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Krise 109.09.2019: Jahrelang kannte die deutsche Wirtschaft nur eine Richtung: Aufwärts. Bis auf ein paar kleine Unterbrechungen wuchs die Wirtschaft seit der Finanzkrise. Doch jetzt ziehen sich Gewitterwolken am Wirtschaftshimmel zusammen. "Die Konjunktur steht derzeit echt auf der Kippe", beurteilt der Chef des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), Sebastian Dullien, die derzeitige Lage.

Insbesondere der Industrie fällt jetzt auf die Füße, was lange als ihr Erfolgsmodell galt: ihre massive Orientierung auf den Export. Denn seitdem sich die USA und China gegenseitig mit Sonderzöllen überhäufen, wird die Stimmung im globalen Handel immer schlechter und die Nachfrage nach Waren »Made in Germany« geringer. So sanken zum Beispiel die Ausfuhren deutscher Autos, das wichtigste Exportgut der deutschen Wirtschaft, in den ersten sieben Monaten dieses Jahres um 14 Prozent.

Auch für die us-amerikanische Exportwirtschaft sind die wirtschaftlichen Perspektiven derzeit so düster wie seit Jahren nicht mehr. Dabei will US-Präsident Donald Trump China durch maximalen Druck zur Drosselung seiner Exporte in die USA und zugleich zum verstärkten Kauf amerikanischer Produkte zwingen. Doch diese Rechnung geht nicht auf. Im Gegenteil: Zwar hat sich der Anstieg der US-Importe aus China verlangsamt, doch das jährliche Handelsdefizit der Vereinigten Staaten stieg seit Trumps Wahlsieg dennoch von gut 300 Milliarden auf den Rekordwert von 380 Milliarden Dollar. Und die USA und China haben sich mit ihrem Verhängen von Zöllen und Gegenzöllen mittlerweile in eine Lage manövriert, die die Weltwirtschaft beschädigt und aus der es kaum noch gesichtswahrende Auswege gibt.

"2020 könnte das Jahr der nächsten großen Wirtschaftskrise werden - und anders als vor elf Jahren wissen diesmal alle seit Monaten Bescheid. Sollte es tatsächlich zum Einbruch kommen, wäre es die Krise mit der wohl längsten Vorwarnzeit, die es je gab, eine Rezession mit Ansage gewissermaßen, ein langsamer, freiwilliger Abstieg in die Schlangengrube."
Claus Hulverscheidt, Süddeutschen Zeitung,27. 8.19: "Es droht die nächste große Wirtschaftskrise - und alle schauen zu")

Für den britischen marxistischen Ökonomen Michael Roberts könnte der Handelskrieg zum Auslöser einer globalen Rezession (1) werden. Wichtige Indikatoren sind für Roberts sinkende Profite und Investitionen der US-Wirtschaft. (siehe hier: »The trade trigger«)

 

The trade trigger

Michael Roberts


Weltweit drehen sich die Finanzmärkte bei allen Nachrichten über den Handelskrieg zwischen den USA und China. Als Präsident Trump ankündigte, dass die Chinesen ihn während des G7-Gipfels in Biarritz zu Gesprächen über ein Handelsabkommen eingeladen hätten, stiegen die Aktienkurse. Innerhalb weniger Stunden, nachdem China erklärte, dass kein derartiges Gespräch geführt worden war und dies nur ein weiterer »Fake News« von Trump war, drehten die Kurse um und gingen wieder nach unten.

Offensichtlich ist das, was im laufenden Handelskrieg passiert, zu einem Auslöser für einen Einbruch der Aktienmärkte und einen massiven Wechsel zu "sicheren" Staatsanleihen und Gold geworden. Aber es ist mehr als das. Das globale Wachstum hat sich verlangsamt und die Unternehmensinvestitionen sind stark zurückgegangen. Dies ist auf einen Rückgang der Unternehmensgewinne, eine Gewinnrezession, zurückzuführen.

Nehmen wir die Gewinnzahlen der 500 führenden Unternehmen nach Börsenwert in den USA, S&P-500: Nachdem für das zweite Quartal 2019, das im Juni endete, fast alle Ergebnisse vorliegen, ergibt sich, dass die Gesamterträge (Profite) nur um 0,5% und die Umsatzerlöse nur um 4,7% gestiegen sind. Nach Berücksichtigung der aktuellen Inflation waren die realen Gewinne negativ und die Umsätze kaum positiv. Und das sind die Top 500 Unternehmen!

Für die kleineren Unternehmen ist die Situation noch schlimmer. Die Gewinne sind um mehr als 10% niedriger als im Vorjahr und die Umsätze stiegen nur um 2,2%, d.h. sie stagnieren unter Berücksichtigung der Inflation. Ohne Berücksichtigung des Finanzsektors wären die Gewinne um 21% gesunken.

Eine Branchenanalyse zeigt, dass der Einzelhandel am besten abgeschnitten hat, da die us-amerikanischen Verbraucher*innen die Ausgaben fortsetzten. Neben dem Einzelhandel steht der Finanzsektor im Plus. Aber Produktions- und technologische Sektoren verzeichneten einen Rückgang der Gewinne um 6,3%. Und das ist der zentrale Punkt.

US Gewinne 2019 08

Für das erste Halbjahr 2019 liegen die Gewinne im negativen Bereich, verglichen mit einem Anstieg von 23% im ersten Halbjahr 2018. Und die Prognose für das Ergebnis im dritten Quartal geht von einem weiteren Rückgang um 4,3% gegenüber dem Vorjahr aus. Die Inlandsproduktion sinkt überall. Die gängige Antwort ist, mehr im Ausland durch Exporte zu verkaufen. Aber hier sieht das Bild des Welthandels düster aus. Das niederländische Datenbankunternehmen CPB liefert monatliche Welthandelszahlen. Und im Juni sank der Welthandel gegenüber Mai und im Vergleich zum Juni 2018 um 1,4%. De facto ist der Welthandel seit Oktober 2018 um 3,5% zurückgegangen.

Welthandel 2019 08

Und jetzt haben wir den Handelskrieg, der sich verschärft. China kündigte an, dass es als Gegenmaßnahme für die von September an erhobenen Zölle auf chinesische Einfuhren in die USA, Zölle auf US-Importe einführen werde. Trump kündigte daraufhin umgehend weitere Zollerhöhungen an.

JP Morgan Ökonomen gehen nun davon aus, dass die direkte Wirkung dieser Zollmaßnahmen auf das bereits verlangsamte Wachstum Chinas darin bestehen würde, die Wachstumsrate um weitere 0,2% zu bremsen und einen dauerhaften Verlust von 0,5% des chinesischen BIP zu erzielen. Die von Trump angedrohten zusätzlichen Erhöhungen würden diesen Verlust auf 0,9% ansteigen lassen. Auch das US-Wachstum würde negativ beeinflusst - mit einem dauerhaften Verlust des BIP in Höhe von rund 0,25% bis 0,5%. Noch beunruhigender ist, dass die Unsicherheit darüber, wie weit dieser Wirtschaftskrieg geht, die Unternehmen, die bereits eine Verlangsamung oder einen Rückgang der Gewinne erleben, noch weniger bereit sind, neue Investitionen zu tätigen.

Globale Beschaeftigung Investitionen 2019 08

Das globale Investitionswachstum ist laut JP Morgan bereits auf nur noch 1% pro Jahr gesunken. Sollten die Investitionen in den nächsten Quartalen weltweit nachlassen, würde das globale reale BIP-Wachstum, das derzeit bei rund 2,5% pro Jahr liegt (je nachdem, wie man es misst), gegen Null sinken – die Weltwirtschaft also in eine globale Rezession eintreten.

Quelle: Michael Roberts Blog – blogging from a marxist economist
https://thenextrecession.wordpress.com/2019/08/28/the-trade-trigger/


Anmerkung

(1) Man spricht von einer Rezession, wenn die Wirtschaft mindestens zwei Quartale in Folge schrumpft.

 

Logo Klimastreik 2019 09 20

Infos hier: https://klima-streik.org/

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