Literatur und Kunst

23.11.2023: Die deutsche Kolonialbesatzung in Afrika und die damit verbundenen Verbrechen bis hin zum Völkermord zählen zu den verschwiegenen Themen – wenn man von den kolonialen Straßennamen v.a. in Berlin absieht. Das Wüten der deutschen Schutztruppe in Deutsch-Ostafrika ist Gegenstand von Romanen des in Sansibar geborenen und in England lebenden Literatur-Nobelpreisträgers Abdulrazak Gurnah.

 

 

"Gräueltaten der deutschen Kolonialbesatzung" im damaligen Deutsch-Ostafrika würden die gemeinsame Geschichte überschatten, räumte Bundespräsident Steinmeier bei seinem Besuch in Tansania Anfang November ein. Er sprach sich dafür aus, "dass wir dieses dunkle Kapitel aufarbeiten müssen". Seine Rede enthielt zwar Worte des Bedauerns, die Vokabel "Völkermord" kam darin allerdings nicht vor. Ebenso wenig verlor er ein Wort zu Entschädigungszahlungen an die Opfernachfahren. Allein bei der Niederschlagung des Maji-Maji-Aufstands 1905 bis 1907 starben bis zu 300.000 Menschen durch deutsche Kolonialtruppen.

Die Kolonialherrschaft in Deutsch-Ostafrika währte von 1885 bis zum Ende des Ersten Weltkrieges und war Bestandteil der staatlich organisierte Kolonialpolitik des deutschen Kaiserreichs. Die mit dem Begriff "Schutzgebiete" bezeichneten Kolonien waren Deutsch-Südwestafrika (heute Namibia), Togoland (heute Togo); Kamerun; Deutsch-Ostafrika (heute Tansania und Burundi); Nord-Neuguinea, die Salomon-Inseln, Nauru, Mariannen-Inseln, Karolinen, Palau, Samoa; Kiautschou/ Tsingtau (heute Volksrepublik China).

Buch A Gurnah Deutsche Schutztruppen


Zur Sicherung der dortigen "deutschen Interessen" sorgten die sogenannten "Schutztruppen". Da diese Gebiete nicht als Teil des Deutschen Reichs galten, konnten sich die Bewohner demnach nicht auf dessen Verfassungs- und Rechtsgarantien berufen. So durfte z.B. Carl Peters, Kolonist im Kilimandscharo-Gebiet, Antisemit und Sadist, als ein "grimmiger Arier in Ermangelung von Juden drüben in Afrika Neger totschießen wie Spatzen", wie es 1899 im sozialdemokratischen "Vorwärts" hieß.

"...weil wir die Stärkeren sind"

Das Wüten der deutschen Schutztruppe in Deutsch-Ostafrika ist Gegenstand von Romanen des in Sansibar geborenen und in England lebenden Literatur-Nobelpreisträgers Abdulrazak Gurnah. Gurnahs Werk verarbeitet zahlreiche der im Namen des deutschen Kolonialismus begangenen Gräueltaten und deren bis in die Gegenwart reichenden Folgen.

Vor allem sein aktuell vorliegender Roman, "Nachleben", der sich als eine Art Fortführung seines Romans "Das verlorene Paradies" lesen lässt, hat dies zum Inhalt.

Buch A Gurnah NachlebenAm Beispiel der wenig chronologisch erzählten Schicksale von Ilyas, Hamza und Afiya erfahren die Lesenden von den Lebensbedingen der Menschen in Ostafrika Anfang des 20. Jahrhunderts unter der Knute und/oder dem Wohlwollen der deutschen Kolonialherren.

"Mittlerweile hatten die Deutschen alle Revolten in Deutsch-Ostafrika unter Kontrolle gebracht, oder wenigstens glaubten sie das. Die Schutztruppe – eine Armee aus Askari genannten afrikanischen Söldnern unter dem Kommando von Oberst Wissmann – bestand zu der Zeit aus entlassenen nubischen Soldaten, die für die Briten gegen die Mahdi im Sudan gekämpft hatten und aus Zulu-Rekruten aus dem südlich gelegenen Portugiesisch-Ostafrika. Trotzdem gab es noch viel für sie zu tun, denn auf ihrem Weg ins Hinterland begegneten ihnen weitere Völker, die kein Interesse daran hatten, deutsche Untertanen zu sein. Noch ahnten sie nichts vom Maji-Maji- Aufstand, der sich zur größten aller Rebellionen ausweiten und die Deutschen und ihre Askari-Armee zu noch größerer Grausamkeit anstacheln würde." (12/13)

Zum Selbstverständnis der deutschen Offiziere heißt es im Roman: "Aus dem Grund bin ich hier – um in Besitz zu nehmen, was uns rechtmäßig zusteht, weil wir die Stärkeren sind. Wir haben es mit rückständigen Wilden zu tun, die wir nur beherrschen können, indem wir sie und ihre eitlen Liliput-Sultane in Angst und Schrecken versetzen und mit Gewalt zum Gehorsam zwingen. Die Schutztruppe ist unser Instrument." (116)

Vor diesem Hintergrund entfaltet Gurnah seine mehrsträngige Erzählung. Zwei seiner Hauptpersonen sind Ilyas und Hamza, die sich als sogenannte Askari anwerben lassen, afrikanische Hilfssoldaten für die Schutztruppe, die Kolonialarmee der Deutschen. Sie kämpfen also für eine fremde Macht in einem Krieg, der sie nichts angeht, was den einen, Ilyas, das Leben kosten und den anderen, Hamza, zum Invaliden machen wird. Als dritte Hauptfigur kommt Afiya hinzu, die jüngere Schwester von Ilyas, die später Hamza heiraten wird.

Gurnah zeichnet ein differenziertes, ambivalentes Bild von der deutschen Kolonialherrschaft in Afrika. Hamza wird als Askari einerseits von brutalen Unteroffizieren geschunden - aber ein anderer namenlos bleibender Offizier erwählt den hübschen Jungen zu seinem Liebling, bringt ihm Deutsch bei und schenkt ihm Schillers Musenalmanach. Das Verhältnis der beiden bleibt im Roman verstörend uneindeutig.

Ilyaz, der andere Protagonist des Romans, ist als Kind auf eine deutsche Missionsschule geraten, wo er Lesen und Schreiben und die deutsche Sprache erlernt hat. Er ist den Deutschen so verbunden, dass er sich, als der Erste Weltkrieg beginnt, freiwillig meldet, um für die Kolonialmacht gegen die Engländer zu kämpfen.

Doch dann ist er bis zum Ende des Romans verschwunden und spielt - allerdings als Vermisster erst ganz am Ende wieder eine Rolle. Aber da sind wir dann bereits in den 1950er Jahren angelangt, als sich sein Neffe auf der Such nach ihm begibt. Dieser findet seine Spur im Nazi-Deutschland, wo sie im KZ Sachsenhausen endet.

So laufen auf den letzten vierzig Seiten des Buches die verschiedenen Erzählstränge dann doch noch zusammen. "Wenn es eine afrikanische Erzähltradition gibt, an die Gurnah anknüpft, dann ist es diese Umwegigkeit und die Geduld, auch Sackgassen und Nebenstrecken bis zum Ende abzuschreiten. Man durchquert diesen Roman wie eine geräumige Residenz, geht von Zimmer zu Zimmer, von Kapitel zu Kapitel, von Ereignis zu Ereignis." schreibt Sylvia Staude in der Frankfurter Rundschau (14.9.22) sehr treffend.

Stilistisch bleibt der Text hinter dem vom "Das verlorene Paradies" zurück. Passagenweise liest sich der Roman wie ein Geschichtsbuch, das durch lebendige Einzelbeispiele und Schicksale illustriert wird. Dieses etwas betuliche, formal unambitionierte Erzählen ist mitunter etwas ermüdend.

Das verlorene Paradies

In diesem 1994 erstmals veröffentlichtem Roman (zeitlich vor "Nachleben" handelnd) schimmert die deutsche Kolonialgeschichte in Deutsch-Ostafrika nur andeutungsweise durch, die Lesenden werden sie aber im Hintergrund als immer virulent bedrohlich empfinden.

Buch A Gurnah Das verlorene ParadiesOrt der Handlung ist die ostafrikanische Küste in Höhe Sansibars gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht des zwölfjährigen Yusuf. Als der Vater sich mit seinem kleinen Hotel verschuldet, wird Yusuf in die Hände von "Onkel" Aziz, einem umtriebigen Kaufmann und Geldverleiher gegeben, um die Schulden abzuarbeiten. Herausgerissen aus der ländlichen Idylle landet Yusuf im lebhaften Treiben der Küstenstadt zwischen arabischen Sklavenhändlern, afrikanischen Muslimen, christlichen Missionaren und indischen Geldverleihern. Als sein Herr ihn auf eine Karawanenreise ins Landesinnere mitnimmt, endet Yusufs Jugend. Die gefährliche Unternehmung bringt Krankheit und Tod und zeigt allen Teilnehmern schmerzhaft, dass die traditionelle Art des Lebens und des Handels vor dem Hintergrund des Agierens der auf den Plan tretenden Kolonialmächte keine Zukunft mehr hat.

Den Roman zeichnet eine einzigartige Lebenswelt der ostafrikanischen Küstenbevölkerung mit den unterschiedlichen afrikanischen, indischen und arabischen Einflüssen. Die Verkehrssprache Swahili sowie der Islam waren in dieser kosmopolitischen Sphäre offensichtlich die verbindenden und prägenden Elemente.

Das Bild, das Gurnah von "den Deutschen" zeichnet, also den sich als Kolonialherren aufspielenden, die zum Zeitpunkt des Romans ihre Macht in Afrika ausbauen wollen, fällt düster aus. Darin heißt es z.B. : Yusuf erfährt von ihnen aus den Erzählungen eines Freundes. "Bewundernd sprach er von ihrer Strenge und Unerbittlichkeit. Jeder Verstoß wurde bestraft, wie sehr das Opfer auch um Gnade flehe oder sich zu bessern gelobe, erzählte er. Je härter die Strafe, desto unerbittlicher und unversöhnlicher sind sie. Und ihre Bestrafung ist immer hart. Ich glaube, sie strafen gerne. Bring ihnen einen Mörder, und ihre Augen funkeln vor Glückseligkeit, wenn sie die Galgen aufstellen." (151).

Mich hat dieser Roman sehr angerührt und mir Zugang zu einer geografischen und historisch-kulturellen Welt geschaffen, die mir bisher wenig bekannt war. Und der Roman ist wunderbar geschrieben.

txt: Günther Stamer

 

Buch A GurnahAbdulrazak Gurnah
Abdulrazak Gurnah gehörte zur muslimisch- arabischstämmigen Minderheit in Sansibar. Seine Muttersprache ist Swahili. 1968 kam er als Flüchtling nach Großbritannien und studierte in London Literaturwissenschaft. Von 1980 bis 1982 lehrte Gurnah in Kano, Nigeria. Anschließend ging er an die Universität Kent, wo er promovierte und bis zu seinem Ruhestand als Professor für Englisch und postkoloniale Literaturen lehrte. Gurnah hat bisher zehn Romane veröffentlicht. 2021 erhielt er den  Literatur-Nobelpreis "für sein kompromissloses und mitfühlendes Durchdringen der Auswirkungen des Kolonialismus und des Flüchtlingsschicksals in der Kluft zwischen Kulturen und Kontinenten."

 

Abdulrazak Gurnah
Nachleben
Penguin-Verlag, München 2022,
384 Seiten, 26 Euro

Abdulrazak Gurnah
Das verlorene Paradies
Penguin Verlag, München 2021,
336 Seiten, 25 Euro

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Mehr als 2 Millionen Menschen, darunter 1,7 Millionen Palästina-Flüchtlinge, zahlen den verheerenden Preis für die Eskalation im Gazastreifen.
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