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documenta15 Peoples Justice04.07.2022: Der Artikel von Sabine Leidig auf kommunisten.de "Die documenta-fifteen ist nicht antisemitisch! Wir sollten die Perspektive des globalen Südens annehmen" hat unterschiedliche Reaktionen hervorgerufen. Julie Scheer "widerspricht energisch". Sie hält die documenta 15 gleich" in doppelter Hinsicht für antisemitisch". Ulrich Schneider, der von Sabine Leidig zitiert wurde, hat gebeten, diese Passage zu entfernen, weil es sich um einige Überlegungen handelte, die nicht zur Veröffentlichung gedacht waren. Er hat uns als Ersatz einen Text zur documente 15 zur Verfügung gestellt. Außerdem verweisen wir auf einen ausführlichen Artikel von Katja Maurer auf der Internetseite von medico international.

 

Seit Jahresbeginn wird der documenta fifteen vorgeworfen antisemitische Tendenzen in der Kunst zu befördern und der BDS-Bewegung zu nahe zu stehen. Die Vorwürfe wurden u.a. wegen der Teilnahme des palästinensischen Künstlerkollektivs "Question of Funding" erhoben. Für den Eklat sorgte ein Bild des indonesischen Künstlerkollektivs "Taring Padi". Das Bild wurde erst verhängt und dann vollständig abgebaut.

Inzwischen beschäftigt sich auch die Staatsanwaltschaft mit der documenta. Sie prüft, ob bei einzelnen Kunstwerken auf der documenta der Anfangsverdacht eines strafbaren Verhaltens vorliegt. Die Prüfung beziehe sich auf das Werk "People‘s Justice" des indonesischen Künstlerkollektivs "Taring Padi" und die Bilderserie "Guernica Gaza" des palästinensischen Künstlers Mohammed Al Hawajri teilte die Staatsanwaltschaft mit. Außerdem gebe es mehrere Strafanzeigen gegen Künstler und Verantwortliche der Schau. Es geht dabei um mögliche antisemitische Darstellungen auf dem riesigen Wimmelbild "People‘s Justice". Die Serie "Guernica Gaza“ von Mohammed Al Hawajri setze die Militäraktionen Israels im Gazastreifen mit dem Bombardement der spanischen Stadt Guernica durch die deutsche Luftwaffe im Jahr 1937 gleich.

Der Artikel von Sabine Leidig auf kommunisten.de "Die documenta-fifteen ist nicht antisemitisch! Wir sollten die Perspektive des globalen Südens annehmen" hat unterschiedliche Reaktionen hervorgerufen. Julie Scheer "widerspricht energisch". Sie hält die documenta 15 gleich" in doppelter Hinsicht für antisemitisch". Ulrich Schneider, der von Sabine Leidig zitiert wurde, hat gebeten, diese Passage zu entfernen, weil es sich um einige Überlegungen handelte, die nicht zur Veröffentlichung gedacht waren. Er hat uns als Ersatz einen Text zur documente 15 zur Verfügung gestellt. Außerdem verweisen wir auf einen ausführlichen Artikel von Katja Maurer auf der Internetseite von medico international.

Julie Scheer erhebt Einspruch: Die Documenta 15 ist gleich in doppelter Hinsicht antisemitisch

Liebe Redaktion

Gerade habe ich Euren Artikel "Die Documenta fifteen ist nicht antisemitisch …" gelesen und widerspreche energisch.

Richtig ist, dass der globale Süden zu selten zu Wort kommt. Erschreckend ist aber, und deshalb ist die Dokumenta 15 gleich in doppelter Hinsicht antisemitisch, folgendes:

Der globale Norden ist geprägt von der Idee des Kolonialismus, Imperialismus, der Ausbeutung zum (vermeintlich) eigenen Nutzen und er ist von der tiefen Überzeugung der Ungleichheit der Menschen geprägt, vom Rassismus und - bis in die letzte Pore - vom Antisemitismus. Das hässliche im eigenen Antlitz ist immer der Jude. So, wie es die Christen geschafft haben, sich den Gründungsmythos zu geben, dass Christus und damit vermeintlich sie selbst (bis in alle Ewigkeit) Opfer der Juden sind, schaffen sie es immer noch und immer wieder, die Auswüchse ihres eigenen Kapitalismus auf die Juden zu projizieren. Da ist der christliche zum "linken" Antisemitismus mutiert oder besser: bis zur Unkenntlichkeit verschmolzen.

Sie leugnen, dass der historische Jesus jüdischer Rabbiner war und, wenn überhaupt, Opfer des römischen Imperialismus und einer diesen stützenden Klasse von Klerikern geworden ist, die, was wenig überrascht, ebenfalls Juden waren. Das Märchen wird den Gläubigen erzählt, seitdem die Kirche staatstragend geworden und Kritik an den Herrschenden, dem Machtmissbrauch und der Ausbeutung nicht mehr opportun ist.

Der Antisemitismus ist auch ein europäischer Exportschlager. Es ist geradezu atemberaubend, wie es dem globalen Norden gelungen ist, die hässlichen Seiten des eigenen Systems auf den "jüdischen Kapitalismus" zu projizieren und der globale Süden Kapitalismuskritik nun wie selbstverständlich mit allen Chiffren des Antisemitismus versieht. Genau das ist auf dem verhüllten Bild zu sehen.

Natürlich macht es einen Unterschied, ob in Deutschland Karikaturen aus dem "Stürmer" oder in Stürmermanier veröffentlicht werden, oder ob es ein indonesisches Künstlerkollektiv tut. Antisemitisch sind die Darstellungen trotzdem.

Wenn jetzt also der globale Norden auf den globalen Süden trifft und dort seine eigene tödlichen Lügen in mutierter Form antrifft, dann ist es ein unsäglicher Skandal sich darauf zurückzuziehen, dass der globale Süden eben das Recht darauf habe, den globalen Norden zu kritisieren, wie immer es ihm gefällt. Da nimmt der europäische Herrenmensch den Kolonisierten in Schutz, weil er ihn noch immer nicht ernst nehmen will und nebenbei wieder von den eigenen Schuldprojektionen profitiert. Man hört förmlich das erleichterte Aufatmen. Gott sei Dank hat der hässliche Kapitalist keine Mitra auf!

Eine Auseinandersetzung auf Augenhöhe sieht anders aus. Wenn der globale Norden zulässt, dass der globale Süden Kapitalismus, Militarismus, Gewalt und Ausbeutung symbolisch durch klar erkennbar jüdische Figuren darstellt, dann ist das nicht nur ekelhaft, sondern perfide. Er profitiert doppelt vom eigenen Antisemitismus und sonnt sich in der Vorstellung, dass er nun gemeinsam mit den Opfern des eigenen Systems nunmehr gegen das Böse zu Felde zieht.

Die Selbstgerechten Europäer geben die Geläuterten. Dabei wird der globale Süden schon wieder instrumentalisiert. Die ganze Debatte ist verquer. Es ist an uns klarzustellen, dass alles, was wir dem globalen Süden jemals über die Juden erzählt haben, eine freche Lüge ist. Dass die europäischen Juden die ersten Opfer des christlich-römisch-europäischen Imperialismus waren und über 1500 Jahre nichts anderes getan haben, als irgendwie zu überleben. Was ein Wunder ist. Und was wir den Juden scheinbar immer noch nicht verzeihen wollen.

Welcher Europäer und insbesondere welcher Deutsche auch immer die Empörung nicht verstehen will, die diese Dokumenta zu Recht unter Juden auslöst, der hat die ganze Geschichte und Dimension des europäischen Kapitalismus noch nicht durchdrungen. Es ist unsere Pflicht, dies zu thematisieren und nicht nur die Völker des globalen Südens auf Knien um Verzeihung dafür zu bitten, dass sie in unserem Namen und zu unserem Nutzen ermordet, versklavt und ausgebeutet worden sind, sondern ihnen die ganze Geschichte zu erzählen. Nämlich, dass alles damit angefangen hat, dass die christlichen Europäer im Rausch ihrer kometenhaften Raffgeierkarriere als allererstes die Juden ausgegrenzt, ausgebeutet, vertrieben, beraubt und millionenfach massakriert und als Sündenbock missbraucht haben. Dass wir unsere ganze Identität darauf aufgebaut haben NICHT jüdisch zu sein, aber gleichzeitig jüdische Kultur, jüdisches Können und Wissen schamlos nach wie vor selbstverständlich als "europäisch" für uns reklamieren und mordsstolz darauf sind.

Es ist so schauderhaft, so grotesk, so monströs, dass es kaum in Worte zu fassen ist.

DAS sollten wir den Künstler*innen sagen. Sie um Verzeihung bitten und um Verständnis. Tut uns wirklich Leid, aber wir haben Euch belogen und ein Märchen erzählt. Es geht einfach nicht, dass wir in Kassel über den Rasen flanieren und uns daran ergötzen, dass Ihr die falschen für Euer Leiden verantwortlich macht … es ist immer noch zu verlockend für uns an unsere eigenen Lügen zu glauben. Behandelt uns, wie trockene Alkoholiker: jeder Tropfen von diesem Gift ist einer zu viel.

Wir sollten klarstellen, dass die Ideen von der Gleichheit der Menschen, der Unantastbarkeit des Lebens, der Wahrung der Schöpfung, der Menschenrechte und der Kritik des Machtmissbrauchs, auf die wir so stolz sind, jüdische Ideen sind. Wir sollten klarstellen, dass wir, wenn wir es überhaupt schaffen können, den globalen Süden und den globalen Norden zu versöhnen, wozu wesentlich mehr gehört, als außereuropäische Künstler*innen auch einmal eine Dokumenta machen zu lassen, uns dabei auf jüdische Ideen berufen. Das ist kulturelle Aneignung in jeglicher Hinsicht. Wir dürfen das, aber wir müssen die redlicherweise die Quelle nennen.

Es gäbe wirklich viel zu besprechen und viel zu lernen bei dieser Dokumenta!

Mit freundlichen Grüßen,
Julie Scheer


Ulrich Schneider: Antisemitismus-Skandal auf der documenta 15?

In den vergangenen Tagen gab es nur ein Thema in den deutschen Feuilletons: "Antisemitismus auf der documenta" in Kassel. Immer wieder wurde berichtet, dass auf dieser Weltkunstausstellung antisemitische Kunstwerke gezeigt werden. Bundeskanzler Scholz kündigte an, diesmal nicht die Ausstellung zu besuchen, Staatsministerin Roth wurde zum Rücktritt aufgefordert. Die documenta fifteen scheint der Inbegriff des Antisemitismus zu sein.

Dieses Thema hat mehrere Ebenen, die man durchaus unterschiedlich betrachten muss. Erstens der Antisemitismusvorwurf gegen die documenta, zweitens konkrete Kritik an einem Exponat und drittens der Umgang mit dem Konflikt.

In der aktuellen medialen Aufregung wird vergessen, dass – bevor das kritisierte Werk überhaupt zu sehen war und ohne zu wissen, dass es gezeigt würde – eine mediale Antisemitismuskampagne gegen das indonesische Kuratorenteam Ruangrupa gefahren wurde, die mit pauschalen Vorwürfen insbesondere die Beteiligung von Künstlerinnen und Künstlern aus Gaza und die gesellschaftliche Haltung der Kuratoren zu diskreditieren versuchte. Konkrete Vorwürfe waren den Beteiligten nicht zu machen, aber die Unterzeichnung von Erklärungen gegen die Diskriminierung der BDS-Bewegung reichte aus, um Kuratoren und Künstlerteams zu denunzieren.

Ihren Höhepunkt fand diese Kampagne in der Eröffnungsrede von Bundespräsident Steinmeier. Er beschäftigte sich zur Eröffnung der Weltkunstausstellung weniger mit den Chancen für die Kunstrezeption, die sich aus dem Perspektivwechsel zum globalen Süden und der Einbindung von Künstlerkollektiven ergeben, sondern rückte stattdessen das Thema der "roten Linie der Israel-Kritik" in den Mittelpunkt.

documenta15 Guernica Gaza

Der "Aufschrei des (medialen) Entsetzens" ergab sich interessanterweise nicht bei einer Serie von Gemälden "Guernica Gaza" des palästinensischen Künstlerkollektivs, sondern beim Banner des indonesischen Künstlerkollektivs Taring Padi mit dem Titel "People’s Justice". Es handelt sich um ein etwa 100 Quadratmeter großes politisches "Wimmelbild", das vor gut 20 Jahren entstanden ist. Das Großbanner hat zwei Seiten; auf der linken werden die herrschende Weltordnung und deren Unterdrückungsorgane dargestellt, auf der rechten der Widerstand der unterdrückten Völker. Geschätzt sind auf dem recht plakativ gestalteten Banner über 100 Figuren, wobei die Figuren auf der linken Seite samt und sonders als überspitzte Karikaturen angelegt sind, während jene auf der rechten menschliche Züge tragen und an lateinamerikanische Wandmalereien erinnern.

documenta15 Peoples Justice 2


An zwei Figuren der linken Seite entzündete sich nach der Eröffnung die Debatte um "antisemitische Bildersprache". Kritisiert wird eine Figur mit Schweinsgesicht und einem Helm, auf dem das Wort "Mossad" zu lesen ist. Würde sie alleine stehen, könnte das tatsächlich als Schmähkritik aufgefasst werden. Sie ist aber Teil einer analog gezeichneten ungefähr zwölf Figuren umfassenden Gruppe, die eindeutig als ausführende Unterdrückungs­organe von Staaten zu erkennen sind. Niemand kritisierte, dass auf anderen Helmen die Kürzel "007" (für den britischen Geheimdienst), "KGB" (für den russischen Geheimdienst) und "CIA" (für den US-amerikanischen Geheimdienst) zu lesen sind. Die Aufschrift "Mossad" für den israelischen Geheimdienst gilt aber als "antisemitische Bildersprache". Problematischer ist ganz sicher die Karikatur einer Figur in der Ausbeutergruppe, bei der ein Hut, der auch noch mit SS-Runen verziert ist, als jüdische Kopfbedeckung interpretiert werden kann. Angedeutete Striche wurden als "Schläfenlocken" verstanden und damit diese Figur als Schmähbild des "raffgierigen jüdischen Kapitalisten" kritisiert. Sie bediene – auch als Karikatur – mit ihrer Symbolik antisemitische Stereotype.

documenta15 Peoples Justice 1


Taring Padi reagierte auf diese Kritik, indem das Kollektiv einerseits die Symbolik verschiedener Karikierungen im indonesischen Kontext erklärte und sich gleichzeitig dafür entschuldigte, falls sich jemand von diesen Zeichnungen persönlich angegriffen fühlte. Sie verwiesen darauf, dass dieses Banner mehrfach unter anderem in Australien und anderen Ländern der südlichen Hemisphäre gezeigt worden sei, ohne solche Reaktionen auszulösen. Und sie boten Gespräche zu diesen Fragen an. Die documenta-Leitung entschied jedoch, das Banner – gegen den Willen des Künstlerkollektivs – abzuhängen. Gespräche fanden nicht statt.

Diese Reaktion verweist darauf, dass es offenbar keine allgemeine Debatte um "Antisemitismus" ist, sondern vor allem eine deutsche Debatte, wie Moshe Zuckermann in einem sehr reflektierten Interview im Online-Magazin "overtone-magazin.de" betonte. Er fragte sich: "Was ist es denn an diesem Antisemitismus, der ja in diesem Bild nicht so eklatant ist, dass er die Deutschen immer so in Aufwallung bringt? Also warum wird nicht allgemein über Rassismus geredet, über Islamophobie, über Antiziganismus, über allgemeine Xenophobie? Warum wird nicht auch über die anderen, auch ethnisch Unterprivilegierten und Verfolgten gesprochen? Warum wird das nicht diskutiert?

Warum wird an dem Bild auch nicht diskutiert, was es eigentlich aussagen will, dass eine Welt dem Kolonialismus und Imperialismus ausgesetzt war? Ob das nun gut oder schlecht dargestellt ist, warum muss das gleich auf diesen einen Punkt des Antisemitismus fokussiert werden, statt sich zu fragen, was diese Leute damit aussagen wollen? Die Tatsache, dass man sie überhaupt eingeladen hat, ist eigentlich ein fortschrittliches Moment. Dass sie damit umgegangen sind, wie sie umgegangen sind, ist keine Frage, die für mich in irgendeiner Weise die Zensur, die dann sofort eingesetzt hat, rechtfertigt."

Diese Fragen zu stellen, heißt auch eine Antwort zu geben. Dem ist nichts hinzuzufügen.

Die Erstveröffentlichung des Artikels erfolgte am 1. Juli in der UZ.


documenta fifteen: Skandal oder Spektakel?

Zum Antisemitismus-Streit auf der documenta.

Von Katja Maurer

Die documenta fifteen wollte sich den Kunstkollektiven des Globalen Südens überlassen. Als Kuratorenteam ausgewählt wurde das indonesische Künstlerkollektiv ruangrupa, das andere Künstlerkollektive beauftragte, weitere zu suchen und so den Prozess der Werkauswahl zu demokratisieren. So wenig Hierarchie wie möglich war die Devise. Mit einer ganz eigenen Begriffswelt sollten Räume für ästhetisches Erleben, Aneignen und Selbermachen geschaffen werden, die die bürgerlichen documenta-Besucher:innen mit einer anderen Option des Lebens und Zusammenlebens in Berührung oder Konfrontation bringen könnten. Eine Welt voller Katastrophen, die den Süden zu einem unbewohnbaren Ort zu machen droht, sollte sich mit künstlerischen Praktiken, die nicht auf den Kunstmarkt zielen, neu imaginieren.

Und nun das: Der Antisemitismus-Vorwurf hat die documenta-Macher:innen seit vielen Wochen begleitet. Er wurde u.a. wegen der Teilnahme des palästinensischen Künstlerkollektivs "Question of Funding" erhoben und führte zu tätlichen Angriffen von Rechtsextremen und anderen auf die Arbeiten der Gruppe. Was bei ihnen nicht entdeckt wurde, hat sich nun auf dem Ausschnitt eines Bildes der indonesischen Gruppe Taring Padi tatsächlich gezeigt: Eindeutige antisemitische Klischees. Damit schien der vermeintlich letztgültige Beweis gefunden, dass der Antisemitismus-Vorwurf von Beginn an zurecht erhoben und die Warnungen vor einer antisemitischen documenta in den Wind geschlagen wurden.

Ein beeindruckender medialer Angriff

Was sich im Zuge der Verhüllung und anschließenden Beseitigung des Bildes ereignet, ist ein beeindruckender medialer Angriff auf die Bemühungen in der öffentlichen Debatte in Deutschland, die Erinnerungskultur um das Reflektieren kolonialer Verbrechen zu erweitern, ohne die seit Jahrzehnten mühsam und gegen den Widerstand der Eliten aufgebaute Verantwortung für die NS-Verbrechen zu relativieren.

Die "Welt" vergleicht die documenta mit Goebbels-Propaganda, die "taz" bescheinigt dem Postkolonialismus sein "Waterloo". Jetzt geht es nicht mehr um Genauigkeit. Nein, jetzt geht es darum, möglichst alles in einen Topf zu werfen, gut umzurühren und die Stimmen nicht nur der Palästinenser:innen, sondern des ganzen globalen Südens, zu dämonisieren. Anstatt das Gespräch zu suchen, miteinander zu reden, zu lernen, die unterschiedlichen Kontexte zu verstehen und zu überzeugen, nutzen die Springerpresse und alle, die die Debatte der letzten Jahre verabscheuen, die Gunst der Stunde, um den Sack zu zumachen.

In einem repressiven geistigen Klima drohen die, die sich seit Jahren für einen Dialog und für Lernprozesse, die sich gegen Vereinfachungen wenden und Ambivalenzen aushalten, in die Isolation getrieben zu werden. Zu fürchten ist, dass das politische Interesse dahinter auf deutsche Renationalisierung und deutsche Kulturalisierung zielt. Es handelt sich um einen Angriff auf ein multiethnisches Deutschland und seine multiperspektivischen Erinnerungsräume. Der generalisierte Antisemitismusvorwurf droht, diese Räume zu schließen und alle unter eine verstaatlichte Erinnerungspolitik zu zwängen.

Die documenta, vielleicht die letzte ihrer Art, und ihre Macher:innen haben diese Gelegenheit in einer erstaunlichen Gedankenlosigkeit mitgeschaffen. Wie weit das mit ihrem Begriff von Kunst und Kultur und mit der Überhöhung des Kollektiven zusammenhängt, wie der Kunstkritiker Bazon Brock vermutet, der die Verantwortung und Einsamkeit der Künstler:in als Errungenschaft der Moderne verteidigt, ist herauszufinden. Das Gute an der Debatte ist, dass die documenta nun mit kritischem Willen ohne Exotisierung des globalen Südens und ohne Sakralisierung des Postkolonialen auf diese Fragen hin betrachtet werden kann. Das ist eine nötige Debatte. Wird sie nicht nur im paternalistischen Verteidigungsmodus geführt, kann sie zu einer guten Debatte werden.  

Das Ressentiment in seinem Kontext

Und trotzdem ist ein ungeheurer Schaden entstanden. Ein Schaden für eine gemeinsame globale Verantwortung. Die documenta wollte nicht zum ersten Mal in ihrer Geschichte – auch die letzte vor fünf Jahren hatte diese untergründige Agenda – einen Anstoß für eine Globalisierung der Sichtweisen, der Kunstpraktiken und der Kunst selbst liefern, indem sie die Erinnerung an die kolonialen und neokolonialen Verbrechen in vielen Kunstwerken thematisierte. Inwieweit Kunst hier in den Dienst eines politischen Anliegens genommen wird, ist eine Frage, die man stellen darf und muss. Wäre sie eine Debatte in einem weniger vergifteten Raum, könnte sie produktiv sein. An das nun beiseite geräumte Banner, den Stein des Anstoßes, stellt sich tatsächlich nicht nur die Frage nach dem Antisemitismus. Das Kollektiv Taring Padi verhandelt hier eine der blutrünstigsten Diktaturen der Nachkriegszeit, die von den USA, aber auch von Deutschland und Israel unterstützt wurde. Das bereits 20 Jahre alte Banner geht der Frage nach, wie weit die Diktatur in neuem Gewand fortwirkt. Eine spannende Frage, die im Agitprop-Stil und mit vielen linken, auch antisemitischen Klischees besprochen wird. Darüber zu streiten und Gut-Böse-Plattheiten an die Seite zu legen, wäre die Sache wert gewesen.

weiterlesen bei medico international: https://www.medico.de/blog/skandal-oder-spektakel-18679

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