Im Land des Sandes. In der Westsahara
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Westsahara Sahrawi Women 2Bericht von Kerem Schamberger |

13.02.2019: Heute (12.2.) ist ein Stadtrundgang durch Smara angesagt – wobei der Begriff “Stadt”, trotz 60.000 Geflüchteten, die dort seit 44 Jahren leben, euphemistisch ist. Es gibt keine mehrstöckigen Gebäude, keine geteerten Straßen und kein wirkliches Zentrum. Und dennoch Leben und Widerstand. Zuerst besuchen wir das örtliche Frauenzentrum.

Hier im Frauenzentrum werden Computer-Kurse angeboten und Mikrokredite vergeben. Im Innenhof ist hektisches Treiben. Derzeit finden “Women Empowerment Classes” statt, es geht um Gesundheit, Politik, Kultur. An das Zentrum angebunden sind Frauenkooperativen, die normalerweise Couscous und Kekse produzieren. Nicht so dieses Jahr, weil die Förderung aus Spanien ausgeblieben ist. Auch ein Friseur und Hamam sind vorhanden, um die Finanzen des Zentrums wenigstens ein bisschen aufzubessern. Nicht nur hier wird deutlich, dass viele Aktivitäten von Spendengeldern abhängen.

Eine Sporteinrichtung, in der geboxt und Fitness betrieben wird (Motto: “Resistir y Vencer” also etwa Westsahara Boxring“Widerstehen und Siegen”), hängt von Geldern aus Italien ab. Genauso wie ein Töpferkurs, in dem Jugendliche ihre Kreativität ausleben können.

Mitten in der Wüste ist es schwer eine eigene Ökonomie aufzubauen, noch dazu wenn man quasi ständig auf gepackten Koffern sitzt, mit der Erwartung endlich wieder in die Heimat zurückzukehren. Nur winzige rundliche Ziegengehege zeigen kleine Ansätze einer Subsistenzwirtschaft, die das eigenständige Überleben aber nicht sicherstellen können.

Gleich nebenan befindet sich eine Englischschule, in der kostenlos die Sprache erlernt werden kann. Organisiert wird sie von Not Forgotten International, hinter der Christen aus den USA stehen. Missionieren ist in Algerien zwar verboten, aber natürlich werde auch mal vom eigenen Glauben erzählt, berichtet uns eine Lehrerin. Es ist widersprüchlich. Zum einen ist es natürlich gut, dass Sahrauis hier eine Fremdsprache lernen können (80% der Schüler*innen sind Frauen). Zum anderen ist es problematisch, dass solche Hilfsarbeit von christlich motivierten Aktivist*innen durchgeführt wird, für die das nur Mittel zum Zweck ist: Das Christentum in einer muslimischen Gesellschaft bekannt zu machen und sei es nur durch das eigene Beispiel.

Westsahara Sahrawi Women 1 Westsahara Agaila

 

Weiter geht es zu einer Schule für Kinder mit speziellen Bedürfnissen. Auf dem Weg sehen wir eine der vielen an die Wand gemalten Fahnen der Demokratischen Arabischen Republik Sahara, die am 27. Februar 1976 im Exil gegründet wurde und den Anspruch auf ein eigenes Staatsgebiet deutlich machen soll. Wie im Nahen und Mittleren Osten, wurde die Idee des Nationalstaats auch hier vom Westen “importiert”, vor allem im Anschluss an die Berliner Konferenz 1884/85, als Europa seine afrikanischen Kolonien aufteilte und die Grenzziehung mit dem Lineal erfolgte. Die Idee des Demokratischen Konföderalismus, von Öcalan und der kurdischen Freiheitsbewegung als Zusammenleben jenseits von (National-)Staat und Nationalismus entwickelt, könnte auch hier für fruchtbare Diskussionen sorgen. Lose gegenseitige Kontakte bestehen bereits, aber dazu später mehr. Najla erklärt uns die schwarz-weiß-grünen Farben der sahrauischen Fahne: “So lange die Besatzung anhält, wird das schwarz oben stehen. Erst wenn wir frei sind, drehen wir sie um und das Grün kommt nach oben”.

Westsahara Cast in Sand 1Zurück zur Spezialschule. Hier wird mit Kindern, die mentale und motorische Schwierigkeiten haben, gearbeitet. Dieses Jahr sind es 49. “Wir haben drei Ziele” erklärt uns der motivierte Leiter, der uns spontan eine Führung gibt: “Integration, Ausbildung und Selbstständigkeit”. Doch auch hier schlägt sich die Armut nieder. Erst vor kurzem wurde in das Gebäude eingebrochen und wichtige Medikamente und Computer, Spenden aus Spanien, gestohlen. Dennoch ist es beeindruckend was hier mit geringsten Mitteln auf die Beine gestellt wird.

Uns fällt beim Schlendern durch das Lager auf, dass es keine wirklichen Freizeitbeschäftigungen für Jugendliche gibt. Keine Cafes, keine Billardtische, kein Park. Najla bezeichnet die Camps deshalb als “Friedhof der Hoffnungen”, auch bezogen auf die Zukunftsperspektiven.

“Viele Jugendliche haben Uniabschlüsse aus Algerien und Kuba. Aber sie könne sie nicht nutzen, weil es hier keine Arbeit gibt”. Wieso das nicht zu einer jugendlichen Eruption (gerichtet gegen wen auch immer) führt, ist mir unerklärlich. Noch dazu wo fast jeder Internet hat und im weltweiten Netz sieht, was potentiell möglich wäre. Die Ungeduld und Unzufriedenheit sind dennoch spürbar. Fast jeder, mit dem wir sprechen, ist der Meinung, dass der Krieg gegen Marokko, 1991 durch einen Waffenstillstand ausgesetzt, wieder aufgenommen werden sollte. Jede Familie hat Mitglieder beim sahrauischen Militär. Die Älteren jedoch sind zögerlich. Najlas Stiefvater, der im Guerillakrieg gekämpft hat, sagt, dass nur wer den Krieg nicht kennt, den Krieg will. In der Tat gibt es nun seit 28 Jahren eine Generation, die keine Kämpfe gesehen hat und diese nun umso vehementer fordert.

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Druck für eine friedliche Lösung und die Abhaltung eines Referendums könnte vor allem Europa machen, aber dazu verdienen europäische Firmen zu gut, sei es an den Fischereilizenzen vor der sahrauischen Küste, am Phosphatabbau oder der Energiegewinnung (vor allem durch Siemens). Das marokkanische Königshaus wendet übrigens das gleiche Druckmittel wie die türkische Autokratie an: Wenn aus Europa mal ein kritisches Wort zur Besatzung kommt, nimmt in der folgenden Zeit der Versuch von Flüchtlingen zu, über Ceuta und Melilla nach Europa zu kommen. Auch Marokko spielt hier Türsteher für die EU und benutzt das Leid der Menschen als politischen Pfand, um sich westliche Zustimmung oder zumindest Stillhalten zur Besatzung zu erkaufen.

Westsahara Map

Am Nachmittag geht es weiter in das wenige Kilometer entfernte Flüchtlingslager Auserd. Mittlerweile haben wir einen offiziellen Fahrer und Jeep, den uns das diplomatische Protokoll zur Verfügung gestellt hat. Insgesamt gibt es um Tindouf herum vier Lager (Smara, Auserd, Ajun und Dakhla), sowie eine Verwaltungs- und Regierungzentrale (Rabouni). Die Namen entsprechen alle besetzten Städten in der Westsahara und sollen die Menschen an ihre Heimat erinnern. Auf der Fahrt erzählt uns Najla, dass hier viel getrampt wird: “Als Frau würde ich in den USA nicht trampen, aber hier ist das kein Problem”.

Westsahara MariyamIn Auserd haben wir ein Treffen mit Mariyam Hmada. Sie ist Bürgermeisterin des Flüchtlingslagers, in dem ca. 37.000 Menschen leben; mehrheitlich Frauen, Kinder und Ältere. Auch Auserd wird, wie Smara, von einem Rat geleitet, der sich jeden Dienstag trifft und auf dem Mariyam, die DistriktvorsteherInnen und weitere VertreterInnen anwesend sind. In Auserd werden fünf von sechs Distrikten von Frauen geführt. Dies liegt sicherlich auch an Mariyam, die eine starke Präsenz und Persönlichkeit hat. Jahrelange politische Erfahrung werden hier in einer Person greifbar. Eine Stunde lang sprechen wir mit ihr über die Rolle der Frau in der sahrauischen Gesellschaft. Sie betont, dass Frauen politisch und familiär besser gestellt sind, auch aufgrund des Kampfes der Polisario. Es gebe fast keine häusliche Gewalt gegen Frauen. Ihr sei persönlich nur ein Fall bekannt und dieser hätte dazu geführt, dass ein Gericht die Scheidung des Ehepaars erwirkt habe und der Mann zwei Jahrzehnte nicht mehr heiraten konnte. A pro pos Scheidung. Mit einem verschmitzten Lächeln erzählt uns Mariyam, dass sie bald zum vierten Mal heiraten werde. Die anderen Männer habe sie einfach nicht ausgehalten. Die stärkere Stellung der Frau bei den Sahrauis, im Vergleich zu anderen arabischen Gesellschaften, erklärt sie materialistisch. Weil durch das Nomadenleben die Männer oft auf Handelsreisen und damit nicht zu Hause waren, blieb Frauen nichts anderes übrig, als eine zentrale Position einzunehmen. Ab 1975 war ein Großteil der Männer dann im Krieg und die gesellschaftliche Organisation musste von den Frauen weitergeführt werden. Außerdem hätten sahrauische Frauen einen starken Willen.

Auch politisch haben Frauen einen großen Einfluss. Mariyam beginnt ihre Ausführung mit einem Sprichwort: "If you win a woman you win a family. If you win a man you only win an individual”.

Frauen seien nicht nur “politisches Dekor”, mit dem sich die Polisario schmücke, sondern sie haben tatsächlich eine starke Rolle, die von ihnen erkämpft werden musste. Die (politische) Bildung zum Beispiel werde vor allem von Frauen organisiert und das habe auch eine Wirkung auf die männlich dominierte Gesellschaft. Dennoch ist eine politisch aktive Frau oft einer Doppelbelastung ausgesetzt: “Wir müssen dreimal so viel arbeiten wie Männer”, sagt die Bürgermeisterin. Denn noch immer werde ein großer Teil der Hausarbeit von Frauen gemacht. Die sahrauische Frauenbewegung, politisch verkörpert in der National Union of Sahrawi Women, hat dagegen zwei Strategien entwickelt. Erstens, Frauenbildung und Aufklärung über die eigene Rolle in der Gesellschaft. Zweitens, die Änderung der Kindererziehung. Mariyam habe ihren Töchtern nie Barbiepuppen und ihren Söhnen nie Traktoren zum Spielen gekauft, um die darin eingeschriebenen Genderrollen zu überwinden.

Und auch bei Najlas Familie sehen wir mit eigenen Augen, dass auch die Söhne helfen. Zwar nicht beim Kochen, aber dafür beim Abspülen und Putzen. Die Frauenbildung solle helfen auch das Patriarchat in den Köpfen der Frauen zu überwinden. Bei Wahlen würden diese lieber männliche Kandidaten wählen, auch wenn Frauen auf der Liste stehen. Zudem beschreibt sie eine “Angst zu Scheitern”, also die Furcht keinen so guten Job zu liefern wie Männer und das “obwohl Männer tausend Mal am Tag scheitern”. Auch von der kurdischen Frauenbewegung hat Mariyam gehört. Sie habe eine kurdische Freundin in Schweden, die dort aktiv ist: “Es sind starke Frauen”. Es sei typisch, dass Frauen in Revolutionen und Freiheitsbewegungen immer zwei Kämpfe führen müssen: gegen die Besatzer, aber auch gegen den dominanten Mann.

Westsahara Cast in Sand 2

Derzeit bereiten ihr vor allem zwei Entwicklungen Sorgen. Für viele Frauen in den Lagern sei das bereits Erkämpfte zur Normalität geworden. Wenn aber etwas zur Normalität werde, so Mariyam, verliert man es auch wieder leichter. Das Bewusstsein, dass die Errungenschaften auf dem Kampf der Frauen beruhe, gehe verloren. Außerdem denke die junge Generation nur noch an Heirat und Familie. Politik und gesellschaftliche Veränderung spiele keine Rolle mehr im Leben der jungen Frauen: “Sie haben keine Träume mehr”. Ich denke mir, dass dieser Rückzug ins Private auch eine Folge des jahrelangen Kampfs um Überleben in den Lagern sein wird. Jahrzehntelanger Einsatz, ohne die Rückkehr in die Westsahara zu erreichen, kann desillusionierend wirken. Das beeindruckende Gespräch mit Mariyam haben wir auf Kamera aufgezeichnet und werden es in den kommenden Wochen veröffentlichen.

Erschöpft und beeindruckend fahren wir nach Smara zurück. Am Straßenrand führt eine Stromleitung entlang. Die Masten bestehen aus ausgedienten Autokarosserien.

Video Najla Agaila
Video über das Flüchtlingslager von Tindouf

 


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