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Papst Franziskus RedeDie Welt ist in einem schlechten Zustand – Appell der Sozial-Enzyklika "Fratelli Tutti"   

15.10.2020: »Fratelli Tutti« heißt die Enzyklika von Papst Franziskus, die am 3. Oktober am Grab von Franziskus von Assisi unterschrieben und veröffentlicht wurde. Dieses Lehrschreiben hat, wie die vorherigen Enzykliken von Papst Franziskus, heftige gegensätzliche Reaktionen hervorgerufen. "Vulgärmarxismus" schreibt die Frankfurter Allgemeine Zeitung, Clemens Fuest (ifo) ist "enttäuscht" von der Marktkritik und hält seine Aussagen "für gefährlich", für den Theologen Michael Ramminger wird Kapitalismuskritik in den Rang einer Glaubenswahrheit erhoben, Willy Sabautzki (isw) findet in Papst Franziskus einen Befürworter des sozial-ökologisch ausgerichteten Umbaus der Wirtschaft.

 

Fratelli Tutti, an "alle Brüder und Schwestern", wie in der deutschen Übersetzung steht, so heißt die Enzyklika von Papst Franziskus, die am 3. Oktober am Grab von Franziskus von Assisi unterschrieben und veröffentlicht wurde. [1] Es ist zugleich die zweite Sozialenzyklika neben der oft als Umweltenzyklika bezeichneten Laudato Si von 2015, die sich auf gesellschaftliche Fragen bezieht.

 

kuno fuessel michael ramminger
Papst Franziskus: "Man muss kämpfen, um zu leben"
Kuno Füssel ('ChristInnen für den Sozialismus' und Mitherausgeber von kommunisten.de) und
Michael Ramminger zum Apostolischen Schreiben »Evangelii gaudium«

 

Enzykliken sind in der römisch-katholischen Kirche für alle Gläubigen verbindliche Lehrschreiben. Damit wird die Kritik von Franziskus an Kapitalismus und Globalisierung, globaler Ungleichheit, Krieg und Rüstung, Umweltzerstörung in den Rang verbindlicher Glaubensaussagen gehoben.

Der Untertitel dieser in acht Kapitel mit über 285 Punkten unterteilten Enzyklika lautet: "Über die Geschwisterlichkeit und die soziale Freundschaft".

Kapitalismuskritik als Glaubenswahrheit

Der Theologe Michael Ramminger (Institut für Theologie und Politik) schreibt:

"Die soziale Freundschaft, von der er gleich zu Beginn redet, ist für ihn »politische Liebe«, sie ist Solidarität nicht nur als gemeinsames Interesse der Ausgebeuteten, sondern als Kampf gegen die strukturellen Ursachen der Armut, der Arbeitslosigkeit etc.: »Die Solidarität, … ist eine Art und Weise, Geschichte zu machen, und genau das ist es, was die Volksbewegungen tun.«

 

Papst Enzyklika Fratelli Tutti"[Solidarität] ist ein Wort, das sehr viel mehr bedeutet als einige sporadische Gesten der Großzügigkeit. Es bedeutet, dass man im Sinne der Gemeinschaft denkt und handelt, dass man dem Leben aller Vorrang einräumt – und nicht der Aneignung der Güter durch einige wenige. Es bedeutet auch, dass man gegen die strukturellen Ursachen der Armut kämpft: Ungleichheit, das Fehlen von Arbeit, Boden und Wohnung, die Verweigerung der sozialen Rechte und der Arbeitsrechte. Es bedeutet, dass man gegen die zerstörerischen Auswirkungen der Herrschaft des Geldes kämpft […]
Die Solidarität, verstanden in ihrem tiefsten Sinne, ist eine Art und Weise, Geschichte zu machen, und genau das ist es, was die Volksbewegungen tun."
Fratelli Tutti

Dieses Verständnis von Nächstenliebe durchzieht die gesamte Enzyklika und gründet in der universellen und unbedingten Würde der Menschen. Franziskus konfrontiert das immer wieder mit den real existierenden globalkapitalistischen Verhältnissen und der irrigen Vorstellung, dass aus liberalistisch verstandener Autonomie und individueller Freiheit so etwas wie eine solidarische Gesellschaft entstehen könne. Wie schon oft zuvor kritisiert er den neoliberalen Kapitalismus und dessen Idee, dass aus der Verfolgung individueller Interessen das größtmögliche Gemeinwohl entstehen könne, und er besteht darauf, dass eine Gesellschaft gerade die Bedürfnisse der Schwächsten und Ärmsten zu berücksichtigen hat. (…)

Es wundert nicht, dass angesichts dieses universalistischen Ansatzes auch Flucht und Migration wieder eine herausragende Rolle spielen. Diese sind für Franziskus im Grunde auch Effekte globaler Ungleichheit und des Diebstahls an den Armen. Und er wiederholt das Recht der Menschen zu bleiben und zu gehen – und zu kommen: »in den Herkunftsländern die Bedingungen für ein Leben in Würde und Wachstum …. Solange es jedoch keine wirklichen Fortschritte in diese Richtung gibt, ist es unsere Pflicht, das Recht eines jeden Menschen zu respektieren, einen Ort zu finden, an dem er … sich auch als Person voll verwirklichen kann«." [2]

 

Papst Enzyklika Fratelli Tutti"Die Migrationen werden ein grundlegendes Element der Zukunft der Welt darstellen. Heute werden sie jedoch mit dem Verlust jenes Sinns für brüderliche Verantwortung, auf dem sich jede Zivilgesellschaft gründet, konfrontiert. (…)
Wenn der Nächste ein Migrant ist, ergeben sich komplexe Herausforderungen. Ideal wäre es, wenn unnötige Migration vermieden werden könnte, und das kann erreicht werden, indem man in den Herkunftsländern die Bedingungen für ein Leben in Würde und Wachstum schafft, so dass jeder die Chance auf eine ganzheitliche Entwicklung hat. Solange es jedoch keine wirklichen Fortschritte in diese Richtung gibt, ist es unsere Pflicht, das Recht eines jeden Menschen zu respektieren, einen Ort zu finden, an dem er nicht nur seinen Grundbedürfnissen und denen seiner Familie nachkommen, sondern sich auch als Person voll verwirklichen kann. Unsere Bemühungen für die zu uns kommenden Migranten lassen sich in vier Verben zusammenfassen: aufnehmen, schützen, fördern und integrieren. In der Tat geht es nicht darum, von oben her Hilfsprogramme zu verordnen, sondern gemeinsam einen Weg zurückzulegen durch diese vier Vorgehensweisen, um Städte und Länder aufzubauen, die zwar die jeweilige kulturelle und religiöse Identität bewahren, aber offen sind für Unterschiede und es verstehen, diese im Zeichen der menschlichen Brüderlichkeit wertzuschätzen.
Daraus folgen einige notwendige Konsequenzen insbesondere denen gegenüber, die vor schweren humanitären Krisen fliehen. Ich möchte einige Beispiele nennen: es müsste eine größere Zahl von Visa ausgestellt werden und die Antragsverfahren müssten vereinfacht werden; es wären private und gemeinschaftliche Hilfsprogramme ins Leben zu rufen; für die am stärksten gefährdeten Flüchtlinge müssten humanitäre Korridore eingerichtet werden; angemessene und ordentliche Unterkünfte müssten zur Verfügung stehen; die persönliche Sicherheit und der Zugang zu grundlegenden Dienstleistungen muss gewährleistet sein, ebenso eine angemessene konsularische Betreuung und das Recht, jederzeit persönliche Ausweispapiere mit sich führen zu dürfen, ein uneingeschränkter Zugang zur Justiz, …"
Fratelli Tutti

Clemens Fuest (ifo-Institut): "enttäuscht" von Marktkritik

Während sich viele Katholik*innen im Globalen Süden durch die neue Enzyklika in ihrem Kampf um Demokratie, Menschenwürde und soziale Gerechtigkeit bestärkt fühlen werden, ruft sie bei den neoliberalen Unheilspropheten der freien Marktwirtschaft aggressive Reaktionen hervor.

So wirft der Präsident des Münchner Ifo-instituts, Clemens Fuest, dem Papst vor, Unwahrheiten und Vorurteile in seinem jüngsten Lehrschreiben zu verbreiten. Der Text "strotz vor anti-marktwirtschaftlicher Ideologie und Fehleinschätzungen über Globalisierung und die Rolle von Privateigentum", ereifert sich Fuest. Dabei haben die Marktwirtschaft "weltweit Menschen aus Armut befreit". Für ihn verleitet der Papst dazu, "Diktatoren mit sozialistischen Heilsversprechen zu unterstützen". Fuest: "Seine Aussagen dazu halte ich für gefährlich, weil sie Menschen dazu verleiten kann, Diktatoren mit sozialistischen Heilsversprechen zu unterstützen wie beispielsweise Hugo Chavez. ... Dass der Papst diesen Chavez-Maduro-Sozialismus nicht anprangert, aber gegen die Marktwirtschaft zu Felde zieht, ist fast schon ein Skandal." [3]

Rainer Hank (FAZ): "Vulgärmarxismus"

Rainer Hank, freier Autor der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", wirft dem Papst "Vulgärmarxismus" vor und nimmt die Kapitalismus- und Wirtschaftskritik des Papstes ins Visier.

Den "radikale[n] Antikapitalismus des heutigen Papstes" bezeichnet er als "eine einseitige Zuspitzung, die sich freilich treu und konsequent durch seine bisherigen Verlautbarungen 'Evangelium gaudii' (Zitat: 'Diese Wirtschaft tötet.') und 'Laudato Si' ('Gewinnmaximierung verhindert soziale Inklusion.')" hindurchziehe. "Diesen Antikapitalismus, so abenteuerlich er uns vorkommt", könne man aber "erklären. Die Weltanschauung dieses Papstes ist der Freiheitstradition der europäischen Aufklärung samt deren christlichen Wurzeln denkbar fern. Sie speist sich aus drei ganz anderen Quellen: aus dem rhetorischen Soupçon gegen die Reichen bei Autoren der christlichen Antike (Johannes Chrysostomus, Gregor der Große), aus dem Marxismus der sogenannten 'Theologie der Befreiung' in Lateinamerika und aus dem Peronismus, einem Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell Argentiniens, das seinerseits stark populistische Züge hat."

Da "die Armen sowohl politisch als Wähler wie theologisch als Kirchenvolk instrumentalisiert" würden, kommt Rainer Hank "nicht umhin, die Lehre dieses Papstes als zynisch zu bezeichnen".

Allerdings kann er die Leser*innen der Zeitung, hinter der angeblich ein kluger Kopf steckt, trösten: "Doch es gibt ja, etwa in der Tradition der Dominikaner-Patres von Salamanca, auch eine deutlich marktfreundlichere Soziallehre der Kirche: Dort galt die Überzeugung, dass eine altruistische Ethik der Nächstenliebe dringend auf das egoistische Ethos des Gewinnstrebens angewiesen ist." [4]

 

Willy Sabautzki (isw): Franziskus befürwortet einen sozial-ökologisch ausgerichteten Umbau der Wirtschaft

Weltweit erleben Religiosität und Religionen in ihren unterschiedlichen Ausprägungen, trotz der vielen Kirchenaustritte gerade in Deutschland eine gewisse Revitalisierung, gerade unter dem Eindruck der lebensbedrohlichen Corona-Pandemie.

Die veröffentlichte neue Enzyklika "Fratelli Tutti" des katholischen Oberhirten Papst Franziskus wendet sich in Corona-Zeiten mit einer zentralen Botschaft an die weltweiten Anhänger von Religionen, und darüber hinaus, auch an die herrschenden Eliten. In der Begegnung der lebensbedrohlichen Corona-Pandemie müsse ein Weg zur Heilung der Welt gefunden werden. "Als Jünger Jesu haben wir uns vorgenommen, auf seinen Spuren zu wandeln, indem wir uns für die Armen entscheiden, den Gebrauch der Güter überdenken und für unser gemeinsames Haus Sorge tragen", lautet das Statement von Franziskus. Die Coronakrise sei "die Wirklichkeit selbst, die seufzt und sich auflehnt". Es sei zu befürchten, dass nach überstandenem Gesundheitsnotstand alles beim Alten bleibe und wie so oft niemand aus der Geschichte lerne.

 

Papst Enzyklika Fratelli Tutti"Der Reichtum wächst, aber auf ungleiche Weise, und so entstehen neue Formen der Armut."

"Es gibt heute in der Welt weiterhin zahlreiche Formen der Ungerechtigkeit, genährt von verkürzten anthropologischen Sichtweisen sowie von einem Wirtschaftsmodell, das auf dem Profit gründet und nicht davor zurückscheut, den Menschen auszubeuten, wegzuwerfen und sogar zu töten. Während ein Teil der Menschheit im Überfluss lebt, sieht der andere Teil die eigene Würde aberkannt, verachtet, mit Füßen getreten und seine Grundrechte ignoriert oder verletzt."
Fratelli Tutti

Der herrschenden großen Ungleichheit müsse man eine veränderte Sozialordnung entgegensetzen, die sich mit Teilhabe, Fürsorge und Großzügigkeit gegen Ausbeutung und Eigeninteresse wendet. "Geschwisterlichkeit und die soziale Freundschaft” ist die der katholischen Soziallehre entnommenen Botschaft gegen die soziale und kulturelle Verwüstung der Lebenssituation und Zukunftsperspektiven der großen Mehrheit der Weltbevölkerung.

Wie schon in den vorausgegangenen päpstlichen Schriften erteilt er einem Wirtschaftsmodell eine Absage, das nicht für eine gerechte und nachhaltige Entwicklung stehe. Er betont die Dringlichkeit einer "guten Politik und einer Sozialordnung, die Teilhabe, Fürsorge und Großzügigkeit belohnt und nicht Gleichgültigkeit, Ausbeutung und Eigeninteresse. Denn nur eine solidarische und gerechte Gesellschaft ist eine gesunde Gesellschaft. Eine Gesellschaft, die Teilhabe erlaubt…. Eine Gesellschaft, in der die Vielfalt respektiert wird, ist viel resistenter gegen jede Art von Virus."

 

Papst Enzyklika Fratelli Tutti"Es ist notwendig, die gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Partizipation in einer Weise zu konzipieren, die die Volksbewegungen mit einschließen und die lokalen, nationalen und internationalen Regierungsstrukturen mit jenem Strom moralischer Energie beleben, der der Miteinbeziehung der Ausgeschlossenen in den Aufbau unseres gemeinsamen Schicksals entspringt. Zugleich ist es gut, dafür zu sorgen, dass diese Bewegungen, diese Erfahrungen der Solidarität, die von der Basis – sozusagen vom 'Untergeschoss' des Planeten Erde – ausgehen, zusammenfließen, koordinierter [sind] und sich austauschen. Dies muss jedoch geschehen, ohne ihren charakteristischen Stil zu verraten, weil sie Sämänner der Veränderung sind, Förderer eines Prozesses, in den Millionen großer und kleiner Aktionen einfließen, die kreativ miteinander verbunden sind, wie in einem Gedicht. In diesem Sinn sind sie 'soziale Poeten', die auf ihre Weise arbeiten, vorschlagen, fördern und befreien. Mit ihnen wird eine ganzheitliche menschliche Entwicklung möglich."
Fratelli Tutti

 Im Ansatz sind die Aussagen von Franziskus als antikapitalistische Grundhaltung einzuschätzen, wenn er etwa betont, dass Privatbesitz nicht absolut sei und allenfalls ein sekundäres "Naturrecht". Andererseits legitimiert er die Form des Privateigentums, indem er der christlichen Tradition verpflichtet dessen soziale Funktion hervorhebt. "Das Prinzip der gemeinsamen Nutznießung der für alle geschaffenen Güter ist das Grundprinzip der ganzen sozialethischen Ordnung, es ist ein natürliches, naturgegebenes und vorrangiges Recht." Kritisch bleibt hier anzumerken, dass dieses beschriebene vorrangige Recht nicht vom Himmel fällt und insofern die Völker andere Signale hören sollten, um auf Dauer nicht auf das "soziale Herz" von Besitzenden angewiesen zu sein.

In seiner aktuellen Botschaft streift er im Kern alle gesellschaftspolitisch relevanten Themen wie die Corona-Pandemie, Kapitalismus, Populismus, Migration, Armut, Egoismus. Die Äußerungen zu sozialen Themen können zumindest als eine wachrüttelnde Aufforderung zur Reflexion des sozialen und politisches Daseins verstanden werden, das sich in den letzten Jahrzehnten weltweit negativ verändert hat. Immerhin besitzt ein päpstliches Grundsatzdokument wie die vorgelegte Enzyklika einen hohen Grad an Verbindlichkeit.

Deutlich kritisiert Franziskus die Marktgläubigkeit und eine Finanzwirtschaft, die außerhalb politischer Kontrolle agiert. Er spricht sich gegen einen zu großen Einfluss der Wirtschaft aus.

Papst Enzyklika Fratelli Tutti"Der Markt allein löst nicht alle Probleme, auch wenn man uns zuweilen dieses Dogma des neoliberalen Credos glaubhaft machen will. … Die Zerbrechlichkeit der weltweiten Systeme angesichts der Pandemie hat gezeigt, dass nicht alles durch den freien Markt gelöst werden kann und dass – über die Rehabilitierung einer gesunden Politik hinaus, die nicht dem Diktat der Finanzwelt unterworfen ist – wir die Menschenwürde wieder in den Mittelpunkt stellen müssen. Auf diesem Grundpfeiler müssen die sozialen Alternativen erbaut sein, die wir brauchen."
Fratelli Tutti

Sein Verständnis von Politik lässt ihn an eine "politische Nächstenliebe" glauben, die sich auf das Gemeinwohl konzentriere und bessere Institutionen und solidarische Strukturen schaffen könne. "Vor allem wer Regierungsverantwortung trägt, muss zu Verzichten bereit sein, damit Begegnung möglich wird." Niemals dürfe sich die Politik der Wirtschaft unterwerfen - "und diese nicht dem Diktat und dem effizienzorientierten Paradigma der Technokratie unterwerfen. Die Zerbrechlichkeit der weltweiten Systeme in der Pandemie habe gezeigt, dass nicht alles durch den freien Markt gelöst werden könne.

vatikan volksbewegungen2014 2 knaFranziskus schreibt über den Traum von einer gerechten und friedlichen Gesellschaft, der ihm selbst "wie eine Utopie aus anderen Zeiten" erscheint - die er jedoch wiederbeleben und konkret umsetzen möchte. Er bleibt zwar als höchster katholischer Amtsträger dem Vermächtnis des christlichen Glaubens verhaftet, Trost zu spenden bis zum Tag der Errettung, um die weltlichen Leiden besser ertragen zu können. Das gebietet ihm sein Glauben. Aber dessen ungeachtet fordert er die Glaubensgemeinschaft und soziale Bewegungen, und damit auch seine bischöfliche Führungsmannschaft, zu sozialem Engagement und zur Aktion auf.

Er fordert eine Reform und Stärkung der Vereinten Nationen beim Umgang mit den die Welt bewegenden Konflikten, sowie eine Unterordnung nationaler Interessen unter das globale Gemeinwohl. Er hebt die dringliche Notwendigkeit der Schaffung lebenswürdiger Bedingungen in den Herkunftsländern der Geflüchteten hervor. Es gehe darum, "das Recht eines jeden Menschen zu respektieren, einen Ort zu finden, an dem er nicht nur seinen Grundbedürfnissen und denen seiner Familie nachkommen, sondern sich auch als Person voll verwirklichen kann".

Er verweist auch auf den vorherrschenden demagogischen und menschenverachtenden Umgang mit Wahrheit und appelliert an das Aufzeigen von Manipulation, Verzerrung und Verschleierung der Wahrheit im öffentlichen und privaten Bereich.

Papst Enzyklika Fratelli Tutti"Die beste Methode, zu herrschen und uneingeschränkt voranzuschreiten, besteht darin, Hoffnungslosigkeit auszusäen und ständiges Misstrauen zu wecken, …"
Fratelli Tutti

Seine Kritik an der Unfähigkeit, gemeinsam zu handeln, kann in der Konsequenz als indirekte Aufforderung zum Handeln interpretiert werden. "Wir müssen aktiv Anteil haben beim Wiederaufbau und bei der Unterstützung der verwundeten Gesellschaft. Heute haben wir die großartige Gelegenheit, unsere Geschwisterlichkeit zum Ausdruck zu bringen".

 

Papst Enzyklika Fratelli Tutti"Eine echte gesellschaftliche Begegnung bringt die großen kulturellen Formen, die die Mehrheit der Bevölkerung ausmachen, in einen wahren Dialog. Häufig werden von den ärmsten Randgruppen gute Vorschläge nicht aufgegriffen, weil sie in einem kulturellen Gewand präsentiert werden, das nicht das ihre ist und mit dem sie sich nicht identifizieren können. Daher muss ein realistischer integrativer Sozialpakt auch ein 'Kulturpakt' sein, der die unterschiedlichen Weltanschauungen, Kulturen oder Lebensstile, die in der Gesellschaft nebeneinander bestehen, respektiert und berücksichtigt."
Fratelli Tutti

 Dabei kritisiert er auch populistische Tendenzen mit den Worten, dass heutzutage führende Politiker respektlos zu den die Welt betreffenden Ereignissen Stellung beziehen, ohne dafür belangt zu werden." Die Kirche müsse sich immer ein "kritisches Gespür" gegenüber "engstirnigen und gewalttätigen Nationalismen" bewahren. So propagiert er in "Fratelli tutti" eine "offene Welt". Unterschiede in Hautfarbe oder Religion dürften nicht für die "Privilegien einiger zum Nachteil der Rechte aller" missbraucht werden.

 

Papst Enzyklika Fratelli Tutti"Von Neuem erscheint die Versuchung, eine Kultur der Mauern zu errichten, Mauern hochzuziehen, Mauern im Herzen, Mauern auf der Erde, um diese Begegnung mit anderen Kulturen, mit anderen Menschen zu verhindern. Und wer eine Mauer errichtet, wer eine Mauer baut, wird am Ende zum Sklaven innerhalb der Mauern, die er errichtet hat, ohne Horizonte. Weil ihm dieses Anderssein fehlt."
Fratelli Tutti

Der Papst verspricht sich davon, auch den verantwortlichen Eliten in Politik und Wirtschaft den Spiegel ihrer moralischen Unverantwortlichkeit vorzuhalten , indem er betont: Die Solidarität ist eine spontane Reaktion dessen, der die soziale Funktion des Eigentums und die universale Bestimmung der Güter als Wirklichkeiten erkennt, die älter sind als der Privatbesitz. Der private Besitz von Gütern rechtfertigt sich dadurch, dass man sie so hütet und mehrt, dass sie dem Gemeinwohl besser dienen; deshalb muss die Solidarität als die Entscheidung gelebt werden, dem Armen das zurückzugeben, was ihm zusteht.

Zweifelsohne bleibt die Botschaft des Oberhirten nach dem Selbstverständnis des Trostspendens von Religion ethisch-moralisch. Und dennoch ist der Verweis auf erforderliche Strukturänderungen, hin zu einer solidarischen Gesellschaft zumindest ein markantes Leviten-Lesen der Herrschenden. Für ihn ist es eine Aufgabe für die Glaubenden, mit dem Blick auf das Menschsein und Geschwisterlichkeit (geschlechterübergreifend) eine Kritik der Machtverhältnisse und der Ausübung von Macht anzubringen.
"Aus diesen Gründen respektiert die Kirche zwar die Autonomie der Politik, beschränkt aber ihre eigene Mission nicht auf den privaten Bereich. Im Gegenteil, sie kann und darf beim Aufbau einer besseren Welt nicht abseits stehen, noch darf sie es versäumen, die seelischen Kräfte zu wecken, die das ganze Leben der Gesellschaft bereichern können."

Historisch-materialistisch betrachtet ist anzumerken, dass die Religion und ihre Inhalte zumeist in den Dienst der herrschenden gesellschaftlichen Machtverhältnisse und egoistischer Zwecke gestellt worden sind: Religion erschreckenderweise als die kanonensegnende Legitimation und Rechtfertigung für Angriffskriege.

Papst Enzyklika Fratelli TuttiNie wieder Krieg!
"Da die Voraussetzungen für die Verbreitung von Kriegen wieder wachsen, erinnere ich daran, dass der Krieg […] die Negierung aller Rechte und ein dramatischer Angriff auf die Umwelt [ist]. Wenn man eine wirkliche ganzheitliche menschliche Entwicklung für alle anstrebt, muss man weiter unermüdlich der Aufgabe nachgehen, den Krieg zwischen den Nationen und den Völkern zu vermeiden. Zu diesem Zweck muss die unangefochtene Herrschaft des Rechtes sichergestellt werden sowie der unermüdliche Rückgriff auf die Verhandlung, die guten Dienste und auf das Schiedsverfahren, wie es in der Charta der Vereinten Nationen, einer wirklich grundlegenden Rechtsnorm, vorgeschlagen wird. … Deshalb können wir den Krieg nicht mehr als Lösung betrachten, denn die Risiken werden wahrscheinlich immer den hypothetischen Nutzen, der ihm zugeschrieben wurde, überwiegen. Angesichts dieser Tatsache ist es heute sehr schwierig, sich auf die in vergangenen Jahrhunderten gereiften rationalen Kriterien zu stützen, um von einem eventuell 'gerechten Krieg' zu sprechen. Nie wieder Krieg!"

"Jeder Krieg hinterlässt die Welt schlechter, als er sie vorgefunden hat. Krieg ist ein Versagen der Politik und der Menschheit, eine beschämende Kapitulation, eine Niederlage gegenüber den Mächten des Bösen. Halten wir uns nicht mit theoretischen Diskussionen auf, sondern treten wir in Kontakt mit den Wunden, berühren wir das Fleisch der Verletzten. Schauen wir auf die vielen massakrierten Zivilisten als 'Kollateralschäden'. Fragen wir die Opfer. Achten wir auf die Flüchtlinge, auf diejenigen, die unter atomarer Strahlung oder chemischen Angriffen gelitten haben, auf die Frauen, die ihre Kinder verloren haben, auf die Kinder, die verstümmelt oder ihrer Kindheit beraubt wurden. Achten wir auf die Wahrheit dieser Gewaltopfer, betrachten wir die Realität mit ihren Augen und hören wir ihren Berichten mit offenem Herzen zu. Dann können wir den Abgrund des Bösen im Innersten des Krieges sehen, und es wird uns nicht stören, als naiv betrachtet zu werden, weil wir uns für den Frieden entschieden haben."

Fratelli Tutti

Die krisenhafte, durch die kapitalistische Wertegesellschaft verursachte globale Entwicklung, die daraus resultierende Zunahme von Massenverelendung und auch von medienunterstützter geistiger Verunsicherung und Manipulierung ist nicht zu übersehen. Aus marxistischer Sicht bleibt die Religion ein "ideologischer Überbau". Religion wächst nach dieser Weltanschauung auf dem Boden des Elends und der Ausbeutung und ist zugleich der Protest gegen sie. Diese dient nach Marx nur dazu, die Existenz des Menschen durch Träumereien und Trost im Jenseits erträglich zu machen und so das faktische Elend zu verlängern und zu legitimieren.

Aber, ein Umbau von Wirtschaft und Gesellschaft in Richtung einer gegen Klima- und Umweltzerstörung gerichtete Gesellschaftsformation verlangt kategorisch eine starke, demokratisch ausgerichtete öffentliche Institution, die einen Prozess der gesellschaftlichen Veränderung steuert, mitbestimmt und absichert. In seinem Grundanliegen befürwortet Franziskus einen sozial-ökologisch ausgerichteten Umbau der Wirtschaft. Und deshalb sollten im Bemühen der Bewegungen gegen die Klimazerstörung auch die Franziskus-Botschaften in die Formulierung von politischen Forderungen einbezogen werden. Die "Fratelli Tutti"- Botschaft kann insofern, optimistisch ausgedrückt, als indirekte Aufforderung zum Handeln interpretiert werden.

Das dürfte den Vertretern neoliberaler bis hin zu rechtsgerichteten politischen Ideologien gar nicht in den Kram passen. Obwohl die Macht der neoliberalen Eliten keine uneingeschränkte Führungsposition mehr besitzt, ist sie aufgrund ihrer institutionellen und finanziellen Macht nach wie vor eine den gesellschaftspolitischen Prozess bestimmende. Sie fordert die Konzentration einer Gegenmacht heraus. Das bezieht den Schulterschluss mit den Verfechtern der religiösen Soziallehre und ihrer Forderung nach geschwisterlichem Handeln mit ein. Eine wesentliche Voraussetzung dafür ist, eigene Befindlichkeiten im Umgang mit konkurrierenden Vorstellungen zu einem sozial-ökologischen Umbruch zu überwinden.

Papst Enzyklika Fratelli Tutti"Sicher kommt es der Gesellschaft auf die eine oder andere Weise zugute, wenn eine Person oder eine Gruppe kohärent lebt, Werte und Überzeugungen fest vertritt und eine Meinung entwickelt. Dies geschieht aber nur in dem Maß, in dem eine solche Entwicklung im Dialog und in Offenheit gegenüber anderen stattfindet. Denn in einem wahren Geist des Dialogs wächst die Fähigkeit, den Sinn dessen zu verstehen, was der andere sagt und tut, auch wenn man es nicht als eigene Überzeugung für sich selbst übernehmen kann. Auf diese Weise wird es möglich, aufrichtig zu sein und das, was wir glauben, nicht zu verbergen, dabei aber doch weiter im Gespräch zu bleiben, Berührungspunkte zu suchen und vor allem gemeinsam […] zu arbeiten und zu kämpfen."
Fratelli Tutti

 

Fußnoten

[1] http://www.vatican.va/content/francesco/de/encyclicals/documents/papa-francesco_20201003_enciclica-fratelli-tutti.html

[2] https://www.itpol.de/fratelli-tutti-einladung-zu-einer-liebe-die-alle-politischen-und-raeumlichen-grenzen-ueberseigt-die-neue-enzyklika-von-papst-franziskus/#more-3909

[3] https://www.domradio.de/themen/papst-franziskus/2020-10-05/die-groesste-schwaeche-des-papiers-wirtschaftsforscher-enttaeuscht-von-marktkritik-papst-enzyklika

[4] https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/mehr-wirtschaft/kapitalismus-kritik-von-papst-franziskus-kirchenaustritt-16995634.html


Mehr zu Papst Franziskus und Religion auf kommunisten.de

 

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first workshop organized by the Women Assembly will take place Friday, October 30
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