Literatur und Kunst
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Buch Rizy Herbstzeitlose27.11.2018: Der in Bad Leonfelden im österreichischen Mühlviertel lebende Helmut Rizy hat sich vor allem mit seinem Roman »Hasenjagd im Mühlviertel« von 2008 über die NS-Vergangenheit der oberösterreichischen Provinz einen Namen gemacht, aber auch mit »Andreas Kiesewetters Arbeitsjournal« (2001) einen »leichtfüßig-schrägen« Schlüsselroman über die Kleinstadt verfasst. Sein neuester Roman »Herbstzeitlose« handelt von zwei Brüdern im Pensionsalter und ihren Familien. Rizy beleuchtet die Beziehungen zwischen Angehörigen eines Familiengefüges, die nur bei flüchtiger Betrachtung belanglos scheinen.

 

Allerheiligen ist für die beiden in die Jahre gekommenen Brüder Alfred und Richard ein jährlich wiederkehrender Anlass, sich am Grab der Eltern zu treffen. Nach dem Austausch von Familienereignissen und Verwandtentratsch gehen sie wieder auseinander, ohne sich viel gesagt zu haben. Gäbe es dieses jährliche rituelle Treffen nicht, würden die Brüder voneinander wohl gar nicht wissen, ob sie noch am Leben sind. Diesmal ist es etwas anders.

Alfred fragt sich, was wohl aus ihm geworden wäre, wenn er nicht den Beruf des Uhrmachers erlernt, sondern wie sein Bruder Richard studiert hätte und Lehrer geworden wäre. Nicht, dass er unzufrieden mit seinem Uhrmacherberuf war, aber ihn wurmt, dass er nie gefragt wurde. Seine kindliche Neugier und das erfolgreiche Herumbasteln an einem nichtfunktionierenden Familienstück hatten seinen weiteren Lebensweg bestimmt: Der Bua hat Talent fürs Uhrmacherhandwerk, meinten die Eltern damals.

Auf sehr unspektakuläre Weise beschreibt Helmut Rizy in »Herbstzeitlose« das Wurzelgeflecht einer Familie, das unter der Oberfläche sein Eigenleben führt. Ab und zu bricht ein Keim ans Licht, die Ahnung einer Möglichkeit von etwas anderem. Wenn etwa Alfred auf der Heimfahrt vom Allerheiligentreffen im Zug gegenüber einer recht attraktiven Frau sitzt und er den Titel des Buches, das sie liest, zu entziffern versucht. lwan Gontscharow, 0blomow, gibt die Frau bereitwillig preis. Danach sei ein menschlicher Charakterzug benannt. Die Landschalt fliegt am Bahnfenster vorbei, Möglichkeiten bleiben als Hauch, als träumerische, nicht greifbare Ahnung im Bahnabteil zurück. Der Oblomowismus wird Alfred nach Hause zu seiner nörgelnden Frau begleiten.

Rizy ist ein feiner Beobachter der Belanglosigkeiten. Unzählige Familiengeschichten spielen sich nach dem von ihm gezeichneten Muster ab: zufällig an einen Menschen geraten, den man dann liebt; an ein Haus gekommen, das man dann einrichtet; einen Beruf erlernt, den man dann ausübt; in eine Zeit geboren, die man dann hinnimmt. Mit zunehmendem Alter stellen sich Fragen nach dem Sinn des Ganzen. Je absehbarer das Lebensende ist, desto dringlicher das Bedürfnis, »Ordnung« in die nichtgelebten Möglichkeiten eines Lebens zu bringen, sich friedlich mit dem Gelebten und den Geliebten zu arrangieren. Und schon tun sich beim genaueren Hinschauen neue Fragen, neue Sichtweisen auf. Weshalb hat zum Beispiel der Bruder einer obdachlosen Frau Unterkunft in seiner Wohnung gewährt, und zwar ohne Gegenleistung? Weshalb ahnte der Lehrerbruder nichts davon, dass der Uhrmacherbruder sich als Kind heimlich an seine Bücher machte? Was wissen wir überhaupt voneinander, von unseren heimlichen Wünschen?

Wer Helmut Rizys Bücher kennt, etwa »Maulwurfshügel« (2013) oder »Andreas Kiesewetters Arbeitsjournal« (2013), wird sich von der enden wollenden Spannung nicht abhalten lassen. Bei genauerem Lesen verblüffen Feinheiten. Der ehemalige »Volksstimme«-Redakteur und Max-von-der-Grün- und Theodor-Körner-Preisträger versteht es, in unserer virtuell getriebenen Welt ein ruhiges und nachdenkliches Szenario einer Familiengeschichte aus unterschiedlichen Perspektiven zu entwerfen, das vor allem älteren Leser*innen bekannt vorkommen dürfte.

 

Helmut Rizy:
Herbstzeitlose, Roman, Wieser Verlag, 2018, 200 Seiten, 21 Euro
https://www.wieser-verlag.com/buch/herbstzeitlose/

 

übernommen von Volksstimme

 

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