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Nilufer KocInterview mit Nilüfer Koç, Sprecherin des Büros für internationale Angelegenheiten des Kurdischen Nationalkongresses KNK.     

23.11.2022: "Der Angriff wurde mit dem Segen der USA und Russlands eingeleitet. Erdogans Strategie ist eine militärische Besetzung durch einen Krieg niedriger Intensität. Wenn die Revolution in Syrien scheitert, ist der Weg frei für ein neues Kalifat, wie es der IS war".

 

 

Frage: Seit Monaten droht Präsident Erdoğan mit einem neuen Angriff zur Besetzung weiterer Teile von Rojava. Was ist das Ziel?

Nilüfer Koç: Der Angriff auf Rojava und Baschur (Kurdistan im Irak) ist eng mit der tiefen Krise verbunden, in der sich das türkische Regime befindet. Da sie nicht in der Lage sind, die kurdische Bewegung zu schwächen, versuchen sie, zwei ihrer Teile, Rojava und Bashur, zu besetzen. Erdoğan hat es mehrfach gesagt: Bis Oktober 2023, ein Jahrhundert nach der Gründung der türkischen Republik, will er eine "Großtürkei" schaffen. Im Jahr 2023 jährt sich der Vertrag von Lausanne zum 100. Mal. Der türkische Präsident hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er sich das zurückholen will, was die Europäer dem Osmanischen Reich seiner Meinung nach genommen haben. Seine Strategie ist eine militärische Besetzung durch eine Kriegsführung niedriger Intensität: angreifen, ausruhen, wieder angreifen. Das ist psychologische Kriegsführung.

Frage: Ist das der Grund, warum die Türkei zivile Infrastrukturen angreift?

Nilüfer Koç: Ziel ist es, Rojava ethnisch zu säubern, indem die Menschen in Angst und Schrecken versetzt und zur Flucht gezwungen werden. Dazu braucht man nur die Luftwaffe einzusetzen und dann menschenleere Gegenden auf dem Landweg zu besetzen.

Frage: In den vergangenen Monaten hatten Russland und die Vereinigten Staaten den türkischen Bellizismus eingedämmt. Was hat sich geändert?

Nilüfer Koç: Die jüngsten Angriffe wurden von Russland und den USA genehmigt, was für die Türkei auch notwendig war: Teile der bombardierten Gebiete stehen unter russischer und amerikanischer Kontrolle. Auf dem G20-Gipfel auf Bali hat Erdoğan mit Sicherheit grünes Licht bekommen. Er hat den Bombenanschlag in Istanbul inszeniert und die YPG und die YPJ (Anm.: die kurdischen Volksverteidigungseinheiten in Nordostsyrien) dafür verantwortlich gemacht, weil er etwas brauchte, um die bevorstehende Offensive zu rechtfertigen. Moskau und Washington wollen die Türkei auf ihrer Seite behalten, da sie seit Jahren und vor allem im Moment eine undurchsichtige Rolle spielt. Für die Großmächte spielt es keine Rolle, wie viele Zivilisten ihr Leben verlieren, das haben wir in der Ukraine gesehen. Wichtiger ist es ihnen, die Türkei auf ihrer Seite zu haben: die USA, um die NATO zu festigen, und Russland, um sie zu schwächen.

Frage: Auf dem Spiel steht eine Revolution, die in den letzten zehn Jahren ein anderes Gesicht des Nahen Ostens gezeigt hat.

Nilüfer Koç: Es ist wichtig, Rojava zu verteidigen, denn Kurden, Araber, Assyrer und Armenier haben in Kriegszeiten eine demokratische Alternative geschaffen, die keinen Staat bedroht. Sie haben Frieden geschaffen. Wir befürchten, dass das Ende dieser Entwicklung den Weg für einen neuen Versuch eines Kalifats nach dem Vorbild des IS ebnen wird: Die Türkei kontrolliert jetzt große Gebiete in Syrien und Tausende von Dschihadisten der Freien Syrischen Armee, während Zehntausende weitere im Nordosten Syriens inhaftiert sind; wenn Rojava fällt, wird ihre Befreiung zusammen mit der Beteiligung der pro-türkischen Milizionäre zu der Situation von 2014 zurückführen, die für Frauen und Minderheiten noch schlimmer ist als Afghanistan. Dies ist eine globale Bedrohung, nicht nur für uns.

Frage: Werden die YPG, die YPJ und die Einheiten der multi-ethnischen Syrisch Demokratischen Kräfte SDF in der Lage sein, den türkischen Angriffen zu widerstehen?

Nilüfer Koç: Sie werden Widerstand leisten, sie haben große Erfahrung im Kampf gegen die Türkei und ihre Stellvertreter gesammelt und sie werden die Unterstützung der anderen kurdischen Streitkräfte in der Region und der Diaspora haben, die sich bereits mobilisiert hat, insbesondere in Europa. Aber die Welt bleibt still. Ankara beruft sich auf Artikel 51 der UN-Charta und sagt, es reagiere auf eine erlittene Aggression. Die YPG hat die Türkei nie angegriffen. Dieses Schweigen ist ein Spiegelbild des Darwinismus der internationalen Gemeinschaft: Es gilt das Recht des Stärkeren, nicht das Völkerrecht. Wir befinden uns in einer paradoxen Situation: Die Türkei darf sich auf das Völkerrecht berufen, um eine Aggression zu rechtfertigen. Hierfür ist der Druck der Medien und der öffentlichen Meinung, die als einzige in der Lage sind, die jeweiligen Regierungen zum Eingreifen zu zwingen, entscheidend.

Frage: Gleichzeitig greift der Iran das irakische Kurdistan an.

Nilüfer Koç: Die Türkei, der Iran, der Irak und Syrien waren vom Zusammenbruch bedroht und befanden sich in einer schweren Krise. Sie haben sich nie reformiert, sondern ihre Strukturen zentralisiert und das System mit Militär gestützt. Im Iran und in der Türkei fordern Frauen, Minderheiten und Arbeiter Freiheit, worauf der Staat mit Gewalt reagiert. In beiden Fällen ist ein Systemwechsel erforderlich, nicht nur ein Wechsel des Regimes. Deshalb bombardieren sowohl Teheran als auch Ankara die Kurden: In Kurdistan hat ein Systemwechsel stattgefunden, nicht der bloße Übergang vom Autoritarismus zur Sozialdemokratie, sondern eine alternative Form der radikalen Demokratie, die auf Säkularismus, Feminismus und direkter Beteiligung beruht.

 

übernommen von il manifesto
https://ilmanifesto.it/il-rojava-sotto-le-bombe-turche-colpiti-ospedali-silos-mercati
eigene Übersetzung


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