Jesus in Matera: "Ich bin gekommen, das Gesetz zu erfüllen!"

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Jesus in Matera09.10.2019: Kunst, Politik und Religion vereinen sich im Projekt eines Neuen Evangeliums, das die Lage von Sklavenarbeiter*innen in Europa skandalisiert. Von Thomas Seibert [1]

 

Die Stadt Matera im äußersten Süden Italiens ist in diesem Jahr Kulturhauptstadt Europas.[2] Das Motto, das sie sich dazu erwählt hat, zielt auf die Zukunft und feiert sie als eine offene Zukunft. Der Theaterregisseur Milo Rau und eine Handvoll afrikanischer Aktivist*innen haben dieser Feier einen unerwarteten Ernst verliehen. Sie haben die Stadt zu dem Ort erhoben, an dem Europa und der Welt ein "Neues Evangelium" verkündet wird: das Evangelium einer "Revolte der Würde".

Ihr erster Protagonist heißt im wirklichen Leben Yves Sagnet und führt eine Selbstorganisation afrikanischer Migrant*innen an, die in der weiteren Gegend um Matera als Sklavenarbeiter*innen schuften. Zu den Nutznießern dieser Sklaverei zählen auch wir, die Bürger*innen Europas, die in den Supermärkten der Europäischen Union die Tomaten billig einkaufen, die im Land um Matera von Sklav*innen aus Afrika geerntet werden.

  Yvan Sagnet  
  Yvan Sagnet führte 2011 einen ersten Streik der Sklavenarbeiter*innen Materas an und wurde zum politischen Aktivisten, der sich bis heute für die Rechte der Rechtlosen einsetzt. (Foto: IIPM)  

 

 

Matera ist das neue Jerusalem

Damit das Martyrium zehntausender Sklavenarbeiter*innen in Europas offener Zukunft bald ein Ende findet, hat Sagnet den Namen Jesus Christus und haben seine engsten Mitstreiter*innen die Namen der Apostel angenommen, die seine Mission begleiten. Einer von ihnen ist ein italienischer Bauer, der im wirklichen Leben Vito heißt, jetzt aber den Namen des Apostels Bartholomäus trägt.

Am Sonntag, 28. September, versammelten sie sich unterhalb des Domplatzes von Matera und schrieben ihre Forderung nach einem Ende von Ausbeutung und Unterdrückung und nach Wiederherstellung ihrer Würde auf Transparente. Mit diesen Transparenten stiegen sie dann den gewundenen Weg zum Dom auf, von dessen Treppen sich vier der Apostel und zuletzt der neue Messias an eine schnell anwachsende Menge wandten. Sie sprachen dieser Menge von ihrem Schicksal: von der jahrhundertealten und noch immer fortgesetzten Zerstörung Afrikas, von ihrer Flucht aus dem vom europäischen Kolonialismus und vom globalen Kapitalismus verwüsteten Kontinent. Von ihrer Ankunft in Europas offener Zukunft, die sie zunächst in die Elendsghettos rund um Matera geführt hat.

  Jesus in Matera  
  Fordern ein Ende von Ausbeutung und Unterdrückung und nach Wiederherstellung ihrer Würde: Yves Sagnet und seine Jünger. (Foto: medico)  

 

 Dann sprachen sie von den Bedingungen ihres Sklavendaseins, von der täglichen Plackerei in den Tomaten- und Olivenplantagen, vom nackten Kampf ums Überleben unter der Willkür der Plantagenbesitzer, sie sprach auch von der Gewalt der Mafia, die die Verteilung der neuen Sklav*innen auf die Plantagen zu ihrem Geschäft gemacht hat. Sie sprachen von der Verfolgung durch die Polizei des italienischen Staats, die zuletzt unter dem Befehl eines faschistischen Innenministers stand. Dann sprachen sie von den Profiteuren ihrer Qual: nicht nur von den Grundbesitzern und der Mafia, sondern auch von den transnationalen Supermarktketten. Deren Gewinnanteile sind mit Abstand die größten: größer als die der Grundbesitzer, größer als die der Mafia. Sie sprachen aber nicht nur von ihrer Ohnmacht, sondern auch von ihrer Wut, und von ihrer Entschlossenheit, ihrem Schicksal zu entkommen.

Als die Reden gehalten waren, verteilten Aktivist*innen tausende Tomaten auf dem Domplatz, die der neue Messias und seine Apostel, unterstützt von Kindern aus Matera, dann zertrampelten. Am Ende war der Platz vor dem Dom rot gefärbt – tomatenrot – und die Aktion ging in ein ausgelassenes Fest über, es wurde gesungen, getanzt und getrunken.

Kunst, Politik und Religion

Das besondere dieser Aktion lag darin, dass sie zugleich eine wirkliche politische Aktion und ein Spiel der Kunst war: die erste große Sequenz des Films "Das Neue Evangelium", erdacht von dem Regisseur Milo Rau und seinem "Internationalen Institut für politischen Mord", ausgearbeitet und gespielt von afrikanischen Migrant*innen, die in Italien zu politischen Aktivist*innen wurden, unterstützt von NGOs aus europäischen Ländern, darunter medico international.

Der Film wird ein politischer Film sein, der auf nicht weniger als auf eine radikale Veränderung Italiens, Europas, Afrikas und der Welt zielt, auf eine Veränderung von Grund auf, eine grundstürzende Veränderung. Als dieser Film aber wird er zunächst "nur" ein Werk der Kunst sein: ein imaginärer Vorgriff auf eine Realität, die noch aussteht, deren Zeit noch nicht gekommen ist. Dass dem so ist, ist auch und gerade in Matera spürbar, in diesem Jahr Kulturhauptstadt Europas und seiner noch immer offenen Zukunft. Denn die Aktivist*innen, die zugleich die Schauspieler*innen dieses Films sind, bilden nur eine kleine Minderheit unter den afrikanischen Sklavenarbeiter*innen in Italien und anderswo in Europa. Die überwiegende Mehrheit der Anderen, so erzählen der Regisseur und sein Messias Yves Sagnet, kämpft bislang nur um ihr nacktes Überleben: darum, überhaupt auf den Plantagen um Matera arbeiten zu können. Darum, den Schlafplatz nicht zu verlieren, den sie in einem der Ghettos um Matera gefunden haben. Darum auch, nicht von den Häschern des Faschisten Salvini und seines "demokratischen" Nachfolgers gefangen genommen zu werden, um aus Europas offener Zukunft in die düstere Gegenwart des von Europa ausgeplünderten Afrika zurück geschickt zu werden.

Der Film greift insofern auf eine Revolte vor, die er selbst mit anzustacheln versucht. Und: Er wird versuchen, aus den Bürger*innen Europas, die ihn ab dem Herbst 2020 in den Kinos Europas sehen werden, Mitstreiter*innen dieser Revolte zu machen: Menschen, die endlich den Satz Jesus Christus‘ verstehen, der im September 2019 von einem afrikanischen Aktivisten wiederholt wurde. Einem Aktivisten, der selbst als Migrant nach Europa kam und dann als Sklavenarbeiter auf einer Tomatenplantage geschuftet und in einem der Ghettos um Matera gehaust hat. Das Matthäus-Evangelium gibt diesen Satz mit den Worten wieder: "Ich bin nicht gekommen, um das Gesetz aufzuheben, sondern um es zu erfüllen." (Matthäus 5, 17).

Solange die Revolte der Würde, von der Yves Sagnet und seine Apostel sprachen, nur von Minderheiten getragen wird, solange werden die Politik und die Kunst die Religion brauchen, um sich auszusprechen und gehört zu werden. Ob das so bleiben wird oder ob das in nicht zu ferner Zukunft anders werden kann, darin genau liegt die Offenheit dieser Zukunft: "Man kann einen Kampf nicht verlieren", sagt Milo Rau, "man kann ihn nur nicht kämpfen."

 

  

Manifest der Revolte der Würde

Ich bin nicht gekommen, um das Gesetz aufzuheben, sondern um es zu erfüllen. (Matthäus 5, 17)

Die europäische Idee steht vor ihrem Ende. Eine Politik der Angst, der Ausgrenzung und der Ausbeutung ist an den Platz der Prinzipien der Freiheit, der Gleichheit und der Menschenwürde getreten, auf die sich Europäische Union in ihrem Gründungsvertrag bedingungslos verpflichtet hat.

Um des Profits willen zerstören europäische Unternehmen ganze Lebensräume, zwingen ihre Bewohnerinnen und Bewohner in die Flucht und schaffen so Millionen von Land- und Obdachlosen. Mit Spekulationen auf Land und Bodenschätze und zur Eroberung von Absatzmärkten treiben sie lokale Produzenten in den Ruin. Die Opfer dieser globalen Ausbeutung werden illegalisiert.

Darüber hinaus kooperieren die europäischen Regierungen mit Staaten, in denen Menschen der Folter, der Sklaven- und Sexarbeit ausgesetzt sind. Sie blieben untätig, wenn bisher über 30'000 Menschen im Mittelmeer ertrunken sind. Sie lassen zu, dass Millionen Geflüchtete mitten in Europa für die Produktion von Billigprodukten ausgebeutet werden. Sie verweigern ihnen das Recht auf Selbstbestimmung, auf eine faire Arbeit und damit auf die Würde, die allen Menschen zusteht.

Geduldet von den anderen Mitgliedsstaaten der Europäischen Union hat die Regierung Italiens nun erstmals sogar die Rettung ertrinkender Menschen kriminalisiert. Wir sagen: Es ist eine Grenze überschritten!

Wir erklären:

1) Die Freizügigkeit ist ein Menschenrecht. Wir fordern ein globales Reise- und Niederlassungsrecht innerhalb und außerhalb Europas. Ein Reisedokument für alle Menschen, unabhängig von ihrer Herkunft!

2) Kein Mensch ist illegal. Wer europäischen Boden betritt, muss mit seiner Ankunft über alle Rechte verfügen, wie sie im Europäischen Gründungsvertrag festgelegt sind.

3) Alles Menschen müssen Zugang zu einer angemessenen Unterkunft haben. Ungenutzte Infrastruktur und verlassenes Land sind Gemeingut. Wir rufen zu ihrer Besetzung auf!

4) Jeder Mensch hat das Recht auf menschenwürdige Arbeitsbedingungen und einen fairen Lohn, ohne alle Diskriminierung. Wir fordern die strafrechtliche Verfolgung aller Unternehmen, die diesen Grundsatz nicht respektieren, einschließlich ihrer weltweiten Liefer- und Produktionsketten.

5) Die Preise von Produkten müssen den fairen Wert der Arbeit widerspiegeln. Wir lehnen den Konsum von Waren ab, die auf menschlicher Ausbeutung basieren, in Europa und überall auf der Welt.

6) Menschenwürde ist die Würde der Natur. Schluss mit zerstörerischen Monokulturen, Düngemitteln und Herbiziden! Die Nahrungsmittelproduktion dient nicht dem Profit, sondern dem Gemeinwohl heutiger und zukünftiger Generationen.

Wir erklären alle Verordnungen und Regelungen, die den hier skizzierten Grundsätzen zuwiderlaufen, für ungültig. Solidarität statt Ausgrenzung, Recht statt Diskriminierung, Nachhaltigkeit statt Ausbeutung!

Wenn wir jetzt nicht handeln, machen wir uns mitschuldig an der fortlaufenden Verletzung der Menschenrechte, dem daraus resultierenden millionenfachen Unglück und der unwiderruflichen Zerstörung unseres Planeten.

Erheben wir uns, im Namen der Würde des Menschen und im Namen unserer und aller kommenden Generationen! Denn wenn Ungerechtigkeit Gesetz wird, wird Widerstand zur Pflicht!

  

 

 

siehe auch: Die Revolte der Würde: Ein neues Evangelium. Erster Bericht und das Manifest der Würde

Die nächsten Stationen der Revolte der Würde:

  • 5. und 6. Oktober 2019, Matera: Passion Christi
  • 10. Oktober 2019, Rom, Teatro Argentina: Auferstehung Christi, Kongress der Würde
  • 10. November 2019, Palermo: Erste Station der Mission, Transeuropa Festival
  • Herbst 2020: Vorführungsstart des Films "Das Neue Evangelium"
  • Frühjahr 2021, Berlin: Ausstellung und Konferenz, zusammen mit European Alternatives, European Center for Constitutional and Human Rights, medico international und Stiftung Futur Zwei 


Anmerkungen

[1]  Thomas Seibert ist bei medico international zuständig für Öffentlichkeitsarbeit und für Südasien und ist Referent für Menschenrechte. Der Philosoph und Autor ist außerdem Vorstandssprecher des Instituts Solidarische Moderne, Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Rosa Luxemburg-Stiftung und des Herausgeberkreises von kommunisten.de.

[2]  Die Stadt Matera liegt in der Schlucht des Flusses Gravina in der östlichen Basilikata im Süden Italiens. Der Fluss hat sich über Jahrmillionen in den Karst eingegraben. Die Häuser von Matera sind Höhlen im Tuffstein. Über Tausende von Jahren lebten Menschen in ihnen, gruben sie tiefer in den Fels hinein, versahen sie mit Dächern und gemauerten Vorbauten. Einer unsichtbaren Ordnung folgend, klettern diese Behausungen, Sassi genannt, bis heute die Wände der Schlucht hoch, bedecken jeden Meter Fels. Noch in den 1950er-Jahren lebten arme Italiener*innen unter erbärmlichsten Umständen in den Sassi. Eine »nationale Schande« nannte der damalige Ministerpräsident Alcide De Gasperi Matera und ließ die Bewohner umsiedeln.

Der jüdische Maler, Schriftsteller und Arzt aus Turin war im Widerstand gegen Mussolini aktiv und wurde 1935 an einen Ort unweit von Matera verbannt. "Christus kam nur bis Eboli" heißt Levis berühmtes Buch, das er wenige Wochen nach Kriegsende veröffentlichte. Weiter als bis nach Eboli, ein Städtchen unweit von Salerno, sei Christus nie vorgedrungen, ganz bestimmt nicht in diese Berge. Er spricht von einem Meer aus Felsen und lauter Städtchen, die allesamt wie Jerusalem aussähen. Er prangerte die Armut der vergessenen Region an.

1964 drehte der Regisseur Pier Paolo Pasolini in Matera seinen Film "Das 1. Evangelium – Matthäus“.

2019 ist diese Stadt aus Höhlen und würfelförmigen Bauten Europäische Kulturhauptstadt unter dem Motto "Open future".

 

Der Artikel und die Fotos wurden mit freundlicher Genehmigung von medico international übernommen.

Anmerkungen und das "Manifest der Revolte der Würde" wurden von kommunisten.de eingefügt.

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