Literatur und Kunst

29.10.2026: In ihrem modernen Anti-Heimat-Roman "Die Lücken" erzählt Shida Bazyar von verdrängter Erinnerung im fiktiven Ort Heimesbach im Hunsrück. Nicht nur an Gebäuden und auf Pflastersteinen klebt Blut, sondern auch an den Händen seiner Bevölkerung. ++ Sie stellt sich in die Tradition von Uwe Timm und Gerd Fuchs.

 

"Dass die Weltgeschichte von Zeit zu Zeit umgeschrieben werden müsse, darüber ist in unseren Tagen wohl kein Zweifel übrig geblieben. Eine solche Notwendigkeit entsteht aber nicht etwa daher, weil viel Geschehenes nachentdeckt worden, sondern weil neue Ansichten gegeben werden, weil der Genosse einer fortschreitenden Zeit auf Standpunkte geführt wird, von welchen sich das Vergangene auf neue Weise überschauen läßt."

Diese Worte Goethes hat Shida Bazyar an den Anfang ihrer Rede anlässlich der Auszeichnung Uwe Timms mit dem Goethepreis Ende August 2026 in Frankfurt gesetzt.[1] Sie würdigte Uwe Timm vor allem dafür, dass er in seinen Romanen mehr als hundert Jahre deutsche Geschichte "von neuen Standpunkten aus" erzählt. Besonders geht sie in ihrer Laudatio dabei auf Uwe Timms 1978 veröffentlichten Roman "Morenga" ein. Bis heute ist dieses Buch eines der wenigen literarischen Werke, das den Genozid an den Ovaherero und Nama im ehemaligen Deutsch-Südwest-Afrika zum Gegenstand hat.

Nach den Plänen der Bundesregierung (und ihres unsäglichen Kultur-Staatsministers) soll aber die Beschäftigung mit dem deutsche Kolonialismus nicht mehr als eine zentrale Säule der Gedenkkultur berücksichtigt werden. Um dem entgegen zu wirken hatte die Fraktion Die Linke am 14.Oktober eine Debatte zu den deutschen Kolonialverbrechen im heutigen Namibia initiiert und einen Antrag eingebracht, in dem sie eine vollumfängliche Anerkennung der zwischen 1904 und 1908 begangenen Taten als Völkermord, echte Reparationszahlungen an die Nachfahren der Opfer und deren Beteiligung an Verhandlungen darüber fordert.

Shida Bazyar mit dem "Deutschen Buchpreis" ausgezeichnet

Lücken der verdrängten deutschen Vergangenheit zu füllen hat sich Shida Bazyar auch in ihrem mit dem "Deutschen Buchpreis" ausgezeichneten Roman "Die Lücken" vorgenommen.

"War es das Entsetzen über mich selbst, dass ich gedacht habe, ich weiß so viel über die NS-Zeit, und gleichzeitig habe ich nicht vor der eigenen Haustür nachgefragt."

Der Roman ist in dem fiktiven Hundsrückdorf Heimesbach angesiedelt (unschwer als Bazyars Geburtsort Hermeskeil zu dechiffrieren) und erzählt die Geschichte dieses Ortes von den 1920ern über die NS-Zeit bis zur Gegenwart anhand von Geschichten ihrer Bürger:innen. Dabei geht die Autorin nicht chronologisch vor, sondern schildert das Geschehen immer aus dem Blick dieser Personen - und das auf verschiedenen Zeitebenen. Das ist für die Leser:innen, vor allem zu Anfang, nicht immer ganz einfach. Aber: Das Personen- und Zeitpuzzle zusammenzufügen gelingt im Fortgang des Buches immer besser. Das Buch erfordert also etwas Geduld und Ausdauer bis man wiederkehrende Personen erkennt, auch weil sie vielleicht inzwischen gealtert sind, bis man versteht, wer mit wem verwandt oder befreundet ist.

Am Ende bleibt als Resümee: Gut komponiert. Und das Mosaik aus vierzig Erzählungen lädt im Nachklapp auch dazu ein, die eine oder andere Erzählung als Solitär erneut zu lesen.

Neben allen Figuren Ihres Romans hat Shida Bazyar zusätzlich eine namenlose Erzählerin erschaffen, die als "Allwissende" nicht nur über das Geschehene blickt, sondern dieses auch von Zeit zu Zeit kommentiert. Auf diese Figur hätte die Autorin meiner Meinung nach verzichten können. Was die Figuren machen und sagen, steht für sich selbst und benötigt keine Kommentierung.

Zur Zeit des Faschismus war Heimesbach/Hermeskeil ein Gau-Musterdorf, früh war man "judenfrei" und stolz darauf.

Das Buch versammelt eine Vielzahl von Stimmen des Ortes Heimesbach über einen Zeitraum von neunzig Jahren: Zu lesen ist von jüdischen Bürger:innen und begeisterten Faschisten, Geschichtsvergessenen, engagierten Bürger:innen und Flüchtlingsfamilien. Zu Vorschein kommt ein trügerisches "Heimat-Idyll", eine verdrängte NS-Vergangenheit, Argwohn und Gewalt gegenüber allem, was fremd erscheint. So wie es einst für die Jüdinnen und Juden galt und sechzig später in anderer Form für die Geflüchteten, die hier Schutz suchten. Shida Bazyar hat dabei ihre Migrations- und Ausgrenzungserfahrungen anhand des Schicksals von zwei geflohenen iranischen und kurdischen Familien einfließen lassen.

Zur Zeit des Faschismus war Heimesbach/Hermeskeil ein Gau-Musterdorf, früh war man "judenfrei" und stolz darauf. Fast alle jüdischen Bewohner:innen wurden in KZs deportiert und getötet; an ihrem Besitz hatte man sich bereichert. Noch 1970 hat man dort in der Stadtchronik behauptet, die Hermeskeiler Juden und Jüdinnen hätten sich in Sicherheit bringen können und überlebt, dabei wusste man doch, dass sie ermordet wurden.

Shida Bazyar: "Ich bin selbst auf die Behauptung der Unschuld ländlicher Regionen reingefallen. Weil wir, wenn wir von Nazis sprechen, immer so tun, als ob es "die anderen", die aus den Metropolen, waren. Für mich war Hermeskeil ein Ort, der nichts mit der deutschen Geschichte zu tun hat. Und deswegen war das für mich doppelt augenöffnend. Erstens zu sehen, was die wirkliche Geschichte von Hermeskeil ist: die der Juden und Jüdinnen, die ermordet oder vertrieben wurden, sowie die der Täter. Hermeskeil war ein sogenanntes Gaumusterdorf – das heißt, der Ort profitiert immer noch von Gebäuden, die in jener Zeit gebaut wurden. Und zweitens war es eben das Entsetzen über mich selbst, dass ich gedacht habe, ich weiß so viel über die NS-Zeit, und gleichzeitig habe ich nicht vor der eigenen Haustür nachgefragt."[2]

Von Gerd Fuchs inspiriert

Shida Bazyar wurde1988 in Hermeskeil als Kind iranischer Eltern geboren. Ihre Eltern mussten 1987 wegen ihrer kommunistischen Überzeugung aus ihrer Heimat fliehen. Shida Bazyar studierte Literarisches Schreiben in Hildesheim und war viele Jahre in der Jugendbildungsarbeit tätig. Ihren Debütroman "Nachts ist es leise in Teheran" veröffentlichte sie 2016, "Drei Kameradinnen" folgte 2021.

Im Nachwort ihres Romans "Die Lücken" schreibt Shida Bazyar, dass die Bücher des Schriftstellers Gerd Fuchs (1932-2016) sie für das Buch sehr inspiriert hätten. Fuchs besuchte in Hermeskeil nach Ende des Faschismus Volksschule und Progymnasium und wechselte dann zum Hindenburg-Gymnasium in Trier, wo er 1952 das Abitur machte. Seit 1968 "freier Schriftsteller" und Lektor und gemeinsam mit Heinar Kipphardt und Uwe Timm von 1973 bis 1982 Mitherausgeber der AutorenEdition, die für den Versuch einer neuen realistischen Prosa und zugleich für ein neues verlegerisches Modell in der Bundesrepublik stand.

In seinem Roman "Stunde Null" (1981) untersucht Fuchs mit einem breit aufgestellten Personal die Situation der Menschen eines Dorfes im Hunsrück in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs und in den ersten Nachkriegsjahren. Da werden dem Leser Kriegsheimkehrer, Schieber, Nazis, Mitläufer, Verführte aber auch Antifaschisten plastisch vor Augen geführt. "Katharinas Nacht" (1992), hat die Zeit des aufkommenden Faschismus im Saarland kurz vor der Saarabstimmung 1935 zum Thema.

In den Besprechungen über Bazyars Buch sucht man vergebens auf diesen Verweis. Da nicht davon auszugehen ist, dass die Rezensent:innen das Buch nicht bis zu Ende gelesen haben, zeugt es einfach von einer gewissen Arroganz gegenüber einem wichtigen deutschen Schriftsteller.

txt: Günther Stamer

Anmerkungen
[1] Rede veröffentlicht in der FAZ vom 29.8.2026
[2] Shida Bazyar im Interview im ND vom 30.9.2026

 

Buch Die Luecken Shida Bazyar

 

Shida Bazyar: Die Lücken.
Kiepenheuer & Witsch,
Köln 2026, 512 S., geb., 25 €.

32. isw-forum:

Jenseits der westlichen Linken – Eine marxistische Dialektik aus Antifaschismus und Antiimperialismus

Ein Vortrag von Lukas Meisner (Philosoph & Herausgeber "Das Argument") über die Zukunft des Marxismus

Samstag, 07. November 2026, 19:00 Uhr

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Neues von der Solidaritätskampagne: 
Schulranzen für Kinder in Gaza. Gaza wird nicht vergessen!

Gaza Soliprojekt 2026 09 06
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