Literatur und Kunst

01.04.2026: Elon Musk und Donald Trump kündigen massenhaft Verwaltungsmitarbeitern, um einen KI-Staat zu errichten. Israel nutzt KI-Systeme zur Verfolgung der Palästinenser und zur Zielermittlung für Bomben- und Drohnenangriffe in Gaza, Libanon und Iran. Tech-CEOs verkaufen künstliche Intelligenz als Heilsbringer für die größten Probleme der Menschheit, obwohl die entsprechende Industrie auf Ausbeutung und Menschenverachtung beruht. Wie erkennen wir die zunehmend faschistischen Tendenzen, die sich im Zusammenspiel von Tech-Industrie und der neuen Rechten bilden?
Rainer Mühlhoff entwickelt in seinem Buch "Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus" Antworten und diskutiert Lösungsansätze.


"Gefahren der künstlichen Intelligenz: Der Aufstieg von KI ist in vielerlei Hinsicht bedrohlicher als die Erfindung der Atombombe. KI-Pioniere warnen: Die Menschheit muss die Maschinen einhegen, solange sie das noch kann." So lauteten die Eingangszeilen der SPIEGEL-Titelstory vom 27.2.26. Im weiteren Text geht es dann um den Zusammenhang von KI und neuen Massenvernichtungswaffen und der Frage, ob KI die Menschheit irgendwann einmal abschafft.

 

Buch KI und der neue Faschismus Spiegel


Der Philosoph und Mathematiker Rainer Mühlhoff, Professor für Ethik und Theorien der Künstlichen Intelligenz an der Universität Osnabrück, legt in seinem aktuellen Buch den Fokus auf einen anderen Zusammenhang: KI und Faschismus. Dass der 2025 im praktischen und kostengünstigen Reclam-Format erschienene Band jetzt schon seine 7. Auflage erlebt, zeugt von großem Interesse.

In fünf der sechs Kapitel des Buches werden ausführlich Funktionsweise, öffentlicher Diskurs und Ideologien von KI dargestellt und kritisch gewürdigt, die hinter dem "KI-Hype" (Mühlhoff) stehen. In der Einleitung und im abschließenden Kapital versucht der Autor die Klammer herzustellen, zwischen KI und der seiner Auffassung nach damit zusammen hängenden heraufziehenden Gefahr eines "neuen Faschismus". Als Sinnbild dieser Gefahr sieht er die aktuelle Präsidentschaft Trumps in den USA.

"Neuer Faschismus"

"Dieser neue Faschismus sieht in vielen Hinsichten nicht so aus wie seine historischen Vorbilder – doch gerade deshalb müssen die Kräfte, die ihn antreiben, frühzeitig als faschistisch erkannt werden." Die Grundthese des Autors lautet: "Das zentrale Kennzeichen der neuen faschistischen Kräfte besteht in dem Bestreben, die spezifischen Möglichkeiten von Datenanalyse- und KI-Technologie zu nutzen, um den Rechtsstaat und die freiheitliche demokratische Ordnung zu schwächen und durch ein schlankes auf Automatisierung und Präemtion (algorithmische Vorhersage und Vorwegnahme) basierendes Staatswesen zu ersetzen."

Dabei legt der Autor Wert darauf, dass es keinen zwangsläufigen Zusammenhang von KI-Technologie und autoritärem/faschistoiden Staatswesen gibt. Aber: "Bestimmte technologische Logigen sind mit autoritären und antidemokratischen Ideologien besonders kompatibel."

Mit Faschismus meint Mühlhoff nicht das historische Phänomen, wie man es aus dem 20. Jahrhundert etwa aus Deutschland oder Italien kennt. Stattdessen müsse man den Begriff mit Blick auf die Gegenwart und Zukunft neu definieren. Drei Merkmale nennt er dabei in Anlehnung an Umberto Ecos "ewigen Faschismus", an denen faschistische Tendenzen erkannt werden sollten: Antidemokratisches Wirken, Gewaltbereitschaft und die Nutzung von Technologie als Machtinstrument.[1]

Wahrheit oder Wahrscheinlichkeit

Entgegen der alarmistischen SPIEGEL-Schlagzeile stellt der Autor zunächst nüchtern fest: "Wie wir über KI sprechen, überhöht die technologische Realität von KI-Systemen, die tatsächlich weder denken, fühlen oder autonom agieren können noch in einem vollwertigen Sinne intelligent sind, wie wir es über uns Menschen sagen würden." Die neue Qualität der KI basiert auf zwei Faktoren: Zum einen auf leistungsstärkerer Hardware und zum anderen auf der Verfügbarkeit riesiger Datenmengen durch das Internet und Social Media.

Dabei bedient sich die KI zweier unterschiedlicher Ansätze: Des symbolischen oder des subsymbolischen (konnektionistischen) Paradigmas – zweier unterschiedlicher wissenschaftlicher Methoden und Herangehensweisen zur Nachahmung menschlicher Intelligenz.

Eine zentrale Eigenschaft der symbolischen KI besteht darin, dass ihre Schlüsse nachvollziehbar sind; Entscheidungen entstehen aus der Kombination von klar definierten Wissenssätzen. Die subsymbolische KI verfolgt einen grundsätzlich anderen Ansatz. Sie arbeitet nicht mit festen Regeln sondern mit Wahrscheinlichkeiten und statistischer Mustererkennung. Aus einer riesigen Masse von Einzelfällen wird auf etwas Allgemeineres geschlossen. Es geht also nicht um eine exakte Bestimmung (Wahrheit) sondern um eine Annäherung durch Wahrscheinlichkeiten. "Eine Konsequenz besteht darin, dass das erlernte Wissen in solchen Systemen weder für Entwickler:innen noch für Nutzer:innen nachvollziehbar ist."

KI-Tech-Ideologien

Den größten Raum des Buches nimmt die Analyse von gegenwärtigen IT-Ideologien ein. Nützlich, wenn auch für einen nicht so sehr mit der Materie Vertrauten mitunter etwas verwirrend, sind die Beschreibungen der oft schwierig zu überblickenden, lose miteinander verknüpften Tech- Ideologien. Insgesamt nimmt der Autor an die zwanzig Tech-Ideologien bzw. – soziale Phänomene in den Blick.

Gemeinsam ist ihnen bei allen Unterschieden:

  • Privatwirtschaftliche betriebene technologische "Disruption" wird als die entscheidende Triebkraft gesellschaftlichen Fortschritts benannt. Disruption bezeichnet dabei die grundlegende, zerstörerische Neugestaltung bestehender Märkte durch innovative Produkte, Dienstleistungen oder Geschäftsmodelle. Etablierte Strukturen und Unternehmen werden hierbei verdrängt.
  • Technophile Gesellschaftsutopien werden gefördert, wonach vor allem bzw. ausschließlich technologische Entwicklungen maßgeblich sind für "Fortschritt" und "Wohlstand". In der gegenwärtigen KI-Landschaft seien elitäre Weltanschauungen, technologischer Determinismus und Techno-Optimismus vorherrschend.

Des Autors Schlussfolgerung lautet: "KI ist einerseits ein soziotechnisches Phänomen und beruht zugleich auf einer massiven Konzentration von Macht bei wenigen Tech-Konzernen. Ohne staatliche Regulierung eignet sich diese Machttechnologie ideal für autoritäre oder gar faschistische Zwecke." Die gegenwärtige Verteilung von Macht und Ressourcen bleibe dabei weitgehend unterbelichtet. Mühlhoff erinnert dabei an die enge Zusammenarbeit des NS-Staates mit dem IBM-Konzern und dessen damaliger Lochkarten-Technik.

 

Gazakrieg Lavender KI gesteuerter Vernichtungskrieg  

"'Lavender': KI-gesteuerter Vernichtungskrieg in Gaza. Eine Maschine, die 100 zivile Todesopfer für jeden Hamas-Offiziellen erlaubt"

KI-gesteuerte "industrialisierte Ausrottung" ++ Die israelische Armee hat Zehntausende von Bewohnern des Gazastreifens als Verdächtige für die Ermordung markiert, wobei sie ein KI-Zielsystem mit wenig menschlicher Aufsicht einsetzt und viele zivile Opfer in Kauf nimmt
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Israel Razzia in Wadi Qutyna Avishay Mohar Activestills  


ChatGPT-ähnliches KI-Tool zur Überwachung der Palästinenser. Die "intelligenten" Handschellen Israels.

Die israelische Armee entwickelt ein neues, ChatGPT-ähnliches KI-Tool und trainiert es mit Millionen von arabischen Gesprächen, die durch die Überwachung von Palästinensern in den besetzten Gebieten gewonnen wurden.  Es erstellt eine lange (und vage) Liste von "verdächtigen" Palästinensern, die verhaftet werden sollen.
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KI – demokratisch gestalten

Im Schlusskapitel stellt der Autor fest: Es geht nicht darum, einen deterministischen Zusammenhang herstellen zu wollen, nach dem künstliche Intelligenz zwangsläufig zu einem super-technokratisch-autoritären Staatswesen oder gar zu Faschismus führt. Es geht vielmehr darum, aufzuzeigen, dass bestimmte technologische Ressourcen in Verbindung mit Tech-Konzernen und Polit-Eliten eine neue politisch-institutionelle Regierungsform anstreben, eine Art Techno-Feudalismus.

Um solche Entwicklungen, die der Autor gegenwärtig in den USA sieht, in Europa zu verhindern, fordert der Philosoph mehr Regulierung. Außerdem müsse anders über Künstliche Intelligenz gesprochen werden, und zwar als eine Technologie, die man demokratisch gestalten müsse und nicht den Eliten und Konzernen aus dem Silicon Valley überlassen dürfe. Aktuelle Debatten auch hier in Deutschland – etwa über den Einsatz der Überwachungssoftware Palantir – zeigen, wie wichtig Rainer Mühlhoffs mahnende Analyse ist.

KI – Kapitalismus und die "Antiquiertheit des Menschen"

"Die drei Hauptthesen: dass wir der Perfektion unserer Produkte nicht gewachsen sind; dass wir mehr herstellen als vorstellen und verantworten können; dass wir glauben, das, was wir können, auch zu dürfen, nein: zu sollen, nein: zu müssen – diese drei Grundthesen sind leider aktueller und brisanter als damals"
Günther Anders, 1979, Vorwort zu "Die Antiquiertheit des Menschen, Band 1",

Das Buch von Rainer Mühlhoff ist ein informativer Weckruf. Die 160 Seiten im Reclam-Format passen in die Jackentasche für unterwegs, vermitteln Grundkenntnisse zur aktuellen KI-Diskussion und sensibilisieren für Gefahren. Und das Buch kann anregen zum Weiterlesen. Zu Vertiefen wären vor allem die Bereiche KI und kapitalistische Produktionsweise und aktuelle Fragen zum "neuen Faschismus".

Karl Marx hat es als Charakteristikum der kapitalistischen Gesellschaftsordnung ausgemacht, dass ihre "technische Basis revolutionär ist, während die aller früheren Produktionsweisen wesentlich konservativ waren."[2]

Der Kapitalismus transformiert sich selbst durch technische Revolutionen, wird aber dadurch niemals in Frage gestellt oder gefährdet. Im Gegenteil: Er geht immer wieder gestärkt daraus hervor. Die Digitalisierung, Konzepte der künstlichen Intelligenz haben Auswirkungen nicht nur für die ökonomische Verwertung von Arbeit und Kapital, sie durchdringt das gesamte Wirtschaftsleben und alle Bereiche der menschlichen Existenz.

Dazu eine aktuelle Meldung: Nach dem PC und dem Laptop kommt nun der AC (Agent Computer), der die Computer-Branche neu definieren soll, ein Rechner für alles und jedermann, der in erster Linie von KI-Systemen gesteuert wird. "Der Agent Computer könne auf Wunsch ganz ohne weiteres Zutun Arzttermine festmachen, Tagesabläufe organisieren, Fahr- und Eintrittskarten kaufen. Er antwortet nicht nur auf Fragen, er stelle sie auch; er braucht keine Tastatur und keinen Bildschirm, verstehe er doch Gesten und Sprachbefehle. Dafür haben die Halbleiterkonzerne Nvidia und AMD besondere Chip-Familien und eigen kleine Rechner entwickelt. Sie verschmelzen Hard- und Software und bringen Maschinen hervor, die quasi mitdenken und mitmachen sollen." (FAZ 21.3.26).

Ein weiterer Gedanke: Vor 70 Jahren veröffentlichte der Philosoph Günther Anders (1902–1992), Aktivist der "Kampf dem Atomtod-Bewegung", den ersten Band seines Hauptwerkes "Die Antiquiertheit des Menschen, Band 1". In seiner Auseinandersetzung mit dem technischen Fortschritt kommt Anders zu dem Ergebnis, dass der Mensch vom Beherrscher zum Diener seiner Apparate geworden ist. Anders sprach von dem "prometheischen Gefälle" zwischen den unterschiedlichen Vermögen des Menschen - namentlich zwischen seinem Vermögen, etwas herzustellen, und dem Vermögen, sich die Konsequenzen dieses Herstellens auch vorzustellen. "Die drei Hauptthesen: dass wir der Perfektion unserer Produkte nicht gewachsen sind; dass wir mehr herstellen als vorstellen und verantworten können; dass wir glauben, das, was wir können, auch zu dürfen, nein: zu sollen, nein: zu müssen – diese drei Grundthesen sind leider aktueller und brisanter als damals", schreibt er 1979 im Vorwort zur 5. Auflage.[3]

Daraus folgte für ihn die umgekehrte Feuerbach-These, dass es nicht mehr hinreiche, die Welt zu verändern; man müsse versuchen, die selbst verursachten Veränderungen auch zu verstehen. 

Letzte Anmerkung: Was die Schärfung des aktuellen "Faschismus-Begriffs" betrifft, ist der Beitrag von Alex Demirovic´ hilfreich.[4]

txt: Günther Stamer

Buch KI und der neue Faschismus Cover

 

 

 

 

 

Rainer Mühlhoff:
Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus.
Reclam Verlag, Ditzingen 2025,
ISBN: 978-3-15-014666-8
Taschenbuch, 160 Seiten, 8,00 Euro

hier bestellen: https://www.reclam.de/produktdetail/kuenstliche-intelligenz-und-der-neue-faschismus-9783150146668

 

 

 

 

 

 

Anmerkungen

[1] Eco, Umberto: Der ewige Faschismus, Hanser, München 2020
2] MEW Bd. 23, S. 506
[3] C. H. Beck, München 2018, S. VII
[4] Alex Demirović, LuXemburg Mai 2025: Braucht es eine Erneuerung der Faschismustheorie? 
https://zeitschrift-luxemburg.de/artikel/braucht-es-eine-erneuerung-der-faschismustheorie/

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