02.04.2026: Wo heute noch Porsche-Modelle und Cabrios des Typs VW T-Roc vom Band laufen, werden schon bald Kriegsgüter produziert. Der Volkswagen-Konzern verhandelt mit dem israelischen Rüstungskonzern Rafael Advanced Defence Systems über eine Kooperation im Militärbereich.
E-Mobilität verschlafen, Kostenexplosionen, Zolleskapaden, Gewinneinbrüche: Volkswagen steckt in der Krise. (siehe kommunisten.de, 16.3.2026: VW streicht 50.000 Stellen – die Rechnung zahlen die Beschäftigten)
In dieser Situation sucht der VW-Vorstand die Lösung in der Rüstungsproduktion – nicht, weil sie gesellschaftlich sinnvoll wäre, sondern weil der Staat hier Profite garantiert, die der zivile Markt im E‑Auto‑Zeitalter für VW nicht mehr hergibt. Konkret geht es darum, das von Schließung bedrohte Werk in Osnabrück mit 2.300 Beschäftigten auf Rüstungsproduktion umzustellen.
Wie der NDR am 16. März berichtete laufen seit Längerem Gespräche mit dem deutsch-französischen Rüstungskonzern KNDS (Krauss-Maffei Wegmann + Nexter Defense Systems). Demnach könnte sich KNDS in Teilen des Werks einmieten und dort möglicherweise Transportpanzer produzieren.
Gleichzeitig bot VW das Werk dem deutsche Kriegsgewinnler Rheinmetall an. Dieser teilte am 12. März jedoch mit, dass eine Übernahme des VW-Werkes in Osnabrück unter den gegebenen Voraussetzungen kein Thema für den Konzern sei. Der Standort war für die Produktion von sechsrädrigen Radpanzern im Gespräch. "Hier werden jedoch aktuell keine weiteren Kapazitäten benötigt", so Rheinmetall.
Nun also Rafael aus Israel. Laut Presseberichten befindet sich VW in Verhandlungen mit Rafael Advanced Defence Systems über die Herstellung von Komponenten für das Luftabwehrsystem "Iron Dome".
Die staatliche Rafael Advanced Defense Systems Ltd mit Sitz in Tel Aviv rangiert auf Platz 34 der 100 größten Rüstungsunternehmen und produziert eine Vielzahl von High-Tech-Waffensystemen. Am bekanntesten ist das Raketenabwehrsystem "Iron Dome" bzw. das "Arrow-3-System".
7.7.2025: Rafael wirbt mit einem Video, das zeigt, wie in Gaza ein Palästinenser von einer Drohne verfolgt und getötet wird.
Das Video wurde inzwischen gelöscht.
In Deutschland fertigt Rafael bereits die Panzerabwehrlenkwaffen des Typs "Spike" im Rahmen eines Joint Ventures mit Rheinmetall und Diehl Defence. Die Rüstungssparte von Dynamit Nobel, die Dynamit Nobel Defence GmbH, ist eine Tochtergesellschaft von Rafael. Dort werden für die Bundeswehr Panzerabwehrraketen produziert.
Teile für "Iron Dome" aus Osnabrück
Jetzt will der israelische Rüstungskonzern in Deutschland auch eine Fabrik für die Produktion der Iron-Dome-Raketenabwehr hochziehen. Ende September 2023 hatten Deutschland und Israel den Kauf des Arrow-3-Systems besiegelt - das bislang größte Rüstungsgeschäft Israels. Volumen: rund 3,3 Milliarden Euro. Rafael-Chef, Yuval Steinitz, will den Iron Dome nicht einfach nur nach Deutschland liefern, sondern in Deutschland auch herzustellen. "Wir können helfen, dass Deutschland unsere Technologien selbst produziert und damit seinen Beitrag leisten kann für die Verteidigung ganz Europas. Gut für uns, gut für Deutschland", sagte er der Bild-Zeitung.
VW und Rafael planen, das VW-Werk in Osnabrück so umbauen, dass dort künftig Komponenten für das Luftabwehrsystem "Iron Dome" hergestellt werden -- darunter Startvorrichtungen, Stromgeneratoren und Lastwagen, die Raketen des Systems transportieren. Die Geschosse selbst sollen Berichten zufolge nicht in Osnabrück produziert werden.
Während VW‑Vorstand und Bundesregierung diesen Schritt als Beitrag zur "Standortsicherung" inszenieren, vollzieht sich in Wahrheit das, was sich bereits vor einem Jahr als Tendenz zur Ausweitung der Kriegsökonomie abzeichnete: Überkapazitäten und Profiteinbrüche im zivilen Automobilsektor sollen nicht sozial‑ökologisch bearbeitet, sondern durch einen Einstieg in die Rüstungsproduktion vorläufig "gelöst" werden. Die Kriege in der Ukraine und am Golf sowie die Hochrüstung in Deutschland und den anderen EU-Ländern garantieren hohe Profite.
Vom Auto- zum Kriegswerk: Wie VW die Profitkrise in Kriegsökonomie verwandelt
Vom Auto- zum Kriegswerk – diese Formel bringt die Logik der Konzernleitung hinter den Plänen für Osnabrück auf den Punkt. Volkswagen treibt den Standort in die Rüstung, weil der Konzern seine Zielprofite sonst nicht mehr erreicht. Die Überkapazitäten im zivilen Bereich sollen durch staatliche Rüstungsaufträge kompensiert werden, um das Profitziel zu erreichen. Der Vorteil: Militärhaushalte werden politisch garantiert, Lieferbeziehungen sind langfristig, Margen hoch, und die öffentliche Kontrolle bleibt begrenzt.
Industriepolitisch ist dieser Schritt alles andere als eine "Transformation" im Sinn einer zukunftsgerichteten Umstellung der Produktion auf kollektive Massenmobilität als Alternative zur bisherigen Autoproduktion. Rüstung ist ein Sektor, dessen Nachfrage an Aufrüstungsspiralen, geopolitische Konflikte und Kriegsdrohungen gekoppelt ist und der kaum positive Übertragungseffekte in eine zivile, sozial‑ökologische Ökonomie entfaltet.
"Es geht einfach nur ums Geschäft und darum, Gewinne zu erzielen. Wenn Volkswagen das nicht mit Autos schafft, wird es dies mit Waffen tun."
Jürgen Mackert, Professor für Soziologie an der Universität Potsdam
Statt die Krise im Verbrenner- und SUV‑Geschäft zum Anlass zu nehmen, Kapazitäten in Richtung öffentlicher Mobilität, Schienenfahrzeuge, klimarelevanter Infrastruktur oder anderer ziviler Zukunftstechnologien zu konvertieren, soll Osnabrück in eine Nische gedrückt werden, die nur dann "zukunftsfähig" sei, wenn Kriege, Aufrüstung und Abschreckung dauerhaft zum Normalzustand werden.
Die vielbeschworene "Transformation" reduziert sich damit auf eine Verschiebung innerhalb desselben kapitalistischen Akkumulationsregimes: von fossilen Autos zur fossilen Kriegsökonomie – dieselben Konzerne, dieselbe Eigentumsstruktur, dieselbe Profitlogik.
Klassenkampf von oben: Die Krise wird auf die Beschäftigten verlagert
Arbeits- und industriepolitisch bedeutet dieser Kurs, dass die Kosten der kapitalistischen Krise nach unten durchgereicht werden, um die Profite nach oben zu stabilisieren. Die Lohnbeschäftigten tragen die Lasten der Sparprogramme – Entlassungen, Stellenstreichungen, Arbeitsverdichtung, Einkommenseinschnitte – und werden anschließend mit dem "Angebot" konfrontiert, sich durch Rüstungsproduktion die verbleibenden Arbeitsplätze zu sichern. Die reale Entscheidungsalternative, die den Beschäftigten in Osnabrück präsentiert wird, lautet: Entweder ihr akzeptiert eine Integration in die Kriegsökonomie, oder ihr riskiert Standortverlust und Arbeitslosigkeit.
In dieser Zwangslage wird Rüstung zur erpresserischen "Lösung" eines Problems, das der Konzern selbst durch profitgetriebene Modellpolitik und eine an den Erwartungen der Börse – als dem wichtigsten Schauplatz des Finanzkapitals – ausgerichtete Gesamtstrategie geschaffen hat. Die Renditeziele bleiben unangetastet, die Kapital-Eigner müssen keine Verluste tragen – und die Beschäftigten sollen sich in eine Produktion einfügen, die gesellschaftlich höchst umstritten ist und auf der Vernichtung von Werten und Leben beruht. Kriegsökonomie wird so zum Klassenkampf von oben.
Komplizenschaft mit Israels Kriegen und Beihilfe zum Völkermord
Die Pläne für eine Zusammenarbeit mit einem israelischen Rüstungsunternehmen kommen zu einer Zeit, in der der Internationale Gerichtshof gegen Israel wegen des Völkermords in Gaza ermittelt und vom Internationalen Strafgerichtshof ein Haftbefehl gegen Israels Ministerpräsident Netanjahu und Ex-Verteidigungsminister Gallant wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorliegt. Dies wirft weitere Fragen zur Rolle internationaler Konzerne bei der Unterstützung des israelischen Vernichtungskrieges gegen Gaza und den völkerrechtswidrigen Kriegen gegen Libanon und Iran auf.
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siehe dazu Unternehmen, Universitäten, Fonds... Die Wirtschaft des Völkermords in GazaUN-Bericht "Von der Wirtschaft der Besatzung zur Wirtschaft des Völkermords" ++ Von Rüstungsunternehmen bis zu Wasserkonzernen, von Banken bis zu großen Universitäten: Die tausend Namen im UN-Bericht über diejenigen, die in das Massaker investieren und am Völkermord verdienen. |
Iron Dome ist kein neutraler Schutzschild, sondern Teil einer umfassenden Kriegsmaschinerie: Das System fängt Raketen ab und gibt Israel damit den Spielraum, Militäroperationen zu intensivieren und einen Gegenschlag möglichst abwehren zu können. Wer an den Trägerfahrzeugen, Plattformen und Aggregaten dieses Systems verdient, macht sich zum Teil einer aggressiven Großmachtstrategie, die auf dauerhafte Kontrolle der Region zielt.
Deutschlands politische Darstellung des Gaza-Kriegs schaffe die Voraussetzungen für solche Entscheidungen, meint Jürgen Mackert, Professor für Soziologie an der Universität Potsdam. "Da das deutsche politische Establishment bis heute nicht zugibt, dass das, was in Gaza geschieht, ein Völkermord ist, sondern Israels angebliches Recht auf Selbstverteidigung, hat Volkswagen keinen Grund, keine israelischen Waffen zu produzieren."
Der Wissenschaftler bezeichnete das potenzielle Geschäft sowohl aus historischer als auch aus moralischer Sicht als "Katastrophe" und fügte hinzu, dass die "strategische Entscheidung" die Bereitschaft Europas widerspiegele, vom israelischen Iron-Dome-System zu profitieren.
"Volkswagen ist kein gewöhnliches Privatunternehmen, und die politische Verantwortung ist hier sogar größer als bei jedem anderen Rüstungsunternehmen."
Natalie Scholz, Dozentin für moderne und zeitgenössische Geschichte an der Universität Amsterdam
Vor diesem Hintergrund wird VW nicht zu einem "normalen" Zulieferer, sondern stellt sich auf die Seite eines Staates, dem massive Verstöße gegen das humanitäre Völkerrecht, ethnische Vertreibungen, die systematische Zerstörung palästinensischer Lebensgrundlagen und Völkermord vorgeworfen werden.
"Es ist in der Nachkriegszeit Deutschlands keine normale Sache, dass so etwas geschieht... Volkswagen ist kein gewöhnliches Privatunternehmen, und die politische Verantwortung ist hier sogar größer als bei jedem anderen Rüstungsunternehmen", meint Natalie Scholz, Dozentin für moderne und zeitgenössische Geschichte an der Universität Amsterdam. "Wir haben es mit einem Land zu tun, für das … der Internationale Strafgerichtshof Haftbefehle gegen den Ministerpräsidenten erlassen hat. Das macht es … offensichtlich nicht weniger problematisch, sondern verschärft das Problem noch", fügt sie in einem Gespräch mit Anadolu Agency hinzu.
Sollte es zu einem Deal mit Rafael kommen, würde dies die Position Deutschlands bei dem laufenden Verfahren vor dem Internationalen Gerichtshof (IGH) beeinflussen. Im März 2024 reichte Nicaragua beim Gerichtshof eine Klage ein, in der behauptet wird, Deutschland begünstige den Völkermord an den Palästinensern im Gazastreifen durch Waffenlieferungen an Israel. Nach Angaben des Stockholmer Internationalen Friedensforschungsinstituts lieferte Deutschland zwischen 2019 und 2023 30 Prozent der wichtigsten Waffenimporte Israels.
Gegenwehr "Zukunftswerk Osnabrück"
Unter dem Motto: "ÖPNV statt Panzer!" setzt die "Initiative "Zukunftswerk Osnabrück" in ihrer Gegenwehr auf eine "sozial-ökologische Konversion" des Standorts, um die Ressourcen in nachhaltige Technologien zu lenken.
"Wir brauchen endlich eine klare Ächtung für Arbeitsplätze in der Rüstungsindustrie. Krieg wird dort ermöglicht, wo die Waffen dafür gebaut werden".
Lotte Herzberg, von der "Initiative Osnabrück"
Während die Führung der IG Metall laviert und beschwichtigt und für die Gesamt- und Konzernbetriebsratsvorsitzende der VW AG, Daniela Cavallo, die Rüstungsproduktion "eine Option" ist, für die sie mit geopolitischer Verantwortung Deutschlands und Europas argumentiert, haben Mitglieder der IG Metall eine Unterschriftenkampagne mit dem Titel: "Nein zum Umbau auf Kriegswirtschaft!" gestartet. "Aufrüstung und Kriegswirtschaft sind gegen die Interessen der Kolleginnen und Kollegen und unserer Familien und widersprechen unseren gewerkschaftlichen Zielen", heißt es in dem Aufruf. Und weiter: "Unterstreichen wir unsere Losung 'Kampf um jeden Arbeitsplatz!' und setzen wir uns aktiv für unser Ziel 'Frieden, Abrüstung und Völkerverständigung' ein.“[1]
Vergesellschaftung statt Kriegswirtschaft
Die Gegenwehr-Aktivitäten zeigen, dass die von Konzern und Politik vorgegebene Falle "Rüstungsstandort oder Werksschließung" nicht wortlos hingenommen wird, um den zivilen Produktionsstandort Osnabrück zu retten. Die Beschäftigten wollen eine dritte Option erkämpfen: den Erhalt des Werks auf Grundlage einer zivilen, sozial‑ökologischen Produktion, die sie gegen die Kriegspläne des Managements durchsetzen. Eine wirkliche Perspektive entsteht, wenn der Zwang zur Profitmaximierung durchbrochen wird: Vergesellschaftung von VW, Offenlegung der Bücher, Planung der Produktion nach sozialen und ökologischen Bedürfnissen – und ein Konversionsprogramm, das die vorhandene technische und personelle Qualifikation für öffentliche, zivile Mobilität, Energie‑ und Infrastrukturprojekte nutzt, statt sie in die Kriegsökonomie zu pressen.
txt: Willy Sabautzki
Anmerkungen
[1] https://storage.e.jimdo.com/file/41499154-3b3c-4374-ba01-497ee0c91cef/Unterschriftenliste_5.2.1.pdf






