Wirtschaft

16.07.2026: Weltpolitik im VW-Werk: Osnabrück als geopolitischer Schauplatz

Für das VW-Werk in Osnabrück stehen seit Jahren Auslauf‑ und Stellenabbau‑Pläne im Raum. Mit dem Ende der bisherigen Modellfertigung droht im Werk Osnabrück, in dem heute bis 2.300 Beschäftigte arbeiten, der schrittweise Abbau dieser Arbeitsplätze, bis hin zur möglichen Schließung des Standorts, da ab Mitte 2027 dort keine Fahrzeugproduktion des Volkswagen‑Konzerns mehr vorgesehen ist.

Die Rentabilität von VW leidet aufgrund der Überkapazitäten in der Automobilindustrie, mangelnder Konkurrenzfähigkeit und dem Festhalten am Verbrennermotor. Kostengünstigere Hersteller, vor allem aus China, drängen mit E‑Modellen und massiven Produktionskapazitäten auf die Weltmärkte und entziehen den klassischen deutschen Verbrenner‑ und Premiumstrategien die Profitgrundlage. Da sollen Kriegsgüter zum neuen Profitmotor werden.

So soll auch das kriselnde VW-Werk in Osnabrück als Rüstungsproduzent neu aufgestellt werden. Ende April wurde eine Absichtserklärung zwischen Volkswagen und dem staatlichen israelischen Rüstungskonzern Rafael Advanced Defense Systems unterzeichnet, nach der in Osnabrück Komponenten des israelischen Raketenabwehrsystems "Iron Dome" gefertigt werden sollen.

Der Belegschaft wird das Iron‑Dome‑Projekt mit Rafael als "Rettung“ verkauft –, weil VW, anstatt eine zukunftsfähige zivile Perspektive für Osnabrück zu entwickeln, sein Heil in der Rüstungsproduktion sucht. Wenn der Markt für Cabrios schrumpft, soll der Raketenmarkt des israelischen Rüstungskonzerns sichere Arbeitsplätze in Aussicht stellen. (siehe kommunisten.de: Vom Volkswagen zur Rüstungsproduktion. Wie VW aus der Profitkrise kommen will.)

Auch für die deutsche Regierungspolitik und ihre "Staatsräson" wäre Iron Dome aus Osnabrück doppelt attraktiv: Sie bindet ein symbolträchtiges staatliches israelisches Rüstungssystem an deutsche Fertigung und schafft staatlich abgesicherte Nachfrage für einen kriselnden Standort.

Doch nun steht der Deal offenbar auf der Kippe: Denn der Großaktionär Katar ist nicht willens, eine Kooperation oder ein Joint Venture mit einem israelischen Rüstungsunternehmen zu billigen.

Dreier‑Komplott im VW‑Aufsichtsrat: Land, Familie, Staatsfonds

VW hat sich über Jahre einen Eigentumsmix geschaffen, in dem die Landesregierung Niedersachsen, die Porsche‑/Piëch‑Familie und ausländische Staatsfonds zusammen über Strategie und Standorte entscheiden.

Der Staatsfonds Qatar Investment Authority (QIA) des Emirates Katar hält 17 Prozent der Stimmrechte sowie 10,4 Prozent des Aktienkapitals von Volkswagen (lt. verschiedenen Quellen zwischen 10,5 % und 17 %). Auf jeden Fall ist Katar der drittgrößte Anteilseigner bei VW hinter der Porsche Holding (31,9 Prozent), dem Land Niedersachsen (11,8 Prozent), und hat damit erheblichen Einfluss auf strategische Entscheidungen des Konzerns. Mit Mohammed Saif Al-Sowaidi, dem Chef der katarischen Investmentgesellschaft, sowie zwei früheren Mitgliedern der katarischen Regierung ist der Golfstaat zudem direkt im VW-Aufsichtsrat vertreten.

Im Fall der Kooperation mit einem israelischen Rüstungskonzern meldet sich nun der katarischer Regierungsfonds zu Wort und blockiert den Iron‑Dome‑Deal mit Rafael Advanced Defense Systems.

Katar verurteilt Israels Vernichtungskrieg in Gaza öffentlich als Völkermord und muss deshalb jede sichtbare Kooperation eines von ihm mitkontrollierten Konzerns mit israelischer Kriegsindustrie als politischen Tabubruch betrachten. Noch dazu, wo Rafael Advanced Defense Systems mit seinen mörderischen Aktivitäten beim Völkermord Werbung macht: »In Gaza Getestet. Bewährt. Taktisch.«

Rafael WerbungDer israelische Rüstungskonzern Rafael wirbt für seine Mörderdrohnen: In Gaza "Getestet. Bewährt. Taktisch."
"Wir feiern zwei Jahre seit dem ersten operativen Einsatz von SPIKE FIREFLY, der eine neue Ära der Präzision für die taktischen Streitkräfte einläutete."
Video am 7.7.2025: https://x.com/RAFAELdefense/status/1942142628641812503
Rafael hat das Video inzwischen gelöscht


Osnabrück wird damit zum Schauplatz eines Dreier‑Konflikts: Die deutsche Staats‑ und Konzernfraktion drängt auf Rüstung als Lösung der Überkapazitätskrise. Mit der Umstellung auf Rüstungsproduktion wollen sie Deutschland zur stärksten europäischen Militärmacht und bis 2030 "kriegsfähig" gegen Russland machen; die Familienfraktion stimmt zu; und der Staatsfonds aus Katar zieht aus eigenen politisch Gründen die rote Karte.

Wenn Katar den Iron‑Dome‑Deal mit Rafael blockiert, verhindert es zwar konkret die Beteiligung des Werkes an den Vernichtungs- und Expansionskriegen Israels, aber nicht die Logik der Umstellung auf Kriegsproduktion und des Stellenabbaus.

Konversion statt Kriegsgeschäft

Die Osnabrücker Belegschaft wird zwischen den Frontlinien der deutschen "Zeitenwende“, der israelischen Rüstungsstrategie von Rafael und der katarischen Nahostpolitik hin‑ und hergeschoben, während ihre reale Alternative – eine sozialökologische Konversion unter demokratischer Kontrolle – gar nicht erst auf die Tagesordnung kommt.

Die Alternative kann nicht darin bestehen, den Iron‑Dome‑Deal mit Rafael durch einen anderen Rüstungsanbieter zu ersetzen. Denn im Kern steht längst die gesamte deutsche Autoindustrie vor derselben Weichenstellung: Ob VW, Mercedes oder Stellantis – fast alle Konzerne sondieren, wie sich ihre Werke für Rüstungsproduktion und Militärtechnik nutzen lassen. Wer hier einfach den Namen des israelischen Partners austauschen will, akzeptiert die Grundlinie: Aus Autowerken sollen Kriegsfabriken werden, egal welcher Rüstungskonzern am Ende die Aufträge liefert.

txt: Willy Sabautzki


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