29.01.2026: EU stellt die verbleibenden Gasimporte aus Russland bis zum Jahr 2027 vollständig ein ++ Von einer Abhängigkeit in die nächste: USA schließen mit teurem und umweltschädlichem Flüssiggas die Lücke - und nutzen die Abhängigkeit gnadenlos aus ++ Bundesregierung setzt noch einen obendrauf und genehmigt Verkauf von deutschen Tanklagern und Pipelines an den US-Ölkonzern Sunoco
Energiepolitik ist Machtpolitik. Und Abhängigkeit ist Schwäche. Diese Binsenweisheit verstehen europäische und deutsche Politiker immer noch nicht. Deutschland sowie die meisten der 27 EU-Länder besitzen keine fossilen Rohstoffe und müssen über 90 Prozent importieren. Deutschland und die EU hängen an Importen, ohne die weder Fabriken oder Autos noch Heizungen funktionieren würden.
Vor dem Ausbruch des Krieges um die Ukraine im Jahr 2022 importierte die EU 45 Prozent ihres Gases aus Russland. Moskau war der größte Lieferant der EU seit dem Ende des Kalten Krieges. Russisches Gas wurde hauptsächlich über Pipelines wie die nun beschädigte Nord Stream 1 und Routen durch die Ukraine geliefert. Russisches Pipelinegas war normalerweise um 30 bis 50 Prozent günstiger als importiertes Flüssiggas (LNG), das verflüssigt, transportiert und regasifiziert werden muss.
Die westlichen Sanktionen führten dazu, dass die Importe stark sanken - auf etwa elf Prozent bis zum Jahr 2024 und dann nach dem Auslauf des Transitabkommens mit Kiew am 1. Januar 2025 noch weiter. Dennoch blieben die LNG-Käufe der EU aus Russland wesentlich. Nach Russlands Angaben kaufte die EU im Jahr 2025 das LNG im Wert von rund 7,2 Milliarden Euro, fast eine Milliarde Euro mehr als im Jahr 2024. Russland lag im zweiten Quartal 2025 mit einem Anteil von 13 Prozent an den LNG-Importen der EU an zweiter Stelle hinter den USA mit 50 Prozent und vor Algerien und Katar.
Aber was als ein politisches Versprechen begann, sich von russischen Energieträgern unabhängig zu machen, führt jetzt in die nächste Abhängigkeit.
EU-Staaten beschließen Stopp russischer Gasimporte bis Ende 2027
Am 26. Januar hat der Rat der EU offiziell beschlossen, die verbleibenden Gasimporte aus Russland (über TurkStream und einige LNG-Lieferungen) bis zum Jahr 2027 vollständig einzustellen. Ab dem 1. Januar 2027 ist der Import von russischem Flüssiggas, ab dem 30. September 2027 der Import von Pipeline-Gas verboten. Bis zum 1. März müssen die Mitgliedstaaten "nationale Pläne zur Diversifizierung der Gasimporte" vorlegen. Länder, die gegen die Regeln verstoßen, müssen mit hohen Strafen rechnen. Zudem will die EU-Kommission bis Ende des Jahres 2027 einen Gesetzesentwurf für den schrittweisen Stopp russischer Öllieferungen vorlegen.
Die Maßnahme wurde als "Handelsregelung" formuliert. Deswegen konnte sie mit verstärkter Mehrheit anstatt der einstimmigen Zustimmung aller EU-Mitglieder verabschiedet werden. Dieser Schritt ermöglichte es, die Einwände der von russischem Gas abhängigen Staaten zu umgehen. Sobald das Gesetz in Kraft tritt, wird eine Rückkehr zu russischen Pipeline-Lieferungen eine Änderung des EU-Rechts erfordern, nicht nur politischen Willen.
Die Europäische Union tauscht eine Abhängigkeit durch eine andere aus
Die offizielle Website der Europäischen Kommission stellt in ihrer Übersicht zur Struktur der Energieträgerimporte zwar klar, dass Norwegen der größte Erdgaslieferant der Eurozone ist (mit einer Gesamtmenge von 91 Milliarden Kubikmetern und 33 Prozent der Importe), aber der Anteil und damit die Bedeutung der Flüssiggasimporte aus den USA wächst exponentiell. Infolge dieser Expansion stieg der Anteil des von US-Unternehmen gelieferten Flüssigerdgases auf 55 Prozent mit 41 Milliarden Kubikmetern nach Regasifikation, was 12 Prozent des Verbrauchs aller EU-Länder entspricht. Deutschland hat nach Angaben des Bundesverbandes der Energie- und Wassserwirtschaft im Jahr 2025 96 Prozent seiner LNG-Importe aus den USA bezogend. Dies entspricht einem Anteil von10,3 Prozent an den gesamten deutschen Gasimporten.
Nach Angaben des in Ohio ansässigen Instituts für Energiewirtschaft und Finanzanalyse (IEEFA) könnten die USA bis zum Jahr 2030 bis zu 80 Prozent des EU-Bedarfs an LNG decken. Das Handelsabkommen, das im Juli 2025 zwischen der EU-Kommission und der Trump-Regierung vereinbart wurde, verpflichtet die EU zum Kauf von US-Energieprodukten im Wert von 750 Milliarden US-Dollar bis 2028.
Die Europäische Union ist dabei, eine Abhängigkeit durch eine andere auszutauschen, und dieses Mal gegen die viel teureren und umweltschädlicheren LNG-Importe aus den USA.
Deutschland und die EU sind in eine Falle getappt, die gerade zuschnappt.
Mit der Entscheidung, ihre Energie bei einem Club aus Öl-Autokraten, Trump-Anhängern und rückwärtsgewandten Wirtschaftsvertretern einzukaufen, begeben sie sich in eine Abhängigkeit, die von diesen machtpolitisch gnadenlos ausgenutzt wird.
Europa sollte es deshalb sehr ernst nehmen, wenn die US-Regierung in ihrer neuen Sicherheitsstrategie schreibt: "Die Wiederherstellung der amerikanischen Energiedominanz ist eine strategische Hauptpriorität."
Die USA setzen Handels- und Zollpolitik gezielt ein, um politische Ziele zu erreichen.
Das sind keine Prognosen, es passiert bereits. EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen musste im vergangenen Jahr zusagen, 750 Milliarden Euro für fossile Brennstoffe aus den USA auszugeben, um Trump bei den Zollverhandlungen zu besänftigen. Vor kurzem dann eine scharfe Bedingung seitens der USA und Katar: Die EU solle ihr auf Klimaziele und Menschenrechte zielendes Lieferkettengesetz ('Richtlinie zur Sorgfaltspflicht für nachhaltige Unternehmensführung') schwächen, um weitere LNG-Lieferungen zu bekommen. "Unter der 'Richtlinie zur Sorgfaltspflicht für nachhaltige Unternehmensführung' wird es für große Energieunternehmen praktisch unmöglich sein, in Europa in großem Umfang Geschäfte zu tätigen, geschweige denn den Energiebedarf der EU zu decken."
++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++
"Um sich zu erholen und zu reindustrialisieren, muss die EU Zugang zu sicherer, zuverlässiger und erschwinglicher Energie haben. Dieser Zugang wird nur dann Realität werden, wenn die EU ihre laufenden Bemühungen zur Aufhebung oder Abschwächung ihrer wachstumshemmenden 'Richtlinie zur Sorgfaltspflicht für Unternehmen' erfolgreich abschließen kann. ... Das 19. Sanktionspaket der EU gegen Russland sieht vor, dass ab dem 1. Januar 2027 die Einfuhr von russischem Flüssigerdgas (LNG) verboten wird. Sowohl die USA als auch gleichgesinnte Partner und Verbündete sind bereit, diese Lücke zu füllen – sofern uns das Regulierungssystem der EU nicht daran hindert. ... Unter der 'Richtlinie zur Sorgfaltspflicht für nachhaltige Unternehmensführung' wird es für große Energieunternehmen praktisch unmöglich sein, in Europa in großem Umfang Geschäfte zu tätigen, geschweige denn den Energiebedarf der EU zu decken."
Andrew Puzder, US-Botschafter bei der EU, in Financial Times, 1. Dezember 2025
Auch wenn die EU sich unter Berufung auf eine sich vertiefende "Spaltung” als im Widerspruch zu den USA stehend darstellt, schafft sie damit tatsächlich materielle Realitäten, die sie weiter unter die Kontrolle der USA bringen. Dies zeigt einmal mehr, dass die "Spaltung zwischen den USA und der EU" überwiegend Theater ist, um die von den USA vorgeschlagene "Arbeitsteilung" zu verkaufen, in der Europa in den Stellvertreterkrieg der USA mit Russland hineingezogen wird, während die USA sich mehr Ressourcen auf die Verfolgung ihrer Vorherrschaft in anderen Bereichen konzentrieren – insbesondere gegenüber China.
Grönland ist ein weiterer Aspekt dieses Theaters – wenn die EU wirklich befürchtete und sich dagegen wehrte, dass die USA das Inselgebiet annektieren, würde sie Einflussmöglichkeiten aufbauen, anstatt sie an die USA abzugeben – und doch tut sie dies eifrig gemäß den Vorgaben der USA, um die russischen Energieverkäufe ins Visier zu nehmen und zu reduzieren.
"Ich kann diese Komplizenschaft einfach nicht mehr ertragen. Alle beugen sich blindlings. Ich hätte Knieschoner für alle Staatschefs mitbringen sollen. Das ist doch erbärmlich!“
Gavin Newsom, Gouverneur von Kalifornien beim Weltwirtschaftsforum in Davos, https://x.com/NurderK/status/2013692909283836090
Bundesregierung verscherbelt Tanklager und Pipelines an Trump-Vertrauten
Doch damit nicht genug. Entgegen allen Beteuerungen von europäischer Souveränität, hat die Bundesregierung jetzt mitgeteilt, dass sie den Verkauf von deutschen Tanklagern und Pipelines an den US-Ölkonzern Sunoco genehmigt hat. Dieser übernimmt den deutschen Tanklagerbetreiber TanQuid, der Öl und chemische Produkte lagert und Pipelines betreibt. TanQuid ist der größte unabhängige Terminalbetreiber Deutschlands mit 15 Terminals in Deutschland und einem Terminal in Polen.
Sunoco ist eine Tochter des US-Energiekonzerns Energy Transfer LP. Gründer und Chef ist der US-Milliardär Kelcy Warren, ein Großspender der "Make America Great Again"-Bewegung und enger Vertrauter Trumps, der wiederum die fossilen Unternehmen in den USA unterstützt.
Laut "Spiegel" kontrolliert Sunoco damit rund ein Fünftel der deutschen Tanklagerkapazitäten und mehr als tausend Kilometer strategisch bedeutsamer Pipelines. Dazu gehören auch 49 Prozent einer Fernleitungs-Betriebsgesellschaft, die TanQuid bisher managte. Diese liefert das Kerosin für deutsche Militärflugplätze.
Mit diesem Verkauf macht sich Deutschland noch erpressbarer für die USA.
Die Bundesregierung hätte diesen Deal niemals genehmigen dürfen, sagte Nina Noelle von Greenpeace dem "Spiegel". Sie gebe kritische Energieinfrastruktur in die Hände eines fossilen US-Konzerns und schlage alle berechtigten sicherheits- und klimapolitischen Bedenken in den Wind.




