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GAZA Abwasserentsorgung OllyL28.07.2013:  Der Gazastreifen, dieses winzige Stück Erde  zwischen Israel, Ägypten und dem Mittelmeer, geht unerbittlich auf eine Wasserkrise zu, von der die UN sagen, dass sie die palästinensische Enklave in nur wenigen Jahren unbewohnbar macht. Da die einzigen Grundwasser führenden Schichten des Landstrichs zu 90-95% durch Abwässer, Chemikalien und Meerwasser kontaminiert ist, sind nur die Meerwasser-Entsalzungsanlagen in der Nähe und ihre öffentlichen Wasserhähne ein Lebensretter für einige von Gazas 1,6 Millionen Bewohnern. Denn diese kleinen Anlagen liefern nur für etwa 20% der Bevölkerung Wasser und zwingen viel mehr Bewohner dieses verarmten Gebietes, teures Wasser in Flaschen zu kaufen.

Der Gazastreifen, der von der Islamisten-Gruppe Hamas regiert wird und sich in permanenter Spannung mit Israel befindet, ist allerdings nicht der einzige Ort im Nahen Osten, der mit Wasserproblemen zu tun hat. [Wie diese Karte zeigt, gehören Nordafrika, Palästina und weite Teile des Nahen Ostens zu den Regionen mit weltweit den geringsten Möglichkeiten der Süßwasserversorgung und -erneuerung.] Eine NASA-Studie veröffentlichte in diesem Jahr Satellitendaten, die zeigen, dass die Region zwischen 2003 und 2009 144qkm gespeicherten Frischwassers verloren hat – das entspricht in etwa der Wassermenge des Toten Meeres – was eine schlechte Situation weiter verschlimmert.

Aber die Situation im Gazastreifen ist laut der UN-Warnung besonders akut: die einzigen Grundwasserschichten dort werden etwa um 2016 unbrauchbar sein, mit bis 2020 möglichen und nicht mehr umkehrbaren Schäden. Nur zwischen 5-10% des Grundwassers kann derzeit als sicheres Trinkwasser angesehen werden, aber selbst dieses kann sich bei der Verteilung mit schlechtem Wasser mischen, sodass es nur noch als Waschwasser gut genug ist.

"Das Wasser aus dem Wasserhahn der Gemeinde ist kein Trinkwasser und mein Mann ist nierenkrank", sagte Sahar Moussa, eine Mutter von drei Kindern, die in einer engen, baufälligen Hütte in Khan Younis im südlichen Gazastreifen in der Nähe der Grenze nach Ägypten lebt. Sie braucht monatlich 45 Shekel - eine große Summe für die meisten Palästinenser in Gaza – um gefiltertes Wasser zu kaufen, das sie in einem 500 Liter Plastiktank aufbewahrt. Die UN schätzen, dass mehr als 80% der Menschen in Gaza ihr Trinkwasser kaufen müssen.  "Die Familien zahlen etwa ein Drittel ihres verfügbaren Einkommens für Trinkwasser", sagt June Kunugi, eine Sondergesandte der UNICEF.

Israels langjährige Blockade des Gazastreifens verkompliziert dabei das Problem: Aktivisten sagen, dass Israel den Import von Baumaterial verhindert, mit dem Wasserleitungen und Abwassereinrichtungen repariert  werden könnten. Israel behauptet, die Blockade sei nötig, damit die Hamas keine Waffen bekommt; denn dieses gefährde die Existenz des jüdischen Staates.

Gaza, das so gut wie keine Flüsse hat, war historisch fast ausschließlich von Grundwasserschichten im Küstenbereich abhängig, die etwa 50-60 Millionen Kubikmeter Wasser pro Jahr durch Regen und von den Hebroner Hügeln bekamen. Aber der Bedarf der rasant angewachsenen Bevölkerung (die Flüchtlinge eingeschlossen) im Gaza-Streifen und der israelischen Bauern in seiner Umgebung führen dazu, dass den betroffenen Grundwasserleitschichten jedes Jahr geschätzte 160 Millionen Kubikmeter Wasser entnommen werden. Da dadurch der Grundwasserstand sinkt, sickert Meerwasser vom nahen Mittelmeer ein. Diese Verschmutzung durch Meerwasser wird durch unbehandelte Abwässer noch verschlimmert. 90.000 Kubikmeter solcher ungeklärter Abwässer fließen täglich vom Gazastreifen in das Oberflächenwasser des Mittelmeeres – nach Daten der UN.

Aber selbst ein regelmäßig aus dem Wasserhahn fließendes Wasser aus den Grundwasserschichten ist für die meisten Menschen in Gaza ein unbekannter Luxus. Bewohner überall im Gazastreifen sagen, dass sie während der Sommermonate nur jeden zweiten Tag Wasser aus ihrem Wasserhahn bekommen. Der Druck sei während der Sommermonate oft so gering, dass die in oberen Stockwerken Lebenden, nur Tropfen des Wassers erhalten.

Viele Familien haben sich deswegen entschieden, eigene Brunnen zu bohren, um das Wasser tief aus dem Untergrund zu holen. Eine Genehmigung ist erforderlich, aber strenge Einschränkungen dafür bedeuten, dass die meisten Haushalte ihre Quellen geheim bohren. Arbeiter versuchen, ihre Arbeit mit großen Plastikplanen vor neugierigen Nachbarn zu verbergen. "Es sieht wie bei einem Verbrechen aus", sagte ein 45jähriger Vater von sechs Kindern, der seinen Namen mit Abu Mohammed angab.  

Ein Bekleidungsgeschäftsmann aus Gaza-Stadt bezahlte eine heimlich arbeitende sieben Mann starke Mannschaft mit 12.700 Shekel (3.513 Dollar), um einen Brunnen zu bohren: bei 48m Tiefe stießen sie auf Wasser. "Wir begannen die Arbeit nach Sonnenuntergang und ... übertönten das Geräusch des Grabens mit Musik", sagte er. Ein israelischer Sicherheitsmann schätzt, dass es etwa 6.000 Brunnen sind, die in Gaza gebohrt wurden, viele ohne Genehmigung.

Obwohl auch Israel Wasser aus den Grundwasserleitschichten bezieht, die sich bis nach Cäsarea hinziehen – also 60 km nördlich von Tel Aviv - ist dort das Problem weniger akut als im Gaza-Streifen, der stromabwärts der Grundwasserströme liegt. Außerdem kann Israel das Wasser vom See Genezareth und aus den Grundwasserschichten für sich ableiten, die unter der Westbank verlaufen.

Da Gaza ans Meer grenzt, gibt es nur eine Lösung: Entsalzung. Gaza hat schon 18 solcher kleinen Anlagen: eine die Salzwasser behandelt, die anderen verarbeiten Brackwasserquellen – die meisten wurden von UNICEF und OXFAM zur Verfügung gestellt. Die Palästinensische Wasserbehörde (PWA) hat vor, zwei neue Meerwasser-Entsalzungsanlagen zu errichten und plant eine dritte größere Anlage, die 55 Millionen Kubikmeter Wasser im Jahr produzieren soll. Aber die Finanzierung des 450 Millionen $-Projektes ist noch unsicher. Der Bau wird also kaum vor 2017 beginnen. Dann wird der Gazastreifen nicht einmal genug Geld für Strom haben, um eine so energie-intensive Einrichtung zu betreiben. Die UN schätzen, dass Gaza zusätzlich 100 Megawatt Strom benötigt, bevor die große Meerwasser-Entsalzungsanlage gebaut werden kann.

Von der Aussicht einer bevorstehenden Wasserkatastrophe und möglichen humanitären Krise vor seiner Haustür alarmiert, versuche man selbst in Israel, diesbezügliche Hilfe für Gaza zu beschaffen, sagte ein höherer Sicherheitsbeamte. "Wir haben schon mit jedem, den wir in der internationalen Gemeinschaft kennen, gesprochen, weil 1,4 Millionen Menschen in ein paar Jahren ohne Wasser sein werden", sagte er und bat gleichzeitig darum, dass sein Name nicht genannt werde, weil das Problem so sensibel sei. Er sagte, das in der Entsalzungsindustrie weltweit führende Israel würde derzeit helfen, ein paar Techniker in der neusten Wassertechnologie auszubilden, was die Palästinensische Wasserbehörde (PWA) bestätigte.

Rebhi El-Sheikh, vertretender Direktor der PWA, hat internationale Spender aufgerufen, um bei Strom-, Wasser- und Abwasserprojekten finanziell zu helfen und warnte vor einer Katastrophe, wenn nichts geschieht. "Eine kleine Investition ist nötig, um eine große zu vermeiden, es ist ein humanitäres Problem, das nichts mit Politik oder Sicherheit zu tun hat", meinte er.

Hier wäre allerdings (unsererseits) anzumerken, dass die Lage der Menschen im Gaza-Streifen und der Wasserraub Israels in den palästinensischen Gebieten des Westjordanlandes sehr wohl etwas mit Politik - nämlich der Aneignungs- und Kolonisierungspolitik Israels gegenüber der palästinensischen Nation zu tun haben. Die angedeutete 'Hilfe' Israels in dieser Situation ist da nichts weiter als ein Tropfen auf den heißen Stein und mehr Schein als Sein. Bereits am 25.12.2009 analysierte die UZ (Zeitung der DKP):

"Der dreiwöchige Krieg Israels gegen die Palästinenser im Gazastreifen [JAN 2009] hatte neben dem Tod von mehr als 1.400 Menschen auch materielle Schäden in Höhe von 4 Milliarden US-Dollar verursacht. Dies ist das Dreifache der jährlichen Wirtschaftsleistung des Gebietes an der Nahtstelle von Afrika und Asien. So schlecht wie derzeit ist die Lage seit 1967 nicht mehr gewesen. Zur desolaten Wirtschaftslage kommt die schlechte Wasserversorgung für die 1,5 Millionen Menschen in dem abgeriegelten Gebiet. Jahrtausende wurde das Gebiet durch Grundwasserströme aus den Norden versorgt. Heute pumpen 27 israelische Brunnen an der Grenze zum Gazastreifen das Wasser ab. Die Blockade verhindert die Einfuhr von Ersatzteilen und Benzin für Pumpen und Klärwerke, wodurch Abwässer ungeklärt versickern oder ins Meer laufen. Israel blockiert aber nicht nur die Lieferung von Hilfsgütern, es will auch verhindern, daß man sich in Europa und anderswo ein eigenes Bild von der Lage in Gaza macht. Trotz Protesten des EU-Parlaments wurde erst Anfang Dezember einer Delegation von Parlamentariern aus sieben EU-Ländern vor Ort die zuvor zugesagte Einreise verweigert."

Quelle und Copyleft: TLAXCALA  /  Foto: OllyL - Abwasserentsorgung in Gaza

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