14.04.2026: Zu seinem 80. Geburtstag hat sich Heinz Stehr selber ein Geburtstagsgeschenk gemacht. Seine von ihm geschriebene 'emotionale Sach-Biografie' "Der rote Faden".
Am 8. März feierte der ehemalige schleswig-holsteinische SDAJ- und DKP-Vorsitzende Heinz Stehr seinen 80. Geburtstag. Aus diesem Anlass lud der Jubilar zu einer Feier in die Elb-Diele am Kolmarer Elbstrand (zwischen Elmshorn und Glückstadt gelegen). Mehr als hundert Freund:innen, Genoss:innen und Weggefährt:innen fanden den Weg an die Elbe. Das ausgedehnte Festessen wurde kulturell umrahmt mit musikalischen Beiträgen u.a. von Kai Degenhardt, der Oma-Körner-Band und Werner Lutz.
Politisch stand auf der Feier die Solidarität mit dem sozialistischen Kuba angesichts der unverhohlenen Drohungen der Trump-Regierung im Mittelpunkt. Insgesamt kamen auf der Geburtstagsfeier 1.600 Euro an Kuba-Solidarität zusammen, die der Leitung der Kinderklinik Rosa Luxemburgo in Cárdenas in der Provinz Matanzas zur Verfügung gestellt werden wird.
Eine emotionale Sach-Biografie
"Möge dieses Buch möglichst viele Menschen dazu motivieren, auf eine Frage neugierig, lernend, mutig und selbstbewusst eine Antwort zu finden: Wie will ich in was für einer Welt leben?"
aus dem Vorwort
Pünktlich zum Geburtstag hatte sich Heinz Stehr selber ein Geburtstagsgeschenk gemacht. Seine von ihm geschriebene "emotionale Sach-Biografie" "Der rote Faden" lag druckfrisch auf dem Tisch.
"Wenn das man nicht wegweisend war: Ich bin in der Pinneberger Friedensstraße 75 gegenüber der Friedenseiche bei einer Hausgeburt zur Welt gekommen, neun Monate nach der Befreiung vom Faschismus." Zurückblickend auf die "kommunistische Tradition" durch Urgroßvater/Großvater/Eltern beginnt er 1962 eine Schiffsmaschinenschlosser-Lehre auf der HDW in Hamburg als Ausgangspunkt für seinen Berufswunsch Schiffsingenieur zu werden. Um das zu erreichen, waren nach Abschluss der Lehre weitere sieben Jahre erforderlich: Vier Jahre mit einem Schiff auf See und in Anschluss daran drei Jahre Studium.
Insbesondere die Erlebnisse während seiner Zeit der "Se(h)fahrt" (S. 46-68), die ihn um die ganze Welt führten, zählen zu den farbigsten Schilderungen des Buches.
Nach der Seefahrtzeit war Heinz Stehr von 1976 bis 1982 SDAJ-Landesvorsitzender und von 1986 bis Ende 1989 stellvertretender bzw. Bezirksvorsitzender der DKP in Schleswig-Holstein.
Geschichte in persönlichen Geschichten
Zwei Beispiele aus dem Buch, die die Verbindung von persönlichem Erleben und Zeitgeschichte verdeutlichen:
"Am Tag des KPD-Verbots (16.8.1956) hatte ich am späten Vormittag die Zeitungen ‚Norddeutsches Echo‘ und ‚Hamburger Volkszeitung‘ vom Pinneberger Bahnhof geholt, um sie nach dem Mittagessen an die etwa 60 Abonnentinnen und Abonnenten zu verteilen. In dieser Tageszeit gehörte unser Familienfahrrad mir. 1954 hatte ich als Zeitungsjunge begonnen, erst 1962 mit dem Beginn der Berufsausbildung beendete ich diese Arbeit. Zu Hause wurde ich nach dem Klingeln von Polizisten empfangen, die sofort alle Zeitungen beschlagnahmten. Eine Hausdurchsuchung war bereits in vollem Gange. Ich meine, daran waren drei Personen beteiligt, jeweils von der politischen und der grünen Polizei und ein sogenannter 'Zeuge' vom Ordnungsamt.
Ich war verzweifelt und wütend angesichts dieses Unrechts und ließ den Tränen freien Lauf. Meiner Mutter machte ich Vorwürfe, weil sie es versäumt hätte, mir rechtzeitig ein Zeichen zu geben. Dann hätte ich die Zeitungen noch austragen können, behauptete ich. Es war eine Mischung aus Angst, Widerstand und Unrechtsbewusstsein, die mich verzweifeln ließ. Das störte die Akteure der Staatsmacht nicht weiter, sie suchten und fanden zum Beispiel unsere Kinderpost. Auch die wurde beschlagnahmt, weil man angeblich damit Flugblätter drucken konnte."
"Im Alter von 16 Jahren wünschte ich mir, zu meinem Eintritt in die KPD, ein gerade erschienenes Buch von Fidel Castro. Als ich 1996 mit Fidel Castro zusammentraf, wir ein Glas Rum zusammen tranken und er mich über die Entwicklungen in der BRD und und unserer Partei befragte, war allein die Tatsache, dass Fidel viel über uns wusste, solidarisch und interessiert nachfragte, ein Riesenerlebnis. Insgesamt wünsche ich mir hier mehr Neugier, um Lebensbedingungen und politische Prozesse ferner Länder zu verfolgen, sie offener zu betrachten. Mich haben nationale Borniertheit, Überheblichkeit gegenüber Menschen aus anderen Teilen der Welt oder gar Diskriminierung immer abgeschreckt."
Den Kompass neu justieren
In der zweiten Hälfte des Buches setzt sich der Autor mit dem Endes des Realsozialismus in Europa auseinander und den gravierenden Folgen für die Inhalte und die Existenzbedingungen einer Kommunistischen Partei in der Bundesrepublik. Die politische Welt änderte sich dramatisch, aber der Kapitalismus blieb: ein System, das Mensch und Natur gleichermaßen ausbeutet. Also musste es für ihn weitergehen mit der Suche nach Alternativen und dem Widerstand gegen Kriege, gegen die riesige Kluft zwischen arm und reich, gegen Naturzerstörung und jede Form von faschistischer Bedrohung.
Ein Foto vom Wasserturmfest 2013 mit Esther Bejerano, Peggy Parnass und Marianne Wilke. Esther war Vorsitzende des Auschwitz Komitees. Peggy war eine aktive Antifaschistin und Marianne, Ehrenvorsitzende der VVN-BdA. Das Wasserturmfest der DKP Elmshorn beim Reinhold-Jürgensen-Zentrum war jahrzehntelang über die Stadtgrenzen hinaus bekannt für politische Diskussionen und Kultur sowie internationale Speisen und Getränke
Heinz wurde 1990 als einer der Sprecher:innen der DKP auf Bundesebene gewählt; 1993 bis 2010 war er deren Vorsitzender. Dieser Teil seines Buches (S.131-187) - Berichte aus dem Maschinenraum der Partei - ist für Außenstehende doch etwas sehr detailreich geraten.
Heinz Stehr lebt in Elmshorn (Kreis Pinneberg), ist weiter in der DKP, im "Netzwerk kommunistische Politik", in der "marxistischen linken" aktiv, ebenso wie in den örtlichen Gremien der IG Metall und der VVN-Bund der Antifaschist:innen.
Hoffnung schöpft der Autor daraus, dass infolge des zunehmenden Gewichts der Volksrepublik China eine multipolare Weltordnung entstehen könnte, die die unheilvolle Dominanz der USA in die Schranken verweist, und weltweit die Spielräume für progressive politische und ökonomische Entwicklungen vergrößert.
"Marx und Engels haben relativ wenig zu Sozialismusvorstellungen geschrieben. Sie hielten wenig von Rezepte oder detailversessenen Zielmarken." Maßstab ihrer Vorstellungen war, eine Welt zu schaffen "in der Menschen ihre Fähigkeiten entwickeln können zur Befriedigung eigener und gesellschaftlicher Bedürfnisse. Es bleibt zu hoffen, dass sich bei allen Problemen, Hindernissen und Rückschritten die solidarische Zukunftsversion durchsetzen wird!"
"Die kommunistische Bewegung, die solche Menschen hervorgebracht hat, muss sehr in Ordnung gewesen sein."
Georg Fülberth nach dem Lesen des Buches
Wer wird dies Buch lesen wollen?
Zum einen gewiss viele, deren politische oder persönliche Wege sich mit denen des Autors irgendwann einmal gekreuzt haben. Darüber hinaus bietet das Buch – gerade in Hinblick auf den bevorstehenden Tag der Befreiung am 8. Mai - eine "Gegenerzählung" zu offiziellen "BRD-Geschichte". Und schließlich interessiert vielleicht auch den einen oder anderen die Frage: Warum wurde so einer Kommunist und vor allem: Warum bleibt so einer Kommunist?
Der Autor schreibt im Vorwort, dass er sich freuen würde, wenn junge Menschen durch sein Buch Anregungen für die eigene Lebensgestaltung gewinnen könnten.
Einer, der das Buch schon gelesen hat, ist Prof. Georg Fülberth, Marburger Politikwissenschaftler und dort einige Jahre lang als DKP-Mitglied Stadtverordneter. Er schreibt: "Das Buch überzeugt mich nicht nur durch seine Informationen und Urteile über Erlebtes, sondern durch das, was ich 'Erdung' nennen möchte, das Aufgehobensein in der Solidarität, die Du von anderen erfahren hast und die Du ihnen gegeben hast und immer noch gibst. Selbst Außenstehende werden sagen: Die kommunistische Bewegung, die solche Menschen hervorgebracht hat, muss sehr in Ordnung gewesen sein."
txt: Günther Stamer

Heinz Stehr
Der rote Faden. Aus dem Leben und Wirken des ehemaligen DKP-Vorsitzenden
tredition GmbH, Ahrensburg 2026
ISBN 978-3-384-82871-2
220 Seiten, 20 Euro
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