subjekte der Veränderung hin zu einer solidarischen Lebensweise sind und wer die Hauptgegner. So schwirrt der Begriff der "imperialen Lebensweise" ein wenig körper-und klassenlos durch das Buch. Diese kritische Anmerkung vorausgeschickt, regt das Buch auf jeden Fall zum tieferen Nachdenken an, u.a. im Umfeld der gegenwärtig landauf-landab geführten Debatte um "Industrie und Arbeit 4.0".

Die Autoren sehen in den starken Protesten, die Trumps Amtsführung begleiten, ebenso Hoffnungszeichen, wie die Erfolge von Bernie Sanders bei den US-Vorwahlen im vergangenen Jahr oder in den sozialen Bewegung der "Indignados" in Spanien oder den Zapatistas im Süden Mexikos. Widerstand gegen Handels- und Investitionsabkommen wie TTIP, TISA und CETA , Massenproteste gegen Veranstaltungen wie das im Juli in Hamburg stattfindende G20-Treffen können wichtige Haltemarken gegen eine weitere Ausbreitung der "imperialen Lebensweise" sein. Und schließlich geht es um die Ausweitung von Räumen und Bündnissen, die emanzipatorisches Handeln, solidarischen Handel im Hinblick auf eine solidarische Lebensweise ermöglichen.

"Gerade aus einer linken Perspektive ist die Frage drängend, wie eine solidarische Lebensweise entstehen kann. Wir kennen viele Ansätze wie ökologische Landwirtschaft, erneuerbare Energie und ihre dezentrale Produktion, öffentlicher Verkehr und anderes mehr. Dazu gehören auch die Solidarität mit Geflüchteten sowie die Kämpfe um Ulrich-BrandErnährungssouveränität, Klimagerechtigkeit und Energiedemokratie. In ihnen deutet sich eine der imperialen entgegengesetzte solidarische Lebensweise an."

Zu den Autoren: Prof. Ulrich Brand (Bild links) arbeitet zu Internationaler Politik an der Universität Wien und ist Mitherausgeber der "Blätter für deutsche und internationale Politik".Markus-Wissen

Markus Wissen (Bild rechts) ist Professor für Sozialwissenschaften an der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin und Redakteur der PROKLA. Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft. Seit den 90er Jahren kooperieren beide Autoren unter anderem im Rahmen der Bundeskoordination Internationalismus (BUKO) und der Assoziation für kritische Gesellschaftsforschung (AkG).


Ulrich Brand/Markus Wissen: Imperiale Lebensweise. Zur Ausbeutung von Mensch und Natur im globalen Kapitalismus. Oekom-Verlag München 2017. 224 Seiten, 14,50 €


 
"Analytisch gesprochen: Der Kapitalismus lebt parasitär."

Buch Neben-uns-die-Sintflut"Die moderne kapitalistische Gesellschaftsformation ist seit jeher und von Anfang an Externalisierungsgesellschaft", diagnostiziert Stephan Lessenich in seinem Buch "Neben uns die Sintflut – Die Externalisierungsgesellschaft und ihr Preis". In historisch wechselnder Gestalt und mit sich wandelnden Mechanismen wurde der "nördliche Wohlstandskapitalismus auf Kosten und zu Lasten des globalen Südens" konstituiert und wird er aufrechterhalten.

Alles zu haben und noch mehr zu wollen, den eigenen Wohlstand zu wahren, indem man ihn anderen vorenthält – das ist das heimliche Lebensmotto der entwickelten kapitalistischen Gesellschaften. Den Menschen im globalen Norden geht es gut, weil es den Menschen in anderen Weltregionen schlecht geht, so lautet die These von Stephan Lessenich. Systematisch werden soziale Kosten und ökologische Lasten unserer Lebensweise ausgelagert, im kleinen wie im großen Maßstab. Wir leben daher nicht über unsere Verhältnisse; wir leben über die Verhältnisse anderer. Und wir alle verdrängen unseren Anteil an dieser Praxis.Muellkippe Afrika

Doch heute im globalen Kapitalismus fallen die sozialen und ökologischen Kosten des 'Wohlstandskapitalismus' nicht mehr einfach irgendwo anders an, weit entfernt von den VerursacherInnen und ProfiteurInnen, sondern schlagen zunehmend auf diese zurück – in Form der Klimawandels, der ökologischen Krise, der Flüchlingsbewegung. Lessenich belegt an Hand von vielen Beispielen, dass der "globale Kapitalismus auf die Dauer und im Allgemeinen keine Fahrstuhleffekte produziert, sondern eher ein Nullsummenspiel ist, in dem die Gewinne der einen die Verluste der anderen sind – und sich 'seltsamerweise' immer dieselben auf der einen oder anderen, der Gewinner- oder aber der Verliererseite wiederfinden". Lessenich analysiert die Abhängigkeits- und Ausbeutungsverhältnisse der globalisierten Wirtschaft, deren Verlierer jetzt an unsere Türen klopfen. Deshalb, so Lessenich, wird sich unser Leben ändern, ob wir wollen oder nicht.

Lessenich optiert nicht für Moralisierung, sondern für Systemkritik. Ihm geht es darum, ein gesellschaftliches System kritisch zu untersuchen, das Externalisierungshandeln strukturell ermöglicht, ja mehr noch, dies systematisch herausfordert – und umgekehrt das alltagstägliche Handeln in Richtung eines verallgemeinerbaren Produktions- und Konsumtionsmodell systematisch behindert. Und erfolgreich verhindert.

Anstelle von Abwehrreflexen und Realitätsverweigerung mit radikalen Veränderungen beginnen

Lessenich gesteht ein, dass das Konzept der "Externalisierungsgesellschaft zwar die Antwort gibt, warum es immer dieselben sind, die gewinnen bzw. verlieren, aber das "Konzept selbst noch keinen Hinweis darauf (gibt) wie eine andere Welt, eine Welt jenseits der Externalisierung möglich wäre bzw. ermöglicht werden könnte". Für ihn steht außer Frage, dass es ohne alltagspraktische Verhaltensänderungen wie persönlichen Konsumverzicht nicht gehen wird. "Doch für die Überwindung der Externalisierungsgesellschaft braucht es mehr, sie verlangt nach Überindividuellem", schreibt er. Gefragt ist "echte Kollektivität" und "gemeinsames Handeln", das auf einer "überregionalen und transnationalen Allianzbildung" beruht und für "gleichberechtigte Lebensführung aller Menschen" streitet.  Gestritten werden müsse, so Lessenich, für ein anderes Welthandelsregime, ein effektives Steuersystem, den Umbau der reichen Volkswirtschaften zu Postwachstumsökonomien, für globale soziale Rechte.  "Auf einen gemeinsamen Nenner gebracht, liefe eine solche Reform auf eine konsequente Politik der doppelten Umverteilung hinaus: im nationalgesellschaftlichen wie im weltgesellschaftlichen Maßstab, von oben nach unten und von »innen« nach »außen«. Ob dies durchsetzbar ist, das könne niemand wissen, schreibt Lesenich. "Aber die Krisen und Kriege um uns herum künden davon, dass die Externalisierunggesellschaft nun auch von uns ihren Preis zu fordern beginnt. Wir können darauf mit Abwehrreflexen und Realitätsverweigerung reagieren - also im Modus der gegenwärtigen »Krisenpolitik«. Die Alternative wäre, sich keine Illusionen mehr zu machen, sich den Realitäten stellen und radikale Veränderungen in Angriff zu nehmen."

 

Auszug aus einem Interview des STANDARD mit Stephan Lessenich:

Stephan-LessenichSTANDARD: Sie sprechen in Ihrem Buch "Neben uns die Sintflut" von der Externalisierungsgesellschaft – einer Gesellschaft, die Kosten, Negatives wegschiebt und auslagert.

Lessenich: Ich versuche mit dem Begriff der Externalisierung, an ökonomische Diskurse anzuknüpfen. Dort geht es um die Auslagerung von Kosten, die bei Gütern, die man verkauft, nicht eingepreist werden. Ich beschränke mich aber nicht auf diesen Ausschnitt, es geht um die sozialen wie ökologischen Kosten unserer Lebensweise. Was bedeutet es, wenn in Deutschland jeden Tag rund 7,6 Millionen Kaffeepappbecher, die Kunststoff enthalten, im Müll landen? Oder müsste ein T-Shirt statt 99 Cent vielleicht 19,90 Euro kosten? All diese Kosten in die Preise der Güter unseres alltäglichen Bedarfs einzurechnen wäre ein erster Schritt, aber nicht die Lösung.

STANDARD: Da nur eine Symptombekämpfung?

Lessenich: Richtig. Letztlich geht es um die Ursachen, also darum, die strukturelle Einrichtung von weltwirtschaftlichen Verhältnissen zu ändern. Dafür braucht es mehr als individuelle Konsumentscheidungen oder ein ethisch vernünftigeres Verhalten von einzelnen Personen.

STANDARD: Seit wann definiert sich unsere Gesellschaft über das Auslagern?

Lessenich: Der Kapitalismus lebt davon, dass er Kosten seiner Produktionsweise externalisiert. Er eignet sich einerseits Ressourcen an – denken Sie etwa an den Bauxitabbau in Brasilien für Aluminium -, ohne den wahren Preis dafür zu bezahlen. Und er lagert dann andererseits im Nachhinein Kosten aus, etwa für Umweltschäden – wenn zum Beispiel allein die USA im Jahr 2011 300.000 Tonnen Elektroschrott nach Asien geschafft haben. Dafür zahlen die anderen. Das lief schon im Zeitalter des Kolonialismus so, wenn auch sehr gewaltförmig. Analytisch gesprochen: Der Kapitalismus lebt parasitär.

STANDARD: Aber was ist mit jenen Menschen in reichen Ländern, die trotz Arbeit arm sind, die nicht wissen, wie sie die Miete zahlen sollen?

Lessenich: Natürlich gibt es in unseren reichen Gesellschaften große soziale Ungleichheiten – auch hier braucht es eine radikale Umverteilung von oben nach unten. Dennoch müssen Sie eine zweite Dimension einblenden: Auch diese Menschen haben, allein weil sie hier leben, zum Beispiel einen viel größeren ökologischen Fußabdruck als Menschen in anderen Weltregionen. In unserer Gesellschaft sind selbst die Ärmsten weltgesellschaftlich gesehen in einer herrschenden Position.

STANDARD: Aber diese Sicht nutzt armen Europäern wenig.

Lessenich: Das stimmt. Es gibt aber drängende weltgesellschaftliche Probleme: Klimawandel, Ressourcenkonflikte, die auch zu Migrationsbewegungen führen, und Kriege, die nicht nur zwischen ethnischen Gruppen stattfinden, sondern die auch durchdrungen sind von den gegenwärtigen weltwirtschaftlichen Verhältnissen. Um diesen Problemen beizukommen, gehören die herrschenden Lebensführungsmuster in unseren Gesellschaften geändert.

vollständiges Interview: http://derstandard.at/2000051991106/Soziologe-Lessenich-Wir-leben-auf-Kosten-anderer

Stephan Lessenich ist Direktor des Instituts für Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München und Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Soziologie. Neben anderen Ämtern ist er Sprecher des Kuratoriums des "Institut Solidarische Moderne“. Er engagiert sich in der Intiative 'Mut zu Mut' und bei 'Zeit zu handeln'.

Stephan Lessenich: "Neben uns die Sintflut – Die Externalisierungsgesellschaft und ihr Preis". Hanser Verlag 2016, 224 Seiten, 20,00 €

txt: Günther Stamer, Leo Mayer

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