Literatur und Kunst

25.10.2023: Der Allesfresser von Nancy Fraser liest sich in der Tat recht flott, einleuchtend und motivierend und mag dazu beitragen, die Leserschaft einfühlsam über die komplexen Zusammenhänge von Produktion und sozialer Reproduktion einer kapitalistischen Gesellschaft nachvollziehbar aufzuklären, resümiert Willy Sabautzki nach dem Lesen des Buches von Nancy Faser.

 

Nancy Fraser liefert mit ihrem Buch eine systematische Kritik des kapitalistischen Wirtschafts- und Gesellschaftssystems, das sie sie als "kannibalischen Kapitalismus“ bezeichnet. In ihren Ausführungen verwendet sie die Metapher "Kannibalismus“ für ein System, "das darauf ausgerichtet ist, die sozialen, politischen und natürlichen Grundlagen seiner eigenen Existenz zu verschlingen - und damit auch die Grundlagen unserer Existenz“ (11).

Für Nancy Fraser ist der "kannibalische Kapitalismus“ die Ursache für die allgegenwärtige Krise, deren verschiedene Erscheinungsformen sich gegenseitig verschärfen. Sie will den Blick auf den Kapitalismus erweitern um die außerökonomischen "Zutaten“ zur Sättigung der kapitalistischen Fresssucht, des Akkumulationszwangs.

Wir erleben derzeit, so Fraser, "eine schwere kapitalistische Krise …, ohne dass es eine kritische Theorie gibt, die sie erklärt – oder uns gar eine emanzipatorische Lösung aufzeigt“ (18).

Die Autorin bezieht sich positiv auf Marx und sein theoretisches Hauptwerk, "Das Kapital“. Aber sie wendet ein, Marx habe es bei allen Verdiensten versäumt, "Geschlecht, 'Rasse‘, Ökologie und politische Macht als strukturierende Achsen der Ungleichheit systematisch zu berücksichtigen“ (19). Denn die "wirtschaftlichen Vordergrundmerkmale“ des Kapitalismus, also das Kapitalverhältnis, Mehrwertproduktion und -aneignung, Ausbeutung, so Fraser, hängen "von nichtökonomischen Hintergrundbedingungen“ ab (40). Das sind "soziale Reproduktion, die Ökologie der Erde, politische Macht“ und der ständige "Zufluss von Reichtum“, der "von rassifizierten Bevölkerungen enteignet wurde“ und wird (41).

Im zweiten Abschnitt ihres Buches führt sie den Nachweis, dass der Kapitalismus schon immer aufs Engste mit rassistischer Unterdrückung verwoben war (57ff.). Für diese "rassistisch motivierte Unterdrückung“ gibt es im Kapitalismus eine "strukturelle Basis“ (77).

Zusammengefasst: "Es war die Expropriation der Menschen in der Peripherie (auch der Peripherie innerhalb des Zentrums), die die billigen Nahrungsmittel, Textilien, Rohstoffe und Energieträger lieferte, ohne welche die Exploitation der Industriearbeiter in den Metropolen nicht profitabel gewesen wäre“ (81). Das gilt auch für den gegenwärtigen Finanzmarktkapitalismus (85).

Das ganz besondere Anliegen der Autorin, das sich wie ein roter Faden durch ihr Buch hindurchzieht, ist die Analyse des Kapitalismus als "Care-Verschlinger“ (97ff.). Denn das "Kapital ernährt sich nicht nur vom Reichtum rassifizierter Bevölkerungsgruppen“, sondern es lebt auch davon, dass sich Menschen "um Familien kümmern, Haushalte in Schuss halten, Gemeinschaften unterstützen, Freundschaften pflegen, politische Netzwerke aufbauen und Solidaritäten schmieden“ (97). Dieser "Care- oder Sorgearbeit“ ist es zu verdanken, dass das Kapital stets mit "verwertbarer Arbeitskraft“ versorgt wird (ebd.).

Ohne "diese soziale Reproduktionsarbeit“ gäbe es weder Produktion noch Profit noch Kapital, weder Wirtschaft noch Kultur noch Staat. Die kapitalistische Wirtschaft ist also auf diese soziale Reproduktionsarbeit zwingend angewiesen – gleichzeitig aber "droht ihr Streben nach unbegrenzter Akkumulation genau diese Reproduktionsprozesse und -kapazitäten zu destabilisieren“ (103).

Die Autorin zeigt, dass die kapitalistische Wirtschaft ein Trittbrettfahrer von Tätigkeiten der Fürsorge und Interaktion ist, denen kein monetärer Wert zuerkannt werde, sondern die als kostenlos behandelt werden (100). Sozialreproduktive Tätigkeit sei für das Funktionieren des Kapitalismus unabdingbar, da die produktive Lohnarbeit und der aus ihr gewonnene Mehrwert ohne die Sorgearbeit nicht existieren könne.

In einem weiteren Abschnitt argumentiert die Autorin, dass Umweltpolitik zugleich auch antikapitalistisch sein müsse (129ff.) Denn der Kapitalismus habe nicht nur zur Arbeit, sondern auch zur Natur ein "kannibalistisches“ Verhältnis. Er profitiere von der Natur, "destabilisiere“ sie aber zugleich, weil sie "sich nicht wirklich unbegrenzt erneuern“ könne (141f.) Eine gegenhegemoniale Bewegung muss für Fraser daher über das rein Ökologische hinausgehen und seine "ökologische Diagnose“ mit anderen "lebenswichtigen Anliegen verbinden“ (133).

Auch die Krise der Demokratie, die Nancy Fraser fest verankert in einer gesellschaftlichen Matrix verortet, bezieht sie in ihre analytischen Betrachtungen mit ein (189ff.). Das gegenwärtige Akkumulationsregime habe auch eine Krise des demokratischen Regierens erzeugt. Sie wertet Analysen, die diese Krise der Demokratie allein dem Neoliberalismus anlasten, als nicht ausreichend: Der "Kapitalismus überhaupt“ sei "anfällig für politische Krisen und schädlich für die Demokratie“ (192). Es handele sich um kein Demokratiedefizit, sondern die historisch spezifische Form des politischen Widerspruchs des Kapitalismus. Und ja, es ist ihr wohl zuzustimmen, dass erst der Beschluss einer kritischen Masse, die Ordnung durch kollektives Handeln ändern zu wollen, zu einer tatsächlichen Änderung der Ordnung führen könne (213).

Fraser schließt ihr Buch mit einem Kapitel, das die zuvor erläuterten Themen zu einem Plädoyer für Sozialismus im 21. Jahrhundert zusammenfasst (225ff.). Sie kommt zu dem Schluss, dass wenn der Kapitalismus die nichtökonomischen Stützen der Warenproduktion kannibalisiere, dann müsse eine sozialistische Alternative mehr tun, als das Eigentum an den Produktionsmitteln zu vergesellschaften. Sie müsse auch die zuvor von ihr benannten "Ungerechtigkeiten beseitigen“ (235). Die Alternative müssen auch die Beziehung der Produktion zu ihren nichtökonomischen Hintergrundbedingungen transformieren. Sie müsse also "nicht ‚nur‘ die Klassenherrschaft“ überwinden, "sondern auch die Asymmetrien zwischen den Geschlechtern, die rassistische/ethnische/imperialistische Unterdrückung und die politische Herrschaft in den unterschiedlichsten Bereichen“ (240) und natürlich auch das Problem "Klimawandel“ (250) lösen.

Das bedeutet, die Zusammenhänge von Herrschaft und Emanzipation, von Klasse und Krise, von Eigentum, von notwendiger Arbeit, freier Zeit und gesellschaftlichem Überschuss im Kontext eines nicht nur ökonomischen, sondern systemischen Gesellschaftskonzepts zu begreifen.

Und in diesem erweiterten Sinne wäre Sozialismus als "echte Alternative“ zu dem System zu begreifen, "das derzeit den Planeten zerstört und unsere Chancen auf ein freies, demokratisches und gutes Leben zunichtemacht“ (250).

Aufmerksame Leser:innen sehen, dass auch schon andere kritische und marxistische Theoretiker:innen vor ihr ähnliche Gedanken formuliert haben. Der Allesfresser von Nancy Fraser liest sich aber in der Tat recht flott, einleuchtend und motivierend und mag dazu beitragen, die Leserschaft einfühlsam über die komplexen Zusammenhänge von Produktion und sozialer Reproduktion einer kapitalistischen Gesellschaft nachvollziehbar aufzuklären.

Buch Nancy Fraser Der Allesfresser Titelseite

Nancy Fraser
Der Allesfresser
Wie der Kapitalismus seine eigenen Grundlagen verschlingt,
übersetzt von Andreas Wirthensohn,
Berlin 2023, Suhrkamp Verlag, 282 Seiten,
20,60 Euro

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