„Digitalisierung ist Klassenfrage“ – 24. isw-forum zu digitaler Arbeit und Industrie 4.0

E-Mail Drucken PDF

isw forum-201620.07.2016: „Wir diskutieren heute über die sich entwickelnde Realität der Wirtschaft. Derzeit gibt es 10 Millionen intelligente Roboter, 2020 sollen es Milliarden sein“, mit diesen Worten leitete Conrad Schuhler das 24. isw-forum im Münchner Gewerkschaftshaus ein.

 

Trotz eines bayernweiten Aktionstages gegen das Freihandelsabkommen CETA, das isw schickte solidarische Grüße, kamen mehr als 70 Menschen. Vor allem Gewerkschafter und Aktivisten sozialer Bewegungen wollten über die vierte industrielle Revolution diskutieren. Die Referenten und ihre Themen versprachen einen interessanten Samstag.

Hans-Jürgen Urban, geschäftsführendes Mitglied im Vorstand der IG Metall, referierte über das Spannungsfeld der digitalen Arbeit – stellt diese eine reine Rationalisierungsstrategie des Kapitals dar, oder beinhaltet sie auch Humanisierungspotential für die arbeitenden Menschen? Thomas Hagenhofer, Mitglied im ver.di-Arbeitskreis Medienberufe, beschäftigte sich mit der Frage, ob Digitalisierung zu menschenleeren Fabrikhallen führen wird und wie weitere Auswirkungen auf die Beschäftigung aussehen könnten. Last but not least drehte sich bei Marcus Schwarzbach, Berater für Betriebsräte, alles um Digitalisierung und Arbeitszeit.

Hans-Jürgen Urban stellte zu Beginn fest, dass sich die Debatte um die Digitalisierung durch sehr abstrakte Diskussionen ohne Konturen auszeichnet. Der Begriff Industrie 4.0 wurde erstmals auf der Hannover-Messe 2013 einer breiteren Öffentlichkeit bekannt und war Teil einer Marketingstrategie der großen deutschen Elektro- und Metallindustrie. Er stellte aus dieser Sicht vor allem eine betriebswirtschaftliche Strategie, um Rationalisierungen der Arbeitswelt zu pushen, dar, so der Gewerkschafter. Bisher gäbe es keine verlässlichen Studien zur Digitalisierung der Industrie, sondern vor allem wertvolle Erfahrungsberichte der Betriebsratskollegen.

Drei Begriffe stehen dabei im Mittelpunkt:

  1. Crowdworking: Das Ausschreiben von Arbeitsvorgängen über digitale Plattformen. Dies verändert die Kommunikation zwischen Auftraggeber und –nehmer grundsätzlich. Die Anonymität nimmt zu, es besteht Unwissen darüber, wieviel Geld Kollegen für die gleiche Arbeit erhalten und oft findet die Auftragsvergabe außerhalb sozialer Sicherungssysteme statt, also an Freelancing-Arbeiter ohne festen Arbeitsvertrag.
  2. Cyber-physische Systeme: Die Kooperation intelligenter Roboter mit menschlicher Arbeitskraft, die einen gewaltigen technologischen Sprung durch eine schnelle komplexe Datenverarbeitung möglich gemacht hat. Dies stelle eine „neue Form der Kooperation zwischen lebendiger Arbeit und totem Kapital“ dar, meint Urban, der sich in seinem Referat immer wieder auf marxistische Termini bezog. Alle Teilprozesse des materiellen Wertschöpfungsprozesses werden dabei miteinander vernetzt. Diese Zusammenarbeit führt in der praktischen Arbeit zu vielen Stoß- und Quetschunfällen, belastet die Menschen aber vor allem psychisch, da sie keine menschlichen Kollegen mehr vor sich haben, sondern nur noch Maschinen aus Stahl.
  3. Mobile Arbeit per Mausklick: Diese den Vorteil, dass weltweite Wartungsarbeiten nicht mehr vor Ort, sondern von zuhause aus durchgeführt werden können. Dies ist auch ökologisch sinnvoll. Allerdings führt mobile Arbeit auch zu einer Arbeitsintensivierung, jeder Vorgang wird digital nachvollziehbar, Kollegen sind so jede Sekunde ihrer Tätigkeit überwacht. Smartphones stellen darüber hinaus eine ständige Erreichbarkeit dar, auch nach Feierabend.

Urban war es jedoch wichtig festzuhalten, dass die „Entwicklungspfade moderner Arbeit offen“ sind. Es sei eine Frage von Kräfteverhältnissen in Betrieb und Gesellschaft, ob digitale Arbeit zu Vor- oder Nachteilen der Beschäftigten führe. Digitalisierung ist für ihn nicht nur eine Technik- sondern vor allem auch eine Klassenfrage. Die Arbeitgeber nutzen die neuen Möglichkeiten vor allem für einen Beschleunigungsprozess und um bestehende Regelungen der Arbeit abzubauen. Dabei stellen sie die Regulierung von Leiharbeit in Frage, die Mitbestimmung wird als Hindernis betrachtet und auch der Datenschutz solle flexibler gestaltet werden. Dabei würden die Gewerkschaften aber nicht mitmachen und deshalb führe die Digitalisierung der Arbeit auch zu einer Intensivierung der Auseinandersetzungen im Betrieb: „Die Debatte darf nicht ohne Frage von Machtverhältnissen innerhalb kapitalistischer Klassengesellschaft geführt werden“. Vier Essentials einer gewerkschaftlichen Digital-Agenda stehen dabei im Mittelpunkt: Soziale Sicherheit, gute Arbeit, Zeitsouveränität und Fragen der Demokratie. Ob dies im Sinne der Gewerkschaften umgesetzt werden kann, hänge auch vom Organisationsgrad innerhalb der Betriebe ab.

Ein anschließender Diskussionsstrang durchzog das gesamte Forum: Die Digitalisierung kann für eine massive Arbeitszeitverkürzung genutzt werden, wenn denn genügend Druck aufgebaut wird. Auch die vielfältigen Bewusstseinsstände der Kolleginnen und Kollegen waren Gegenstand der Debatte. So wollen viele von zu Hause aus arbeiten, dann, wenn es ihnen zeitlich passt. Diese individuellen Wünsche müssen berücksichtigt werden. Das Ziel kann also nicht sein, zu Industrie 3.0 zurück zu wollen, sondern Arbeit 4.0 im Sinne der Arbeitenden zu gestalten und diese in Richtung Fortschritt zu wenden.

Für Thomas Hagenhofer führt Industrie 4.0 nicht zu einer menschenleeren Fabrik und zwar aus zwei Gründen. Erstens ist die technologische Entwicklung noch nicht so weit fortgeschritten, dass ein Eingreifen des Menschen ganz entfallen könnte. Zweitens brauchen solche digitalen Ansätze das “aktive Zutun menschlicher Intelligenz und Kompetenz“. Es gehe um einen kompletten Umbau der Produktionsmethoden und das ist nur mit einer intensiven Einbeziehung der Beschäftigten auf allen Ebenen möglich. Er wies in seinem Vortrag außerdem darauf hin, dass mit der neuen Digitalisierung nicht nur ökonomische Fragen verbunden sind, sondern auch maßgebliche Aspekte der Demokratie, die sich durch die derzeitige Macht transnationaler Konzerne strukturell auflöse. „Ohne Widerstand und ohne den Kampf für mehr demokratische Rechte innerhalb und außerhalb der Betriebe wird das Monopolkapital die Digitalisierung zu einer neuen Welle des Sozial- und Demokratieabbaus nutzen.“

In der anschließenden Diskussion hob Walter Listl, Mitarbeiter des isw, die Rolle von Kriegstechnik 4.0 hervor, also autonom agierende Waffensysteme, die die aktuelle Kriegsführung komplett verändert. Die USA arbeiten zum Beispiel gerade an Militärrobotern, die autonom, also ohne Zutun von Menschen, in konkreten Situationen Feinde erkennen und eliminieren können. Dies stelle eine militärtechnische Zeitenwende dar.

Betriebsräteberater Marcus Schwarzbach beschäftigte sich mit den Möglichkeiten des „work around the clock“-Prinzips bei der Arbeit 4.0. Cloudworking ermögliche es, unabhängig von Zeit und Raum zu arbeiten. Die ständige Erreichbarkeit, etwa durch Firmenhandys, bedeutet, dass eine klare Tagesstruktur verloren geht. Die Folge ist eine permanente Unruhe der Kollegen, da sie nicht wüssten, wann und wie sie in ihrer Freizeit angefordert werden. Hinzu kommt, dass durch arbeitsvertragliche Regelungen, „Vertrauensarbeitszeiten“ und einer Kappung von Pluszeiten, vor allem in der digitalen Welt feste Arbeitszeiten verwässert und damit tendenziell ausgebaut werden. Dabei müsse dringend genau das Gegenteil zur Diskussion stehen und zwar eine Arbeitszeitverkürzung. Für Schwarzbach erfordert die moderne Technik „eher eine Begrenzung der Arbeitszeit, um den Stress nicht weiter auszuweiten.“

Jan Zöllick, Doktorand aus Frankfurt, ging in seinem qualifizierten Diskussionsbeitrag auf die Möglichkeiten der Digitalisierung aus einer Postwachstumsperspektive ein und erinnerte daran, dass Digitalisierung auch eine wichtige Rolle in der Reproduktionsarbeit spielt. Welche Eltern können schon mit den Handys, Tablets ihrer Kinder umgehen.

Sollten die hier nur angedeuteten Referate und Diskussionsbeiträge das Interesse für eine tiefergehende Beschäftigung mit der Thematik Arbeit und Industrie 4.0 geweckt haben, können alle Beiträge im isw-report 106 nachgelesen werden. Dieser wird im kommenden September erscheinen. Dann kann er unter https://isw-muenchen.de/reporte/ bestellt werden.

txt und foto: ks

 

marxli-G20

marxistische linke: Jetzt Mitglied werden


Das war`s dann wohl mit r2g

Das war`s dann wohl mit r2g

von Bettina Jürgensen und Leo Mayer  
19.09.2017: Das wäre wohl die letzte Chance für eine rot-rot-grüne Regierungskoalition gewesen. Wobei es nicht einfach um eine andere Regierung gegangen wäre, sondern um eine andere Politik und ein anderes Regieren – gedacht als "ein Projekt der gesellschaftlichen Linken und der solidarischen Milieus; als eine politische Idee, die allen drei Parteien von außen aufgedrängt wird und sie dazu nötigt, sich zu ändern und über sich hinauszuwachsen" ("Das Unmögliche versuchen", Institut Solidarische Moderne).

Weiterlesen...

Logo-Weiloisirgendwiazamhaengd

Das Agrarbündnis BGL/TS will mit diesem Film den Bauern Unterstützung entgegenbringen und aufzeigen, dass die immer intensivere Landwirtschaft, unser Konsumverhalten und falsche politische Weichenstellungen negative Auswirkungen auf die ganze Welt haben.

Filmvorführungen "Weiloisirgendwiazamhängd“
Montag, 5. Juni 2017, 11.00 Uhr,  Breitwand Kino, 82131 Gauting
Montag, 5. Juni 2017, 14.00 Uhr,  Breitwand Kino, 82229 Seefeld
Montag, 25. September 2017, 19.30 Uhr, Pfarrheim St. Severin in Mitterfelden
Dienstag, 17. Oktober 2017, 19.30 Uhr, Kino Herrsching am Ammersee

Trailer zum Film: http://www.weiloisirgendwiazamhaengd.de/


… Rückfall in die Barbarei

… Rückfall in die Barbarei

31.08.2017: Die Europäische Union toleriert das Sterben im Mittelmeer nicht nur – sie provoziert es. Finanziert und ausgerüstet von der EU übernehmen libysche Milizen – fälschlicherweise "Küstenwache" genannt – für die EU die Drecksarbeit. 20 Milliarden Euro verlangt der libysche Warlord Chalifa Haftar von der EU, damit er mit seinen Mannen weiterhin Flüchtende daran hindert nach Europa zu gelangen, über 100 Millionen hat er bereits erhalten. Aus Europa wurden moderne Schiffe für die Küsten- und Seekontrolle geliefert, dazu Waffen und Ausbildungskurse und was man sonst noch so braucht für den kleinen Seekrieg gegen Flüchtende.

Weiterlesen...

Marina Mortágua: "Die Bedingungen des Kampfes verbessern"

Marina Mortágua:

Portugal: Bedeutende soziale Verbesserungen und wirtschaftliche Erholung – mit unsicheren Aussichten

29.08.2017: Das Ergebnis der Parlamentswahl im Oktober 2015 in Portugal war ein Signal des Protestes und des Wunsches nach Veränderung. Der Bloco de Esquerda (Linksblock) erreichte 10,19 % und die Wahlallianz aus Kommunistischer Partei PCP und Ökologisch-Grünen Partei PEV (PCP-PEV) 8,25 %. Trotz des jahrelangen harten Sparkurses schaffte es die PS (32,31 %) nicht, mehr Stimmen als die Rechtskoalition aus PSD und CDS zu gewinnen (36,86%). Die Linksparteien schlossen mit der Sozialistischen Partei eine Vereinbarung zur Tolerierung der Minderheitsregierung unter der Führung von António Costa - hauptsächlich, um einer weiteren Rechtsregierung vorzubeugen und der Sparpolitik einen Riegel vorzuschieben.

Weiterlesen...

Dossier "Linke Strategien"

Im Dossier "Linke Strategien" sind Artikel zusammengestellt, die auf kommunisten.de in verschiedenen Rubriken erschienen sind und sich mit Fragen linker Strategie, Neuformierung der Linken, etc. befassen.

Zum Dossier


isw anzeige 150


 

america21 quer 150



Banner

 

Empfohlene Links

Neues Deutschland
Sozialistische Tageszeitung

Zeitschrift LUXEMBURG
Gesellschaftsanalyse und linke Praxis

Zeitschrift Z
Zeitschrift marxistische Erneuerung

Unsere Zeit
Wochenzeitung der DKP

Marxistische Blätter
Die der DKP verbundene Zeitschrift für marxistische Theorie und Politik erscheint alle 2 Monate.