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04.12.2013: Auf Initiative der Gewerkschaften Cgil, Cisl und Uil wird heute in den Fabriken der Toskana die Arbeit unterbrochen; eine symbolische Geste zum Gedenken der sieben chinesischen ArbeiterInnen, die bei einem Brand in einer Textilfabrik in Prato, nahe Florenz, ums Leben gekommen sind. Die Parallelen zu den Bränden in Textilfabriken in Bangladesh sind offensichtlich, erklärt die »Kampagne für Saubere Kleidung«. Auch in Prato – und nicht nur dort – werde für die großen Modemarken nationale und internationale Mode in illegaler Arbeit und unter menschenunwürdigen Bedingungen produziert. Für die Gewerkschaften ist der Tod dieser ArbeiterInnen ein Fanal, das zu einem verstärkten Kampf gegen das von Lega Nord und der Alleanza Nazionale durchgesetzte Immigrationsgesetz herausfordert.

Mindestens sieben chinesische ArbeiterInnen sind am Sonntag (1.12.2013) beim Brand einer Textilfabrik in Prato ums Leben gekommen, drei weitere wurden schwer verletzt. Bei den Opfern handelte es sich um »illegale« MigrantInnen. Sie waren im Schlaf in den Schlafsälen der Fabrik, die sich über den Produktions- und Verkaufsräumen befanden, von dem Feuer überrascht worden. Von sechs der sieben Toten ist die Identität unbekannt, weil sich niemand meldet, um sie zu identifizieren, berichteten italienische Medien am Dienstag.

In der toskanischen Textilindustrie fehlen fundamentalste Sicherheitsvorkehrungen und herrschen Zustände wie in den Textilfabriken Asiens, klagen die Gewerkschaften an.

Die für die Kleider- und Lederwarenproduktion international bekannte Gegend zwischen Florenz und Prato hat sich zu einem Zentrum der Billig-Textilfabriken entwickelt. Mehr als die Hälfte der 6.000 Fabriken gehört mittlerweile chinesischen Eigentümern. Viele davon beschäftigen »illegale« MigrantInnen aus China unter menschenunwürdigen Bedingungen und mit Minilöhnen bezahlt. Nach offiziellen Angaben leben 7.000 chinesische MigrantInnen in der 200.000 Einwohner-Stadt, aber mindestens weitere 43.000 arbeiten und leben als »illegale« chinesische Einwanderer in den Fabriken der Stadt.

Der wirtschaftliche Erfolg der chinesischen Unternehmen basiere auf dem unglaublichen Fleiß der chinesischen ArbeiterInnen und einem engen Netz von Beziehungen, aber auch auf der systematischen Missachtung der Gesetze, heißt es von Seiten der italienischen Gewerkschaften. Nach Angaben der toskanischen Behörden sind im Zeitraum von 2006 bis 2010 4,5 Milliarden Euro von Prato nach China geflossen.

Die Kulturvereinigung ARCI klagte an „auch in Italien existiert immer noch die Sklaverei“ und fordert eine neue Politik, die die MigrantInnen aus der Illegalität befreit.

Sklaverei des Marktes

Die chinesischen ArbeiterInnen schlafen in den Fabriken, weil sie keine Alternative haben, meint Matteo Ye Huiming, Mediator in der chinesischen Gemeinde von Prato, denn nur wenige Italiener würden Wohnungen an Chinesen vermieten. Diese „Sklaverei“ beruhe darauf, dass die „Chinesen arbeiten um der Armut zu entkommen und die Abnehmer der Produkte sind die bekannten italienischen Modemarken“, klagt er an. Ein guter Teil der Presse ist, nach Huiming, "ignorant, weil es nicht wahr ist, daß das Sklaventum innerhalb der Fabriken der Chinesen ist." Die Fabriken sind "keine verschlossenen Strukturen, aus denen die Arbeiter nicht heraus könnten. Die chinesischen Arbeiter wissen sehr genau, was sie tun und beschließen das aus eigenen Stücken, ohne daß sie dazu gezwungen würden. Es ist das Wirtschaftsystem, das sie dazu zwingt, 20 Stunden am Tag zu arbeiten. Sie haben keine Alternative. Entweder du arbeitest, oder du verlierst die Arbeit, die von den großen Firmen der italienischen Mode übertragen wurde und die dann in die Hände der italienischen Kunden gelangt. Verantwortlich sind alle: Chinesen, Italiener und vor allem die Politik.“ Huiming weiß, wovon er spricht. Er hat zwischen seinem 12 und 19 Lebensjahr selbst in einer der chinesischen Textilfabriken in Prato gearbeitet und gelebt. "Ich habe gearbeitet, geschlafen und gegessen in demselben Schuppen. Ich bin mitten in der Nacht aufgewacht um zu arbeiten, danach ging ich zur Schule; und während meine Mitschüler ihre Freizeit genossen, habe ich die Zeit zum Lernen genützt", sagt er heute rückblickend.

Für die »Kampagne für Saubere Kleidung« liegt die Ursache dieses Unglücks ebenfalls in einem wirtschaftlichen System, das auf einer Profitlogik der ungehemmten Konkurrenz basiert, um für die großen, international bekannten Modemarken billigst zu produzieren. Die staatlichen Institutionen müssen ein System der öffentlichen und effizienten Kontrolle für den Schutz der ArbeiterInnen in den Fabriken aufbauen, fordert »Saubere Kleidung«.

Auch die Gewerkschaften in Prato bemängelten schon lange die unhaltbaren Zustände in den Textilfabriken und die unzureichende Kontrollen. Man hätte mit einer derartigen Tragödie schon gerechnet, heißt es. Für Dante Barontini von Rifondazione Comunista zeigen die Fabriken in Prato unsere eigene Zukunft: "Die Fabrik in Prato verweist auf unsere eigene Zukunft, zumindest die in den Köpfen der Troika und ihrer Diener, die uns regieren."

Trauer und Protest
Am heutigen Mittwoch findet in Prato ein Trauertag statt. Die Gewerkschaften rufen zu einer Arbeitsunterbrechung auf. “Die Toskana unterbricht die Arbeit, um der sieben chinesischen ArbeiterInnen zu gedenken, die bei dem Brand umgekommen sind. Und um zu bekräftigen, dass der Mensch nicht durch den Menschen ausgebeutet werden darf, dass Arbeit nicht in die Illegalität gedrängt und die Würde des Menschen nicht verletzten darf, unabhängig von der Hautfarbe, der Nation und der Herkunft“, begründeten die Regionalsekretäre der Gewerkschaften Cgil, Cisl und Uil die symbolische Aktion.

Der Brand hat eine Diskussion über die unmenschlichen Arbeitsbedingungen und den Mangel an Sicherheits- und Umweltschutzvorkehrungen in chinesischen Fabriken in Italien ausgelöst. Aber auch das inhumane Immigrationsgesetz, benannt nach den Führern der Parteien der extremen Rechten Lega Nord und Alleanza Nazionale – Bossi und Fini -, ist in die Kritik gekommen. Dieses Gesetz treibt die Menschen in die Illegalität und müsse durch ein modernes und gerechtes Zuwanderungsgesetz ersetzt werden, das die Menschen nicht in den Untergrund zwingt.

txt: lm

siehe auch Kommentar von Giorgio Cremaschi:
DIE LEBENDIG VERBRANNTEN ARBEITER VON PRATO oder vielmehr: DIE SKLAVEREI BEI KILOMETER NULL

Europäische Bürgerinitiative:
Kein Handel mit den illegalen Siedlungen

"Wir fordern ein EU-Gesetz, das dem Handel mit illegalen Siedlungen ein für alle Mal ein Ende setzt."
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