Im neuen Kalten-Kriegs-Modus

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Buch Kosing neuer kalter Krieg12.12.2020: Im Frühjahr dieses Jahres hat der kürzlich verstorbene marxistische Philosoph und Politikwissenschaftler Alfred Kosing ein Buch mit dem Titel "Droht ein neuer Kalter Krieg?" veröffentlicht. Die rhetorische Fragestellung des Titels wird in dem Buch eindeutig beantwortet: Ja, die USA und die NATO befinden sich im Kalten-Kriegs-Modus und im Visier sind in erster Linie China und Russland.

 

 

 

Alfred Kosing *) nimmt die Leser*innen mit auf eine Reise der Geschichte des "Kalten Krieges" von seiner Geburtsstunde bis zur Gegenwart. Beginnend mit der Fulton-Rede von Churchill (16.2.1946), in der er einen "eisernen Vorhang" zu sehen glaubte, "der Europa in zwei Hälften teile, in ein Reich der Freiheit und ein Reich der Unfreiheit". Hierzu schreibt Kosing: "Auch in Deutschland, das Churchill dabei vorzugsweise im Sinn hatte, gab es zwar die von den Alliierten vereinbarten Besatzungszonen, aber keine markierten und bewachten Grenzen. Diese kamen erst zustande, nachdem auf Anordnung der westlichen Besatzungsbehörden aus den drei westlichen Zonen im Mai 1949 der separate Staat Bundesrepublik Deutschland gebildet worden war (S.34)."

In der Folge wurden "Containment" und "Rollback" des Sozialismus zur Grundlinie der NATO-Politik. Als strategische Hebel wurden dabei in erster Linie genutzt: Zum einen die Ingangsetzung einer Rüstungsspirale durch permanente Forcierung und Modernisierung der Rüstung, um die UdSSR "Tot zu rüsten" und zum anderen die ökonomische Embargopolitik mit dem Ziel, deren technischen Fortschritt zu blockieren und wirtschaftliche Entwicklung zu erschweren.

Kosing beschreibt die Wirkungen des Kalten Krieges auf Gesellschaft, Politik und Leben der Menschen in den "Blöcken". Vor allem schildert er, wie sich dies in den beiden deutschen Staaten ausgewirkt hatte. So kritisiert er z.B die "Lagertheorie", die in den 50er Jahren die Ausrichtung der internationalen Politik des sozialistischen Lagers dominierte. "In einer sehr vereinfachten schematischen Sicht wurde die Welt in die beiden Lager des Friedens und des Krieges eingeteilt, und bald wurde dann das Friedenslager oft mit dem Sozialismus und das Kriegslager mit dem Kapitalismus assoziiert, was natürlich eine grobe und schädliche Vereinfachung viel komplizierterer Verhältnisse darstellte (S.47).

Als wesentliches Instrument des Kalten Krieges gegen die DDR sieht Kosing im sog "brain drain", der systematisch betriebenen Abwerbung hochqualifizierter Fachleute. "Wenn ein Studienjahrgang das Studium beendete, erschienen an den Universitäten der DDR pünktlich die westdeutschen Werbeagenturen mit ihren lukrativen Angeboten vor allem an Mediziner, Chemiker und Ingenieure." Der Sieg des Kalten Krieges gegen die DDR war dann die Abwicklung ihrer Wirtschaftsbetriebe durch die Treuhand, durch die 95 Prozent dieser Vermögen an BRD- und andere westliche "Investoren" fielen.

Zu Beginn der 90er Jahre, als in den ehemals realsozialistischen Staaten der Kapitalismus wieder restauriert worden und damit die Systemauseinandersetzung beendet war, hätte auch der Kalte Krieg enden müssen. Die logische Konsequenz wäre die Auflösung der NATO als Hauptwerkzeug des Kalten Krieges gewesen.

Im zweiten Teil seines Buches beschreibt Kosing, wie der Kalte Krieg nach Ende der Systemkonkurrenz nach einer kurzen Spanne wiederbelebt wurde. Ein Beleg für Kosing, dass nicht die Blockkonfrontation ursächlich für den Kalten Krieg, sondern die machtpolitischen und ökonomischen Interessen des Imperialismus, insbesondere jener von USA und NATO waren.

"Zwar war nun der frühere Hauptgrund – die Zurückdrängung und Überwindung des sozialistischen Gesellschaftssystems – nicht mehr vorhanden, aber trotzdem blieb die Zielsetzung der Spaltung Europas durch die möglichst vollständige Isolation Russlands erhalten." (S.93). Und so musste auch eine neue "Bedrohungslüge" her: Die Gefahr, dass sich Russland der baltischen Staaten und Polens bemächtigen könnte. USA und NATO "reagieren" auf diese "Bedrohung" mit der weiteren militärischen Einkreisung Russlands und der Stationierung von Militär in den oben genannten Staaten. Doch damit nicht genug. Die Globalisierung des Kalten Krieges hat nicht nur Russland im Blick, sondern an den Beispielen Iran, Venezuela und vor allen China zeigt Kosing, wie das Kalte-Kriegs-Denken weltpolitisch wirksam ist.

Kosing ist der Überzeugung, dass die USA/die NATO den Kalten Krieg mit zunehmender Intensität führen werden, solange die Machtbalance zwischen den Großmächten USA und China nicht entschieden ist. Faktoren, die diese Auseinandersetzung so oder bestimmen, sind seiner Auffassung nach:

- In welche Richtung wird sich die EU entwickeln. Einerseits sind Interessenkonflikte zwischen den USA und der EU offensichtlich (insbesondere in Hinblick auf den China-Handel). Auf der anderen Seite ist ungewiss inwieweit die Widersprüche innerhalb der EU diese in Richtung grundlegender Änderungen bis hin zu deren Auflösung treiben.

- Die zukünftige weltpolitische Rolle Russlands sieht Kosing als große Unbekannte, insbesondere was die ökonomische Entwicklung betrifft.

- Von entscheidender Bedeutung wird die weitere Entwicklung der Volksrepublik Chinas sein. Hierauf gründet sich Kosings größte Zuversicht. Anders als im Kalten Krieg gegen die UdSSR sieht er die chinesische Wirtschaft dank ihrer starken internationalen Verflechtung und Integration in den Weltmarkt weit weniger störanfällig (Beispiele: die neue Seidenstraße, Engagement in Afrika).

In dem Maße, wie China seine Entwicklungsziele erreicht, könnte der Kalte Krieg an Bedeutung verlieren und "könnten sozialistische Tendenzen und Bestrebungen in aller Welt neuen Auftrieb geben." Mit diesem hoffnungsvollen Ausblick endet Kosing seine Betrachtungen.

Die Aussagen des Buches werden auch unter der Präsidentschaft Bidens in den USA nicht an Aktualität einbüßen. Auch unter Biden wird es keine Entspannung des China-Konfliktes geben. "Die USA müssen hart gegen China vorgehen" schrieb Biden vor der Wahl in einem programmatischen Text. Aber: Präsident Biden wird versuchen, die EU in eine gemeinsame Front gegen China zu bringen.[1] Doch könnte es auch hier zu transatlantischen Konflikten kommen. Kramp-Karrenbauer sagte jüngst, Deutschland könne mit den USA eine "gemeinsame Agenda" im Umgang mit China finden, setzte aber hinzu: dort, "wo es mit unseren Interessen vereinbar ist". Und da sind Differenzen vorprogrammiert.

China ist neben den USA Deutschlands wichtigster Wirtschaftspartner. Das traditionelle Rezept der US-Außenpolitik würde ein geschlossenes westliches Bündnis anstreben, das unter amerikanischer Führung weltweit seine Ordnungsvorstellungen durchsetzt. Doch diese Zeiten sind endgültig vorbei. Aus der "unipolaren" Weltordnung der 90er Jahre ist eine "multipolare" geworden, in der sich Europa mit der aufsteigenden Weltmacht China arrangieren muss.

Buch Kosing neuer kalter Krieg
Alfred Kosing: Droht ein neuer Kalter Krieg? Betrachtungen über ein Kapitel der Zeitgeschichte.
200 Seiten, Verlag am Park, Berlin 2020, ISBN 978-3-947094-62-2, 15,–€
hier bestellen: https://www.eulenspiegel.com/verlage/verlag-am-park/titel/droht-ein-neuer-kalter-krieg.html

 

 

Alfred Kosing
Der Autor des Buches starb 91jährig am 21.10.2020. Für alle, die sich seit den 60er Jahren mit materialistischer Philosophie und insbesondere mit deren Rolle bei der Entwicklung der sozialistischen Gesellschaft in der DDR beschäftigt haben, war Alfred Kosing eine feste Größe im DDR-Wissenschaftsbetrieb. Das zeigt sich - nebenbei bemerkt auch daran - dass die Kieler Uni-Bibliothek nach wie vor einen großen Bestand seiner Werke bereit hält: Kleines Wörterbuch der Marxistisch-Leninistischen Philosophie 1966, Marxistische Philosophie. Lehrbuch.1967, Nation in Geschichte und Gegenwart 1976, bis hin zu seinem letzten in der DDR veröffentlichte Buch "Sozialistische Gesellschaft und Natur" (1989).

Alfred KosingIn den sechziger Jahren wurde er in der Nachfolge Ernst Blochs Direktor des Philosophischen Instituts der Karl-Marx-Universität in Leipzig sowie Dekan der Philosophischen Fakultät. Danach zwei weitere Jahrzehnte Professor an der Akademie für Gesellschaftswissenschaften in Berlin. Mitglied der Akademie der Wissenschaften der DDR seit 1969, von 1983 bis 1988 Vizepräsident der Fédération Internationale des Sociétés de Philosophie (FISP), Schweiz.

Anders als viele andere DDR-Gesellschaftswissenschaftler*innen, die mit dem Ende der DDR und der damit verbundenen Zwangs-Entlassung aus dem Wissenschaftsbetrieb auch publizistisch verstummten, meldete sich Alfred Kosing weiterhin regelmäßig zu Wort. Bis kurz vor seinem Tod hat er weiter publiziert, sich dabei kritisch und selbstkritischen mit philosophie-theoretischen, mit Fragen zum "Realsozialismus" und vor allem auch mit aktuellen politischen Fragen auseinandergesetzt:

  • Im Schatten des Kreuzes: Der Einfluss der Kirche auf Staat und Gesellschaft. 2010,
  • Marxistisches Wörterbuch der Philosophie. 2015,
  • "Stalinismus". Untersuchung von Ursprung, Wesen und Wirkungen. 2016.

Und vor allem wäre zu erwähnen das 2017 veröffentlichte Buch

"Aufstieg und Untergang des realen Sozialismus. Zum 100. Jahrestag der Oktoberrevolution."

In einer Rezension von Werner Röhr heißt es u.a. "Bei seiner Analyse von hundert Jahren Sozialismusentwicklung seit der Oktoberrevolution sind die wichtigsten Partien seine Erörterung der Herausbildung und Entwicklung des Sozialismusmodells in der Sowjetunion und der Versuch der DDR, das stalinistische Modell zu überwinden. Dabei nimmt die sowjetische Geschichte den überwiegenden Teil ein. Kosing weist sich als exzellenter Kenner dieser hundert Jahre sowjetischer Geschichte seit der Oktoberrevolution aus. Er rekonstruiert und analysiert ihre Entwicklungsprobleme, die Suche nach einem Planungsmodell, die Auseinandersetzungen um den Entwicklungsweg, die Fragen der Herausbildung des stalinistischen Modells und dessen Scheitern. (...) 

Neben dem umfangreichsten und brisantesten Kapitel über die Geschichte der Sowjetunion seit der Oktoberrevolution ist sicher jenes über den DDR-Sozialismus eines der interessantesten. Kosing benennt und analysiert hier jene Punkte, in denen sich der DDR-Sozialismus signifikant vom sowjetischen Modell abzuheben begann, aber gegen den Widerstand der sowjetischen und der deutschen Stalinisten ein eigenes Profil nicht ausreichend ausprägen konnte.

Wenn es um die wichtigsten Ursachen des Untergangs des realen Sozialismus geht, setzt Kosing eindeutig die Unfähigkeit, eine höhere Arbeitsproduktivität als die entwickelten kapitalistischen Länder zu erreichen, an die erste Stelle, vor weiteren Ursachen wie dem Demokratiedefizit und anderen. Entsprechend der Anlage des Buches betreffen alle als Ursachen des Untergangs untersuchten Probleme Fehler und Schwächen des realen Sozialismus, die größtenteils hausgemacht waren.

Hier aber ist zu fragen, ob der Untergang des realen Sozialismus nur die Folge seiner eigenen Schwächen und Fehlentscheidungen war oder nicht doch oder vor allem ein Sieg seines Gegners in der Systemkonkurrenz, des Weltkapitals. Selbst wenn es keinerlei Fehlentscheidungen gegeben hätte, entscheidend war und ist das Kräfteverhältnis im Klassenkampf im Weltmaßstab." [2]

txt: Günther Stamer


Buch Kosing Aufstieg und UntergangAlfred Kosing: Aufstieg und Untergang des realen Sozialismus. Zum 100. Jahrestag der Oktoberrevolution.
Verlag am Park, Berlin 2017, 630 Seiten, ISBN 978-3-947094-04-2, 39,99 €
hier bestellen: https://www.eulenspiegel.com/verlage/verlag-am-park/titel/aufstieg-und-untergang-des-realen-sozialismus.html

 

Video einer Veranstaltung von transform! mit Alfred Kosing in Wien

"Kommunismus – Lehren aus der Vergangenheit – Ausblick in die Zukunft"

 

Vortrag

 
   
     
 

Diskussion

 
   

 

 

  

Anmerkungen

[1] kommunisten.de: Atlantikbrücke vor Seidenstraße. EU drängt auf transatlantische Allianz gegen China
[2] http://www.max-stirner-archiv-leipzig.de/dokumente/Roehr-Rezension-Kosing.pdf

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Beide Tage werden live ausgestrahlt:
www.rosalux.de/livestream
facebook.com/rosaluxstiftung/live

Zum Festival-Programm:
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Zum Vormerken: 50 Jahre MSB Spartakus - 12. Juni 2021 in KölnMSB konstituiert

Liebe Freundinnen und Freunde, wir möchten Euch einladen:

Am 22. Mai 1971 wurde der Marxistische Studentenbund Spartakus (MSB) in Bonn gegründet. Er war in den 1970ern und 1980ern einer der einflussreichsten Studierendenverbände, in dem sich mehrere tausend Studentinnen und Studenten organisierten. Im Mai 2021 wird dieses Ereignis fünfzig Jahre her sein. Wir nehmen es zum Anlass, zu einer Wiederbegegnung einzuladen.
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Dossier "Linke Strategien"

Im Dossier "Linke Strategien" sind Artikel zusammengestellt, die auf kommunisten.de in verschiedenen Rubriken erschienen sind und sich mit Fragen linker Strategie, Neuformierung der Linken, etc. befassen.

Zum Dossier


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