Wie Rassismus aus Wörtern spricht

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Buch Wie Rassismus aus Woertern(K)Erben des Kolonialismus im Wissensarchiv deutsche Sprache

14.07.2020: Wenn wir von Rassismus sprechen, geht es nicht nur um "Black Lives Matter", es geht ebenso um den antisemitischen, antimuslimischen, antiziganistischen, den antislawischen und den völkischen Rassismus. Und es geht im weiteren Sinne um den Rassismus, der eine eigene nationale Identität in Abgrenzung zu "den Anderen" konstruiert, einen "Rassismus ohne Rassen" (Étienne Balibar).
Sich diesem Kontext zu vergegenwärtigen und dabei den rassistischen (K)Erben in der deutschen Sprache nachzuspüren – darum geht es in dem umfangreichen Buch / Nachschlagewerk, das jetzt in dritter Auflage erschienen ist.

 

"Worte können sein wie winzige Arsendosen, sie werden unbemerkt verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da."
Victor Klemperer, LTI. Notizen eines Philologen

"Ein Ende des Rassismus ist ohne die Revolutionierung globaler Machtverhältnisse nicht zu erwarten. So bleibt die Anerkennung rassistischer Verbrechen ein längst überfälliger Schritt", schreibt Susan Arndt, eine der Herausgeberinnen des Bandes "Wie Rassismus aus Wörtern spricht."

In den USA kommt es seit dem Tod des Afroamerikaners George Floyd bei einem brutalen Polizeieinsatz Ende Mai in Minneapolis immer wieder zu Protesten gegen Rassismus und Polizeigewalt. Nach dem Mord an dem Afroamerikaner George Floyd durch Polizeikräfte in den USA und die darauf folgenden weltweiten Massenproteste gegen rassistische Gewalt ist auch in Deutschland eine neue Debatte über Rassismus und dessen vielfältigen Erscheinungsformen entbrannt, die selbst vor Philosophen wie Immanuel Kant ("Kant war ein Rassist", Frankfurter Allgemeine vom 23.6.20) einem der Lichtgestalten und Begründer "europäischer Werte" nicht halt macht.

  Kiel Mohrenapotheke  
  Kiel Mohrenapotheke 2  
  In der Holtenauer Straße in Kiel gibt es seit 1923 die Mohren-Apotheke. Nun wird der Inhaber der Apotheke den Namen ändern; der Begriff "Mohren" sei im aktuellen Gebrauch "negativ besetzt" (Kieler Nachrichten 2.7.20).  
 

zum Thema

"In Deutschland gibt es über 100 Apotheken, die den "Mohr" in ihren Namen tragen, teils bereits seit 1578, wie die Nürnberger Mohren-Apotheke zu St. Lorenz – hier ist der Namensbestandteil übrigens eine Reminiszenz an die im Spätmittelalter überlegene Medizin und Pharmazie der "Mauren", die sich seiner Zeit positiv von den "weißen"“ Badern und Kurpfuschern unterschied, die durch unsere Lande zogen. Auch hier wird aus einem eigentlich positiven Bezug ein so nicht erkennbarer Rassismus fabriziert, der letzten Endes selbst rassistische Untertöne hat", schreibt Jens Berger in dem Artikel "Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr soll weichen."
https://www.nachdenkseiten.de/?p=62742

 

 

Das CSU-geführte Bundesinnenministerium hatte am Sonntag erklärt, Seehofer sehe "keinen Bedarf" für eine solche wissenschaftliche Studie und begründete dies unter anderem damit, dass Racial Profiling in der polizeilichen Praxis verboten sei. Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD) will im Gegensatz zu Seehofer an der ursprünglich geplanten Studie zum »Racial Profiling« bei der Polizei festhalten. Die Studie war von der Europäischen Kommission gegen Rassismus und Intoleranz (ECRI) empfohlen worden.

Von Racial Profiling spricht man, wenn Menschen wegen ihrer Hautfarbe, Haarfarbe oder anderer äußerer Merkmale, aber ohne konkreten Anlass, kontrolliert werden. Eine Studie dazu war der Bundesregierung im März in einem Bericht der Europäischen Kommission gegen Rassismus und Intoleranz nahelegt worden.

Mit Blick auf die USA gerät vielfach in Vergessenheit, dass es auch in Deutschland Opfer staatlicher rassistischer Gewalt gibt: Erinnert sei an Oury Jalloh, der nach einem Brand in einer Dessauer Polizeizelle am 7. Januar 2005 mit erheblichen Verbrennungen tot aufgefunden worden war. Ob Jalloh selbst damals die Matratze angezündet hatte, auf der er gefesselt lag, ist aufgrund zahlreicher Pannen bei den Ermittlungen bis heute nicht geklärt. Oder an den 34 Jahre alten Kameruner Tonou-Mbobda, der im April 2019 auf der Intensivstation des Hamburger Universitätsklinikums Eppendorf (UKE) an den Folgen einer mit Gewalt durchgesetzten Zwangsfixierung gestorben ist.

Und endlich wird auch die Kritik am Begriff "Rasse" im Grundgesetz (Artikel 3) von der politischen Öffentlichkeit diskutiert. Die Kritik an der Grundgesetz-Formulierung ist indes nicht neu. Bereits vor zehn Jahren forderte die LINKE in einem Antrag den Begriff "Rasse" durch die Formulierung, "ethnische, soziale und territoriale Herkunft" zu ersetzen. Der Antrag wurde damals von allen anderen Parteien im Bundestag abgelehnt.

Wenn auch die längst überfällige Grundgesetzänderung natürlich keinerlei unmittelbare Folgen auf die gesellschaftliche Situation haben würde - der institutionelle, strukturelle und staatliche Rassismus bliebe ohne eine breite antirassistische Bewegung bestehen - aber zumindest würde damit ein Wort-Relikt aus dem Arsenal kolonialistischer und nazistischer Sprache getilgt.

Kiel BLM 2020 06 20Wenn wir von Rassismus sprechen, geht es nicht nur um "Black Lives Matter", es geht ebenso um den antisemitischen, antimuslimischen, antiziganistischen, den antislawischen und den völkischen Rassismus. Und es geht im weiteren Sinne um den Rassismus, der eine eigene nationale Identität in Abgrenzung zu "den Anderen" konstruiert, einen "Rassismus ohne Rassen" (Étienne Balibar).

Sich diesem Kontext zu vergegenwärtigen und dabei den rassistischen (K)Erben in der deutschen Sprache nachzuspüren – darum geht es in dem umfangreichen Buch / Nachschlagewerk, das jetzt in dritter Auflage erschienen ist.

Mit fast 800 Seiten und 70 Autor*innen bietet das Buch Hintergrundinformationen, kritische Analysen und vielfach überraschende neue Sichtweisen auf deutsche Sprache als Abbild historischen und politischen(Macht)Verhältnisse. Dabei versammelt das Buch verschiedene literarische Genres: Es umfasst wissenschaftliche und literarische Texte wie Kurzgeschichten, Gedichte, Satiren, Essays sowie auch Interviews. Insofern sprengt es den Rahmen eines "klassischen" Nachschlagewerkes. Wer auf die Schnelle Hintergrundinformationen zu einem Begriff sucht, wird sich schwer tun, man muss schon Zeit zum Suchen und Querlesen mitbringen – mit dem Erfolg, sich dadurch auf andere Weise einem speziellen Thema zu nähern.

In ihrer Einleitung ("Zum Geleit") schreiben die Herausgeberinnen:
"Rassismus ist eine weiße Ideologie, ein Denksystem, das in Europa erfunden wurde, um aus einer weißen Machtposition heraus Ansprüche auf Macht, Herrschaft und Privilegien zu grundieren und ihre gewaltvolle Durchsetzung zu legitimieren. (...) Ein wichtiges Privileg, über das weiße und christlich sozialisierte Menschen verfügen, besteht in der freien Entscheidung darüber, sich mit Rassismus auseinanderzusetzen oder auch nicht. Von Rassismen diskriminierte Menschen haben diese Wahl nicht, sondern werden, meist von klein auf, tagtäglich in die Situation gebracht, sich zu gesellschaftlich und zwischenmenschlich ausgeübtem Rassismus zu verhalten. (…) Dass in den letzten Jahrzehnten in Deutschland zahlreiche Neologismen wie 'Afrodeutsche', 'Schwarze Deutsche' oder 'People of Color' geschaffen bzw. in Anlehnung an andere Kontexte übernommen und ausformuliert worden sind, die rassistische Fremdbezeichnungen ablehnen und durch bewusste Eigenbezeichnungen ersetzen, ist ein Beispiel für die sprachliche Ambivalenz von rassistischer Markierung und dem Widerstand dagegen." (S. 12-14).

Zur Gliederung des Buches

Der Band ist in vier Teile gegliedert.

Teil 1 widmet sich den geschichtlichen Zusammenhängen von Rassismus und Kolonialismus und geht auf theoretische Grundlagen zur Analyse dieser Zusammenhänge ein.
Die weiße europäische Geistes- und Kulturgeschichte stellt sich gern als fortschrittlich, zivilisiert und anderen Kulturen überlegen dar. Ihre gewalttätige und zerstörerische und Seite, wie sie sich im Kolonialismus und in der 400jährigen Entrechtung und Versklavung Schwarzer Menschen zeigt, wird meistens ausgeblendet. Wissenschaftliche wie literarische Artikel vertiefen in Teil 1 neben dem Kolonialismus (Die europäische Versklavung afrikanischer Menschen) die Komplexe Rassismus, Antisemitismus, und Antiziganismus.

Teil 2 geht auf den rassistischen Gehalt von Wörtern und Begriffen ein, die im "weißen Wissen" verankert sind. Dies macht den größten Teil des Bandes aus und bietet dem Leser – lexikalisch geordnet – vielfältige neue Perspektiven auf Wörter/Begriffe, deren koloniale Durchdringungen in Wissenschaft und Alltag häufig unbekannt sind bzw. ausgeblendet werden. Beginnend mit Afrika, Antike, Aufklärung endet die Auflistung mit Weltkarte, Zeit und Ziegel – also nicht unbedingt Begriffe, denen wir ad hoc eine kolonialistische/rassistische Zuschreibung attestieren würden. Ganz aktuell liest sich z.B. der Beitrag "Straßennamen als Wegweiser für eine postkoloniale Erinnerung in Deutschland" (S. 521-538) – hat doch gerade die Berliner Verkehrsgesellschaft (BVG) ihre U-Bahn-Station "Mohrenstraße" umbenannt; der Berliner Senat aber an der Straßenbenennung festhält.

In Teil 3 geht es um das widerständige Selbst-Benennen Nicht-Weißer in unserer Gesellschaft und stellt einige dieser Begriffe vor (Afrodeutsche, schwarze Deutsche, People of Color). Dabei kommt dem Begriff "People of Color" (abgekürzt PoC) besondere Bedeutung zu. Er geht auf die französische Bezeichnung "gens de couleur libres" zurück und bezeichnete zunächst in den französischsprachigen Kolonien freie, ehemalig versklavte Schwarze Menschen, fand dann (ins Englische übersetzt) im Rahmen der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung der 1960er und 1970er Jahre Eingang in den Sprachgebrauch, um zum Ausdruck zu bringen, dass alle Nichtweißen vom gleichen System unterdrückt werden und deshalb untereinander solidarisch sein

Teil 4 betrachtet exemplarisch die Macht rassistischer Wörter, die sowohl in der Alltagssprache wie auch in den Wissenschaften verwendet werden. In exemplarischen Analysen werden z. B. Kanake, Mohr oder Zugewanderte analysiert. Abschließend gibt dann noch Kurzbetrachtungen zu "gängigen" rassistischen Begriffen wie beispielsweise "Asi", Fidschi", Ghettoblaster" oder "Hottentotten".

Vervollständigt wird das Buch mit Angaben zu den Autorinnen und Autoren, einer umfangreichen 65 Seiten umfassenden Gesamtbibliografie sowie einem alphabetischen Stichwortverzeichnis der Einträge.

Zum Abschluss sei eine der Herausgeberinnen des Bandes, Susan Arndt, zitiert: "Ein Ende des Rassismus ist ohne die Revolutionierung globaler Machtverhältnisse nicht zu erwarten. So bleibt die Anerkennung rassistischer Verbrechen ein längst überfälliger Schritt. Dabei geht es nicht um individuelle Schuldzuweisungen, sondern um die Verantwortung, das Wissensarchiv des Rassismus zu hinterfragen, feste Glaubensgrundsätze aufzugeben, Gelerntes zu verlernen und bereits Gelebtes selbstkritisch zu überprüfen." (S. 43).

Zu den Herausgeberinnen und Autor*innen

Susan Arndt, studierte Angelistik, Germanistik und Afrikawissenschaften in Berlin und London und promovierte 1997 mit einer Arbeit über Literaturen in Nigeria. Nach ihrer Juniorprofessur für afrikanische Literaturen an der Humboldt-Universität Berlin. Lehrt sie seit dem Sommersemester 2010 als Professorin für englische und afrikanische Literaturen an der Universität Bayreuth.

Nadja Ofuatey-Alazard ist Diplomjournalistin. Sie absolvierte die Ausbildung der Deutschen Journalistenschule München und lebte mehrere Jahre in New York, wo sie am City College einen BA in Film- und Video Produktion erwarb und als Produktionsleiterin und Koordinatorin in der US-amerikanischen Film- und Videoproduktion tätig war. Mittlerweile promoviert sie an der Universität Bayreuth.

Unter der Autor*innen-Riege des Buches ist Noah Sow hervorzuheben, die mit einer ganzen Reihe von Beiträgen vertreten ist. Noah Sow ist Vorsitzende des von ihr 2001 in Hamburg gegründeten media-watch-Vereins "der braune mob" dessen Ziel es ist, "dass die Darstellung Schwarzer Menschen in deutschen Medien und der Öffentlichkeit fair und ohne Diskriminierung erfolgt." 2008 veröffentlichte sie das Buch "Deutschland Schwarz weiß: der alltägliche Rassismus".

txt: Günther Stamer

Buch Wie Rassismus aus Woertern



Susan Arndt, Nadja Ofuatey-Alazard (Hg.):
Wie Rassismus aus Wörtern spricht. (K)Erben des Kolonialismus im Wissensarchiv deutsche Sprache.
Ein kritisches Nachschlagewerk.
Unrast-Verlag, 3. Auflage 2019, 786 Seiten,
ISBN 978-3-89771-501-1
29,80 Euro

 

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(marxistische linke,
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Di., 7.12..2021, 19 Uhr
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https://us02web.zoom.us/j/88370138924
Meeting-ID: 883 7013 8924

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Corona EBI no profit on pandemic ELEuropäische Bürgerinitiative "Jeder verdient Schutz vor Covid-19 - Kein Profit durch die Pandemie"
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