20.05.2026: 52 Boote in internationalen Gewässern von Israel gekapert ++ 430 Aktivisten nach Israel verschleppt ++ Außenminister von zehn Ländern bezeichnen Israels Sturm auf die Hilfsflotte als eklatanten Verstoß gegen das Völkerrecht. ++ Weltweite Empörung, nachdem Ben-Gvir ein Video gepostet hat, in dem er entführte Aktivisten der Hilfsflotte verspottet, während diese mit gefesselten Händen knien.
Am Dienstagabend (19.5.) teilte das Organisationskomitee der Global Sumud Flotilla mit, dass das letzte Schiff der Hilfsflotte auf dem Weg in den von Israel blockierte Gazastreifen in internationalen Gewässern in einem Akt der Piraterie von der israelischen Marine gekapert und seine Besatzungsmitglieder von israelischen Streitkräften entführt wurden.
Hilfsflotte hatte sich neu formiert
52 Schiffe mit über 400 Menschen aus 45 Ländern waren am Sonntagmorgen (17.5.) von der türkischen Hafenstadt Marmaris aus in See gestochen.
Knapp drei Wochen nach dem illegalen Angriff des israelischen Militärs in den internationalen Gewässern westlich von Kreta, der den Verlust von 22 Booten und die Festnahme von 181 Aktivisten zur Folge hatte, war es der Flottille nicht nur gelungen, sich wieder zu formieren, sondern sogar neue Teilnehmer zu gewinnen. Das Ziel – wie von den Organisatoren immer wieder betont – ist es, Gaza zu erreichen und dabei die Seeblockade Israels zu durchbrechen. Der Zweck: "der lokalen Bevölkerung etwa zehn Tonnen Hilfsgüter zu übergeben und einen neuen humanitären Korridor in den Gazastreifen zu öffnen".
Der israelische Außenminister Israel Katz hatte vor dem Überfall vom 30. April erklärt, dass sowohl die Schiffe als auch die von ihnen transportierten Güter "für terroristische Zwecke bestimmt" seien. Eine These, die gelinde gesagt fantasievoll ist, die aber – zumindest aus Katz’ Sicht – mehr als ausreichte, um den Einsatz der berüchtigten Fallschirmjäger der "Shayetet 13" gegen die unbewaffneten Aktivisten zu rechtfertigen, die sich über 700 Seemeilen von den Gewässern Tel Avivs entfernt in internationalen Gewässern befanden. (siehe kommunisten.de, 30.4.2026: Israelischer Piratenakt: Schiffe der Hilfsflotte für Gaza in internationalen Gewässern gekapert)
Um zu verhindern, dass die israelische Regierung dieselben Verleumdungen ungestraft wiederholen kann, haben die Verantwortlichen der Global Sumud Flotilla sowohl das Europäische Parlament als auch den Europäischen Auswärtigen Dienst aufgefordert, "eine institutionelle Delegation zu entsenden, die die Ladung der Schiffe überprüft und den ausschließlich zivilen und humanitären Charakter der Mission bestätigt". Ein Appell jedoch, auf den weder Straßburg noch Brüssel jemals reagiert haben.
"Wir werden trotzdem weitermachen, denn im Moment“, sagte der Sprecher der Bewegung, Saif Abu Keshek, "ist das das Einzige, was wir tun können. Seit 1948 bis heute haben die zionistischen Kräfte auf jede erdenkliche Weise und mit allen Mitteln versucht, das palästinensische Volk auszurotten. Deshalb muss die Flottille nach Gaza auslaufen. Deshalb müssen wir heute mehr denn je bis zum Ende durchhalten.“
Saif Abu Keshek und Thiago Ávila waren gerade aus zehn Tagen Haft in israelischen Gefängnissen zurückgekehrt. Sie waren bei dem israelischen Piratenakt am 30. April von israelischen Streitkräften festgenommen und zur Vernehmung nach Israel verschleppt worden, während die anderen nach Kreta gebracht und freigelassen wurden. Das israelische Außenministerium erklärte, Abu Keshek werde der Zugehörigkeit zu einer "terroristischen" Organisation verdächtigt, Avila hingegen illegaler Aktivitäten. Beide wiesen die Vorwürfe zurück und erklärten, sie seien auf einer humanitären Mission für die Zivilbevölkerung im Gazastreifen gewesen und ihre Festnahme in internationalen Gewässern sei rechtswidrig gewesen. Spanien, Brasilien und die Vereinten Nationen forderten die sofortige Freilassung der Aktivisten. Am Sonntag, 10.5., wurden Saif Abu Keshek und Thiago Avila aus Israel abgeschoben. (siehe kommunisten.de, 8.5.2026: Die Flottille sticht wieder in See, Ziel: die Türkei. Zum Leidwesen der pro-kurdischen Aktivisten)
Israelische Kommandos greifen Hilfsflotte an
Bereits am Montag begannen israelische Streitkräfte, kaum dass die Boote die Hoheitsgewässer Ankaras verlassen und in internationale Gewässern gelangt waren, mit der Stürmung der Boote und entführten Aktivisten. Mit einem halben Dutzend Sturmbooten übernahmen die Kommandosoldaten der Shayetet 13 die Kontrolle über die verschiedenen Schiffe der Sumud, manipulierten deren Steuerungen und nahmen die Besatzung gefangen. Mehrfach richteten die israelischen Soldaten ihre Kriegswaffen auf die unbewaffneten Aktivisten und feuerten Gummigeschosse ab, während sich einige der Fregatten den Segelschiffen gefährlich näherten, bevor diese gestürmt wurden.
"Alle 430 Aktivisten wurden auf israelische Schiffe gebracht und sind auf dem Weg nach Israel“, sagte ein Sprecher des israelischen Außenministeriums am späten Dienstagabend und bezeichnete die Aktion als "nichts weiter als einen PR-Gag".
Gemeinsame Erklärung der Außenminister von zehn Ländern: eklatante Verstöße gegen das Völkerrecht
Zehn Länder haben die israelischen Angriffe auf die Hilfsflotte in einer gemeinsamen Erklärung verurteilt. Die Außenminister Spaniens, der Türkei, Bangladeschs, Brasiliens, Kolumbiens, Indonesiens, Jordaniens, Libyens, der Malediven und Pakistans "verurteilen aufs Schärfste die neuen israelischen Angriffe auf die Global Sumud-Flottille, eine friedliche zivile humanitäre Initiative, die darauf abzielt, die internationale Aufmerksamkeit auf das katastrophale humanitäre Leid des palästinensischen Volkes zu lenken."
Sie bezeichnen das Vorgehen der israelischen Streitkräfte als "eklatante Verstöße gegen das Völkerrecht und das humanitäre Völkerrecht" und fordern die "sofortige Freilassung aller festgenommenen Aktivisten sowie die uneingeschränkte Achtung ihrer Rechte und Würde".
In der Erklärung heißt es:
"Die Minister erinnern mit großer Besorgnis an die israelischen Interventionen gegen frühere Flotten in internationalen Gewässern und verurteilen die Fortsetzung der feindseligen Handlungen gegen zivile Schiffe und humanitäre Aktivisten. Diese Art von Übergriffen, zu denen Angriffe auf Schiffe und die willkürliche Festnahme von Aktivisten gehören, stellen eklatante Verstöße gegen das Völkerrecht und das humanitäre Völkerrecht dar.
Die Minister bringen ihre tiefe Besorgnis um die Sicherheit und den Schutz der zivilen Teilnehmer der Flottille zum Ausdruck und fordern die sofortige Freilassung aller festgenommenen Aktivisten sowie die uneingeschränkte Achtung ihrer Rechte und ihrer Würde.
Die Minister betonen ferner, dass die wiederholten Angriffe auf friedliche humanitäre Initiativen eine anhaltende Missachtung des Völkerrechts und der Freiheit der Schifffahrt widerspiegeln, und rufen die internationale Gemeinschaft dazu auf, ihrer rechtlichen und moralischen Verantwortung nachzukommen, den Schutz der Zivilbevölkerung und der humanitären Missionen zu gewährleisten und konkrete Maßnahmen zu ergreifen, um der Straflosigkeit ein Ende zu setzen und sicherzustellen, dass diese Verstöße geahndet werden."[1]
Hungerstreik
Am Mittwochvormittag teilte die Global Sumud Flotilla auf X mit, dass mindestens 87 Personen, die von israelischen Streitkräften auf dem Weg nach Gaza entführt worden waren, einen Hungerstreik begonnen hätten, "aus Protest gegen ihre illegale Entführung und aus Solidarität mit den über 9.500 palästinensischen Geiseln, die in israelischen Kerkerzellen festgehalten werden".
Weltweite Empörung über Misshandlung von verschleppten Aktivisten. Mehrere Staaten bestellen israelische Botschafter ein
Mehrere Länder, darunter Italien, Frankreich, die Niederlande und Kanada, haben die israelischen Botschafter in ihre Hauptstädte einbestellt, um ihre "Empörung" über Israels Behandlung der entführten Aktivisten der Gaza-Hilfsflotte zum Ausdruck zu bringen.
Die Verurteilung erfolgte am heutigen Mittwoch, kurz nachdem Israels faschistischer Minister für nationale Sicherheit, Itamar Ben-Gvir, ein Video in den sozialen Medien veröffentlicht hatte, in dem zu sehen ist, wie er die Aktivisten verspottet, während diese mit gefesselten Händen auf dem Boden knieen.
20.5.2026, Video Ben Gvir
https://x.com/itamarbengvir/status/2057046925417824697
"Die Bilder des israelischen Ministers Ben-Gvir sind inakzeptabel. Es ist inakzeptabel, dass diese Demonstranten, darunter viele italienische Staatsbürger, einer solchen Behandlung ausgesetzt sind, die ihre Menschenwürde verletzt", erklärte die italienische Ministerpräsidentin Giorgia Meloni in einer Stellungnahme auf X. "Italien verlangt zudem Entschuldigungen für die Behandlung, die diesen Demonstranten zuteil wurde, und für die totale Missachtung, die gegenüber den ausdrücklichen Forderungen der italienischen Regierung gezeigt wurde."
Der französische Außenminister Jean-Noël Barrot verurteilte Ben-Gvirs Vorgehen als "inakzeptabel" und forderte die Freilassung der französischen Staatsbürger "so schnell wie möglich".
Die kanadische Außenministerin Anita Anand bezeichnete den Vorfall als "zutiefst beunruhigend" und fügte hinzu, dass Ottawa den israelischen Botschafter wegen des Vorfalls einbestellen werde. "Dies ist eine Angelegenheit, die wir sehr, sehr ernst nehmen. Es geht um die humane Behandlung von Zivilisten, und ich kann Ihnen versichern, dass wir mit absoluter Dringlichkeit handeln", sagte sie gegenüber Reportern.
Die Niederlande werden den israelischen Botschafter einbestellen, erklärte der niederländische Außenminister Tom Berendsen. Ben-Gvirs "Behandlung der Inhaftierten verletze die grundlegende Menschenwürde".
Auch südkoreanische Staatsbürger gehörten zu den von israelischen Seestreitkräften entführten Personen, sagte Präsident Lee Jae Myung am Mittwoch und bezeichnete Israels Vorgehen als "völlig unangemessen". "Was ist die Rechtsgrundlage? Handelt es sich um israelische Hoheitsgewässer?", fragte Lee und fügte hinzu: "Ist das israelisches Hoheitsgebiet? Können sie im Falle eines Konflikts Schiffe aus Drittländern beschlagnahmen und festhalten?"
Das portugiesische Außenministerium verurteilte das "unerträgliche Verhalten" von Ben-Gvir scharf.
Der spanische Außenminister Jose Manuel Albares bezeichnete die Behandlung der Aktivisten als "monströs". Regierungschef Sánchez erklärte: "Wir werden nicht dulden, dass jemand unsere Bürger misshandelt. Im September habe ich das Einreiseverbot in das nationale Territorium für dieses Mitglied der israelischen Regierung angekündigt. Nun werden wir in Brüssel vorantreiben, dass diese Sanktionen dringend auf europäischer Ebene verschärft werden."
Die irische Außenministerin Helen McEntee zeigte sich "schockiert" über das Filmmaterial und forderte die sofortige Freilassung der Aktivisten. Unter den verschleppten Aktivisten befindet sich 15 irische Staatsbürger, darunter auch Margaret Connolly, eine irische Ärztin und die Schwester der irischen Präsidentin Catherine Connolly.
Neun der Verschleppten seien indonesische Staatsbürger, teilte ein Sprecher des indonesischen Außenministeriums heute mit. Indonesien fordert die sofortige Freilassung aller Schiffe und erklärte, dass "alle diplomatischen Kanäle und konsularischen Maßnahmen weiterhin voll ausgeschöpft werden".
Der US-Botschafter in Israel, Mike Huckabee, sagte, Ben-Gvir habe "die Würde seiner Nation verraten", indem er Aufnahmen veröffentlichte, die zeigen, wie Menschenrechtsaktivisten gefesselt, misshandelt und gedemütigt werden; er präzisierte jedoch nicht, ob er die Misshandlung verurteilte oder nur die Entscheidung, das Video zu veröffentlichen.
Zu den weiteren Ländern, die den Vorfall verurteilten, gehören die Schweiz, Griechenland, Polen, Katar, Slowenien, die Türkei, Österreich, Belgien, Kolumbien und das Vereinigte Königreich.
"Israel entführt seit 24 Stunden europäische Bürger, und Sie lächeln", empörte sich die spanische EU-Abgeordnete Irene Montero (Podemos) über die EU-Außenbeauftragte und Vizepräsidentin der EU-Kommission, Kaja Kallas. "Was würden Sie tun, wenn es Iran wäre? Wenn es Russland wäre? Aber da es ISRAEL ist, lächeln Sie und schauen weg. Schande über Sie.“
Obwohl sich mindestens eine deutsche Staatsbürgerin unter den Verschleppten befindet, hüllt sich auch die Bundesregierung bislang in Schweigen.
Anmerkungen
[1] Gemeinsame Erklärung der Außenminister Spaniens, der Türkei, Bangladeschs, Brasiliens, Kolumbiens, Indonesiens, Jordaniens, Libyens, der Malediven und Pakistans zu den israelischen Angriffen auf die Global Sumud-Flottille, 18. Mai 2026
https://www.exteriores.gob.es/es/Comunicacion/Comunicados/Paginas/2026_COMUNICADOS/Declaraci%C3%B3n-conjunta-de-los-ministros-de-Asuntos-Exteriores-de-Espana,-Turquia,-Banglades,-Brasil,-Colombia,-Indonesia,-Jor.aspx




